Die Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftliche Sektion

18. Oktober 2010

Die Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftliche Sektion umfasst insgesamt 19 Max-Planck-Institute. Das Themenspektrum der Forscher reicht von den ­Ursprüngen der menschlichen Sprache über die institutionellen Grundlagen der modernen Wirtschaft bis hin zum demographischen Wandel in unserer Gesellschaft oder den kognitiven Grundlagen der Wahrnehmung und Steuerung von Handlungen.

Die Methoden sind außerordentlich vielfältig und reichen von experimentellen Untersuchungen bis zu hermeneutischen Verfahren. Etliche Institute sind interdisziplinär angelegt und vereinen deshalb unterschiedliche Herangehensweisen und inhaltliche Schwerpunkte unter einem Dach.

Zuletzt wurde 2007 das Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen gegründet. Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch das Zusammen­leben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit und sexueller Orientierung aus. Die Organisation des Zusammenlebens dieser verschiedenen Gruppen ist eine große Herausforderung, eröffnet aber auch viele Chancen. Die Wissenschaftler des Göttinger Instituts untersuchen mit ethnographischen Methoden urbane Räume in verschiedenen Weltregionen im Hinblick auf die Formen des Zusammenlebens von Angehörigen unterschiedlicher Kulturen. Dabei geht es insbesondere darum, inwieweit Gesellschaften und ihre Teilsysteme in der Lage sind, die mit wachsender Vielfalt entstehenden kreativen Potenziale zu nutzen, mit der Diversität umzugehen und Konflikte zu bewältigen. Die beiden zurzeit bestehenden Abteilungen sollen in Kürze durch eine weitere ergänzt werden, deren Mitglieder sich mit dabei relevanten normativen Fragen befassen werden.

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Die Etablierung und Weiterentwicklung von Instituten und Arbeitsgruppen im Ausland hat für die Entwicklung der Sektion eine große Bedeutung. Bereits heute befinden sich drei Institute im Ausland, von denen zwei (in Rom und Florenz) der Kunstgeschichte gewidmet sind und sich ein weiteres (in Nijmegen) mit Psycholinguistik befasst. An letzterem wird derzeit, finanziert durch die niederländische Regierung, eine Abteilung zum Thema »Sprache und Genetik« eingerichtet.

AKTIVITÄTEN IM AUSLAND

Ein weiteres Max-Planck-Institut soll in Luxemburg entstehen. Seine Aufgabe wäre die Untersuchung zentraler Aspekte des Verfahrensrechts: europäisches und vergleichendes Zivilprozessrecht, Finanzmarktregulierung und das Verfahrensrecht der internationalen Gerichtshöfe. Finanziert würde es zu 100 Prozent von Luxemburg, das für ein solches Institut auch deshalb attraktiv ist, weil dort der Europäische Gerichtshof seinen Sitz hat. Schließlich werden zurzeit in Kooperation mit dem Consejo Superior de Investigaciones Cientificas in Madrid zwei Gruppen im Bereich der historischen Forschung aufgebaut. Unter dem Titel »Convivencia« sollen hier die Inter­aktionen zwischen jüdischen, muslimischen und christlichen Gemeinschaften in Mittelalter und früher Neuzeit untersucht werden. Dabei geht es sowohl um kunstgeschichtliche als auch rechts- und wissenschaftsgeschichtliche Aspekte.

RECHTSWISSENSCHAFTEN

Traditionell nehmen die rechtswissenschaftlichen Institute innerhalb der Sektion einen großen Stellenwert ein. Mit dem neuen Institut in Luxemburg wird es insgesamt acht Institute für zentrale juristische Subdisziplinen in der Sektion geben: darunter diejenigen in Heidelberg, Hamburg und Freiburg für die drei traditionellen Säulen öffentliches Recht, Privatrecht und Strafrecht. Auch hier gibt es wichtige Veränderungen. Das Institut für Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main wird seine Forschungen zukünftig auf außereuropäische Rechtskulturen erweitern und einen globalgeschichtlichen Zugriff verfolgen. Weitere Planungen betreffen die stärkere Verknüpfung der rechtswissenschaftlichen Ins­titute untereinander. Unter dem Namen »Maxnet Law« wird eine gemeinsame Plattform der juristischen Institute im Internet aufgebaut.

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Dabei soll nicht zuletzt die Kooperation zwischen den Wissenschaftlern intensiviert werden. In den beiden Münchner rechtswissenschaftlichen Instituten findet eine Neuausrichtung durch die Integration wirtschaftswissenschaftlicher Forschung statt. So wurde im Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht 2008 eine Abteilung für Finanzwirtschaft gegründet, und im Institut für ausländisches und internationales Sozialrecht soll sich zukünftig eine Abteilung mit der Sozialstaatsentwicklung aus wirtschaftswissenschaftlicher Per­spektive befassen. Angestrebt wird ferner, das in seinem fachlichen Profil sehr heterogene Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht in zwei eigenständige Institute aufzuteilen, um so das Thema Steuerrecht und öffentliche Finanzen als Forschungsfeld der Sektion zu stärken. Zugleich sollen die dann drei Münchner Institute der Sektion zu einem (zunächst virtuellen) Campus Rechts- und Wirtschaftswissenschaften München zusammen­gefasst werden, um die bestehenden Kooperationspotenziale mit Themen wie etwa Finanzierung der Sozialsysteme oder Wettbewerb als Steuerungs­instrument im Gesundheitswesen besser auszuschöpfen. Eine Kombination juristischer und wirtschaftswissenschaftlicher Forschung besteht auch in dem 2004 gegründeten Bonner Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern.

EMPIRISCHE ÄSTHETIK

Eine weitere wichtige Entwicklung in der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftlichen Sektion ist die Planung eines neuen Max-Planck-Instituts für »Empirische Ästhetik«. Dieses Institut soll mit wissenschaftlichen Methoden klären, worin die Grundlagen ästhetischer Empfindungen und Urteile beim Menschen bestehen, das heißt, welche psychischen, neuronalen und soziokulturellen Fundamente solche Empfindungen und Urteile haben und wie sich ihre Variabilität erklärt. Das Institut soll von einem vierköpfigen Direktorium geleitet werden: einem Musik-, einem Literatur- und einem Neurowissenschaftler sowie einem empirisch arbeitenden Soziologen oder experimentell arbeitenden Psychologen. Andere Bereiche (insbesondere die bildende Kunst) sollen durch Kooperationen abgedeckt werden. Das Institut wird also in höchstem Maß interdisziplinär sein. Es wird deshalb auch nicht auf die Geistes-, ­Sozial- und Humanwissenschaftliche Sektion beschränkt sein: Die Biologisch-Medizinische Sektion wird durch die neurowissenschaftliche Abteilung an dem Institut beteiligt sein. Eine weitere Innovation besteht in der geplanten Einbeziehung von Artists in Residence, das heißt praktizierenden Künstlern, die die Perspektive professioneller Produzenten ästhe­tischer Wirkungen in die Arbeit des Instituts ein­bringen.

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