Schön ist anders

Bunte Farben, prächtige Federn – doch am Ende erwählen weibliche Zebrafinken und Kampfläufer nicht den Schönsten, sondern den mit dem besten Auftritt oder der cleversten Strategie

Auf den Punkt gebracht

  • Bei Zebrafinken und Kampfläufern entscheidet nicht das prächtigste Gefieder über den Paarungserfolg, sondern Gesang, Stärke und Verhalten. Äußere Merkmale spielen – anders als oft vermutet – nur eine untergeordnete Rolle.
  • Kampfläufer-Männchen existieren in drei genetisch festgelegten Typen – Kämpfer, Satelliten und Faeder – die sich durch Aussehen, Verhalten und Hormonhaushalt unterscheiden. Ein Supergen auf Chromosom 11, das vor Millionen Jahren entstand, prägt diese Vielfalt und erhält sie trotz ungleicher Fortpflanzungschancen.
  • Von uns Menschen als „schön“ empfundene Merkmale haben oft eine bestimmte Funktion. So dienen die Farben der Kampfläufer der Unterscheidung von Individuen.

Text: Claudia Doyle

Die Balz einiger Vogelarten ist ein Spektakel für Augen und Ohren: Mit herzergreifenden Gesängen, spektakulären Farben oder ausgefeilten Tanzeinlagen versuchen die Männchen, Weibchen von sich zu überzeugen. Vieles davon wirkt beinahe menschlich. „So wie Vögel bei der Partnerwahl ihr Aussehen und ihre Stimme einsetzen, könnte man meinen, dass sie die gleichen Merkmale attraktiv finden wie wir Menschen“, sagt Wolfgang Forstmeier, der am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz in Seewiesen forscht. Aber ist das tatsächlich so? Forstmeier hat einen großen Teil seiner bisherigen Laufbahn damit verbracht, diese weit verbreitete Annahme zu prüfen – mit überraschendem Ergebnis. Aber von vorn.

„Wir Menschen sind davon überzeugt, dass es auch bei der Partnerwahl im Tierreich in erster Linie um Schönheit geht.“
Wolfgang Forstmeier

Am Max-Planck-Institut in Seewiesen sitzt ein männlicher Zebrafink in seiner Voliere auf einer Holzstange und wartet. Wird er heute die Partnerin fürs Leben finden? Der kleine grau-weiße Vogel mit dem leuchtend roten Schnabel und dem orangefarbenen Wangenfleck dreht den Kopf zur Seite. Ein Weibchen kommt geflogen und setzt sich ihm gegenüber. Jetzt geht es los: Das Männchen beginnt, elanvoll zu singen – wobei „zwitschern“ die eher unmelodischen Klänge der Finken besser beschreibt. Die Dame hört zu und trifft ihre Wahl.

Was ist schön?

Wolfgang Forstmeier hat über 75 000 solcher Aufeinandertreffen auf Video aufgenommen und analysiert. Er hat zudem die Männchen gewogen, ihre Schnabelfarbe katalogisiert und ihren Wangenfleck vermessen – alles, um herauszufinden, welche Eigenschaften die Weibchen bevorzugen. Das Ergebnis war unerwartet: „Uns wurde klar, dass es gar keinen Faktor geben kann, der bestimmte Männchen attraktiv macht, denn die Weibchen sind sich völlig uneins, wer ihnen gefällt“, fasst Forstmeier zusammen. „Wir Menschen sind davon überzeugt, dass es bei der Partnerwahl im Tierreich in erster Linie um Schönheit geht. Zumindest bei den Zebrafinken scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein“, erklärt der Biologe aus der Abteilung Ornithologie von Bart Kempenaers. Stattdessen könnte neben dem Gesang auch das Verhalten des potenziellen Partners eine wesentliche Rolle spielen. „Es entwickeln sich regelrechte Sympathien oder Antipathien zwischen den Vögeln“, sagt Forstmeier. Optische Merkmale dienen seiner Ansicht nach dagegen der Erkennung von Artgenossen. Woher kommt dann aber die weit verbreitete Ansicht, dass optische Merkmale ein wichtiges Kriterium für die Partnerwahl sind? Wolfgang Forstmeier vermutet, dass hier ein „Publication Bias“ vorliegt – dass also vor allem Studien veröffentlicht werden, die diese Vermutung stützen, während solche mit negativem Resultat in der Schublade verschwinden. 

Die zentrale Rolle des Gesangs ist für Forstmeier dagegen unstrittig. So konnte er zeigen, dass Zebrafinkenweibchen eine Vorliebe für bestimmte Gesangs-„dialekte“ besitzen. Zwei getrennt voneinander gehaltene Gruppen haben am Institut über die Jahre unterschiedliche Dialekte entwickelt. Diese beeinflussen offenbar die Attraktivität: Weibchen präferieren eindeutig den ihnen bekannten gegenüber dem fremden Dialekt.

Inzwischen widmet sich Forstmeier einer anderen Art: dem Kampfläufer. Diese elstergroßen Vögel leben in Feuchtgebieten im Nordwesten Europas und Russlands – einige auch in geräumigen Volieren am Institut in Seewiesen. Während der Balz bieten die Tiere ein eindrucksvolles Schauspiel: von eitlem Zurschaustellen bis zu wildem Schnabelhacken. Die Männchen versuchen, möglichst viele Weibchen in ihre Balzarena zu locken. Dazu stellen sie ihre imposanten individuell gefärbten Halskrausen auf und springen flügelschlagend hoch in die Luft. Die Weibchen beäugen das Schauspiel zunächst aus sicherer Entfernung.

Und genau wie bei den Zebrafinken ist auch bei den Kampfläufern das Aussehen nicht das ausschlaggebende Kriterium. „Obwohl die Männchen bei der Balz ihr Prachtgefieder zur Schau stellen, spielt es für die Wahl der Weibchen keine Rolle“, erklärt Forstmeier. Denn es gibt nicht nur mit prachtvollem Gefieder ausgestattete Männchen, sondern auch solche, die weniger auffällig sind und sogar wie Weibchen aussehen. „Würden alle Weibchen eine bestimmte Ästhetik präferieren, wären die anderen Varianten längst ausgestorben.“ Doch so ist es nicht. Daher geht Forstmeier davon aus, dass die Vielfalt der Halskrausen der individuellen Erkennung dient.

Stattdessen imponiert den Weibchen vor allem Stärke. Dominanz scheint zumindest für einige Weibchen sehr attraktiv zu sein. Wahrscheinlich deshalb wird in den Balzarenen ständig gekämpft: Die Vögel flattern wenige Zentimeter in die Luft, schlagen mit den Füßen nach ihren Kontrahenten und hacken mit ihren Schnäbeln aufeinander ein. Das permanente Ringen darum, seine Stellung zu verteidigen oder zu verbessern, ist zwar anstrengend, aber es lohnt sich, denn das Alphamännchen bekommt deutlich öfter die Gelegenheit, sich zu paaren und seine Gene weiterzugeben. „Mehr als die Hälfte aller Paarungen entfallen auf das dominante Männchen. Rangniedere Vögel bekommen nur selten eine Chance oder gehen sogar ganz leer aus“, erklärt Clemens Küpper, der am Max-Planck-Institut in Seewiesen die Arbeitsgruppe Verhaltensgenetik und Evolutionäre Ökologie leitet.

Küpper erforscht an den Vögeln schon seit mehr als zehn Jahren, wie Vielfalt innerhalb einer Art entsteht und wie sie über lange Zeiträume erhalten bleibt. Dafür sind Kampfläufer ein ideales Untersuchungsobjekt, denn die Vögel haben das Prinzip Vielfalt auf die Spitze getrieben. Neben den dominanten, auffälligen „Kämpfern“ gibt es noch zwei weitere Typen von Männchen: 15 Prozent der Männchen sind ein wenig kleiner als die Kämpfer, und ihr Balzkleid ist auffälliger: Der Federkragen ist meist weiß statt dunkel gefärbt. Doch die größte Auffälligkeit betrifft das Verhalten dieser als „Satelliten“ bezeichneten Tiere. Von Aggression gibt es bei ihnen keine Spur. Stattdessen schließen sich diese Männchen einem Kämpfer an und lassen sich freiwillig von ihm dominieren. Sie kommen durch ihr friedfertiges Verhalten in die Nähe von Weibchen und nutzen schamlos jeden Moment zur Paarung aus, sobald ihr Partner in einen Kampf verstrickt ist.

Getarnt als Weibchen

Noch seltsamer ist der dritte Typ, der „Faeder“ (altfriesisch: Vater). Er sieht aus wie ein etwas zu groß geratenes Weibchen. Gut getarnt schleicht er unbemerkt durch die Balzarena und wartet darauf, dass ein Weibchen sich auf den Boden duckt und signalisiert, dass es zur Paarung bereit ist. Der Faeder verwirrt andere Männchen, indem er die Stellung und das Verhalten des Weibchens imitiert. Die Konfusion nutzt er dazu, als Erster beim Weibchen zum Zug zu kommen. Ein Prozent der Männchen gehören diesem Typ an.

Durch Genomanalysen hat Clemens Küpper bereits an der Universität Sheffield, wo er von 2012 bis 2015 forschte, herausgefunden, dass sich die drei Typen an einer einzigen Stelle im Genom voneinander unterscheiden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten sogar den ungefähren Zeitpunkt bestimmen, an dem die Veränderung stattfand: Vor etwa vier Millionen Jahren wurde ein rund 125 Gene umfassender Abschnitt auf Chromosom 11 herausgetrennt und in entgegengesetzter Richtung wieder eingebaut. Die betroffene Gruppe von Genen, auch als Supergen bezeichnet, war fortan vom restlichen Genom isoliert und entwickelte sich unabhängig weiter. „Eine Inversion kommt in der Natur recht häufig vor“, erklärt Clemens Küpper. Bei Fruchtfliegen zum Beispiel, Ameisen und auch beim Menschen. So geht beispielsweise die Bluterkrankheit Hämophilie auf eine kleine Inversion auf dem X-Chromosom zurück. Kampfläufer, bei denen beide Kopien von Chromosom 11 derart verändert sind, sind nicht lebensfähig. Ist nur eine Kopie mutiert, entwickeln sich die Tiere normal, auch wenn sie sich in Aussehen und Verhalten von ihren Artgenossen unterscheiden.

„Mehr als die Hälfte aller Paarungen entfallen auf das dominante Männchen.“
Clemens Küpper

Aus den Faedern sind wiederum vor einigen Jahrtausenden die Satelliten entstanden. Dabei haben die Satelliten an mehreren Stellen des Supergens intakte Kopien von Genen zurückerhalten, deren Funktion bereits verloren gegangen war. Die betroffenen Individuen haben dadurch wieder die imposanten Halsfedern der Kämpfer zurückerhalten, nun allerdings in Weiß statt in Schwarz. Auch signalisieren sie durch ihr Verhalten, dass sie zur Paarung bereit sind. Doch genau wie den Faedern fehlt ihnen jegliche Aggressivität. Welche Gene für all diese Änderungen verantwortlich sind, erforscht Clemens Küpper gemeinsam mit seinem Team. Ein wichtiger Faktor für die unterschiedliche Aggressivität sind die unterschiedlichen Testosteronwerte von Kämpfern, Satelliten und Faedern. Wie zu erwarten haben Kämpfer während der Paarungszeit viel Testosteron im Blut. Faeder und Satelliten hingegen fast keins. Zunächst vermutete Küpper, dass bei Letzteren die Produktion des Hormons gestört ist. Doch diese Theorie sollte sich als falsch herausstellen. „Tatsächlich produzieren die Faeder und Satelliten sogar viel mehr Testosteron in den Hoden als die Kämpfer. Sie bauen es jedoch im Blut direkt wieder ab“, erklärt er. Verantwortlich dafür ist ein Gen mit der Abkürzung HSD17B2. Es dient als Vorlage für ein Enzym, das Testosteron in das wesentlich schwächer wirkende Androstendion umwandelt. Durch eine Mutation hat dieses Enzym eine Art Superkraft bekommen: Es wird jetzt vermehrt gebildet und arbeitet zudem wesentlich effizienter. Fast das gesamte Testosteron, das in die Blutbahn gelangt, wird also sofort wieder zu Androstendion abgebaut.

Auch die Weibchen können Träger der Faeder- oder Satelliten-Mutationen sein. Erstere sind deutlich kleiner, Letztere unterscheiden sich dagegen äußerlich kaum von den Tieren ohne Mutation. Die Testosteron- und Androstendionunterschiede sind ähnlich wie bei den Männchen, auch wenn die Weibchen von diesen beiden Hormonen viel weniger produzieren. Ob auch die weiblichen Geschlechtshormone betroffen sind, untersucht Küppers Team gerade. Darüber hinaus wollen die Forschenden wissen, welche Vor- oder Nachteile es für die weiblichen Vögel hat, eine dieser Genvarianten zu besitzen. Über mehrere Jahre hinweg zählte und wog sein Team die Eier der Kampfläufer-Weibchen, die in den Volieren in Seewiesen leben. Ihre Messungen ergaben, dass die biologische Fitness der Faeder-Weibchen stark unter der Mutation leidet: Sie legen weniger und kleinere Eier, und die Embryonen in den Eiern und die geschlüpften Küken haben eine geringere Überlebenschance. Faeder-Weibchen haben daher acht Mal weniger Nachkommen als Kämpfer-Weibchen. Warum ist die Genvariante dann bisher von der Evolution noch nicht aussortiert worden, wenn sie den Weibchen so viele Nachteile bringt? „Sie kann nur fortbestehen, weil die Faeder-Männchen überdurchschnittlich viele Vorteile davon haben“, fasst der Vogelforscher zusammen. „In einer Balzarena, wo die meisten Kämpfer-Männchen nie zum Zug kommen, zahlt es sich aus, eine andere Strategie zu verfolgen“, sagt Küpper. Allerdings nur, wenn es nicht viele davon gibt. Denn wenn die Faeder-Männchen häufiger werden, werden sie von den anderen Männchen öfter erkannt und aus der Balzarena vertrieben.

Schönheit ist individuell

Schönheit ist  also weder bei den Kampfläufern noch bei den Zebrafinken ein ausschlaggebendes Kriterium für die Partnerwahl. Mindestens genauso wichtig sind Gesang, Stärke und Verhalten. Schönheit allein betrachtet, hat keine große Anziehungskraft. Wirkliche Attraktivität wirkt oft individuell und ist das Zusammenspiel vieler verschiedener Eigenschaften eines potenziellen Partners. Schön kann also sein, wer im richtigen Dialekt singt, mutig kämpft und sich dem anderen gegenüber angemessen verhält. Jede Art hat ihren eigenen Begriff von Schönheit – und wie der eher unmelodische Gesang der Zebrafinken zeigt, stimmt dieser nicht immer mit dem menschlichen Empfinden überein.

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