Prof. Dr. Bart Kempenaers
Max-Planck-Institut für OrnithologieTelefon: +49 8157 932-334
Email: b.kempenaers@orn.mpg.de
2. Mai 2007
Es gibt Hinweise darauf, dass bei Genen, die im Zusammenhang mit Neurotransmittern stehen, das Auftreten von Genvarianten (Polymorphismen) auch mit Persönlichkeitsunterschieden einhergeht. Eine Verbindung zwischen dem Drd4-Gen und der Eigenschaft Neugier galt aufgrund von Untersuchungen aus den vergangenen zehn Jahren als besonders vielversprechend. Zu Recht, wie die Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen gemeinsam mit ihren Kollegen vom neuseeländischen Cawthron Institute in Nelson und dem Netherlands Institute of Ecology in Heteren (NL) anhand von Versuchsreihen mit Kohlmeisen jetzt zeigen konnten.
Im Drd4-Gen dieser Vögel entdeckten sie 73 Polymorphismen, darunter 66 sogenannte Single Nucleotide Polymorphism (SNP) - hier ist nur ein einziger Nukleotidbaustein ausgetauscht. Eine Variante, SNP830, ist tatsächlich mit dem Erkundungsverhalten, also sprich mit Neugier assoziiert. Es zeigten sich nämlich deutliche Unterschiede zwischen zwei Kohlmeisenlinien, die die Forscher über vier Generationen nach dem Grad ihrer Neugier ausgewählt hatten. Als Maß diente den Forschern dabei das Erkundungsverhalten der Tiere (Early Exploratory Behaviour, EEB), sobald sie flügge geworden waren: In dem einen Verhaltenstest hielten die Biologen die Zeit fest, bis der Vogel den vierten von fünf "Bäumen" - in diesem Fall einfache Pflöcke mit gekreuzten Sitzstangen (Abb. 1) - im Beobachtungsraum aufgesucht hatte; in dem anderen testeten sie seine Reaktion auf zwei unbekannte Objekte, die an seiner Futterschale platziert wurden, u.a. eine Gummifigur von Paulchen Panther (Abb. 2).
Untersuchungen an freilebenden, unselektierten Vögeln bestätigten das Ergebnis: Auch hier fanden die Wissenschaftler eine signifikante Verknüpfung zwischen SNP830-Genotypen und den unterschiedlichen Ausprägungen von Neugier. "Die Persönlichkeit kann Einfluss darauf nehmen, wie Individuen vorhersagbare, aber auch zufällig auftretende Umweltänderungen bewältigen", erklärt Bart Kempenaers. "Wenn wir die ökologische und evolutionäre Bedeutung von Variationen in der Persönlichkeit bei natürlichen, frei lebenden Tierpopulationen besser verstehen wollen, müssen wir zunächst die molekulargenetischen Mechanismen begreifen, die dem zugrunde liegen." Die Forscher hoffen, dass sie anhand des verhaltensrelevanten Drd4-Polymorphismus mikroevolutionäre Veränderungen innerhalb von Populationen verfolgen können, bei denen ein unterschiedlicher Selektionsdruck auf die verschiedenen Persönlichkeitstypen wirkt.