„Ich erlebe hier eine Form von Austausch, die mich sehr beeindruckt.“

Als junger Rechtsreferendar kam Friedrich Springorum erstmals mit der Max-Planck-Gesellschaft in Berührung — und fördert sie nun seit fünf Jahrzehnten. Im Interview spricht er über seine familiären Prägungen, seinen beruflichen Weg – und darüber, warum ihn die Prinzipien der Forschungsorganisation bis heute überzeugen.

Interview: Julia Meyer-Hermann

Herr Springorum, Sie sind seit fast fünf Jahrzehnten Förderndes Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft. Erinnern Sie sich an Ihre ersten Berührungspunkte?
Friedrich Springorum: Ich war damals 28 Jahre alt und Gerichtsreferendar. Mein Vater war Ingenieur und als Vorstand des Verbands der Eisenhüttenleute seit vielen Jahren Förderndes Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft. Er lud mich ein, ihn zu einer Hauptversammlung zu begleiten. Er wollte mir zeigen, was ihn mit dieser Gemeinschaft verband, etwa wenn er im Senat der Organisation mitarbeitete. Wir teilten das Interesse an Wissenschaft und Forschung, das hat uns immer geeint.

Wie haben Sie diese erste Begegnung erlebt?
Für mich ist die MPG seitdem ein redlicher, der Wahrheitsfindung verpflichteter Raum. Der Umgang miteinander ist von Respekt geprägt, und es geht spürbar um die Sache, weniger um Selbstdarstellung oder Macht. Das hat sich mir bei meinem ersten Besuch gezeigt. Ich war beeindruckt von der Art, wie bei dieser Versammlung miteinander gesprochen wurde: sachlich, respektvoll, mit wirklicher Neugier.

Diese Haltung hat mich sehr überzeugt – und überzeugt mich bis heute. Ich wurde damals als Förderndes Mitglied aufgenommen. Entscheidend war wohl mein wahrhaftiges Interesse an dieser Form wissenschaftlicher Begegnung – und die langjährige Verbindung meines Vaters und der Familie zur MPG. Heute ist die Aufnahme stärker formalisiert, es gibt Auswahlverfahren und Gremien. Nur aufgrund einer langen Familientradition aufgenommen zu werden, wäre heute kaum möglich.

Es ist wichtig und gut, sich mit ganzer Kraft einer Aufgabe zu widmen.
Friedrich Springorum

Wann begann das Engagement Ihrer Familie für die Max-Planck-Gesellschaft?
Das reicht zurück bis zur Frühzeit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), also noch vor der Gründung der heutigen Max-Planck-Gesellschaft. Mein Urgroßvater war an der Einrichtung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Eisenforschung beteiligt, dem Vorgänger des heutigen Max-Planck-Instituts für nachhaltige Materialien.

In meinen Unterlagen befindet sich ein Protokoll vom 9. Juli 1917, das die Gründung in Aachen dokumentiert. Für mich bemerkenswert in diesem Dokument ist, wie klar dort die Rollen gegenseitiger Verantwortung beschrieben werden: Wissenschaft und Wirtschaft gehen ein, was wir heute „Public-Private-Partnership“ nennen würden. Das zeigt, wie früh schon darüber nachgedacht wurde, Forschung praktisch und zugleich gesellschaftlich wirksam zu gestalten.

Engagement für die eigene Sache – indem man andere Menschen mitnimmt.  

Sie selbst kommen nicht aus den Natur- oder Ingenieurwissenschaften, sondern haben Jura studiert.
Mein Vater war Ingenieur und hat das sein ganzes Leben lang missbilligt, vollkommen unabhängig von meinem beruflichen Erfolg. Er hat gesagt: „Jurist wird man nicht, Juristen hält man sich.“ Er war ein "Homo faber": technisch-sachlich und geleitet, das Leben allein mit Rationalität meistern zu können... 

…Welche Konsequenzen hatte das für Ihren Lebensweg?
Ich habe versucht, mich von dieser Haltung unabhängig zu machen. Mein Vater hat in den Hüttenwerken von Mannesmann oder Salzgitter AG immer wieder Innovationen eingeführt. Das waren Anregungen, die er aus seinem Austausch am Institut mitgenommen hat. Diese Impulse waren für die Betriebe langfristig von großem Nutzen.

Er war sehr engagiert, seiner Sache stark verpflichtet. Aber er hat dabei oft Menschen als Mitstreiter unterwegs verloren, die seinen Ideen nicht folgen konnten oder anderer Meinung waren. Ich habe mir damals gesagt: „Das will ich anders machen!“

Es ist wichtig und gut, sich mit ganzer Kraft einer Aufgabe zu widmen. Gleichzeitig habe ich früh verstanden, wie entscheidend es ist, Menschen für die eigenen Ideen zu gewinnen. Für mich wurde es wichtig zu moderieren, auszugleichen, Beziehungen nicht zu belasten, sondern so zu gestalten, dass Zusammenarbeit möglich bleibt.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Austausch mit anderen Menschen für Sie besonders wichtig ist?
Das hat sich sehr früh gezeigt, weil mir etwas gefehlt hat. Ich lebte während meiner Kindheit in einer Art „splendid isolation“. Wir sind als Familie oft umgezogen. Es gab wenig Kontakt zu Schulkameraden. Ich habe meist in Häusern mit großen Grundstücken gelebt, die Schulen waren weit entfernt. Viel Zeit habe ich in den Gärten verbracht – meine Naturliebe mag da herrühren. Mir hat der Austausch gefehlt, zu Hause war es mir oft langweilig.

Ich habe mich dann entschieden, auf ein Internat zu gehen: die Odenwaldschule. Ich war dort nur für die letzten beiden Schuljahre bis zum Abitur, aber diese Zeit gehört zur glücklichsten meines Lebens. Ich war dort umgeben von interessierten, offenen Jugendlichen und von Lehrern, die echte Persönlichkeiten waren. Zum ersten Mal habe ich erlebt, was ein im Inneren aufgestoßenes Fenster bewirkt, wie bereichernd und verbindend gemeinsames Leben, Lernen und Diskutieren sein kann. Diese Erfahrung habe ich später noch einmal gemacht, als ich Förderndes Mitglied der MPG wurde. Auch dort gab es  eine Form des Austauschs, die von Offenheit, Respekt und ernsthaftem Interesse geprägt war.

Freiheit des Geistes und Bedeutung von Bildung

Sie haben nach Ihrem Jurastudium viele Jahre in verschiedenen Führungspositionen bei einer großen deutschen Bank gearbeitet. 2003 haben Sie diese Karriere beendet. Was hat diesen Schritt ausgelöst?
Es fiel auf, dass Führung häufig über Macht und Vorgaben funktionierte, weniger über Dialog. Für mich wurde immer deutlicher, dass das nicht meine Arbeitswelt war. Ich wollte Verantwortung übernehmen, ich wollte führen, aber auf eine andere Weise – mit mehr Gespräch, mehr Reflexion und mehr Aufmerksamkeit für die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet.

Ich habe mich als Unternehmensberater und Coach selbständig gemacht, intensiv weitergebildet, mehreren Coaching-Ausbildungen absolviert, sowie eine mehrjährige Ausbildung zum philosophischen Praktiker. Der Weg war fordernder, aber er entsprach mir mehr – zumindest, wenn ich heute auf mich schaue. Ich hätte auch für andere Menschen nicht glaubwürdig sein können, wenn ich nicht zu einem Menschen geworden wäre, der mit sich selbst im Reinen ist. Tatsächlich hatte Max-Planck an dieser Entwicklung einen wichtigen Anteil…

…Inwiefern?
Ich habe dort Menschen getroffen, die so miteinander umgehen, wie es mir richtig erschien. Mich beeindruckt die Freiheit des Geistes, die dort spürbar ist, der hohe Stellenwert von Wissen und Bildung. Forschung darf dort stattfinden, ohne von vornherein auf ein festes Ziel oder eine unmittelbare Verwertung ausgerichtet zu sein. Dieses Prinzip empfinde ich als außerordentlich wertvoll.

Wie engagieren Sie sich heute für die Max-Planck-Gesellschaft?
Natürlich leiste ich auch einen finanziellen Beitrag, aber mein eigentlicher Einsatz ist ein anderer. Ich verstehe mich vor allem als Kommunikator. Ich spreche über die MPG, wo immer sich die Gelegenheit ergibt, stelle sie vor, erzähle von meinen Erfahrungen und ihren Grundsätzen, um Menschen dafür zu gewinnen.

Denn viele Menschen wissen gar nicht, was die MPG eigentlich tut. Genau hier gibt es eine Chance: Aufmerksamkeit zu erzeugen, Begegnungen zu ermöglichen und durch persönliche Berichte Neugier zu wecken. Wenn man erzählt, wie dort gearbeitet wird, wie der Umgang miteinander ist und was Forschung dort leistet, so entsteht Interesse – und manchmal dann der Wunsch, selbst Teil dieser Gemeinschaft zu werden.
 

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