Dr. Margrit Pernau
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, BerlinTelefon: +49 30 82406-463
E-Mail: pernau@mpib-berlin.mpg.de
21. September 2011
Text: Tina Heidborn
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Der Experte für schwer Verständliches sitzt hinter der ersten Tür. Oft genügt ihm ein kurzer Blick auf den Text, an dem die anderen verzweifeln. „Es ist toll, jemanden im Team zu haben, der Arabisch, Persisch und Urdu auf muttersprachlichem Niveau beherrscht. Selbst Handschriftliches zu lesen macht ihm keine Probleme“, sagt Margrit Pernau, die Projektleiterin. Ihr Doktorand Mohammad Sajjad lächelt bescheiden, wenn man ihn nach seinen Sprachkenntnissen fragt.
Als Sajjad seinen Freunden in der Heimat erzählte, er würde für seine Doktorarbeit mit einem Stipendium nach Deutschland gehen, war das Erstaunen groß: Ein Inder, der über ein indisches Thema in Deutschland promoviert, eingebunden in eine internationale Forschergruppe – geht das überhaupt? Aber am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ist Indien Programm, denn es ist Schwerpunktthema bei der Erforschung der Geschichte der Gefühle.
Seit Januar 2008 beschäftigen sich Historiker um Direktorin Ute Frevert mit der Frage, ob Gefühle Geschichte machen. Sie spüren ihnen und ihren Veränderungen im Geschichtsverlauf nach und untersuchen, welche Bedeutung ihnen zukommt. „Wir glauben ja gern, dass unsere eigenen Gefühle universell sind“, sagt Margrit Pernau. Sie und ihre Kollegen aber sind angetreten, um genau diese Annahme in Frage zu stellen. Die Kernthese lautet: Gefühle sind kulturell geprägt. Menschen lernen in ihrem Umfeld, wann sie welche Empfindungen haben und welchen Ausdruck sie ihnen verleihen sollen oder dürfen.
Damit können sich die Regeln für Gefühle im Laufe der Geschichte ändern, ebenso wie die Ausdrucksformen für Gefühle. Und: Gefühle sind damit auch eingebettet in eine spezifische kulturelle Umgebung. „Wir brauchten einen Raum, der nach anderen Regeln funktioniert als der westlich-europäische“, sagt Pernau. Und so wurde Indien Teil des Untersuchungsfelds.
Der Subkontinent liegt einerseits weit genug entfernt von Europa, um wirklich anders zu sein. Und im Unterschied zum geografisch ebenfalls weit entfernten Südamerika wurde Indien auch nicht maßgeblich von europäischen Einwanderern geprägt. Auf der anderen Seite ist Indien aber mit dem europäischen Raum historisch verbunden, insbesondere durch die britische Kolonialphase. „Seit 300 Jahren bestehen enge Beziehungen zwischen Indien und Europa, und zwar wechselseitig und in beide Richtungen“, sagt Margrit Pernau.
In diesem Sinne ist Indien, von Europa aus gesehen, weniger anders als China. Für die Wissenschaftler war der Subkontinent also eine ideale Ergänzung, um Gefühlen im Laufe der Geschichte nachzugehen – und zugleich den Verflechtungen zwischen südasiatischer und westlich-europäischer Kultur. Allerdings ist Indien auch ein ziemlich anspruchsvolles Untersuchungsfeld, allein schon sprachlich. Denn auch Emotionshistoriker tun das, was alle Historiker tun: Sie suchen Quellen, lesen und interpretieren sie. Im Büro von Projektleiterin Margrit Pernau sind drei Regale mit Büchern vollgestellt. Geschwungene Schriftzeichen ziehen sich über die farbenfrohen Einbände, Schönschrift, ansprechend aufgemacht: Indische Ratgeber: „Wie werde ich eine gute Braut?“, „Wie erziehe ich meine Tochter zu einer guten Braut?“, „Welche Rechte hat ein Ehemann gegenüber seinen Schwiegereltern?“
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Für Margrit Pernau sind dies wichtige Quellen, denn ihnen kann sie „Gefühlsregeln“ für bestimmte Situationen entnehmen: Wie muss ich mich als Braut verhalten, wie als Ehemann, wie als Schwiegermutter? Die Normierung von Gefühlen, wie man sie etwa in Ratgeberliteratur findet, ist eine mögliche Zugriffsseite für die Historiker. Beim Blick in diese Bücher wurde den Wissenschaftlern schnell deutlich, dass hinter anderen Gefühlsregeln oftmals andere Sozialstrukturen stehen.
Wie werde ich eine ideale Ehefrau und Schwiegertochter? Indische und deutsche Ratgeber gehen hier von höchst unterschiedlichen Konstellationen aus: „In einer Großfamilie mit Geschlechtertrennung, wie es dem indischen Modell entsprach, waren die Hierarchien völlig anders als im europäischen Modell der Kleinfamilie“, sagt Pernau. Vater, Mutter und Kind machten in Indien lange Zeit nicht den Kern der Familie aus: Stattdessen blieben die Söhne bei ihren Eltern im Hause und holten ihre Frauen dazu.