Neugier, Klarheit, Haltung
Susanne Klinke lebt, was Max Planck formulierte: Erkennen, was ist – und daraus etwas machen. Ihr Forschergeist hat sie nie verlassen, auch nicht, als ein Studium unmöglich war. Heute fördert sie Max-Planck aus Überzeugung.
Text: Julia Meyer-Hermann
„Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen.“ Wenn Susanne Klinke über ihr Leben redet, kommt sie schnell auf dieses Zitat von Max Planck zu sprechen. Auf ihre Maxime, wie sie sagt, ihren inneren Kompass. „Danach habe ich immer gehandelt. Das war schon so, bevor ich überhaupt wusste, wer den Satz geprägt hat“, erklärt die heute 92-Jährige. Für sie bedeutet es: zunächst die Situation erfassen. Erkennen, was sinnvoll und machbar ist. Und dann agieren.
Wer die ehemalige Lehrerin in Travemünde besucht, trifft eine Frau, die ihr Gegenüber mit wachem Blick betrachtet: aufmerksam, ja, auch ein wenig prüfend, aber nie unfreundlich. Man spürt sofort ihre sachliche Klarheit, ihre Entschiedenheit. Auch ihren heutigen Lebensmittelpunkt, eine Seniorenresidenz mit Blick auf die Ostsee, hat Susanne Klinke selbst ausgesucht. Sie hat fünf Jahre auf den Platz gewartet. „Aber solche Entscheidungen trifft man nach reiflicher Überlegung. Hier habe ich, was ich brauche.“
Das Planck’sche „Erkennen vor dem Handeln“ hat ihr in vielen Momenten geholfen, auch in lebensentscheidenden Situationen: bei der Flucht im Zweiten Weltkrieg, beim unbeirrbaren Streben nach Bildung – und auch bei ihrer heutigen Entscheidung, welche Forschung sie unterstützt.
Sie ist Persönlich Förderndes Mitglied und mit ihrem Vermögen unterstützt Susanne Klinke seit Jahren die Max-Planck-Gesellschaft, zuletzt die Institute für Ornithologie und Evolutionsbiologie. Vielleicht auch, weil es ihr eigener Lebenstraum gewesen wäre, ein naturwissenschaftliches Studium zu absolvieren und selbst zu forschen. Diese Möglichkeit hatte sie nicht. Doch die Freude am Entdecken, am Verstehen, war immer da.
Eine von Susanne Klinkes frühesten Erinnerungen spiegelt genau das wider: Sie wächst in Gleiwitz in Oberschlesien auf, ist viel draußen unterwegs. Eines Tages, sie ist sieben oder acht Jahre alt, entdeckt sie auf einem Feld eine tote Maus. Andere Kinder hätten sich vielleicht geekelt; Susanne Klinke hingegen will wissen, wie ein Herz aussieht. Sie nimmt eine Glasscherbe - „Ich wusste, dass die scharf wie ein Messer ist“ - und schneidet die Maus vorsichtig auf. „Ich war so beeindruckt davon, wie alles zusammenhängt.“
1945 muss Susanne Klinke mit ihrer Mutter und der jüngeren Schwester aus Oberschlesien fliehen. Der Vater ist an der Front, die Mutter will mit den Kindern nach Berlin durchkommen. Auf der Flucht werden sie getrennt. Die Elfjährige gerät allein in russische Gefangenschaft. Sechs Wochen dauert das Martyrium, über die genauen Umstände spricht die 92-Jährige nur zurückhaltend. Aber sie erinnert sich: „Ich wusste, dass ich einen kühlen Kopf bewahren muss.“ Als die Gefangenen verlegt werden sollen, erkennt Klinke ihre Chance: Sie lässt sich unauffällig ans Ende des Trecks zurückfallen und versteckt sich in einer Gartenkolonie unter trockenem Laub. Als alle außer Hörweite sind, steht sie auf und läuft los, findet einen Bahnhof. Schließlich erreicht sie Berlin, wo sie ihre Familie ausfindig macht.
In Berlin kann Susanne Klinke endlich wieder zur Schule gehen. Zwei Jahre Unterricht hat sie verpasst, doch sie organisiert sich selbst den Besuch einer höheren Schule. In dieser Zeit lernt sie ihren späteren Mann, Erhard Klinke, kennen. Schon in der Grundschule saßen sie nebeneinander, auf dem Gymnasium begegnen sie sich wieder. Er ist Klassenbester, ehrgeizig, zielstrebig; sie teilt seinen Wissensdrang.
Nach dem Abschluss studiert er Jura. Susanne Klinke hat diese Möglichkeit trotz sehr guter Abiturnoten nicht. Das Geld in der Familie ist knapp, an ein Studium nicht zu denken. Sie besucht die höhere Handelsschule mit Maschinenschreiben, Stenografie und Wirtschaftsgeografie – „wenigstens das habe ich mir erkämpft“ – und arbeitet anschließend bei der Bank.
1958 heiraten Erhard und Susanne Klinke, 1961 wird die Tochter geboren. Während ihr Mann im Staatsdienst Karriere macht – zunächst beim Kreiswehrersatzamt Hannover, später im Wissenschaftsministerium in Bonn, wo er für Universitäten und Forschungseinrichtungen zuständig ist – kümmert sich Susanne Klinke um Familie und Kind. „Alle sagten, ich hätte doch ein schönes Leben – ich könne Tennis spielen, einkaufen gehen, Gesellschaften geben“, erinnert sie sich. „Aber ich dachte nur: Ich verblöde.“
Die Lichtblicke in dieser Zeit sind die Reisen und Tagungen, zu denen sie ihren Mann begleiten darf – Vorträge, Institutsbesichtigungen, Begegnungen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Über ihren Mann lernt sie die Max-Planck-Gesellschaft kennen. Aus dieser Zeit rührt ihre bis heute ungebrochene Begeisterung für die Wissenschaft. „Dort konnte ich Dinge erfahren, die mich schon immer interessiert hatten.“ Einiges erinnert sie noch, als sei es erst gestern gewesen: der Vortrag von Emmanuelle Charpentier zum Beispiel, die gemeinsam mit der amerikanischen Biochemikerin Jennifer Doudna die Genschere CRISPR entwickelte. „Sie hat immer weiter gefummelt, gefummelt, nichts klappte, bis es plötzlich funktionierte. Diese Geduld, dieses Dranbleiben – das war für mich wahnsinnig eindrucksvoll.“
Erkennen, was ist. Erkennen, was möglich ist. Handeln.
Als die Tochter älter wird, ermutigt ihr Mann sie: „Jetzt bist du dran, mach das, was du schon immer wolltest.“ Mit Ende dreißig beginnt Susanne Klinke ein Lehramtsstudium für Wirtschaft und Deutsch, besteht beide Staatsexamina und geht in den Schuldienst.
1974 wird ihr Mann nach Lübeck berufen, um als Gründungspräsident am Aufbau der neuen Universität mitzuwirken. „Er war ein glänzender Verwaltungsjurist, und seine Fähigkeit, wissenschaftliche Zusammenhänge zu begreifen, war außergewöhnlich“, sagt Susanne Klinke. „Er konnte mit Professoren auf Augenhöhe sprechen, verstand ihre Themen, ohne selbst Wissenschaftler zu sein.“ Sie selbst arbeitet an einer Realschule. Gleichzeitig hilft sie ihrem Mann bei Empfängen und Besuchen, hat Gäste aus Japan, den USA, aus ganz Europa. „Das war manchmal anstrengend, aber auch spannend. Wir hatten plötzlich Einblick in andere Welten.“
2007 stirbt ihr Mann. Sie übernimmt seine Fördernde Mitgliedschaft in der Max-Planck-Gesellschaft. Die gemeinsame Tochter ist inzwischen Kieferorthopädin, die drei Enkelkinder haben studiert. „Alle Akademiker“, sagt Susanne Klinke mit leiser Zufriedenheit.
In der Seniorenresidenz in Travemünde hat sie sich ein neues Netzwerk geschaffen – und bleibt der Wissenschaft verbunden. Nach wie vor interessiert sie sich brennend für die Forschung, die bei Max-Planck betrieben wird. Sie organisiert Ausflüge für andere Bewohnerinnen und Bewohner, schreibt an Institute, fragt nach Themen, Terminen und Führungen. Zuletzt reiste sie mit einer kleinen Gruppe – „alles Akademiker, drei Ärzte waren dabei“ – zum Institut für demografische Forschung in Rostock und Institut für Evolutionsbiologie in Plön. Wenn es nach ihr geht, steht demnächst ein Besuch im Institut für Klimaforschung in Hamburg an. Nebenbei interessiert sich die 92-Jährige seit kurzem für Quantenphysik und KI, verfolgt wissenschaftliche Vorträge im Fernsehen, liest Fachartikel und sagt: „Das ist jetzt mein neues Hobby.“
Ja, sie wäre selbst gern Forscherin geworden. Heute gefällt ihr der Gedanke, dass sie bei der Max-Planck-Gesellschaft andere in ihrer Forschung unterstützen kann. Und so auch ihre Haltung weitergibt: Erkennen, was ist. Erkennen, was möglich ist. Und dann handeln.



