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Wenn es um die eigene Zukunft geht, ist willentliche Ignoranz eine weit verbreitete Haltung

22. Februar 2017

Möchten Sie wissen, wann Sie sterben werden? Die Mehrheit der Menschen lehnt das ab. Wenn sie die Möglichkeit hätten, in die Zukunft zu sehen, wollen die meisten lieber nicht wissen, was das Leben für sie bereithält. Auch nicht, wenn es etwas Positives sein könnte. Dies zeigen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin und der Universität Granada in einer aktuellen Studie, die in der Fachzeitschrift Psychological Review erschienen ist.
In der griechischen Mythologie ist die Seherin Kassandra dazu verflucht, dass keiner ihr Glauben schenkt. Nach heutiger Forschung nicht verwunderlich - ziehen es doch die meisten Menschen vor, ihre persönliche Zukunft nicht zu kennen. Bild vergrößern
In der griechischen Mythologie ist die Seherin Kassandra dazu verflucht, dass keiner ihr Glauben schenkt. Nach heutiger Forschung nicht verwunderlich - ziehen es doch die meisten Menschen vor, ihre persönliche Zukunft nicht zu kennen.

„In der griechischen Mythologie hatte Kassandra, die Tochter des trojanischen Königs, die Gabe, in die Zukunft sehen zu können. Aber sie war auch dazu verflucht, dass niemand ihren Prophezeiungen Glauben schenkte“, sagt Gerd Gigerenzer, Erstautor der Studie und Direktor des Forschungsbereichs „Adaptives Verhalten und Kognition“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. „In unserer Studie haben wir herausgefunden, dass Menschen die Sehergabe, die Kassandra berühmt machte, eher ablehnen und auf Wissen über ihre persönliche Zukunft lieber verzichten. Dahinter steht das Bestreben, mögliches Leid und Bedauern zu umgehen, welches das Wissen über die Zukunft mit sich bringen könnte. Gleichzeitig möchten sie sich aber auch die freudige Spannung von schönen Erlebnissen erhalten.“

Zwei nationale, repräsentative Erhebungen mit mehr als 2.000 Erwachsenen in Deutschland und Spanien zeigen, dass 86 bis 90 Prozent der Menschen bevorstehende negative Ereignisse nicht wissen wollen. Zudem bevorzugen 40 bis 77 Prozent auch über bevorstehende positive Ereignisse im Ungewissen zu bleiben. Die Wissenschaftler nennen das willentliche Ignoranz (engl. deliberate ignorance). Das heißt, sich bewusst dafür zu entscheiden, die Antwort auf eine Frage, die einen persönlich betrifft, nicht wissen zu wollen. Lediglich 1 Prozent aller Befragten würde konsequent gerne wissen, was die Zukunft bereithält.

Je näher das Eregnis, desto unerwünschter eine Voraussage

Die Wissenschaftler fanden auch heraus, dass Menschen, die ihre Zukunft nicht kennen möchten, risikoscheuer sind und häufiger Lebens- und Rechtsschutzversicherungen kaufen als diejenigen, die gerne einen Blick in die Zukunft werfen würden. „Das legt nahe, dass Menschen, die Wissen über die Zukunft willentlich ignorieren, erwarten, unangenehme Nachrichten zu erhalten“, so Gigerenzer weiter. Auch der Zeitpunkt, an dem ein Ereignis in der Zukunft eintreten könnte, spielt eine Rolle: Je näher das mögliche Eintreten in der Zukunft liegt, desto weniger wollen Menschen etwas darüber erfahren. So wollten zum Beispiel ältere im Vergleich zu jüngeren Erwachsenen seltener wissen, wann und woran ihr Partner sterben wird.

Die Studienteilnehmer wurden zu einer Reihe von möglichen Ereignissen – positiven wie negativen – befragt. So zum Beispiel, ob sie wissen wollten, welche Mannschaft ein Fußballspiel gewinnt, das die Befragten später noch sehen wollten. Oder was sie zu Weihnachten geschenkt bekommen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder ihre Ehe in einer Scheidung endet. Das Geschlecht ihres ungeborenen Kindes war das Einzige, das die Mehrzahl der Befragten vorab kennen wollte, nur 37 Prozent möchten sich hier überraschen lassen.

Obwohl die in Deutschland und Spanien lebenden Menschen sich in Alter, Bildung und anderen wichtigen Aspekten unterschieden, war das Muster der willentlichen Ignoranz in beiden Ländern gleichermaßen verbreitet. „Man geht immer davon aus, dass Wissen zu wollen der Normalzustand der Menschheit ist und keiner Rechtfertigung bedarf. Menschen werden dazu aufgefordert, an Krebsfrüherkennungsmaßnahmen oder regulären Gesundheitschecks teilzunehmen, ihr ungeborenes Baby einer Reihe von pränatalen Gentests zu unterziehen oder Self-Tracking-Geräte zur Messung der eigenen Gesundheit zu nutzen“, sagt Gigerenzer. „Die willentliche Ignoranz von Menschen scheint vor diesem Hintergrund nicht einleuchtend und stößt vielleicht auf Unverständnis. Aber wie wir in unserer Studie zeigen konnten, existiert diese Ignoranz nicht nur, sondern sie ist sogar weit verbreitet.“

NIS

 
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