Forschungsbericht 2018 - Kunsthistorisches Institut in Florenz - Max-Planck-Institut

Kunstgeschichte und Katastrophen. Ein Projekt angesichts der Erdbeben in Italien 2009, 2012 and 2016

Autoren
Belmonte, Carmen; Scirocco, Elisabetta; Wolf, Gerhard
Abteilungen
Kunsthistorisches Institut in Florenz - Max-Planck-Institut, Florenz, Italien
Zusammenfassung
Infolge der Erdbeben von L’Aquila (2009), der Emilia (2012) und in Mittelitalien (2016/2017) engagiert sich das Kunsthistorische Institut in Florenz MPI in Kooperationsprojekten, die sich mit der Geschichte und Gegenwart von Katastrophen und den Konsequenzen für Kulturerbe und Landschaft auf der italienischen Halbinsel befassen. Zukunftskonzepte werden im internationalen Vergleich erarbeitet und diskutiert.

Bei Katastrophen als Gegenstand kunstgeschichtlicher Forschung denkt man wohl vor allem an die Geschichte der Darstellungen von Naturkatastrophen und Kriegen: an die Bilder vom Ausbruch des Vesuv 1631, diejenigen Lissabons nach dem Erdbeben von 1766, an Schlachtenbilder und Kriegsphotographie. Auch Katastrophenbilder, mit denen wir heute in digitalen Medien in hoher Zahl konfrontiert sind, können zwar einen hohen Informationsgehalt haben, sind aber keine schlichten Abbilder der Wirklichkeit. Es bedarf zur Bewertung solcher Darstellungen der Bildkritik.

Auch wenn Bildkritik in dem hier vorgestellten Projekt eine gewisse Rolle spielt, verfolgen wir doch einen anderen Ansatz. In den letzten zehn Jahren hat es in Italien schwere Erdbeben gegeben, denn die Halbinsel ist ein stark seismisches Gebiet. Diese Katastrophen hatten neben dem Verlust von Menschenleben weitere verheerende Folgen: So wurden etwa der historische Kern der Provinzhauptstadt L’Aquila und viele kleine Zentren unbewohnbar, Infrastrukturen zerstört und die Wirtschaft lahmgelegt. Bedeutende Monumente sind eingestürzt, Artefakte der Museen ebenso wie wichtige religiöse und weltliche Denkmäler, Skulpturen und Kulturschätze (wie die Reliquien des Hl. Bernhardinus) mussten umgesiedelt werden.

Als ein Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Italien haben wir nach der Katastrophe von L’Aquila gefragt, wie wir uns in die Diskussion um die Zukunft einer Stadt und einer Region einbringen können. Ziel war, die Kunstgeschichte als Disziplin in neuer Weise für das Studium der Monumente und Artefakte in ihrer Fragilität zu sensibilisieren und neue Formen der Zusammenarbeit mit Denkmalschutz, Restauratorinnen und Restauratoren und den für den Wiederaufbau verantwortlichen Stellen zu initiieren. Ein weiteres wichtiges Ziel war die Förderung und Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus der Region und dem Ausland. Dazu wurden eine Summer School, Konferenzen und Workshops veranstaltet, wobei der Fokus zunächst auf möglichen Formen und Methoden des Wiederaufbaus lag. Als nächster Schritt wurde ein „permanenter Workshop“ ins Leben gerufen. Fünf junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (aus Kunstgeschichte, Urbanistik, Landschaftsarchäologie und Ethnologie) und ein Fotograf unternahmen über einige Monate Feldforschung in der 2012 von einem Erdbeben heimgesuchten Emilia. Diese Feldforschung beschränkte sich nicht auf Fragen nach Wiederaufbau und Status einzelner Monumente, sondern nahm Landschaft und gestaltete Umwelt insgesamt in den Blick und verband dies mit sozialanthropologischen Aspekten.

Im Sommer 2016 begann die Erdbebenserie in Mittelitalien, die Amatrice, Norcia und viele kleine Zentren betraf, vor allem die abgelegene Apenninregion. Das Projekt griff diese Herausforderung auf. Es empfahl sich, mit einem kleinen Team zu arbeiten, das sich in der Architektin Giovanna Ceniccola und dem Fotografen Antonio de Cecco fand. In drei Kampagnen wurde das graphisch beziehungsweise digital modellierte Zusammenspiel geologischer und geographischer Daten mit der Untersuchung des Natur- und Kulturerbes (Monumente, Siedlungsstruktur und Landschaft) verbunden. Gleichzeitig entstanden Fotografien, die als ein Itinerar digital und analog veröffentlicht werden.

Wenn man das topographische Gedächtnis und die vielschichtigen Identitäten vor Ort untersucht, erweisen sich Erdbeben in dieser seismisch aktiven Region nicht als absoluter Bruch einer „intakten Welt“, sondern als konstitutiver Teil ihrer Geschichte wie des kollektiven Gedächtnisses. Dies ist wiederum ein wichtiger Aspekt bei den postkatastrophischen Planungen für die Region.

„Kunstgeschichte“ agiert in diesem Projekt als historische Raumforschung, die sich ökologischen Fragen im Horizont der Debatte um das Anthropozän öffnet. Das geht über die Trennung von Natur- und Kulturerbe hinaus: Naturkatastrophen haben eine anthropogene, also vom Menschen gemachte Dimension. Katastrophen gibt es ohnehin nur aus Sicht der menschlichen Gemeinschaften. In Zentralitalien betrifft dies in langer historischer Dauer Land- und Weidewirtschaft, zugleich entwickelten sich hier klösterliche Lebensformen, während heute der Tourismus ein wichtiger Faktor ist. Um die Komplexität dieser Konstellationen zu untersuchen, experimentieren wir mit neuen Visualisierungstechnologien. Geplant sind 4D-Modelle ausgewählter environments (Umgebungen) in der Gegend von Amatrice. 2018 haben wir zudem mit einem Fernsehteam zusammengearbeitet, um das Projekt zur Geschichte und Zukunft der Region einem breiteren Publikum zu präsentieren (der Beitrag wird im Sommer 2019 bei Arte ausgestrahlt).

Des Weiteren untersuchen wir die Ikonisierungen dieser Katastrophen in den Medien, zum Beispiel von Amatrice über die letzten zweieinhalb Jahre, von den ersten Photographien der eingestürzten Bauten bis zu denjenigen der partiellen Tabula rasa heute. Ikonisierungen stehen in Wechselbeziehungen zu Politiken und Praktiken des Umgangs mit den betroffenen Menschen und Dingen, Orten und Landschaften. Der fotokünstlerische Ansatz von Antonio di Cecco begleitet die kunsthistorische Analyse; eine Online-Ausstellung zeigt ihn im Dialog mit den historischen Sammlungen der Photothek des Kunsthistorischen Instituts.

Das Projekt konzentriert sich nicht nur auf diese Region, sondern arbeitet in transregionaler Perspektive mit internationalen Partnern (Mexiko, geplant Türkei und Iran) zusammen. Durch Recherchen in Sizilien, Kampanien und im Friaul wird es möglich sein, die Auswirkungen von Erdbeben für das mobile und immobile Kulturerbe zu erfassen. Diese Erkenntnisse werden dann in die Frage nach der Zukunft der betroffenen Gebiete eingehen. Während es in L’Aquila trotz aller Verzögerungen um die Rekonstruktion der Hauptmonumente geht (zum Beispiel im Zustand ihrer Neuerrichtung nach dem Erdbeben von 1703), ist dies für die Apenninregion nur eingeschränkt denkbar. Hier braucht es neue Konzepte der Validierung und Gestaltung von Landschaft und Orten, die nicht alle wiederaufgebaut werden können.

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