Mit den ersten beiden Max Planck Centern in Singapur ist Max-Planck nun auch in Südostasien präsent
Max-Planck-Gesellschaft vertieft Partnerschaft mit der Nanyang Technological University (NTU)
Auf den Punkt gebracht
- Erste Max Planck Center in Südostasien: Am 20. April 2026 wurden an der Nanyang Technological University (NTU) die Verträge für die ersten beiden Max Planck Center in Singapur unterzeichnet.
- Daten für die Chemie der Zukunft: Im Max Planck Singapore Center for Data-driven Chemistry erzeugen Forschende mit automatisierten Experimenten und Künstlicher Intelligenz verlässliche Daten für chemische Reaktionen und neue Materialien.
- Biodiversität und Kultur zusammendenken: Das Max Planck–NTU Singapore Centre for Biocultural Worlding bringt Forschende, Künstlerinnen und Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren, Juristinnen und Juristen sowie Wissensgemeinschaften zusammen, um zu untersuchen, wie biologische Vielfalt und kulturelles Leben einander prägen.
- Partnerschaft mit Singapur wächst: Mit der Eröffnung der beiden Center wird die wachsende Zusammenarbeit der Max-Planck-Gesellschaft mit Singapur sichtbar – und zugleich weiter vertieft. Vorausgegangen war die Asienreise von Patrick Cramer im Frühjahr 2024: Als erster Max-Planck-Präsident überhaupt hatte er Singapur besucht und mit der Nanyang Technological University ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, um die wissenschaftliche Kooperation auszubauen.
Welche Substanzen reagieren wie miteinander und unter welchen Bedingungen? Welche Katalysatoren beschleunigen den Ablauf von Reaktionen am besten? Nach welchen Mechanismen und welchen kinetischen Gesetzmäßigkeiten funktionieren chemische Reaktionen? Welchen Einfluss haben dabei bestimmte Lösungsmittel?
Um diese und ähnliche Fragen in der Chemie mit Hilfe von Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) und des Maschinellen Lernens (ML) beantworten zu können, benötigt man – wie auch in anderen Wissenschaftsgebieten – vor allem eines: verlässliche Daten, in ausreichender Präzision und möglichst großer Menge, gewonnen in reproduzierbaren Experimenten. Bisher ist es jedoch oft schwer, chemische Experimente verlässlich zu wiederholen, weil die Beschreibung dieser Experimente in der Literatur oftmals lückenhaft ist und nicht alle Einflussfaktoren vollständig dokumentiert werden. Zudem werden negative Daten – etwa Reaktionen, die nicht planmäßig funktioniert haben – in der Regel nicht veröffentlicht.
Das Max Planck Singapore Center for Data-driven Chemistry hat sich daher die Aufgabe gestellt, durch Automation und Normung verlässliche chemische Daten zu erzeugen, die „AI-ready“ sind, also den Einsatz von Künstlicher Intelligenz ermöglichen. So sollen grundlegende Erkenntnisse über chemische Reaktionen und die Herstellung neuer Materialien gewonnen werden.
„Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen in Singapur ist ein wichtiger Schritt hin zur Digitalisierung der Chemie. Nur ein gemeinsamer, globaler Ansatz kann diese wichtige Revolution in der Chemie voranbringen – deshalb sind wir begeistert, zusammen diese bahnbrechende Forschung anzugehen“, sagt Peter Seeberger.
Dazu arbeiten Forschende des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam und des Max-Planck-Instituts für Dynamik komplexer technischer Systeme in Magdeburg mit Partnern der Nanyang Technological University (NTU), der National University of Singapore und der Agency for Science, Technology and Research zusammen. Die Partner in Singapur forschen auf internationalem Spitzenniveau und stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie Deutschland, was die Digitalisierung der Chemie angeht. Gemeinsam mit den deutschen Partnern wollen sie neue, global akzeptierte Datenstandards entwickeln, internationale Talente gewinnen und die Ergebnisse in der chemischen und pharmazeutischen Industrie nutzbar machen. Der systematische Austausch chemischer Prozessdaten über Länder- und Institutionsgrenzen hinweg könnte dabei zur Blaupause für die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie werden.
Die beteiligten Max-Planck-Institute bringen dabei unterschiedliche Stärken ein: Das Team von Peter Seeberger in der Abteilung Biomolekulare Systeme am MPI für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam untersucht komplexe chemische Reaktionen für die Synthesechemie und automatisiert Syntheseprozesse, etwa für die Herstellung von Wirkstoffen und Impfstoffen. Die Abteilung Prozesstechnik am Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme unter Leitung von Kai Sundmacher entwickelt datengetriebene Methoden, um Stoffeigenschaften vorherzusagen, die Struktur und Kinetik chemischer Reaktionsnetzwerke modellgestützt zu analysieren und Moleküle, Materialien sowie Prozesskonfigurationen für nachhaltige chemische Produktionsverfahren gezielt zu entwerfen.
„Unsere Vision ist es, mit datengetriebenen Methoden große molekulare Strukturräume zu explorieren und dabei auf die Suche zu gehen nach neuartigen Molekülen und Materialstrukturen, die optimale Eigenschaften besitzen – beispielsweise hocheffiziente Katalysatoren für die Feinchemie oder umweltfreundliche Lösungsmittel für das Recycling von Kunststoffen“, sagt Kai Sundmacher.
Wie Biodiversität, Kultur und Wissen zusammenhängen
Am 20. April nahm ein zweites Max Planck Center mit Singapur offiziell seine Arbeit auf: das Max Planck–NTU Singapore Centre for Biocultural Worlding (CBCW), eine neue gemeinsame Initiative des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und des NTU Centre for Contemporary Art in Singapur. Das Center bringt Forschende, Künstlerinnen und Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren, Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler sowie Wissensgemeinschaften zusammen, um gemeinsam herauszufinden, wie eng biologische Vielfalt und kulturelles Leben miteinander verflochten sind, wie dieses Zusammenspiel die Zukunft unseres Planeten prägt und welche Formen des Wissens nötig sind, um auf diese Entwicklungen zu reagieren.
Anstatt Natur und Kultur als getrennte Bereiche zu betrachten, untersucht das Center, wie Ökosysteme, Biodiversität, kulturelle Praktiken und Wissenssysteme sich gegenseitig fortwährend prägen. Den Begriff „Biocultural Worlding“ versteht es als den aktiven und fortlaufenden Prozess, durch den Menschen und andere Lebewesen gemeinsam Welten schaffen, deuten und bewohnen – auf Grundlage eng miteinander verwobenen biologischen und kulturellen Wissens.
„Das CBCW soll eine reflektiertere und verantwortungsvollere Kultur der Wissensproduktion ermöglichen“, sagt Dagmar Schäfer, Direktorin am MPI für Wissenschaftsgeschichte und Co-Leiterin des CBCW. „Sein Kernbeitrag besteht darin, Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen verantwortungsvoll darüber nachdenken zu lassen, wie Wissen entsteht, geteilt, zugeschrieben und über Gemeinschaften hinweg bewahrt wird.“
„Wem gehören Kultur und das in ihr verankerte Wissen, ihre Bedeutungen, Werte, Systeme und Objekte? Das Center will zudem den problematischen Begriff des ‚kulturellen Eigentums‘ hinterfragen, der unter anderem in aktuellen globalen Debatten über Rematriierung, Restitution, Bewahrung und den Erhalt von Kultur verankert ist“, ergänzt Ute Meta Bauer, kommissarische Direktorin des NTU Centre for Contemporary Art Singapore und Co-Leiterin des CBCW.
Das Center versteht sich nicht nur als Forschungsprogramm, sondern auch als neues institutionelles Modell. Es will die Grenzen zwischen Disziplinen überwinden, die die erkenntnistheoretischen, ethischen und politischen Dimensionen heutiger Herausforderungen oft voneinander trennen. CBCW bringt unterschiedliche Formen von Expertise und Wissensproduktion zusammen, um neue Formen der Forschung zu entwickeln, die keine einzelne Disziplin allein hervorbringen könnte.
Initiiert vom NTU Centre for Contemporary Art Singapore und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte baut die Partnerschaft auf den sich ergänzenden Stärken ihrer Gründungsinstitutionen auf: Das MPI für Wissenschaftsgeschichte bringt historische und archivbezogene Expertise, strukturelle Analysen und globale intellektuelle Netzwerke ein. Das NTU Centre for Contemporary Art ergänzt dies um kuratorische Praxis, experimentelle Ansätze und regional verankerte Forschungserfahrung in Asien, dem Pazifikraum und dem Globalen Süden. Gemeinsam wollen die Partner einen neuen Rahmen schaffen, um das Verhältnis von Biodiversität, Kultur und Wissen besser zu verstehen.
PM










