Eine Stifterin, die dem wissenschaftlichen Nachwuchs Mut macht
Mit ihrem Nachlass möchte Dorothea Becker jungen Forschenden ermöglichen, was ihr selbst in ihrer wissenschaftlichen Karriere wichtig war: die Freiheit zu haben, Forschungsideen zu verfolgen und ein eigenständiges Forschungsportfolio aufzubauen.
Text: Julia Meyer-Hermann
Der Faßberg ist zwar eher eine Anhöhe, kein richtiger Berg, aber zum Rodeln und für die ersten Skiversuche reichte es Ende der 1950er Jahre. In gewisser Weise hat dieser Hügel in Göttingen für Dorothea Becker Symbolkraft: Früher, als Kind, ist sie dort hochgestapft – mühsam, mit dem Schlitten im Schlepptau. Heute befindet sich auf dem ehemaligen Ackerland der Faßberg-Campus des Max-Planck-Instituts für Multidisziplinäre Naturwissenschaften (MPI NAT).
Dorothea Becker ist Biologin, spezialisiert auf Krebsforschung – insbesondere auf das Melanom und die molekularen Zusammenhänge zwischen dem Melanom und der neurodegenerativen Parkinson Erkrankung. Nach fast vier Jahrzehnten in den USA ist sie in die Stadt zurückgekehrt, in der sie einst ihre ersten wissenschaftlichen Impulse bekam. Bis Ende 2024 arbeitete die 73-Jährige in Göttingen als Gastwissenschaftlerin noch an diesem Institut – forscht, berät, diskutiert.
Obwohl sich der Faßberg verändert hat, ist er ihr vertraut geblieben: in der Erinnerung, der Gegenwart und als Zukunftsort für andere. Deshalb hat Dorothea Becker entschieden, ihr Erbe der Max-Planck-Gesellschaft zu vermachen – gezielt für junge Wissenschaftler*innen, die ein eigenes Portfolio aufbauen wollen. „Die beste Forschung passiert nicht an den Universitäten, sondern bei Onkel Max“, sagt sie. Dorothea Becker verwendet diesen Ausdruck oft, wenn sie vom Institut redet. Es klingt leicht ironisch, gleichzeitig vertraut und beinahe liebevoll, und es beschreibt gut, in welchem Verhältnis die Biologin zu dieser Institution steht.
Frühe Begeisterung für die Wissenschaft
Die gebürtige Göttingerin hat ihre Begeisterung für die Wissenschaft früh entdeckt, schon als Schülerin. Dorothea Becker wächst als Einzelkind auf, der Vater, ein Ingenieur, interessiert sich für Physik und Chemie, fördert die Neugier seiner Tochter. „Wir waren ständig in der Natur unterwegs“, erinnert sie sich.
Nach der Realschule wechselt sie – gegen anfängliche Widerstände der Schulleitung und mit der Unterstützung ihrer Eltern – auf ein naturwissenschaftliches Gymnasium. Für ihre Abiturarbeit geht sie zu den Teichen am Göttinger Hainberg, beobachtet täglich, wie sich die Kaulquappen entwickeln. Spätestens da ist für sie klar: Sie will Biologie studieren. Als Studentin in Tübingen klopft sie beim Direktor der Abteilung Virologie des dortigen Max-Planck-Instituts an, fragt, ob sie mitarbeiten dürfe – und darf: durchs Mikroskop schauen, experimentieren, eigene Ideen entwickeln. Es ist der Anfang einer wissenschaftlichen Laufbahn, die sie über Berlin und Gießen, später in die USA führen wird.
Nach der Promotion an der FU Berlin wechselt Dorothea Becker mit einem Forschungsstipendium der Deutschen Forschungs-gemeinschaft zunächst als Postdoctoral Fellow an die Rockefeller University in New York City und später an die Harvard Medical School in Boston. In den USA findet sie das Umfeld, das sie damals in Deutschland vermisst hat. In Deutschland war ihr als Frau in den 1970er-Jahren der Weg in die Forschung oft verstellt: „Es war die Ära der alten weißen Männer. Stellen gingen an Kollegen, die weniger Erfahrung hatten.“ Becker ist keine, die sich zurückhält. Sie sagt, was sie denkt, will Dinge voranbringen, stellt Fragen. In den USA wurde das geschätzt. In Deutschland war sie schlicht zu wenig sanft und zu unkonventionell. Wenn man sie darauf anspricht, dass sie sehr direkt sei, antwortet sie nur: „Warum soll ich auch indirekt sein?“
Anfang der 1990er-Jahre übernimmt Dorothea Becker eine Professur an der University of Pittsburgh. Hier öffnen sich die akademischen Türen für ihren Forschungsschwerpunkt: Grundlagenforschung am Melanom. Sie baut dort eine eigene Arbeitsgruppe auf, arbeitet eng mit Biophysikern zusammen und setzt moderne Bildgebungsmethoden ein. Auch der Austausch mit damaligen Forschern am Göttinger MPI NAT intensiviert sich, neue wissenschaftliche Studien keimen. Während sie Melanom-Zellen untersucht, stößt sie überraschend auf das Protein alpha-Synuclein, das eigentlich aus der Parkinsonforschung bekannt ist – eine Entdeckung, die ihr Forschungsfeld entscheidend erweitert.
Fragen stellen, eigene Ideen verfolgen, Neuland betreten
2014 beendet Professorin Becker ihre Tätigkeit in den USA und kehrt nach Göttingen zurück – an den wissenschaftsträchtigen Ort, an dem ihre Laufbahn einst zu Schulzeiten begonnen hatte. Statt sich zur Ruhe zu setzen, bringt sie ihre Expertise aus der Krebs- und alpha-Synuclein-Forschung am Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften ein. Dort arbeitete sie bis Ende 2024 unter anderem eng mit Prof. Christian Griesinger, Direktor der Abteilung NMR-basierte Strukturelle Biologie, und Wissenschaftlern anderer Forschungsgruppen zusammen. Die Kooperationen leben von der Verbindung unterschiedlicher Perspektiven: zellbiologische Ansätze, strukturelle Analysen, physikalisch-chemische Methoden und optische Verfahren treffen hier aufeinander.
Für Dorothea Becker war früh klar, was zählt: die Chance, Fragen zu stellen, eigene Ideen zu verfolgen – und nicht nur das weiterzuführen, was andere vorgeben. Genau das will sie auch jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ermöglichen. „Ich möchte, dass sie mit ihrem Projekt ihr eigenes wissenschaftliches Portfolio aufbauen und keine Erweiterung von dem durchführen, was ihre Gruppenleitung macht“, sagt sie.
Den Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit überträgt Dorothea Becker auch auf die kommende Generation von Forschenden. Sie hat deshalb festgelegt, dass ihr Vermögen nach ihrem Tod der Max-Planck-Gesellschaft zugutekommen soll. Geplant ist ein Stiftungsfonds, dessen Erträge jedes Jahr junge Wissenschaftler*innen unterstützt, die Krebsforschung durchführen.
Die institutionelle Unabhängigkeit, die internationale Vernetzung und der hohe Anspruch an die Forschung bei der Max-Planck-Gesellschaft – das alles überzeugt sie bis heute. Mit ihrem Nachlass will sie jungen Forschenden Mut machen, eigene Wege zu gehen. Neuland zu betreten und Pionierarbeit zu leisten.





