Forschungsbericht 2019 - Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung

Kapitalismus braucht Wachstum – aber es gibt kein Patentrezept

Autoren
Lucio Baccaro
Abteilungen

Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln

Zusammenfassung
Die europäischen Länder unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer Wohlstandsniveaus. Auch die Art und Weise, wie etwa die Institutionen des Wohlfahrtsstaats oder der Arbeitsbeziehungen auf die Wirtschaft einwirken, unterscheiden sich von Land zu Land. Im Forschungsbereich Politische Ökonomie von Wachstumsmodellen am MPIfG wird untersucht, wie in den europäischen „Spielarten des Kapitalismus“ Wachstum entsteht. Ein Vergleich zwischen Deutschland, Großbritannien, Schweden und Italien zeigt, mit welchen Strategien die Länder die für wirtschaftliches Wachstum notwendige Nachfrage erzeugen.

Seit mehreren Jahrzehnten sind entwickelte kapitalistische Volkswirtschaften drei bedeutenden ökonomischen Trends unterworfen: erstens der Liberalisierung von Institutionen des Arbeitsmarkts wie etwa gewerkschaftliche Organisation oder Arbeitnehmerschutz; zweitens einer Verschiebung in der funktionalen Einkommensverteilung weg vom Arbeitseinkommen hin zum Kapitaleinkommen; drittens der zunehmenden Schwierigkeit, ein angemessenes Niveau der Gesamtnachfrage zu erzeugen, um Produktionsfaktoren, insbesondere Arbeit, wirkungsvoll zu nutzen.

Diese drei Trends überschneiden sich nicht nur zeitlich, sondern stehen auch in einem kausalen Zusammenhang: Die Liberalisierung der Arbeitsmarktinstitutionen führt zu einem Rückgang der Lohnquote, des Anteils der Arbeitnehmereinkommen am Volkseinkommen. Das wiederum dämpft die Gesamtnachfrage, indem die Nachfrage nach Konsumgütern und Dienstleistungen tendenziell stagniert, während die Nachfrage nach Finanzanlagen und das damit verbundene Streben nach Rendite zunimmt. Diese Entwicklungen beeinflussen die Wachstumsmodelle kapitalistischer Volkswirtschaften erheblich, da sie die Tragfähigkeit des lange vorherrschenden lohnorientierten Wachstumsmodells schwächen.

Wachstumsmodelle im Umbruch

Blickt man auf die fünfzehn Jahre vor der Weltfinanzkrise im Jahr 2008, so lassen sich vier neue Wachstumsmodelle erkennen, die das lohnorientierte Wachstumsmodell ersetzt haben und die von vier europäischen Ländern prototypisch repräsentiert werden: ein konsumorientiertes Modell, wie es Großbritannien verkörpert, ein exportorientiertes Modell, wie es von Deutschland verfolgt wird, ein export- und konsumorientiertes Modell in Schweden und das weder export- noch konsumorientierte Modell Italiens.

Abb.1: Wachstumsmodelle im Überblick. Die Wachstumsmodelle Deutschlands, Großbritanniens, Italiens und Schwedens zeigen prototypisch, welche neuen Strategien angewandt wurden, um die für wirtschaftliches Wachstum notwendige Nachfrage zu erzeugen. Quelle: Eigene Darstellung.

In Großbritannien erleichterte der Zugang zu Krediten in der Vorkrisenzeit ein konsumorientiertes Wachstum. Eine Besonderheit war hier die Tendenz zur Anhäufung von Leistungsbilanzdefiziten. Das heißt, es wurden mehr Güter importiert als exportiert. Unter normalen Umständen hätten diese Defizite durch eine Verringerung der Binnennachfrage und der Einfuhren korrigiert werden müssen. Wenn die übrige Welt jedoch bereit ist, das Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren, dann kann es über viele Jahre hinweg beibehalten werden. Ein großes und liquides Finanzzentrum wie die City of London trägt dazu bei, ausländisches Kapital anzuziehen und damit die Leistungsbilanzrestriktionen für das Wachstum zu lockern. Denn es produziert Finanzanlagen, die der Rest der Welt in seinem Portfolio halten will.

Das exportorientierte Wachstumsmodell Deutschlands war beinahe das Gegenteil des konsumorientierten Modells. Es beruhte auf drei Elementen: einem Exportsektor, der groß genug war, um als Lokomotive für die Gesamtwirtschaft zu fungieren, einer institutionalisierten Lohnzurückhaltung und einem festen Wechselkurssystem. Die beiden letztgenannten Elemente führten zu einer Unterbewertung des realen Wechselkurses, was tendenziell die Exporte stimulierte und die Importe drückte.

Schwedens Wachstumsmodell konnte bis vor der Krise die beiden Wachstumstreiber Konsum und Export kombinieren, während es nach der Krise konsumorientierter wurde. Anders als in der deutschen Wirtschaft, in der das verarbeitende Gewerbe eine vorherrschende Stellung hatte, wurden die schwedischen Exporte vielfältiger, wobei der IT-Sektor sowie wertschöpfungsintensive Dienstleistungssektoren an Bedeutung gewannen. Diese Sektoren waren weniger preissensitiv als das verarbeitende Gewerbe. Gleichzeitig waren die Reallohnzuwächse nicht nur höher als in Deutschland, sondern verteilten sich auch gleichmäßiger auf das wertschöpfungsintensive verarbeitende Gewerbe und den weniger ertragreichen Dienstleistungssektor. Zusammen mit einer wachsenden Verschuldung der Haushalte stimulierte dies auch den Konsum in Schweden.

Es ist allerdings möglich, dass ein Land keinen tragfähigen Ersatz für ein lohnorientiertes Wachstum findet und daher in die Stagnation gerät. Dies illustriert der Fall Italiens seit den 1990er-Jahren. Der Wachstumsbeitrag der privaten Haushalte ist in Italien im Lauf der Zeit zurückgegangen. Der Beitrag der Exporte hat sich in letzter Zeit zwar erhöht, aber der italienische Exportsektor ist nach wie vor zu klein, um ein bedeutender Wachstumstreiber zu sein. Und die Nettoexporte werden durch einen realen Wechselkurs belastet, der für die Bedürfnisse des Landes aufgrund des Euros zu hoch ist.

Gesellschaftliche Koalitionen und Parteipolitik

Es wird angenommen, dass sogenannte dominante gesellschaftliche Koalitionen das Wachstumsmodell des betreffenden Landes stützen. Zu den Koalitionen gehören insbesondere Repräsentanten der jeweiligen Schlüsselsektoren inklusive der betreffenden Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände sowie der Gewerkschaften. Parteien tragen in zweierlei Weise zur Stabilisierung der dominanten gesellschaftlichen Koalition bei: Zum einen gehen sie interessenbasierte Bündnisse mit gesellschaftlichen Gruppen außerhalb des Kerns der gesellschaftlichen Koalition ein. An diese wird ein Teil der Wachstumsprozesse umverteilt. Vor allem aber werden individuelle und Gruppenpräferenzen durch sie kulturell neu interpretiert.

Eine These, die im Zuge künftiger Forschung getestet werden soll, lautet, dass die wirtschaftspolitischen Präferenzen ökonomischer Akteure nicht nur von den Merkmalen des jeweiligen Sektors, sondern auch von der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Wachstumsmodellen abhängen. So sollten sich beispielsweise die Haltungen von Repräsentanten der Bauindustrie, etwa die lohnpolitischen Präferenzen von Bauarbeitnehmern, danach unterscheiden, ob sie sich im Kontext eines exportorientierten oder eines binnenorientierten Leitdiskurses bewegen.

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