Rezept für den Wiederaufbau

Wie die Ukraine ihr reiches industrielles Erbe nutzen könnte, wenn der Krieg vorbei wäre

Auf den Punkt gebracht

  • Die Ukraine produzierte in der früheren Sowjetunion 70 Prozent der Arzneimittel. Das entsprechende Wissen und die Fähigkeiten sind in der Region noch vorhanden und nutzbar.
  • Das Team um Dietmar Harhoff erarbeitet einen Leitfaden, der konkrete Handlungsempfehlungen für den Wieder­aufbau der Pharmaindustrie der Ukraine liefert und Szenarien für Kooperationen mit der EU aufzeigen wird.
  • Die ukrainische Pharmaindus­trie könnte einen Beitrag dazu leisten, die Versorgungssicherheit bei Arzneimitteln in der EU zu stärken.

Text: Nina Schick

Nach wie vor ist offen, wie lange Russlands Krieg gegen die Ukraine noch dauert, wie viel noch zerstört wird. Gleichzeitig wird intensiv für den Wiederaufbau geplant. Eine Branche, die dabei im Fokus stehen könnte: die Pharmaindustrie. Am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb in München arbeiten Dietmar Harhoff und Liudmyla Petrenko an einem entsprechenden Leitfaden, der auch für die EU strategisch bedeutsam ist.

Ibuprofen-Tabletten? Nur in der anderen Packungsgröße. Fiebersaft? Erst in der dritten Apotheke. Die Covid-19-Pandemie führte der breiten Bevölkerung hierzulande vor Augen, was Insidern schon lange klar war: Die Arzneimittelversorgung in Europa basiert auf fragilen Lieferketten, bei einigen Medikamenten, vor allem Generika, ist die Abhängigkeit von ein paar wenigen Wirkstoffherstellern in Indien und China groß. Als Reaktion beschloss die EU-Kommission im November 2020 eine neue Arzneimittelstrategie, seit April 2023 liegen Entwürfe für eine neue Richtlinie und eine neue Verordnung vor. Zu den erklärten Zielen gehört: Zugang zu erschwinglichen Arzneimitteln, diversifizierte Lieferketten und Förderung hoher Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Neue Konzepte und Produktions­standorte sind gefragt.

Die Ukraine, die bei der Pharmaproduktion bislang wenig im Fokus stand, durchlebt seit dem 24. Februar 2022 die bisher größte militärische Aggression des 21. Jahrhunderts auf europäischem Boden. Nur wenige Tage nach dem russischen Angriff auf das Land schrieben zahlreiche Max-Planck-Institute in ganz Deutschland Stipendien für ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus, auch das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb in München. Auf diesem Weg kam Liudmyla Petrenko im Frühjahr 2022 in die bayerische Landeshauptstadt.

Als Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Nationalen Wadym-Hetman-Wirtschaftsuniversität in Kyjiw forscht sie unter anderem in den Bereichen Industriewirtschaft, Innovation und geistiges Eigentum. Rasch zeigte sich in den Gesprächsrunden in der Abteilung von Direktor Dietmar Harhoff, welche Forschungsthemen die Stipendiatinnen aus der Ukraine einbrachten.

Industrial Memory als Konzept

Die Diskussionen konzentrierten sich schnell auf das wirtschaftswissenschaftliche Konzept des industriellen Gedächtnisses (industrial memory). Das Konzept besagt, dass ein Industriezweig eine Region auf Jahrzehnte prägt – auch wenn die tatsächliche Produktion für einen gewissen Zeitraum stark zurückgeht oder unterbrochen wird. „Handwerkliche und industrielle Fähigkeiten, die die Menschen in einer Region haben, bleiben dort über lange Zeit erhalten“, sagt Harhoff. Er nennt als Beispiele die Goldschmiedekunst in Pforzheim, die Schneidwarenindustrie in Solingen und die Uhrenindustrie in Glashütte.

An dieser Stelle bringt Petrenko einen Hinweis in die Gespräche ein: „Es ist im Westen kaum bekannt, dass die Ukraine für rund 70 Prozent der Pharmaproduktion in der Sowjetunion verantwortlich zeichnete.“ Dieses Erbe nutze die Ukraine. Selbst unter schwierigsten Bedingungen im Krieg gelingt es der nationalen Pharmaindustrie, weiter zu produzieren. Gleichzeitig sucht die EU nach Auswegen aus der Abhängigkeit von chinesischer und indischer Arzneimittelproduktion. So kamen sich auf einmal verschiedene Interessen entgegen. Die Idee für ein Forschungsvorhaben war geboren.

„Ökonomen schreiben normalerweise keine ‚Playbooks‘. Hier soll Wissenschaft konkret zum Einsatz kommen, mit klaren Handlungsempfehlungen.“
Dietmar Harhoff

In dem auf zwei Jahre angelegten Projekt, das von der Volkswagen­ Stiftung gefördert wird und an dem maßgeblich Forschende in der Ukra­ine beteiligt sind, untersucht das Team um Dietmar Harhoff, welche Voraussetzungen das industrielle Erbe der Pharmaindustrie in der Ukra­i­ne bietet, wie sich die Branche aktuell entwickelt und wie sich das mit den Bedürfnissen der Ukraine und der EU in Einklang bringen lässt. Aus den gewonnenen Erkenntnissen erarbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein „Playbook“, also einen Leitfaden mit Empfehlungen, der öffentlich zugänglich sein und an die nationale und europäische Politik übermittelt werden soll.

„Der Begriff ‚Playbook‘ ist bewusst auch etwas provozierend“, sagt Harhoff. „Ökonomen schreiben normalerweise keine ‚Playbooks‘. Hier soll Wissenschaft konkret zum Einsatz kommen, mit klaren Handlungsempfehlungen.“ Einen politischen Auftrag gebe es für das Projekt nicht, betont Harhoff. „Wir haben aber den Eindruck, dass das Playbook eine Lücke in der der­zeitigen Analyse füllen könnte.“ „Wir versuchen, die Zukunft der ukrainischen Pharmaindustrie in der Europäischen Union zu sehen“, ergänzt Petrenko. „Wir wollen uns vorstellen, wie es in zehn Jahren sein wird.“ Dabei berücksichtige man unterschiedliche Szenarien. Tag für Tag mache der Krieg aber auch deutlich, wie notwendig eine enge Anbindung der Ukraine an die EU ist und umgekehrt.

Vier Tage nach Kriegsbeginn stellte die Ukraine ihren Antrag auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Vier Monate später, am 22. Juni 2022, erhielt sie den Status eines Beitrittskandidaten. Seit dem 25. Juni 2024 stehen die EU und die Ukraine in Beitrittsverhandlungen. Das optimistische Szenario ist also: Der Krieg endet in absehbarer Zeit, und eine souveräne Ukraine macht sich auf den Weg in die EU. Die ukrainische Pharmaindustrie spielt dabei sowohl für den Wiederaufbau des Landes als auch für die europäische Arzneimittelstrategie eine wichtige Rolle. Noch ist der Pharmamarkt der Ukraine im Vergleich zur EU klein. 2024 setzte die gesamte Pharmaindustrie des Landes 4,2 Milliarden US-Dollar um, pro Kopf also 150 US-Dollar. Im Vergleich dazu kam der europäische Pharmamarkt im selben Jahr auf etwa 480 Milliarden US-Dollar, pro Kopf also mehr als 1000 US-Dollar.

Petrenko nennt drei Gründe für den großen Unterschied: zum einen die deutlich kleinere Einwohnerzahl der Ukraine (derzeit 29 Millionen). Zudem sind die Preise der Produkte geringer, da die Ukraine überwiegend Generika und andere Off-Patent-Arzneimittel („Traditionals“) produziert – gemeinsam machen sie 78 Prozent der verkauften Arzneimittel aus. Unter „Traditionals“ fallen Präparate, die nie patentiert waren – viele davon wurden noch zu Sowjetzeiten entwickelt –, aber nach wie vor beliebt sind. Als dritten Grund führt Petrenko auch das ukrainische Gesundheitssystem an, in dem die Patienten ihre Medikamente in der Regel aus der eigenen Tasche bezahlen müssen.

Blick in die Geschichte

Mit dem Ende der Sowjetunion 1991 gingen der ukrainischen Pharmaindustrie die anderen Mitgliedstaaten der Sowjetunion als Abnehmer verloren. Viele Betriebe mussten schließen, die Produktion sank zunächst deutlich. Die 1990er-Jahre waren sowohl das Jahrzehnt des Niedergangs als auch der Erholung. 1999 hatte die Produktion wieder den Umfang von 1991 erreicht. Seitdem wächst der Anteil der Pharmaindustrie an der industriellen Gesamtproduktion des Landes, die von Schwerindustrie, Stahlverarbeitung und chemischer Industrie dominiert ist. Der Pharma-Anteil verdoppelte sich von 0,8 Prozent 1991 auf 1,6 Prozent 2023.

Bemerkenswert am ukrainischen Pharmamarkt ist, dass das Land nicht von Importen abhängig ist, was die Versorgung mit gängigen Arzneimitteln angeht. Der nationale Pharmamarkt ist überwiegend in der Hand heimischer Hersteller. Sechs ukrainische Hersteller sind unter den Top Ten der wichtigsten Unternehmen. Größter Player ist (mit 6,05 Prozent Marktanteil in den ersten neun Monaten 2025) der 1925 gegründete Betrieb Farmak, auf dem zweiten Platz liegt die Kyjiwer Vitaminfabrik (3,63 Prozent).

Selbstversorgung bei gängigen Arzneimitteln

Zwar übersteigt das Volumen der Importe im Pharma­bereich das der Exporte um fast das Achtfache. 2023 wurden Arzneien im Wert von 2,4 Milliarden US-Dollar importiert und Produkte im Wert von 0,3 Milliarden US-Dollar exportiert, hat Petrenko recherchiert. Das liegt daran, dass die Ukraine bei bestimmten modernen, patentierten Arzneimitteln auf Importe angewiesen ist. Medikamente für die Behandlung von Asthma, Thrombosen, Diabetes, Krebs und Leberkrankheiten kommen aus dem Ausland. „Jede einzelne Packung eines solchen Medikaments kostet Dutzende Euro“, sagt Petrenko. Die hohen Preise erklären den großen Importüberschuss.

Gängige Arzneimittel des täglichen Bedarfs wie Schmerzmittel, Antibiotika, Entzündungshemmer, Blutdruck- und Herzmedikamente sind als Generika aufgrund der niedrigen Produktionskosten günstig herzustellen. Das geschieht überwiegend in der Ukraine. Deswegen ist das finanzielle Volumen verhältnismäßig klein, die Zahl der verkauften Einheiten aber hoch. In diesem Bereich versorgt sich die Ukraine zu nahezu zwei Dritteln (rund 61 Prozent nach Menge) selbst. „Im Bereich der Massenprodukte ist die Ukraine relativ autark“, sagt Petrenko.

Schon jetzt zeichnet sich ein hohes Exportpotenzial ab. Die deutsche Wirtschaftsförderungsagentur Germany Trade and Invest stellte im Sommer 2025 fest: „Neben dem Inlandsmarkt gewinnt für ukrainische Pharmahersteller das Auslandsgeschäft an Bedeutung, der Exportanteil steigt.“ Damit dies funktioniert, ist Wissen auf beiden Seiten nötig – über den genauen Zustand der Pharmaindustrie, Produktionskapazitäten, Kriegsschäden und Regelwerke. Ein großer Teil des Playbook-Projekts ist deshalb einer Bestandsaufnahme gewidmet: Datenerhebung, Recherche, Analyse. Das Projekt ist im Oktober gestartet und begann für Petrenko mit einer Reise nach Kyjiw, um dort erste Gespräche zu führen. Der Weg zu den ersten wichtigen Datenquellen führte über die Statistikämter, die in Zeiten des Krieges nicht gerade darauf warten, dass Forschende aus dem Ausland spezielle Daten abfragen. „Es war extrem hilfreich, wie unsere ukrainischen Teammitglieder die Beziehungen zu den Ämtern herstellen konnten“, sagt Harhoff.

Erweiterte Wertschöpfung finden

Harhoff nennt einige der Fragen, zu denen das Team Erkenntnisse liefern will: Wie stark sinken die Kosten eines bestimmten Arzneimittels, wenn sich das Produktionsvolumen verdoppelt? Wie hoch sind die Einführungskosten für ein bestimmtes Präparat? Welche Wissensbasis ist schon vorhanden? Wo sind Koope­ra­tionspotenziale? Welchen Ansprüchen müssen Medikamente für den Export genügen? „Wir wollen Szenarien aufzeigen, wo eine erweiterte Wertschöpfung in der Ukraine Marktnachfrage in Europa befriedigen könnte“, sagt Harhoff.

Marktnachfrage in Europa befriedigen? Besteht da die Gefahr, dass das Projekt durch westeuropäische Interessen geleitet ist und die Ukraine instrumentalisiert? Dem treten Petrenko und Harhoff entschieden entgegen. Die Zusammenarbeit erfolgt auf Augenhöhe, die europäischen Bedürfnisse sind eine Chance für die Ukraine. „Auch die Ukraine leidet unter der Abhängigkeit von asiatischen Produzenten. Eine starke Pharmaindustrie ist für die Ukraine ein Weg zu mehr Unabhängigkeit“, sagt Petrenko. Ihr ist anzumerken, was das Projekt für sie bedeutet: Sie kann daran mitarbeiten, Perspektiven für ihr vom Krieg geschundenes Heimatland zu schaffen.

„Eine starke Pharmaindustrie ist für die Ukraine ein Weg zu mehr Unabhängigkeit.“
Liudmyla Petrenko

Zur Recherche des Teams gehören viele Gespräche, Fragebögen und Interviews. Runde Tische führen immer wieder Hersteller, Behördenvertreter und Forschende zusammen. Auch eine Konferenz im Max-Planck-Institut mit westeuropäischen und ukrainischen Pharmaherstellern sieht Harhoff als Option – zum Austausch und Kennenlernen der jeweiligen Stärken und Strategien. „Das wäre ein spannendes Nebenprodukt unserer Arbeit. Wir könnten unterschiedliche Seiten zusammenbringen und bekämen zugleich selbst weiteren Input für unsere Forschungsarbeit“, sagt Harhoff.

Hauseigenes KI-Modell hilft

In einer späteren Phase des Projekts wird das Patentanalyse­modell PaECTER zum Einsatz kommen. Es wurde 2023 am Institut von einem Forschungsteam entwickelt, dem auch Dietmar Harhoff angehört. Der Begriff PaECTER steht für „Patent-level Representation Learning using Citation-informed Transformers“. Das Modell basiert auf künstlicher Intelligenz (KI). Es kommt in der Patentprüfung sowie Innovationsforschung zum Einsatz und dient dazu, bestehende Patente zu erkennen, die einer eigenen Entwicklung ähneln oder gleichen. Dafür nutzt es Techniken maschinellen Lernens, die mit Patentzitationsdaten trainiert wurden. Eine US-amerikanische Studie stellte im Oktober 2024 fest, dass das KI-Modell im Vergleich zu anderen Patentanalysemodellen besonders leistungsfähig und effizient ist.

„In diese Sprachplattform können wir ukrainische Patenttexte eingeben und sehen, wer gerade sehr ähnliche Dinge in der EU, in den USA oder anderswo macht“, erklärt Harhoff. So könne das institutseigene Tool helfen, Teilnehmer für Workshops ausfindig zu machen, inte­ressante Gesprächspartner oder sogar Kooperations­beziehungen anzubahnen. In das Playbook-Projekt können so verschiedene Entwicklungen am Institut einfließen.

Während das Team um Harhoff und Petrenko am Ukraine-Projekt forscht, arbeitet die EU weiter an ihrer Arzneimittelstrategie. Das Pharmapaket aus Verordnung und Richtlinie der Kommission ging im Frühjahr 2023 an Rat und Parlament. Beide Institutionen haben sich inzwischen dazu positioniert und verhandeln über die abschließende Fassung. Es wird erwartet, dass die Verhandlungen in den kommenden Monaten zum Abschluss kommen. Damit wäre noch genug Zeit, auch diese neuen Rahmenbedingungen im Forschungsprojekt zu berücksichtigen. Im Juni 2027 wollen Harhoff, Petrenko und ihr Team das Playbook vorstellen.

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