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Topthema: Open Access

Zehn Jahre nach Abschluss der Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen blickt Peter Gruss auf die Fortschritte bei Open Access und benennt Herausforderungen, die gemeinsam anzugehen sind.

Open Access ist nicht zu stoppen

7. Oktober 2013

Zehn Jahre nach Abschluss der Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen blickt Peter Gruss auf die Fortschritte bei Open Access und benennt Herausforderungen, die gemeinsam anzugehen sind. [mehr]

30 Tage Open Access

Was bedeutet Open Access für Museen, Archive und Bibliotheken – die traditionellen Orte, Wissen zu speichern? Welche Spielregeln braucht es? Aus Anlass des 10. Jahrestages der „Berliner Erklärung“ bietet die Max Planck Science Gallery bis zum 23. Dezember 2013 zahlreiche Veranstaltungen in Berlin an.

Living Reviews

„Ein Stück weit das Wikipedia der Wissenschaft“

Die Online-Zeitschriftenreihe Living Reviews gilt in den Fachcommunities als erste Informationsinstanz

13. November 2013

Bernard Schutz, Direktor am MPI für Gravitationsphysik und Initiator der Open-Access-Zeitschriftenreihe, erklärt sein Erfolgskonzept – und beschreibt, welche Hürden noch zu nehmen sind.
Bernard Schutz, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik Bild vergrößern
Bernard Schutz, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik

Herr Schutz, die Living Reviews gelten als Pionierprojekt bei Open Access. Was macht das Besondere aus?

Review-Zeitschriften folgen dem Prinzip, dass sie wissenschaftliche Überblicksartikel zu einem bestimmten Fachgebiet enthalten. In solchen Artikeln steckt enorm viel Arbeit. Einmal auf Papier gedruckt, veralten sie schnell – deshalb hatte ich Ende der 1990er-Jahre die Idee zu den Living Reviews, die nur online erscheinen und somit als „lebende Artikel“ upgedatet werden können, wenn es neue Erkenntnisse gibt.

Die Artikel sind frei verwendbar, es gibt Multimedia-Elemente – das klingt in Summe ein wenig nach Wikipedia ...

Ein interessanter Punkt. Eins vorweg: Wir sind älter als Wikipedia, die ersten Beiträge in der Living Reviews in Relativity erschienen 1998. Und vom Prinzip gibt es zentrale Unterschiede: Während bei Wikipedia alle Nutzer mitschreiben können, ist das bei den Living Reviews anders. Es gibt ausgewählte Autoren und striktes Peer Review – das sichert die Qualität. Zudem sind unsere Beiträge gern einmal über 100 Seiten lang, enthalten natürlich auch Animationen, Grafiken oder Bilder. Aus Nutzersicht gibt es aber schon Gemeinsamkeiten: Während die Leute sich für den Alltag über Wikipedia informieren, sind wir für unsere Fachcommunity Erstinformationsquelle geworden. So gesehen kann man schon ein Stück weit von Wikipedia der Wissenschaft sprechen – wobei aber ein höherer Standard gilt, weil die Beiträge verbindliche Referenz sein sollen.

Wie können Sie den Erfolg messen?

Zu den Living Reviews gehören mittlerweile fünf Titel – und die Zahlen zeigen, dass die jeweiligen Communities in immer stärkerem Maß auf die Webseiten zugreifen. Die Downloads nehmen zu, bei der Living Reviews in Relativity wird im Schnitt jeder der über 100 Artikel einmal täglich heruntergeladen – bedenkt man, dass es sich um eine Community von vielleicht etwa 2000 Forschern weltweit handelt, ist das beachtlich. Zudem hat das Journal bei der Zitationsanalyse einen sehr hohen Impactfaktor und zählt zu den ersten Adressen seines Fachgebiets und weltweit zu den Top 50 von 8000 erfassten Journals. Ähnlich erfolgreich ist die Living Reviews in Solar Physics, die unter die Top 100 kommt. Die hohe Qualität drückt sich aber nicht allein über diese Statistik aus, sondern zeigt sich auch in der Nachfrage. Und da haben auch unsere Schwesterzeitschriften eine sehr gute Akzeptanz.

Wie sichern Sie diese Qualität?

Entscheidend ist die Zusammenstellung des Editorial-Boards, in dem ausgezeichnete Forscherkollegen aus aller Welt vertreten sind. Sie nutzen ihr sehr gutes Netzwerk, um die Autoren für einzelne Fachbereiche ausfindig zu machen. Diese werden dann eingeladen – und weil es eben berühmte Leute sind, wird es als Anerkennung und Ansporn angesehen, einen Artikel zu schreiben. Auch das ist eine Grundlage für das hohe Engagement, mit dem die Texte verfasst und vom Autor aktuell gehalten werden. Außerdem spielen die Referees eine wichtige Rolle und weisen auf eventuelle Unausgewogenheiten oder Arbeiten hin, die die Autoren übersehen haben.

Auf welchem Weg finanziert sich ein solches Projekt?

Normalerweise zahlt bei Open Access der Autor für seine Veröffentlichung, so wird die Publikation finanziert. Aber weil es bei uns nicht um brandneue Ergebnisse, sondern Überblickswissen geht, kann man das nicht verlangen. Deshalb sind wir auf Förderung angewiesen und sehr dankbar, dass uns die Max-Planck-Gesellschaft dabei ganz wesentlich unterstützt – über zentrale Mittel und von der Max Planck Digital Library. Aber auch die Institute, die die Herausgeberschaft innehaben, tragen dazu bei. Das ist bei der Living Reviews in Relativity mein Institut und bei der Living Reviews in Solar Physics das Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung. Die übrigen drei Titel gehören zur gemeinsamen Marke, werden aber von externen Partnern finanziert. Weder der Autor noch die Referees oder die Mitglieder des Editorial-Boards erhalten Geld.

Wie sehen die weiteren Pläne aus?

Noch in diesem Jahr soll die Living Reviews in Computational Astrophysics, herausgegeben von Max-Planck-Institut für Astrophysik, dazukommen. Und wir führen Gespräche mit anderen Forschungsorganisationen, weil das Interesse an weiteren Titeln groß ist. Wir geben Unterstützung im Gründungsprozess, bieten den Markennamen frei an. Aber die Partner müssen sich um die stabile Finanzierung für den Betrieb kümmern. Das ist nicht immer einfach, aber ich bin überzeugt, dass die Living Reviews weiter wachsen werden, weil das Konzept gut ist – und Open Access insgesamt auf dem Vormarsch.

Wie beurteilen Sie diesen Fortschritt?

Seit 2003, als wir die Berliner Erklärung gemacht haben, ist sehr viel geschehen. Open Access ist als Modell akzeptiert. Wir und viele andere Zeitschriften haben gezeigt, dass Open Access und Qualität sehr gut zusammengehen können. Jetzt sind vielleicht etwa zehn Prozent der Literatur direkt über Open-Access-Journals verfügbar. Ich denke, dass sich dieser Prozentsatz in den nächsten zehn Jahren deutlich steigern wird. Wichtig ist, dass die Forschungsorganisationen Lösungen finden, damit die Kosten der Publikation für den Autor gedeckt sind. Diese Modellwende, vom Abonnement- zum Publikationskostensystem, ist eine Herausforderung, weil sie zentral das Geschäftsmodell der Verleger betrifft. Aber ich sehe keine Alternative, weil das Abosystem nicht zum Web passt. Und wenn sich die Verleger nicht beteiligen, besteht für deren klassische Zeitschriften die Gefahr, dass die nächste Generation von Wissenschaftlern ohne sie publiziert.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jens Eschert.

 
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