Wenn jemand an dich glaubt
Wie das Mentoring-Programm ARTEMIS afrikanische Studierende und Promovierende mit Forschenden der Max-Planck-Gesellschaft zusammenbringt – und warum Mentoring mehr ist als fachlicher Rat
Text: Petra Maaß
Im Haus der Astronomie herrscht an diesem Donnerstag Ende Oktober 2025 eine konzentrierte Stille. Knapp 30 afrikanische Nachwuchsforschende hören Klaus Blaum aufmerksam zu, als er von seiner eigenen Zeit als Mentee erzählt. „Ich rief zuerst meine Frau an und dann ihn“, erinnert sich der Direktor am Max-Planck-Institut für Kernphysik an einen Schlüsselmoment in seiner Karriere.
Schon oft hatte er seinen Mentor Heinz-Jürgen Kluge um Rat gefragt – auch 2020, als Blaum zum Max-Planck-Vizepräsidenten ernannt werden sollte. Die beiden Kernphysiker verband ein langjähriges Vertrauensverhältnis. Kluge hatte Blaum bereits als Postdoc unterstützt, indem er ihn für Konferenzen und Forschungsgruppen vorschlug. Als Blaum mit 34 Jahren zum Max-Planck-Direktor berufen werden sollte, simulierte Kluge mit ihm vorab das Berufungsgespräch. „Er schenkte mir seine Zeit und glaubte an mich. Und so fing ich an, selbst an mich zu glauben – und daran, dass Wissenschaft der richtige Weg für mich war.“
Offen über Karrierewege, Erwartungen und Hürden zu sprechen – und dabei jemanden an der Seite zu haben –, ist für viele der anwesenden afrikanischen Studierenden und Promovierenden eine neue Erfahrung. Sie gehören zu den 35 Mentees, die 2025 am ARTEMIS-Programm teilgenommen haben. Über viele Monate hinweg verabredeten sie sich mit ihren Mentor*innen zu regelmässigen Videocalls, schärften wissenschaftliche Fragestellungen und tauschten sich über nächste Karriereschritte aus. „Entscheidend bei der Zusammenstellung war, dass Mentor*in und Mentee fachlich gut zueinanderpassten“, sagt Michaela Hergersberg, die das Programm initiiert hat. „Erst wenn beide zugestimmt haben, wurden sie ein Tandem. Es gab auch Paare, die sich gemeinsam beworben haben.“
Wie tragfähig diese Beziehungen waren, zeigte sich spätestens beim persönlichen Austausch: Im Rahmen eines einmonatigen Forschungsaufenthalts an einem der beteiligten Max-Planck-Institute arbeitete jedes Tandem an einem eigenen Projekt. Ende Oktober 2025 stellten die Mentor-Mentee-Tandems ihre Ergebnisse im Haus der Astronomie in Heidelberg in kurzen Science Slams vor.
Nach seinem Vortrag steht Klaus Blaum im Foyer, umringt von Mentees, die jede Minute nutzen, um Fragen zu stellen. Bis heute ist er seinem eigenen Mentor eng verbunden. „Wir treffen uns noch regelmässig zum Kartenspielen“, sagt er. „Er ist über 80 – und immer noch sehr daran interessiert, woran
wir forschen.“
Gemeinsam einen Projektfahrplan entwickeln
Mentee: Saurelle Kenfack Tiofack
PhD-Studentin / University of Dschang (Kamerun)
„ARTEMIS hat mir dabei geholfen, meine Forschungsfragen zu präzisieren und einen klaren Fahrplan für mein Projekt zu entwickeln. Ein besonderer Gewinn war der Zugang zu neuen Methoden und Werkzeugen, die ich nun direkt in meine eigene Forschung einfließen lassen kann. Gleichzeitig habe ich gelernt, meine Ideen in einem internationalen Kontext zu strukturieren, und an Sicherheit bei meinen wissenschaftlichen Entscheidungen gewonnen. Im Winter nach Deutschland zu kommen, war zwar eine Herausforderung, doch ich wurde in einer herzlichenund anregenden Umgebung willkommen geheißen.“
Mentor: Alexander A. Auer
Forschungsgruppenleiter / Max-Planck-Institut für Kohlenforschung, Mühlheim an der Ruhr
„Das Thema, das mir meine Mentee nähergebracht hat, ist faszinierend, und ich habe wissenschaftlich viel dazugelernt – zum Beispiel, wie ich meine Methoden auf Systeme anwenden kann, mit denen ich bislang noch nicht gearbeitet habe. Persönlich war ich fast beschämt, als mir bewusst wurde, wie wenig ich tatsächlich über den afrikanischen Kontinent weiß. Umso mehr freue ich mich jetzt darüber, diese Wissenslücke künftig zu schließen. ARTEMIS war dafür ein grossartiger Anfang!“
Klar sehen, wie es weitergeht
Mentee: Immaculate Muthoni Mungai
PhD-Studentin / University of Nairobi (Kenia)
„ARTEMIS kam für mich genau zum richtigen Zeitpunkt. Das Mentoring hat mir geholfen, meine nächsten Karriereschritte klarer zu erkennen – von der Beantragung von Drittmitteln bis hin zum Aufbau internationaler Netzwerke. Besonders wertvoll war für mich der Austausch mit einer Mentorin, die sowohl internationale Forschungsstandards als auch die Rahmenbedingungen vor Ort in Afrika kennt.“
Mentorin: Carlota Galán Plana
PhD-Studentin / Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Ich wollte meine erste Erfahrung als Mentorin in einem Programm sammeln, in dem kultureller Austausch und Chancengleichheit im Mittelpunkt stehen. Die Zusammenarbeit mit Imma war fachlich wie persönlich bereichernd – auch weil wir uns in Kenia getroffen haben, wo ich für meine eigene Promotion Feldforschung gemacht habe. ARTEMIS zeigt, was möglich ist, wenn Forschung, Mentoring und kultureller Austausch zusammenkommen.“
Eine Perspektive von außen gewinnen
Mentee: Victória da Graça Gilberto Samboco
PhD-Studentin / Rhodes University (Südafrika)
„Ich habe ganz bewusst nach einer Mentorin außerhalb meines direkten akademischen Umfelds gesucht, um eine andere Perspektive zu bekommen. ARTEMIS hat mir genau das ermöglicht. Neben der fachlichen Unterstützung war es mir besonders wichtig, offen über Karrierewege, persönliche Fragen und meine Erfahrungen als Frau in der Wissenschaft zu sprechen. Dieses Vertrauen hat das Mentoring getragen.“
Mentorin: Kerry Paterson
Postdoktorandin / Max-Planck-Institut für Astronomie, Heidelberg
„Aus meiner eigenen Zeit als Doktorandin weiß ich, wie wertvoll eine Mentorin oder ein Mentor sein kann, der oder die die Promotion nicht fachlich betreut. Mit ARTEMIS wollte ich etwas zurückgeben – gerade auch mit Blick auf afrikanische Nachwuchsforschende. Da ich selbst aus Südafrika komme, weiss ich, wie schwierig es sein kann, Kontakte zu Einrichtungen im Ausland zu knüpfen.“
Hinweis: Dankenswerterweise hat die Familienstiftung Gasz – eine Treuhandstiftung unter dem Dach der Max-Planck-Förderstiftung – die nach dem Zuwendungsrecht nicht förderfähigen Kosten für Visa-Gebühren und Krankenversicherung der Mentees übernommen.








