29. Oktober 2012
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Vor 50.000 bis 40.000 Jahren, als im westlichen Eurasien das Jungpaläolithikum begann, verdrängte der moderne Mensch den Neandertaler. Um zu verstehen, wie dieser Prozess vonstattenging, spielen „Übergangsindustrien“ eine wichtige Rolle. Das Moustérien, eine Steinwerkzeugsindustrie des Mittelpaläolithikums, kann eindeutig dem Neandertaler und das Aurignacien, die älteste archäologische Kultur des europäischen Jungpaläolithikums, eindeutig dem modernen Menschen zugeordnet werden. Die Schöpfer der Übergangsindustrie Châtelperronien konnten bisher jedoch nicht eindeutig identifiziert werden.
In der französischen Grotte du Renne waren Archäologen auf CP-Inventare gestoßen, die gut identifizierbare Überreste von Neandertalern enthielten. In den CP-Schichten der Grotte du Renne fand man darüber hinaus auch recht anspruchsvolle Werkzeuge sowie Schmuckstücke aus Knochen. Trotz der Fossilienfunde blieb die Frage, ob Neandertaler fähig waren, derart anspruchsvolle Objekte herzustellen, in Fachkreisen weiterhin umstritten. „Dies ist zum Teil der Tatsache geschuldet, dass das Châtelperronien ein breites Spektrum von Verhaltensmerkmalen aufweist, die bereits an nachfolgende Industrien des Jungpaläolithikums erinnern. Diese späteren Industrien wurden unbestritten von modernen Menschen geschaffen“, sagt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der die Studie leitete. Einige Forscher vermuteten, dass eine Vermischung von Objekten aus verschiedenen archäologischen Schichten diese Vergesellschaftung erklären könnte.
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Hublin und sein Team wählten 40 gut erhaltene Knochenproben aus der Grotte du Renne aus. Die meisten dieser Proben stammten aus Bereichen, die CP-Schmuck oder Überreste von Neandertalern enthielten. Manche hatten ihren Ursprung auch in den tiefer liegenden älteren archäologischen Schichten des Moustérien oder in den darüber liegenden jüngeren Schichten des Protoaurignacien. Darüber hinaus untersuchten die Forscher den Schienbeinknochen eines Neandertalers aus Saint Césaire. Aus den Knochenproben extrahierten sie Kollagen, einen organischen Bestandteil des Bindegewebes, dessen Alter sie mittels Isotopenmessungen bestimmten. Ein Beschleuniger-Massenspektrometer lieferte den Wissenschaftlern präzise 14C-Daten. „Leipziger Wissenschaftler nutzen die modernsten Techniken zur Radiokohlenstoff (14C) Datierung von Knochen“, sagt Jean-Jacques Hublin.
Die umfangreiche Datierung der Knochen aus der Grotte du Renne zeigt, dass sich die verschiedenen archäologischen Schichten in dieser Fundstätte nicht nennenswert vermischt haben. Die Phase des Châtelperronien fand entsprechend der neuesten Datierungen vor 44.500 bis 41.000 Jahren statt. Das Neandertalerskelett aus Saint Césaire entspricht mit einem Alter von etwa 41.500 Jahren dem Ende dieser Zeitperiode. Dies bestätigt, dass Neandertaler sowohl die CP-Industrien in Zentralfrankreich als auch den Schmuck aus Arcy-sur-Cure geschaffen haben.
„Diese Datierungen sind aus einem weiteren Grund von Bedeutung: Moderne Menschen begannen vor etwa 50.000 Jahren die letzten europäischen Neandertaler zu verdrängen und hatten Südfrankreich und Deutschland bereits besiedelt, als die Neandertaler die CP-Objekte herstellten“, sagt Jean-Jacques Hublin. „Aufgrund der Datierungsergebnisse gehen wir davon aus, dass Neandertaler komplexe Knochenwerkzeuge und Schmuck erst produzierten, nachdem moderne Menschen diese neuen Verhaltensweisen in Westeuropa eingeführt hatten. Sehr wahrscheinlich standen die beiden Menschengruppen vor mehr als 40.000 Jahren in kulturellem Austausch.“
SJ/ME/BA