Ansprechpartner

Sandra Jacob

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig

Telefon: +49 341 3550-122

Originalpublikation

Frank Seifart, Juan Alvaro Echeverri
Evidence for the identification of Carabayo, the language of an uncontacted people of the Colombian Amazon, as belonging to the Tikuna-Yurí linguistic family
PLOS ONE, 16 April 2014

Verwandte Artikel

Neuer Weltatlas zu Mischsprachen aus der Kolonialzeit lässt deutliche sprachliche Spuren afrikanischer und pazifischer Sprachen erkennen

Grammatik als Fenster in die Vergangenheit

4. November 2013

Neuer Weltatlas zu Mischsprachen aus der Kolonialzeit lässt deutliche sprachliche Spuren afrikanischer und pazifischer Sprachen erkennen [mehr]
Internationales Konsortium entwickelt automatische Methode um zu bestimmen, wann prähistorische Sprachen gesprochen wurden

Forscher datieren Sprachfamilien der Welt

5. Dezember 2011

Internationales Konsortium entwickelt automatische Methode um zu bestimmen, wann prähistorische Sprachen gesprochen wurden [mehr]
Erbliche Veranlagungen könnten die Ausbildung jeweils eigener sprachlichen Strukturen fördern

Vom Stammbaum der Sprachen

18. Oktober 2010

Erbliche Veranlagungen könnten die Ausbildung jeweils eigener sprachlichen Strukturen fördern [mehr]

Sprachwissenschaften

Verwandtschaft im Sprachen-Dschungel

Max-Planck-Forscher entschlüsseln Beziehungen zwischen seltenen Sprachen im kolumbianischen Amazonasgebiet

16. April 2014

Nur 50 Wörter sind von der Sprache der Carabayo bekannt, eines völlig isoliert lebenden Volkes im Amazonas-Gebiet. Diese Wortliste wurde im Jahre 1969 während eines kurzen Zusammentreffens mit einer Carabayo-Familie erstellt. Frank Seifart vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Juan Alvaro Echeverri von der Universidad Nacional de Colombia in Leticia, Kolumbien, haben jetzt diese historischen Daten analysiert und sie mit verschiedenen Sprachen verglichen, die in der Region gesprochen werden oder wurden. Dabei fanden die Forscher Gemeinsamkeiten von Carabayo zu der bereits ausgestorbenen Sprache Yurí und zu Tikuna, einer lebenden Sprache der Region. Den Ergebnissen zufolge scheinen die Carabayo also direkt oder indirekt von den Yurí abzustammen, deren Sprache und Bräuche im 19. Jahrhundert von Entdeckern beschrieben wurden, bevor sich diese Menschen in eine freiwillige Isolation zurückzogen.

Der Organisation Survival International zufolge gibt es weltweit etwa 100 Eingeborenengruppen ohne Kontakt zur Außenwelt, davon einige Dutzend im Regenwald Amazoniens.  Eine solche Gruppe, die Carabayo, lebt freiwillig isoliert im abgelegenen Puré-River-Gebiet im kolumbianischen Regenwald. Die neuesten Beweise für das Fortbestehen der Carabayo sind Luftaufnahmen ihrer Rundhäuser aus dem Jahre 2010, die in dem Buch Cariba Malo des kolumbianischen Forschers Roberto Franco veröffentlicht wurden.

Im Jahre 1969 kam es im Zuge einer Rettungsaktion zu einer Begegnung von Militärs mit den Carabayo. Die Mitglieder einer fünfköpfigen Carabayo-Familie wurden dabei als Geiseln genommen. „Während sich die Familie in Gefangenschaft befand, versuchten Sprecher aller in der Region gesprochenen Sprachen sich mit ihnen zu verständigen – ohne Erfolg“, sagt Frank Seifart vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Die Forscher schlossen damals daraus, dass Carabayo mit keiner lebenden Sprache der Region verwandt ist.“

Frank Seifart und Juan Alvaro Echeverri haben nun die Carabayo-Wörter mit historischen Wortlisten von ausgestorbenen Sprachen verglichen, die im 19. Jahrhundert von Entdeckern dokumentiert wurden. „Der Vergleich zeigt, dass Carabayo Gemeinsamkeiten mit Yurí aufweist, nicht aber mit anderen Sprachen”, sagt Seifart. Die Forscher identifizierten vier Carabayo-Formen, die entsprechenden Yurí-Formen zugeordnet werden konnten: eine Vorsilbe für die erste Person Singular sowie die Wörter für „warm”, „Junge” und „Vater”. „Den stärksten Beweis dafür, dass die Sprachen Carabayo und Yurí miteinander verwandt sind, liefert dabei die Vorsilbe”, sagt Seifart. „Personalpronomen sind besonders entlehnungsresistent, so dass die Ähnlichkeit eher auf eine Sprachverwandtschaft hindeutet als auf Sprachkontakt.“

In einem weiteren Schritt verglichen die Forscher Carabayo mit verschiedenen heute im kolumbianischen Amazonasgebiet gesprochenen Sprachen und fanden dabei einige gute Entsprechungen zwischen Carabayo und Tikuna, nicht aber zu anderen lebenden Sprachen der Region. „Was diesen Entsprechungen Glaubhaftigkeit verleiht, sind regelmäßige Übereinstimmungen im Klangbild: In einer Reihe von Wörtern entspricht ein „g“ in Carabayo einem „ng“ in Tikuna. Das kann eigentlich kein  Zufall sein“, sagt Seifart. Die Forscher schlussfolgern, dass Yurí, Carabayo und Tikuna miteinander verwandt sind. Dabei befindet sich Carabayo etwa mittig zwischen Yurí und Tikuna, ist aber wahrscheinlich etwas näher mit Yurí verwandt. „Die Leichtigkeit, mit der die Carabayo-Daten von einem Muttersprachler des Tikuna interpretiert werden konnten, zeigt zusätzlich, dass diese Sprachen relativ nah miteinander verwandt sind und möglicherweise sogar ein Dialektkontinuum bilden oder in der Vergangenheit gebildet haben“, sagt Seifart.

SJ, FS/HR

 
loading content