„Ein grundlegendes Verständnis für China entwickeln“
Anna Lisa Ahlers, Leiterin der Lise-Meitner-Forschungsgruppe „China in the Global System of Science“, spricht über aktuelle forschungspolitische Debatten in China, Herausforderungen bei der Feldforschung vor Ort und ihre Definition von China-Kompetenz
Frau Ahlers, Sie sind gerade von einer China-Reise zurückgekehrt. Welche Eindrücke bringen Sie mit?
Anna Lisa Ahlers: Ich habe am World Science and Technology Development Forum in Peking teilgenommen, einer der größten wissenschaftspolitischen Konferenzen in China. Die Stimmung vor Ort zu erleben und mitzunehmen, wie auf einer chinesisch organisierten Veranstaltung über globale Wissenschaftstrends diskutiert wird, fand ich spannend – auch mit dem Wissen, dass es sich um eine politisierte Veranstaltung handelt.
Was wurde denn da besprochen?
Auch in China wird derzeit intensiv diskutiert, wie wissenschaftliche Kooperationen unter den globalpolitischen Spannungen fortgeführt werden können. Auf der chinesischen Seite herrscht dabei eine spürbare Unsicherheit. Es wurden auch Überlegungen eingebracht, die stark an unsere Diskussionen hierzulande erinnern: dass man sich auch in China vorstellen kann, Kooperationen mit anderen Ländern noch stärker an gemeinsamen Interessen und notfalls in ausgehandelten Feldern auszurichten. Dass dieser Impuls von chinesischer Seite kam, fand ich bemerkenswert. Interessant war aber auch, was nicht direkt angesprochen wurde.
Zum Beispiel?
Zu Themen wie Datenexportkontrollen oder nationalen Sicherheitsvorschriften, die in Europa heiß diskutiert werden, gab es keine offiziellen Statements. Dazu haben wir uns erst in kleineren, geschlossenen Gesprächsrunden ausgetauscht. Unter den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aller Seiten herrscht einfach eine unglaubliche Frustration über die derzeitige geopolitische Lage – und das haben auch meine chinesischen Kolleginnen und Kollegen sehr deutlich gemacht.
Hat Sie diese Offenheit im kollegialen Austausch überrascht?
Nicht wirklich. Ich weiß aus meiner sozialwissenschaftlichen Feldforschung, bei der ich vor der Pandemie oft monatelang in China unterwegs war und Interviews mit Politikern und Beamten führte, wie wichtig es ist, ein Gespür dafür zu entwickeln, was vor Ort tatsächlich möglich ist. Das war schon immer ein Aushandlungsprozess. Natürlich lesen wir hier, was Xi Jinping verkündet, kennen die chinesischen Gesetze und sind schnell verunsichert. Doch wer wie ich vor Ort forscht, ist auf lokale Kolleginnen und Kollegen angewiesen, die einem zeigen, welche Bereiche noch bespielbar sind – trotz der aktuellen politischen Bedingungen. Diese Offenheit ist also nicht neu, auch wenn man manchmal zu hören bekommt: „Das können wir jetzt nicht anders machen. Du kennst ja unsere Umstände.“
Oft heißt es, China nutze unsere Offenheit aus. Wo profitieren wir von der Zusammenarbeit mit China?
Das speziell in den deutschen Medien verbreitete Narrativ, dass wir nur verlieren und China allein von unserem Wissen profitiert, greift zu kurz. Natürlich ist es kein Geheimnis, dass China explizit eine Politik verfolgt hat, Wissen aus dem Westen anzuzapfen und Technologien zu adaptieren, teils auch zu stehlen oder wie immer man das nennen will. Aber bereits vor der aktuellen Debatte um Forschungssicherheit haben auch wir von unseren Kooperationen mit China profitiert – beispielsweise durch hervorragend ausgebildete Nachwuchsforschende, die in großer Zahl in Europa und auch in Deutschland tätig sind. Sie haben unsere Forschung in vielen Disziplinen bereichert. Hinzu kommt, dass wir für bestimmte wissenschaftliche Fragestellungen auf Daten aus China angewiesen sind, etwa in der Klima- oder Gesundheitsforschung. China kann aufgrund seiner Größe und Vielfalt Daten in einem Umfang bereitstellen, den wir in Europa so nicht generieren können. Die Vorstellung, dass eine Seite nur nimmt und die andere nur gibt, ist ein vereinfachtes Bild, das die alltägliche wissenschaftliche Praxis nicht angemessen widerspiegelt.
Welches Narrativ wünschen Sie sich stattdessen?
Ich finde, wir sollten der Wissenschaft und ihren Akteurinnen und Akteuren wieder mehr Selbstregulierung und Eigenverantwortung zugestehen. Wir sind in den letzten Jahren viele wichtige Schritte gegangen, wenn es um die Sensibilisierung gegenüber Risiken bei Kooperationen mit China geht, und haben Schutzmechanismen gegen verschiedene Risiken aufgebaut. Nun sollten wir wieder stärker den eigentlichen wissenschaftlichen Austausch ins Zentrum stellen – und darauf vertrauen, dass Forschende selbst klug abwägen können, wie und unter welchen Bedingungen sie diesen Austausch gestalten. Und dabei helfen natürlich auch Maßnahmen, wie sie die Max-Planck-Gesellschaft mit ihren Handlungsempfehlungen entwickelt hat, und dass sie mit der neuen Beratungsstelle auch Ressourcen bereitstellt, um Fachexpertise und China-Kompetenz näher zusammenzubringen.
Was bedeutet China-Kompetenz für Sie?
Es sind Skills, die stark vom Kontext abhängen: In den Debatten in Deutschland werden diese allzu oft mit Sprachkenntnissen oder landeskundlichem Wissen gleichgesetzt. Doch im Wissenschaftsbetrieb geht es auch darum, zu verstehen, wie Wissenschaft im allgemeinen und speziell in China funktioniert, wo die Spielräume liegen, was möglich ist – und sein sollte – und was nicht. Wenn wir von sinnvoller und gewinnbringender China-Kompetenz sprechen, dann braucht es eine Kombination aus Fachwissen, der Fähigkeit sich in der chinesischen Forschungslandschaft zu orientieren und ein Verständnis für die kulturellen, institutionellen und sprachlichen Rahmenbedingungen.
Warum, glauben Sie, ist es trotz aller Risiken wichtig, weiterhin mit China zu kooperieren?
China hat sich in vielen Disziplinen rasch weiterentwickelt – es ist deshalb naheliegend, dort attraktive Partner zu finden. Wenn jemand aus seinem Forschungskontext heraus einen klaren Nutzen erkennt, sollte es weiterhin möglich sein, zusammenzuarbeiten. Das kann an spezifischen Daten liegen, an Versuchsanordnungen, die man nur dort umsetzen kann, oder an der Infrastruktur und der Qualität des wissenschaftlichen Personals. Darüber hinaus halte ich die Idee, China aus Impulsen der Ablehnung heraus einfach zu ignorieren, für unrealistisch und unvereinbar mit unserem Leben in einer globalisierten Welt.
Inwiefern?
Wir leben in einer Weltgesellschaft, in der China politisch, ökonomisch, kulturell und infrastrukturell präsent ist, sei es durch globale Lieferketten oder technologische Standards. Sich mit diesem Land auseinanderzusetzen, ist unvermeidbar, auch wenn es manchmal unangenehm ist. Wissenschaftliche Kooperationen können helfen, informierte Entscheidungen zu treffen, ganz gleich, ob man engeren Austausch sucht oder sich eher zurückhalten möchte. Mein Wunsch ist, dass wir in fünf bis zehn Jahren nicht mehr von „China-Kompetenz“ als etwas Exotischem sprechen, sondern dass ein grundlegendes Verständnis für dieses Land selbstverständlich geworden ist – unabhängig davon, wie intensiv wir letztlich zusammenarbeiten.
Das Interview führte Petra Maaß.














