Vom Bauernhof zu Max-Planck

Sven Lüttke weiß, was es heißt, mit wenig auszukommen – und was eine Chance bedeuten kann. Als Schüler erhielt er ein Stipendium, als junger Forscher wurde er von der Max-Planck-Gesellschaft unterstützt. Heute, mit 88 Jahren, will der promovierte Chemiker dem Forschungsnachwuchs etwas zurückgeben.

Text: Julia Meyer-Hermann

„Heute Nacht waren wieder Rehe im Garten!“ Sven Lüttke sieht es an den Rosen, von denen die jungen, frischen Blätter abgeknabbert wurden. „Diese Mistviecher!“, schimpft der 88-Jährige leise – und lacht dann. „Na ja, die gehören ja auch hierher.“ Schließlich teilt man sich die Natur.

Sven Lüttkes Haus liegt am Ortsrand von Ockenheim, einem kleinen Weinort bei Bingen. Der Garten ist groß – etwa dreitausend Quadratmeter – und gepflegt, ohne akkurat zu wirken. Der promovierte Chemiker, seit gut zwanzig Jahren Rentner, verbringt hier viel Zeit, schneidet Sträucher, pflanzt neue Stauden, beobachtet die Veränderungen. Wer ihn besucht, dem zeigt er als erstes den Blick über wellige Wiesen und Weinberge.

Die Ruhe, die ihn hier überkommt, wenn er auf das Grün und die Hügel blickt, erinnert ihn an frühere Tage in den Bergen. Jahrzehntelang hat er hochalpine Bergtouren unternommen: im Wallis, mit einer Freundesgruppe, die er seine „Alpenschlange“ nennt. „Meine Frau, zwei weitere Ehepaare und ein Solist – wir waren ein Siebener-Trupp. Allesamt schwindelfrei, trittsicher und erfahren im Umgang mit Steigeisen und Seil“, erzählt er. „Ich habe selbst auf einige Viertausender geführt.“ Jede Tour war für ihn eine Mischung aus Anstrengung und geteilter Freude, aus Vertrauen und gegenseitiger Verantwortung. „Ich habe auch bei einer Rettung mitgemacht, als meine Hilfe benötigt wurde“, sagt er.

Diese Haltung prägt sein ganzes Leben. Sie zeigt sich heute auch in seinem Entschluss, anderen etwas von der Unterstützung zurückzugeben, die er selbst erfahren hat. Mit seinem Vermögen fördert Sven Lüttke die Max-Planck-Gesellschaft und die Technische Hochschule Bingen: „Auch als Dank für das Forschungsstipendium, das ich damals in Berlin hatte.“ Ohne diese Förderung, so sieht es der 88-Jährige heute, hätte er selbst vieles nicht erreichen können.

Sven Lüttke wird 1937 in Berlin geboren. 1941 zieht die Familie von der Hauptstadt auf einen kleinen Hof im Schwarzwald. Sechs Kühe, zwei Pferde – bis die Wehrmacht sie einzieht. Gepflügt wird anschließend mit einem Ochsen. Es sind Jahre des Mangels, aber in seiner Erinnerung überwiegen die hellen Momente.

Er ist als Kind viel draußen, lernt Skifahren, hilft auf dem Hof, rennt über die Wiesen. 1947 besteht Lüttke die Aufnahmeprüfung für das humanistische Internat „Birklehof“ in Hinterzarten. „Mein Vater hätte das Schulgeld nicht zahlen können, aber man hielt mich wohl für fähig“, erinnert er sich. Er bekommt ein Stipendium und bleibt dort achteinhalb Jahre. Während dieser Zeit verkauft der Vater den Hof und investiert das Geld – erfolglos. Die Familie verliert fast alles. „Von da an waren wir eigentlich bedürftig“, sagt Lüttke. Er selbst aber hat als Stipendiat eine stabile Grundlage.

Mein Vater hätte das Schulgeld nicht zahlen können, aber man hielt mich wohl für fähig.
Dr. Sven Lüttke

Zurück in Berlin wünscht der anspruchsvolle Vater, selbst Historiker, dass sein Sohn nach dem Abitur Medizin und Philosophie studiert. Sven Lüttke orientiert sich jedoch an seinem 17 Jahre älteren Halbbruder Wolfgang, organischer Chemiker und Professor in Göttingen. Dieser und noch ein weiterer Bruder stammen aus der ersten Ehe des Vaters. „Mein Vater war mit einer Jüdin verheiratet. Die Ehe wurde 1933 geschieden; sie ist später im Konzentrationslager Auschwitz umgekommen. Meine beiden Brüder haben überlebt, weil sie einen arischen Vater hatten.“

Wenn Lüttke davon erzählt, wird seine Stimme leiser, aber er nennt die Dinge beim Namen, distanziert sich von der Haltung seines Vaters. Auch schon als junger Mann widerspricht Lüttke dem Vater offen. „Ich bin mit 22 Jahren rausgeschmissen worden, als ich meinen Vater dafür kritisiert hatte, wie hart er meinen jüngsten Bruder erzogen hat. Wir haben uns erst Jahre später wieder angenähert.“

Sein großer Bruder Wolfgang wird für ihn zum Gegenbild des konservativen Vaters – und zum Mentor: „Er hat mir zur Chemie geraten und er hatte Recht damit.“ Das Studium finanziert Lüttke fast vollständig selbst: mit Bauarbeiten und Fabrikschichten. „Über mehrere Jahre habe ich keinen Tag Urlaub gemacht“, sagt er.

Als sein Professor kurz vor dem Diplom überraschend stirbt, wendet er sich an das Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft, eines der ältesten naturwissenschaftlichen Institute in Deutschland. Lüttke wird dort angenommen. Er schreibt am Fritz-Haber-Institut zunächst seine Diplomarbeit und erhält für seine Promotion ein Forschungsstipendium der Max-Planck-Gesellschaft: „Das waren 500 D-Mark, davon konnte ich gut leben. Vor allem, wenn man vorher nichts Großartiges gewohnt war.“

Nach der Promotion steht Lüttke vor einer Entscheidung. Sein Professor möchte ihn an die New York University vermitteln. Lüttke lehnt ab: Er ist inzwischen verheiratet. Seine Frau, die er beim Tennis kennengelernt hat, unterrichtet als Lehrerin an einem Berliner Gymnasium. „Sie wäre sicherlich nicht begeistert gewesen, wenn ich nach Amerika gegangen wäre“, sagt er. Auch ein Angebot, bei Bayer einzusteigen, schlägt er aus. „Zu groß, zu anonym“, fasst er zusammen.

1970 beginnt Lüttke seine Arbeit beim Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, wo er fast 30 Jahre lang tätig ist. Dort baut er Labore auf, leitet eine Hydrierstation und hat bis zu 18 Mitarbeiter. Er ist beteiligt an der Entwicklung von Spiriva, einem Medikament gegen COPD, einer chronisch-obstruktive Lungenerkrankung, bei der sich die Atemwege verengen.

Neben seiner Arbeit gründet er einen Chemiker-Stammtisch – eine Runde, in der man fachlich diskutiert, aber auch ein gutes Glas Wein miteinander teilt. Noch heute organisiert er regelmäßig Degustationen mit Freunden. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben. Kinder haben sie keine. Lüttke hat inzwischen eine Freundin aus dem Nachbarort, die frühere Partnerin eines ebenfalls verstorbenen Bridgefreundes. Sie sehen sich regelmäßig, aber jeder hat sein eigenes Zuhause.

Manchmal spekuliert Lüttke noch spaßeshalber an der Börse, das hat er früher regelmäßig gemacht und gute Gewinne erzielt. „Ich habe mir einen gewissen Wohlstand erarbeitet“, sagt er. „Aber ich lebe eher bescheiden. Meine Frau war genauso“, sagt Lüttke. Sein Haus in Ockenheim spiegelt diese Haltung. Innen sind keine Designerstücke versammelt, sondern Dinge, die sein Leben geprägt haben: Regale voller Bücher, seine große CD-Sammlung. An den Wänden hängen Fotos von Bergtouren und Reisen. Erinnerungen an das gute Gefühl, etwas erlebt und geschafft zu haben.

Sven Lüttke weiß, wie viel eine Chance bedeuten kann. Und er weiß, dass sie ein Leben verändern kann. Was ihm damals ermöglicht wurde, will er heute weitergeben. Seit 2021 spendet er jedes Jahr regelmäßig an die Max-Planck-Gesellschaft. In seinem Testament hat er festgelegt: Zwei Drittel seines Nachlasses gehen an die MPG, ein Drittel an die Technische Hochschule Bingen. Beide Institutionen sollen junge Forschende unterstützen – so, wie einst auch ihm geholfen wurde.

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