Weltkarte mit hervorgehobenem China.

Zwischen Spitzenforschung und Verantwortung

Wie die Max-Planck-Gesellschaft mit China kooperiert

China hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer der führenden Wissenschaftsnationen der Welt entwickelt. In zahlreichen Zukunftsfeldern – von der Astrophysik über künstliche Intelligenz bis zur Biotechnologie – gehört China heute zu den wichtigsten Akteuren der internationalen Forschung. Auch für die Max-Planck-Gesellschaft ist China längst mehr als ein weiterer internationaler Partner: In einigen Disziplinen eröffnet die Zusammenarbeit Zugang zu weltweit einzigartigen Forschungsanlagen und Daten. Zugleich machen geopolitische Spannungen, Forschungsfelder mit möglicher militärischer Nutzung und die Frage, welche Rolle die jeweilige Partnerinstitution in China spielt, die Zusammenarbeit komplizierter – und erfordern eine genaue Abwägung von Nutzen und Risiken. Für die Max-Planck-Gesellschaft stellt sich deshalb nicht die Frage, ob sie mit China kooperiert – sondern wie.

Das größte Radioteleskop der Welt steht in einer Karstlandschaft im Südwesten Chinas. Sein Name: FAST (Five-hundred-meter Aperture Spherical Telescope). Mit einem Durchmesser von 500 Metern lauscht es Signalen aus dem All, die anderswo kaum zu messen wären. Für Michael Kramer, Direktor am Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn, ist die Anlage für seine Forschung mittlerweile unverzichtbar. Gemeinsam mit Forschenden der Chinese Academy of Sciences (CAS) sucht sein Team nach Pulsaren – extrem dichten Sternen, deren Radiopulse so präzise sind wie das Ticken einer Uhr. „In meinem Forschungsgebiet zählt Empfindlichkeit über alles.“ Und das, obwohl das MPI selbst über eine Anlage der Superklasse verfügt: Das Radioteleskop Effelsberg gehört mit 100 Metern zu den zwei größten beweglichen Radioteleskopen der Welt. FAST in China ist jedoch zehnmal empfindlicher und leidet zudem deutlich weniger unter menschengemachter Störstrahlung als das Teleskop in der Eifel. „Die chinesischen Kollegen und wir haben erkannt, dass wir auf beiden Seiten davon profitieren, wenn wir die Stärken unserer Teleskope kombinieren.“ Während das FAST-Teleskop bereits hunderte neuer Pulsare am ganzen Himmel aufgespürt hat, steht Effelsberg sofort bereit, besondere Exemplare schnell anzusteuern und eingehender zu untersuchen. Der Vorteil hier ist Flexibilität gepaart mit einer immer noch beträchtlichen Sammelfläche.

Die Zusammenarbeit ist ein Beispiel dafür, dass es schon heute Forschungsfelder gibt, in denen Spitzenforschung ohne China kaum noch möglich ist. Zugleich haben sich die politischen Rahmenbedingungen verschärft. „Unsere Kollegen in China und wir wissen um die angespannte politische Situation. Unsere Daten sind selten kritisch, aber wenn, müssen wir natürlich sehr genau aufpassen. Unsere Forschungskooperation funktioniert gerade deswegen so gut, weil wir auf beiden Seiten offen und transparent mit der Situation umgehen und nichts beschönigen“, sagt Michael Kramer.

Die Radioastronomie ist nur eines von vielen Feldern, in denen China heute eine Schlüsselrolle spielt. Wie es dazu kam, lässt sich an der Entwicklung des Landes in den vergangenen zwei Jahrzehnten ablesen.

Von der Werkbank der Welt zur führenden Wissenschaftsnation

China hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten seine Universitäten, Forschungsorganisationen und Großforschungsanlagen massiv ausgebaut. Heute zählen Einrichtungen wie die Peking University, die Tsinghua University, die Zhejiang University oder die University of Science and Technology of China in vielen Disziplinen zur Weltspitze. Hinzu kommt die Chinese Academy of Sciences mit mehr als 100 Instituten – die größte Forschungsorganisation des Landes und einer der stärksten Akteure im internationalen Wissenschaftssystem. Auch die Zahl des wissenschaftlichen Nachwuchses zeigt, wie rasant sich das Land verändert hat: 2020 schlossen in China rund 3,6 Millionen Studierende ein Studium in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik ab – in den USA waren es im selben Jahr 820.000.

Der Aufstieg Chinas lässt sich auch in internationalen Rankings ablesen: Im Nature Index 2025 stammen acht der zehn forschungsstärksten Einrichtungen weltweit aus China. Im Hochschulranking von Times Higher Education für 2026 liegen fünf chinesische Universitäten unter den 40 besten der Welt. Neben den klassischen Indikatoren wie Veröffentlichungszahlen spiegeln weitere Kriterien die zunehmende wissenschaftliche Leistungskraft Chinas wider: Der Critical Technology Tracker des Australian Strategic Policy Institute sieht China in seiner Auswertung für 2025 inzwischen in zahlreichen Schlüsseltechnologien an der Spitze – von künstlicher Intelligenz über Quantentechnologien bis zur Raumfahrt. In acht der zehn Technologiefelder, die der Tracker 2025 neu aufgenommen hat, liegt China beim weltweiten Anteil besonders einflussreicher Forschungsarbeiten deutlich vor allen anderen Ländern.

Eine Analyse von fast sechs Millionen Forschungsarbeiten, veröffentlicht im Oktober 2025 in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) zeigt zudem: Chinesische Forschende arbeiten längst nicht mehr nur mit, sondern führen internationale Kooperationen zunehmend an: In gemeinsamen Studien mit US-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern lag der Anteil chinesischer Führungspositionen 2023 bereits bei 45 Prozent – 2010 waren es noch 30 Prozent

Damit ist China längst nicht mehr nur ein wichtiger Standort für Forschung und ein bedeutender Kooperationspartner. Das Land gehört heute zu den Akteuren, die zunehmend mitentscheiden, welche Themen, Technologien und Forschungsinfrastrukturen die Wissenschaft der Zukunft prägen.

Warum China für die MPG wichtig ist

China ist nach den USA, Großbritannien und Frankreich derzeit der viertwichtigste Kooperationspartner der Max-Planck-Gesellschaft – gemessen an der Zahl gemeinsamer Publikationen zwischen 2019 und 2024. Besonders eng ist die Zusammenarbeit in der Astronomie und Astrophysik, der Physik, Chemie und den Materialwissenschaften. Innerhalb Chinas ist die Chinese Academy of Sciences (CAS) die wichtigste Partnerin der MPG. Seit mehr als 50 Jahren arbeiten beide Organisationen zusammen. Damit nimmt die MPG im deutschen Wissenschaftssystem eine Pionierrolle ein. Das spiegelt sich auch in der Zahl gemeinsamer Publikationen wider: In den letzten fünf Jahren haben Forschende der MPG und der CAS mehr als 3700 gemeinsame Publikationen veröffentlicht. 

Zugang zu weltweit einzigartigen Großforschungsinfrastrukturen

Was die Kooperation für viele Forschende so attraktiv macht, sind nicht allein gemeinsame Projekte oder Ko-Publikationen. China hat in den vergangenen Jahren massiv in Großforschungsinfrastrukturen investiert – von Radioteleskopen über Teilchenbeschleuniger bis hin zu Supercomputern und hochautomatisierten Laborplattformen. Kurzum: in Anlagen, die in dieser Größe oft nur dort existieren. Ende 2025 waren landesweit bereits 65 solcher nationalen Großforschungsinfrastrukturen in Betrieb oder im Bau. Fast drei Viertel davon werden von Instituten der CAS aufgebaut oder betrieben. Für die MPG eröffnet die langjährige Zusammenarbeit mit der CAS Zugang zu diesen Forschungsanlagen, die in einigen Feldern weltweit einzigartig sind – wie das FAST-Teleskop für die Radioastronomie. 

Das gilt auch für andere Forschungsfelder: Im südchinesischen Huizhou beteiligt sich das Max-Planck-Institut für Kernphysik an der neuen High Intensity Heavy-Ion Accelerator Facility (HIAF), in der von 2027 an schwere Atomkerne zur Kollision gebracht werden sollen. Forschende wollen dort besser verstehen, wie die schwersten Elemente im Universum entstehen – und warum Eisen häufiger vorkommt als Gold. Das Max-Planck-Institut für Kernphysik ist an hochpräzisen Messungen beteiligt und hat beim Aufbau eines Massenspektrometers mitgewirkt.

Zwei im Frühjahr 2026 gestartete Max Planck Center, an denen auch die CAS beteiligt ist, eröffnen ebenfalls Zugang zu neuen Forschungsinfrastrukturen: Das Max-Planck-Asia Center MAC-AIR ermöglicht Forschenden des Max-Planck-Instituts für Chemie den Zugang zum EarthLab in Peking – einem der leistungsfähigsten Supercomputer für Atmosphären- und Klimaforschung. Dort werden atmosphärenchemische Daten unter anderem mit dem 325 Meter hohen Tall Tower Observatory in Peking erhoben und mit Modellrechnungen auf der Supercomputer-Infrastruktur des EarthLab kombiniert. So soll besser verstanden werden, wie Luftverschmutzung, Monsun und Extremwetter zusammenhängen. Im Max Planck-CAS Center for Synthetic Biochemistry wiederum erhalten Forschende des Max-Planck-Instituts für terrestrische Mikrobiologie Zugang zur Shenzhen Synthetic Biology Infrastructure. Hier lassen sich Mikroorganismen automatisiert analysieren, genetisch verändern und mithilfe künstlicher Intelligenz testen.

Exkurs: Wie Max-Planck-Forschende Chinas Forschungsinfrastrukturen nutzen

HIAF: Warum Eisen häufiger ist als Gold

Die High Intensity Heavy-ion Accelerator Facility (HIAF) ist eine Großforschungsanlage in Huizhou in Süd-China, um schwere Ionen (elektrisch geladene Atomkerne) mittels supraleitender Magnete zu beschleunigen, auf eine Bahn zu zwingen, zur Kollision zu bringen und dabei diese Materie zu studieren. Die Zustände, die hier künstlich herbeigeführt werden, spielten etwa nach dem Urknall eine Rolle, als sich im immer noch energetischen und heißen Universum die ersten Atomkerne bildeten oder wenn zwei Neutronensterne kollidieren, wobei Atomkerne mit der höchsten Neutronen- und Protonenzahl, also unter anderem Gold, entstehen. Die hier wirkenden Kräfte und Prozesse soll die Anlage etwa genauer studieren, ebenso wie Isotope, die heute nur selten vorkommen. Einige der Kernfragen sind: "Warum ist Eisen häufiger als Gold?", "Wie entstehen die schweren Elemente?"

Die Gruppe des MPI für Kernphysik kollaboriert bei hochpräzisen Messungen in der Anlage und hat geholfen, einen Präzisions-Penningfallen-Massenspektrometer aufzubauen. Ende 2025 hat das MPI für Kernphysik unter Leitung von Klaus Blaum eine Sommerschule in Huizhou abgehalten, um sich näher mit der neuen Forschungsanlage zu beschäftigen und um auch Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern Einblicke in die Wissenschaftslandschaft Chinas vor Ort zu ermöglichen.

Einstein Probe: Ein neuer Blick auf das extreme Universum

Ein anderes Beispiel ist die Einstein Probe – ein Röntgenteleskop auf einem Satelliten im Orbit um die Erde, der 2024 gestartet wurde. Die Mission wird von der CAS geleitet und gemeinsam mit der European Space Agency (ESA) sowie dem Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPE) entwickelt. Die Einstein Probe beobachtet extreme und kurzlebige Ereignisse im Universum, die Ausbrüche von hochenergetischer Röntgenstrahlung mit sich bringen. Bisherige Röntgenteleskope waren entweder dafür gebaut, einzelne Objekte zu studieren oder in einem großen Himmelsbereich über lange Zeit Daten zu sammeln. Die Einstein Probe vereint erstmals beides: Sie kann viel Röntgenlicht einfangen und gleichzeitig einen großen Teil des Himmels überwachen.

Röntgenausbrüche verraten viel über extreme astrophysikalische Prozesse, wurden bisher aber nur gefunden, weil einschlägige Quellen bekannt waren oder hochvariable Quellen zufällig oder über andere Observatorien entdeckt wurden. Mit dem großen Gesichtsfeld des Einstein Probe lässt sich kontinuierlich das extreme Universum überwachen, können Röntgenausbrüche normalerweise ruhiger schwarzer Löcher entdeckt und schnell reagiert werden, wenn ein Gravitationswellendetektor ein Signal zweier verschmelzender Neutronensterne empfangen hat – ein Ereignis, das bisher erst wenige Male beobachtet wurde, auch mit Ausbrüchen im Röntgenlicht einherging und der Schlüssel dazu ist, wie Materie, schwerer als Eisen, entsteht. Für das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik sind diese Daten besonders wertvoll, weil sie zentrale Forschungsfragen des Instituts betreffen.

EarthLab: Ein Supercomputer für Klima und Luftqualität

Auch in der Klima- und Atmosphärenforschung eröffnet China Zugang zu Infrastrukturen, die in dieser Form nur hier verfügbar sind. Forschende des im Frühjahr 2026 gestarteten Max-Planck-Asia Centers MAC-AIR (Max Planck-Asia Center for unraveling the nexus of AIR pollution, extreme weather, and monsoon in a warming climate: pathways to global solutions) untersuchen die Wechselwirkungen zwischen Aerosolen, Sonneneinstrahlung und Wolken, um die Basis für effektivere Maßnahmen gegen Luftverschmutzung sowie den Klimawandel zu schaffen und für zuverlässigere Vorhersagen von Extremwettern. Die Umweltbedingungen in der Atmosphäre verändern sich in China sehr schnell und ermöglichen es daher auf einzigartige Weise zu untersuchen, wie die sich verändernde Zusammensetzung der Atmosphäre die Luftqualität, das Wetter und das Klima beeinflusst.

Für ihre Studien messen die Forschenden des Institute of Atmospheric Physics der CAS und des Max-Planck-Instituts für Chemie atmosphärenchemische Daten unter anderem mit dem 325 Meter hohen Tall Tower Observatory in Peking. Neben Messungen setzen sie zudem auf Modellrechnungen mit der Supercomputer-Infrastruktur des EarthLab (Earth System Science Numerical Simulator Facility). So wollen sie zum einen die Mechanismen verstehen, wie sich die Atmosphärenchemie auf Wetter und Klima auswirkt, und zum anderen entsprechende Vorhersagen erstellen. Neben der Rechnerinfrastruktur können sie dabei umfangreiche atmosphärenchemische Datensätze der jüngeren Vergangenheit sowie KI-gestützte Modelle für meteorologische Vorhersagen nutzen.  

Shenzhen: Die Fabrik für synthetische Biologie

Das im Frühjahr 2026 gestartete Max Planck Society-Chinese Academy of Sciences Center for Synthetic Biochemistry hat zum Ziel, das enorme Potenzial von Naturstoffen aus Mikroorganismen für Medizin, Pflanzenschutz und andere Anwendungen zugänglich zu machen. Dafür vereint das Center die Expertise des Max-Planck-Instituts für terrestrische Mikrobiologie in Marburg und des Institute of Synthetic Biology der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Shenzhen. Die Forschenden des Max-Planck-Instituts bringen dabei ihre Erfahrung in der Herstellung mikrobiologischer Naturstoffe sowie in der Analyse und im Design von Stoffwechselwegen ein. Auch ihr Wissen darüber, wie sich mikrobielle Naturstoffe ohne Zellen produzieren lassen, wird ein wichtiger Bestandteil der Forschung im neuen Center. Das Institute of Synthetic Biology ergänzt diese Kompetenzen durch automatisierte Labore sowie daten- und KI‑gestützte Methoden zur Identifizierung gänzlich neuer Biosynthesewege. Die Zusammenarbeit eröffnet den Forschenden am Max-Planck-Institut Zugang zu modernen Technologien der synthetischen Biologie in Shenzhen. Dort können sie die Shenzhen Synthetic Biology Infrastructure nutzen – eine Forschungsplattform, auf der Biologie, Automatisierung und künstliche Intelligenz eng zusammenwirken.

Die Shenzhen Synthetic Biology Infrastructure ermöglicht es, Mikroorganismen wie Bakterien, Algen oder Pilze automatisiert zu züchten, zu analysieren und genetisch zu verändern. Die Laborlandschaft misst die von den Mikroorganismen produzierten Stoffe, untersucht deren Struktur und liefert standardisierte Daten für weitere Experimente. In sogenannten „Design-Build-Test-Lern“-Zyklen können Forschende neue DNA-Sequenzen, Stoffwechselwege oder ganze Produktionsprozesse entwickeln. Ein Teil der Infrastruktur plant mithilfe künstlicher Intelligenz komplette Versuchsreihen, führt sie standardisiert durch und wertet die Ergebnisse aus. In der sogenannten Biofoundry Platform lassen sich DNA-Abschnitte, Bakterien oder Hefen automatisiert herstellen und testen. Auf diese Weise könnten künftig neue Wirkstoffe, nachhaltige Produktionsverfahren oder biologische Materialien deutlich schneller entwickelt werden.

Weitere Kooperationsformen mit China

Neben den beiden Max Planck Centern, in denen Forschende über mindestens fünf Jahre gemeinsam an einem Thema arbeiten, setzt die Max-Planck-Gesellschaft in der Zusammenarbeit mit China auf weitere langfristige Formate. Sie sollen den Austausch zwischen Forschenden sichern, neue Themen frühzeitig aufgreifen und junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Zusammenarbeit mit China vorbereiten.

Max-Planck-Partnergruppen

Ein wichtiges Instrument der Zusammenarbeit sind die Max-Planck-Partnergruppen. 1999 nahm in China die weltweit erste Partnergruppe der Max-Planck-Gesellschaft ihre Arbeit auf. Das Programm verfolgt das Ziel, den Kontakt der Max-Planck-Institute zu ehemaligen Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aufrechtzuerhalten, nachdem sie in ihr Heimatland zurückgekehrt sind. Die Gruppen werden jeweils für fünf Jahre eingerichtet und von Forschenden an einer Einrichtung in China geleitet, die zuvor an einem Max-Planck-Institut gearbeitet haben. Seit Ende der 1990er Jahre entstanden auf diese Weise mehr als 70 Max-Planck-Partnergruppen in China. 2025 gab es 13 aktive Gruppen, unter anderem an der Peking University, der Fudan University in Shanghai, der Wuhan University, der University of the Chinese Academy of Sciences sowie an mehreren Instituten der CAS.

Für die MPG sind die Partnergruppen mehr als ein Förderinstrument für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Sie schaffen langfristige Netzwerke, halten den Kontakt zu besonders qualifizierten Forschenden aufrecht und eröffnen Zugänge zu Universitäten und Forschungseinrichtungen in China. Gerade in politisch schwierigen Zeiten sind diese gewachsenen Beziehungen oft entscheidend, um Zusammenarbeit fortsetzen und neue gemeinsame Projekte anstoßen zu können.  [Mehr]

Exploratory Round Table Conferences (ERTC): Gemeinsam das Potenzial neuer Forschungsbereiche erkunden

Ein Format, mit dem MPG und CAS neue Forschungsfelder gemeinsam erschließen, sind die „Exploratory Round Table Conferences“ (ERTC). Seit 2010 bringen sie in Shanghai Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, China und weiteren Forschungseinrichtungen anderer Länder zusammen. Die ERTC richten den Blick bewusst auf Themen, deren wissenschaftliches Potenzial gerade erst sichtbar wird. Anders als klassische Konferenzen sollen sie nicht nur den Stand der Forschung abbilden, sondern als Keimzelle für neue Themen und Kooperationen dienen. Führende Forschende diskutieren dort, welche Fragen künftig wichtig werden könnten und wo gemeinsame Projekte sinnvoll wären. Aus den Gesprächen entstehen Empfehlungen an die Präsidenten der MPG und der CAS. 

Seit 2010 standen unter anderem synthetische Biologie, Quanteninformation, Weltraumforschung, personalisierte Medizin, Big Data, Tierverhalten oder Großforschungsanlagen im Mittelpunkt. Viele dieser Themen haben sich inzwischen zu wichtigen Forschungsfeldern entwickelt. Die jüngste Konferenz fand Ende 2025 statt und beschäftigte sich mit Organoiden, Selbstorganisation und Bioengineering. Für die MPG sind die ERTC damit eine Art Kompass: Sie helfen, wissenschaftliche Trends früh zu erkennen und dort Partnerschaften aufzubauen, wo China in Zukunft eine besonders wichtige Rolle spielen könnte. [Mehr] 

Mit Summer Schools junge Forschende auf China vorbereiten

Nach der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding im Oktober 2024 veranstalteten MPG und CAS im Jahr 2025 erstmals gemeinsame Summer Schools in China. Zwischen Mai und November kamen in Peking und in der Provinz Guangdong jeweils rund 20 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus beiden Ländern zusammen. Die Themen reichten von Atmosphärenchemie und Kohlenstoffkreisläufen über Astronomie bis zur synthetischen Biologie und Präzisionsphysik.

Die Summer Schools vermitteln nicht nur fachliches Wissen. Viele der Teilnehmenden hatten zuvor kaum Erfahrung mit China. Deshalb wurden die Programme durch begleitende Online-Seminare ergänzt, in denen es auch um die chinesische Wissenschaftslandschaft und die politischen Rahmenbedingungen ging. Für die MPG sind die Summer Schools deshalb mehr als ein Nachwuchsformat. Sie sollen dazu beitragen, dass junge Forschende früh China-Kompetenz aufbauen – und lernen, wie wissenschaftliche Zusammenarbeit in einem politisch sensiblen Umfeld gelingen kann.

Strategieprojekte mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften 

Seit 2018 kooperieren Forscherinnen und Forscher von Max-Planck und der Chinese Academy of Sciences (CAS) in strategisch ausgewählten wissenschaftlichen Schwerpunktbereichen. In Gebieten wie der Radioastronomie beziehungsweise der Gravitationswellenastronomie, der Biophysikalische Chemie sowie der Ökologie und den Verhaltenswissenschaften erhält die Max-Planck-Geselleschaft privilegierten Zugang zu teils weltweit einzigartigen und exzellenten Infrastrukturen der CAS. Das Ergebnis: Beide Seiten treiben gemeinsam wissenschaftliche Projekte auf Augenhöhe voran und profitieren gleichermaßen davon.

Kooperation mit der Peking Universität

Seit mehreren Jahren verstärkt Max-Planck die Zusammenarbeit mit chinesischen Top-Universitäten. Diese werden als Partner für die Max-Planck-Institute immer wichtiger. Seit April 2019 unterhält die Max-Planck-Gesellschaft ein Abkommen mit der Peking University. Der Fokus liegt auf wechselseitiger Mobilität und Nachwuchsgewinnung. 

Kooperation mit Hongkong

Ein Postdoc-Programm mit der renommierten Croucher Foundation in Hongkong soll herausragenden Hongkonger Nachwuchsforschenden in den Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Medizin einen 2+1-jährigen Aufenthalt an einem Max-Planck-Institut ihrer Wahl ermöglichen.

Wie die MPG einen kritisch-konstruktiven Umgang mit China gestaltet

Je wichtiger China für die internationale Forschung wird, desto stärker rücken auch die Risiken der Zusammenarbeit in den Blick. Innenpolitische Entwicklungen in China, die verschärfte geopolitische Lage und vor allem die enge Verflechtung zwischen ziviler und militärischer Forschung stellen Wissenschaftsorganisationen in ihren Kooperationen mit chinesischen Partnern vor neue Herausforderungen.

Für die Max-Planck-Gesellschaft steht nicht die Frage im Raum, ob sie mit China kooperiert – sondern wie. „Gerade in schwierigen Zeiten wie diesen müssen wir in der Wissenschaft zusammenstehen, bestehende Brücken aufrechterhalten und neue bauen – ohne dabei Risiken einzugehen“, sagte MPG-Präsident Patrick Cramer. Viele globale Herausforderungen – vom Klimawandel über bedrohte Ökosysteme bis zur Transformation der Industrie – ließen sich nur gemeinsam bewältigen.

Der Senat der MPG hat deshalb 2023 Handlungsempfehlungen für die Zusammenarbeit mit China verabschiedet. Ihr Ziel ist es, Kooperationen auch unter veränderten politischen Bedingungen weiter zu ermöglichen – aber auf einer fundierten Grundlage. Zusammenarbeit wird unter dem Aspekt einer Nutzen-Risiko-Analyse geprüft. Im Zentrum stehen dabei zwei Fragen: In welchem institutionellen Umfeld arbeitet der mögliche Partner? Und wie sensibel ist das Forschungsthema? Entscheidend ist unter anderem, inwieweit eine Universität oder Forschungseinrichtung in militärische, sicherheitsrelevante oder menschenrechtsgefährdende Forschung eingebunden ist. Ebenso wird gemeinsam mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geprüft, ob die geplante Zusammenarbeit Forschungsbereiche betrifft, die besonders sensibel sind.

Für diese Bewertung hat die MPG eine „China-Ampel“ entwickelt. Sie hilft Forschenden und Instituten, Nutzen und Risiken einer möglichen Kooperation systematisch einzuordnen. Begleitet wird der Prozess durch eine China-Servicestelle und den China Council, ein wissenschaftliches Beratungsgremium der MPG. Ergänzt wird dies durch den sektionsübergreifenden China Roundtable, der im Dezember 2020 ins Leben gerufen wurde. Ziel der Expertengremien ist es, aktuelle wissenschaftspolitische Entwicklungen in China zu bewerten sowie Best Practices und mögliche Strategien für die Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern zu entwickeln.

Der Ansatz der MPG setzt dabei bewusst nicht auf pauschale Verbote. Stattdessen sollen Forschende in die Lage versetzt werden, Chancen und Risiken ihrer Kooperationen selbst einschätzen zu können. Dazu gehört auch, die eigene China-Kompetenz zu stärken: Wer heute mit China zusammenarbeitet, braucht nicht nur wissenschaftliche Expertise, sondern auch ein Bewusstsein für und Zugang zu relevantem Wissen über politische Entwicklungen, Institutionen und kulturelle Unterschiede. So hält die MPG an wissenschaftlicher Offenheit fest, ohne die Risiken der Zusammenarbeit mit China auszublenden.

China wird die internationale Wissenschaft in den kommenden Jahren weiter prägen. Für die Max-Planck-Gesellschaft ist die Antwort darauf nicht weniger Zusammenarbeit, sondern eine Zusammenarbeit, die informiert, verantwortungsvoll und strategisch gestaltet ist. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt die Kooperation von Michael Kramer mit seinen Kolleginnen und Kollegen in China. Trotz komplexer politischer Rahmenbedingungen hält er an der Zusammenarbeit fest – weil sie Spitzenfoschung ermöglicht und nur funktioniert, wenn beide Seiten offen mit den Risiken umgehen. „Es ist unser aller Ziel, beste Wissenschaft zu machen – und das geht nur, wenn wir die Stärken in Deutschland und China bündeln“, sagt Kramer.

PM

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