Zülch-Preis 2018: Das Immunsystem bei neurologischen Erkrankungen

Jerome Posner, Angela Vincent und Josep Dalmau haben Ursachen von Ausfallerscheinungen des Gehirns aufgedeckt und deren Behandlung ermöglicht

17. September 2018

Krebs, Infektionen und andere Faktoren können das Immunsystem in Alarm versetzen. Bei manchen Patienten greift das Abwehrsystem daraufhin die Zellen des eigenen Nervensystems an. Dies kann zu Ausfallerscheinungen wie Gedächtnisverlust, Anfällen, Bewegungsstörungen, Muskelschwäche oder Psychosen führen. Die Gertrud Reemtsma Stiftung zeichnet nun Jerome Posner, Angela Vincent und Josep Dalmau für die Erforschung dieser autoimmunitätsvermittelten neurologischen Syndrome aus. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass heute zahlreiche dieser Erkrankungen bekannt sind und Patienten rasch behandelt werden können. Als Anerkennung für ihre herausragende Leistung erhalten die drei Wissenschaftler den mit 50.000 Euro dotierten K. J. Zülch-Preis der Gertrud Reemtsma Stiftung. Die Preisverleihung findet am 21. September 2018 in Köln statt.

Josep Dalmau (links), Angela Vincent (rechts) und Jerome Posner erhalten den diesjährigen K. J. Zülch-Preis.

Die durch das Immunsystem verursachten Ausfallerscheinungen sind in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Aufsehen erregten die Symptome jedoch im Jahr 2011, als Eisbär Knut in seinem Becken im Zoologischen Garten Berlin ertrank. Die Obduktion ergab, dass eine sogenannte Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis die Ursache seines unerwarteten Todes war. Bei dieser Autoimmunerkrankung attackieren Antikörper die sogenannte NMDA-Rezeptoren auf den Nervenzellen, die bei der Signalübertragung im Gehirn eine wichtige Rolle spielen.

Mediziner kennen solche Syndrome auch beim Menschen. Jerome Posner, Angela Vincent und Josep Dalmau haben die Erforschung dieser Autoimmunerkrankungen des Nervensystems maßgeblich vorangetrieben und detailliert beschrieben. Sie haben zudem Tests entwickelt, mit denen Ärzte Patienten schnell erkennen und behandeln können. Dadurch haben die Forscher Wege eröffnet, den Ausbruch der Erkrankungen zu verhindern oder sie zu behandeln. Darüber hinaus hat die Diagnose der neurologischen Syndrome bei Krebspatienten – sogenannte paraneoplastische Syndrome – die Entdeckung zuvor unbekannter Krebsformen ermöglicht und die Überlebenschancen der Betroffenen erhöht.

Jerome Posner gilt als Pionier der Erforschung dieser Erkrankungen und ihrer Ursachen. Er hat verschiedene paraneoplastische Syndrome systematisch beschrieben und die ersten Bluttests zur Diagnose entwickelt. Sein früherer Mitarbeiter Josep Dalmau hat mehrere Formen autoimmuner Gehirnentzündung entdeckt und aufgeklärt, wie die Antikörper des Immunsystems direkt zu Ausfallerscheinungen im Gehirn führen können. Darüber hinaus hat er Diagnoseverfahren dafür entwickelt.

Angela Vincent hat zunächst Autoimmunerkrankungen des peripheren Nervensystems erforscht, bei denen die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel gestört ist. Dies führte die Britin zu der damals revolutionären Erkenntnis, dass manche Antikörper auch das Zentralnervensystem angreifen können. Auch sie hat Diagnosemethoden entwickelt, die heute in Kliniken vielfach eingesetzt werden.

Die Preisträger

Der US-Amerikaner Jerome Posner leitete die Abteilung für Neuroonkologie am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York und war Professor für Neurologie und Neurowissenschaft an der Cornell Universität in New York. Josep Dalmau arbeitete nach seinem Medizinstudium in Barcelona zunächst als Neurologe, bevor er im Labor von Jerome Posner seine wissenschaftliche Laufbahn vertiefte. Zurzeit hält er Professuren an der Universität von Pennsylvania sowie der Universität Barcelona. Die emeritierte Neuroimmunologin Angela Vincent forschte zunächst am University College und dem Royal Free Hospital in London. Danach setzte die aus Großbritannien stammende Forscherin ihre Arbeit an der Universität Oxford fort, wo sie bis vor kurzem eine Forschungsgruppe unterhielt.

Der Zülch-Preis

Die Verleihung des K. J. Zülch-Preises 2018 findet am 21. September 2018 um 10 Uhr im Hansasaal des Historischen Rathauses zu Köln statt. Im Anschluss an die Laudationen von Uwe Schlegel und Thomas Münte berichtet Angela Vincent über ihre Forschung an Autoimmunkrankheiten des peripheren und zentralen Nervensystems. Nach der Laudatio von Mathias Bähr spricht Josep Dalmau über die Entdeckung der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

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