Kulturwissenschaften

Forschungsbericht 2013 - Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Wissenschaft im Kinderzimmer: Milicent Shinns Beobachtungen frühkindlicher Entwicklung, 1890 bis 1910

Science in the nursery: Milicent Shinn’s observations of early childhood development, 1890 to 1910

Autoren

von Oertzen, Christine

Abteilungen

MPI für Wissenschaftsgeschichte, Abt. II (Lorraine Daston)

Zusammenfassung
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam das wissenschaftliche Interesse an der Entwicklung von Babys und Kleinkindern auf. Gelehrte wie Charles Darwin entdeckten ihren eigenen Nachwuchs als „naturhistorische Objekte“. In den USA widmeten sich vor allem College-Absolventinnen der Erforschung frühkindlicher Entwicklung. Untersucht man die häuslichen Beobachtungen von Milicent Shinn, wird deutlich, wie Shinn und ihr Netzwerk von Beobachterinnen Feldforschung im Kinderzimmer betrieben und grundlegende Erkenntnisse über die Entstehung des menschlichen Bewusstseins gewannen.
Summary
As the nineteenth century drew to a close, the development of infants garnered unprecedented scholarly enthusiasm, with men of science discovering in their own offspring, to borrow Charles Darwin’s phrase, “objects of natural history.” In the USA, college-educated women emerged as key interpreters of infants’ mental faculties. Exploring the at-home observations of Milicent Shinn, a University of California, Berkeley graduate, reveals how she and her female network of observers performed fieldwork in the nursery, producing groundbreaking work on the evolving of the human mind.
<strong>Abb. 1:</strong> Charles Darwin im Alter von 33 Jahren mit seinem ältesten Sohn William. Daguerrotypie aus: Karl Pearson, The Life, Letters, and Labours of Francis Galton, Bd. IIIa, Abb. XXXV, Cambridge 1930. Bild vergrößern
Abb. 1: Charles Darwin im Alter von 33 Jahren mit seinem ältesten Sohn William. Daguerrotypie aus: Karl Pearson, The Life, Letters, and Labours of Francis Galton, Bd. IIIa, Abb. XXXV, Cambridge 1930. [weniger]

Charles Darwin und der französische Soziologe Hyppolite Taine waren unter den ersten Wissenschaftlern, die als junge Väter ihre Neugeborenen beobachteten und ihre Schlussfolgerungen in Essays veröffentlichten (Abb. 1, [1]). Ihrem Beispiel folgend griffen ab der Mitte der 1870er-Jahre andere Gelehrte zu Stift und Notizbuch, um die Entwicklung ihres Nachwuchses genau zu protokollieren [2]. Dieser biografische Ansatz der wissenschaftlichen Beobachtung fand seinen Niederschlag in Studien wie der des Jenenser Physiologen William Preyer über Die Seele des Kindes [3]. Preyers Untersuchung von 1882 war eines der ersten ausführlichen Protokolle über die körperliche und geistige Entwicklung eines menschlichen Wesens von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr. Stark von Darwins Evolutionstheorie beeinflusst, gingen die frühen Untersuchungen frühkindlicher Entwicklung davon aus, dass der menschliche Nachwuchs die Evolutionsgeschichte durchlief: reflex- und instinktgeleitete Aktivität wandele sich dabei schrittweise in absichtsvolle und sprachlich kommunizierte Handlung. Die Beobachter versuchten herauszufinden, wie genau körperliche Reife und geistige Entwicklung zusammenhingen und sich gegenseitig bestimmten. Sie hofften, durch die genaue, tagtägliche Beobachtung dieser Interdependenzen herauszufinden, wie sich die kognitiven menschlichen Fähigkeiten entfalteten: im einzelnen Individuum und als evolutionärer Prozess.

Eine kleine, aber bald einflussreiche Gruppe männlicher Physiologen und Psychologen nahmen Darwins und Preyers Anregung auf, die Kinderstube dem Bereich akademischer Wissenschaft einzuverleiben. Ihrem Empirismus waren jedoch enge Grenzen gesetzt. Der Zugang zu neugeborenen Beobachtungsobjekten beschränkte sich auf den eigenen Nachwuchs, denn Wiegen- und Kinderzimmer galten als intimster und weiblicher Bereich bürgerlicher Häuslichkeit. Obgleich grundlegende Zweifel darüber herrschten, ob Frauen die Entwicklung ihres Säuglings mit der erforderlichen Objektivität protokollieren konnten, ermunterten die wissenschaftlichen Experten junge Mütter, über die körperliche und geistige Entwicklung ihres Nachwuchses selbst Buch zu führen.

In den USA mündete der Enthusiasmus für die wissenschaftliche Beobachtung von Kindern am Ende des 19. Jahrhunderts in eine breite Bewegung, die als Child Study Movement bekannt wurde [4]. Gerade im Bereich der frühkindlichen Entwicklung entfaltete sich hier ein Forschungsfeld, das weniger von männlichen akademischen Experten, als vielmehr von weiblichen College-Absolventinnen betrieben wurde, die sich der wissenschaftlichen Beobachtung im eigenen Heim verschrieben. Die Kalifornierin Milicent Shinn (1858–1940), eine der ersten weiblichen Absolventen der University of California in Berkeley und Redakteurin eines angesehenen literarischen Journals, wurde zur Schlüsselfigur eines Netzwerks von häuslichen Interpretinnen frühkindlicher Entwicklung. Auf der Basis von erhaltenen Notizbüchern, Briefen, Protokollen und Manuskripten untersucht das Projekt am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, wie und mit welchem Erfolg Milicent Shinn und ihr über die Association of Collegiate Alumnae (ACA) organisiertes Netzwerk sich der Beobachtung von Säuglingen und Krabbelkindern widmeten.

Milicent Shinns häusliche Beobachtungen

<strong>Abb. 2:</strong> Milicent Washburn Shinn (1858–1940) mit ihrem Untersuchungsobjekt, Ruth, im Alter von sieben Jahren. Quelle: M. Shinn, Körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes in biografischer Darstellung. Übers. und hg. von W. Glabbach und G. Weber, Langensalza 1905. Bild vergrößern
Abb. 2: Milicent Washburn Shinn (1858–1940) mit ihrem Untersuchungsobjekt, Ruth, im Alter von sieben Jahren. Quelle: M. Shinn, Körperliche und geistige Entwicklung eines Kindes in biografischer Darstellung. Übers. und hg. von W. Glabbach und G. Weber, Langensalza 1905. [weniger]

Shinn hatte 1890 begonnen, ihre neugeborene Nichte Ruth zu beobachten, und sie führte bis zu deren siebtem Lebensjahr täglich Protokoll über ihre Entwicklung (Abb. 2). Zunächst Preyers physiologischem Ansatz folgend, nahm Shinn bald einen eigenen Standpunkt ein, der sich von dem vieler männlicher Kollegen unterschied. Shinn kam zu dem Schluss, dass sich die Entwicklung des kindlichen Bewusstseins nicht schematisch von den niederen zu den höheren Sinnen vollzog. Im Gegenteil befand Shinn, dass sich selbst im frühesten Stadium die Entwicklung der Sinne durch eine Synthese von Assoziationen (später Inferenzen) herstellte, die jeweils durch individuelle Erfahrung entdeckt werden mussten. Shinn gestand zwar zu, dass alle Neugeborenen in ihrer Entwicklung einem ausgewiesenen Pfad folgten; sie betonte jedoch, dass die Möglichkeiten der Variation nahezu unendlich seien. Auch bestritt sie psychologische Theorien wie die, dass Babys erst die Sinne und dann die Vernunft entwickelten, erst das Objekt und dann das Wort begriffen, erst geschickt und dann gescheit würden. Empirie gegen Theorie setzend, kam sie auf der Basis genauer Beobachtung ihrer kleinen Nichte zu dem Schluss, dass Babys sich an keine dieser Ordnungen hielten, wenn man sie ihren eigenen Interessen folgen ließe. Die Interessen des Babys, die sich aus spontanem Impuls und nicht aus angeleitetem Verhalten ergaben, identifizierte Shinn als Motor der frühkindlichen Entwicklung. Die Rolle von Emotionen im Entwicklungsprozess – vor allem Interesse und Freude – wurden zum zentralen Fokus ihres Werks.

Dass dies so war, lag an der Methode häuslicher Beobachtung, wie Shinn sie entwickelte. Anders als Preyer beschränkte sie sich nicht auf ein striktes Regime regelmäßiger Besuche im Kinderzimmer, sondern hatte als Teil des Haushalts ständigen Umgang mit ihrem Untersuchungsobjekt. Auch zeichnete sie nicht allein das auf, was ihr unmittelbar wissenschaftlich bedeutsam erschien; eher protokollierte sie das Verhalten des Babys und das Leben seiner Familie rund um die Uhr und hielt schriftlich fest, was andere Familienmitglieder ihr berichteten. Der Haushalt des Shinn’schen Familiensitzes in Niles, in dem Mutter und Vater wie auch die Großeltern des Einzelkindes Ruth die wissenschaftlichen Bemühungen der Tante unterstützten, wurde ganz im Sinne ihrer wissenschaftlichen Erfordernisse geführt. Um jede selbst einsetzende Veränderung in Ruths Entwicklung zu dokumentieren, bekam der Säugling von früh an größtmögliche Bewegungsfreiheit. Shinn selbst führte bald mehrere Notizbücher gleichzeitig. Von Ruths elftem Monat an trug Shinn fünf kleine Notizblöcke bei sich: Eines für die physischen Sinne, ein zweites für Gefühle, ein drittes für Bewegungsabläufe, ein viertes für Gedächtnis und Neugier, und ein fünftes für Sprache und Sprachverständnis.

1893 präsentierte Shinn erstmals Ergebnisse ihrer Beobachtungen auf dem Jahrestreffen der National Education Association in Chicago, einem Kongress, der wie kein anderer Zuhörer und Experten anzog, die sich für die Entwicklung von Kindern interessierten [5]. Mit ihren Publikationen etablierte Shinn sich als wissenschaftliche Autorität, die auch in akademischen Kreisen Deutschlands hohe Anerkennung genoss. William Preyer selbst begrüßte Shinns vierbändiges Hauptwerk, Notes on the Development of a Child [6], und dankte ihr in einem Brief, seine Aufmerksamkeit auf Aspekte gelenkt zu haben, die ihm selbst entgangen waren.

Die Erforschung frühkindlicher Entwicklung durch gebildete Frauen

<strong>Abb. 3:</strong> Milicent Shinns erstes Notizbuch mit Eintragungen über Ruth, 1890. Bild vergrößern
Abb. 3: Milicent Shinns erstes Notizbuch mit Eintragungen über Ruth, 1890.

Die Beobachtung eines Babys allein barg allerdings gravierende methodologische Probleme. Erstens schritt die Entwicklung eines Säuglings zu schnell und komplex fort, um von einer einzigen Beobachterin ganz erfasst zu werden. Zweitens machte die individuelle Entwicklung Generalisierungen und gesicherte Erkenntnis unmöglich.[7] Shinn ging das Problem von Vergleich und Generalisierung ein Jahr nach Beginn ihrer Beobachtungen an, indem sie Mitglieder der Association of Collegiate Alumnae, eines nationalen Zusammenschlusses von College-Absolventinnen, für ihr Projekt mobilisierte. Eine Studiengruppe von etwa zehn häuslichen Beobachterinnen fand sich 1891 in der kalifornischen Bay Area zusammen. Zwei Jahre später nahm das Projekt der kollektiven häuslichen Beobachtung nationale Ausmaße an. Unter Milicent Shinns Leitung wuchs das Committee on Child Studies der ACA zu einem Netzwerk von etwa dreißig aktiven Kollaborateurinnen. Shinn nahm die Rolle des primus inter pares ein: Sie unterhielt eine aufwendige Korrespondenz, gab schriftlichen Rat und regte ihre Mitstreiterinnen zu breiter wissenschaftlicher Lektüre an. Sie instruierte die Mitglieder der ACA quer über den Kontinent, ihre Beobachtungen mit der größten Genauigkeit durchzuführen und forderte streng wissenschaftliche Standards bei der Feldarbeit in der Wickelstube ein, auch wenn dies angesichts der vielfältigen häuslichen Pflichten von Ehefrauen und Müttern ein schwieriges Unterfangen war. Sie analysierte die ihr zugesandten Aufzeichnungen und nutzte diese für Vergleiche mit ihren eigenen Beobachtungen. Der sichtbarste Ertrag dieser kontinentalen Unternehmung war Shinns 285-seitiges Werk The Development of the Senses in the First Three Years of Life [8]. Mit dieser Veröffentlichung legte Shinn im Jahr 1908 eine erste systematisch vergleichende Untersuchung über die frühkindliche Entwicklung vor. „Das Resultat dieses umsichtig zusammengestellten Materials“, so urteilte eine Rezension im American Journal of Psychology im Jahr 1909 [9], „ist der vollständigste Beitrag zur frühkindlichen Entwicklung, den die Psychologie bislang hervorgebracht hat.“

Wissenschaft jenseits der Akademie

Der Erfolg von Shinns Notes on the Development of the Senses bezeugte die Produktivität des weit verstreuten ACA-Netzwerks. Aus der Perspektive der wissenschaftlichen Rezeption ist Shinns Stimme hingegen als Solo überliefert, obgleich sie Teil eines Chores war, der aus etlichen ans Haus gebundenen College-Absolventinnen bestand.

In der innovativen kollektiven Beobachtung von Babys, wie sie von Shinn initiiert und betrieben wurde, verwischen sich die Grenzen von Universität und Privathaushalt, institutionell verankerten Experten und in Eigenregie forschenden Tanten und Müttern. Zwischen meist von Männern in Laboren und Seminaren geleisteter und bezahlter wissenschaftlicher Arbeit auf der einen und der überwiegend unbezahlt von Frauen durchgeführten Wissenschaft im Haushalt auf der anderen Seite erweisen sich nicht die wissenschaftliche Qualität der Arbeit, sondern die Möglichkeiten, diese zeitnah und umfassend zu publizieren, als entscheidende Grenzlinie. Milicent Shinn stellt trotz ihrer wichtigen Publikationen keine Ausnahme von dieser Regel dar – denn große Teile auch ihrer Aufzeichnungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse blieben unveröffentlicht. Die Geschichte der Erforschung frühkindlicher Entwicklung regt an, weiter aufzuspüren, was ansonsten jenseits derjenigen institutionellen Netzwerke erforscht wurde, die unser Verständnis von Wissenschaft bis heute prägen.

Literaturhinweise

1
Darwin, C.
A biographical sketch of an infant
Developmental Medicine and Child Neurology 13 (1971, Nachdruck)
2
Lorch, M.; Hellal, P.
Darwin’s ‘Natural science of babies’
Journal of the History of the Neurosciences 19, 140–157 (2010)
3
Preyer, W. T.
Die Seele des Kindes
Grieben, Leipzig (1882)
4
Apple, R.
Perfect motherhood. Science and childrearing in America
Rutgers University Press, New Brunswick (2006)
5
Shinn, M. W.
The first two years of a child
Publications of the National Assocation of Education (1893)
6
Shinn, M. W.
Notes on the development of a child
University of California Press, Berkeley (1893)
7
Daston, L. and Lunbeck, E. (eds.)
Histories of scientific observation
University of Chicago Press, Chicago (2011)
8
Shinn, M. W.
Notes on the development of the senses in the first three years of childhood
University of California Press, Berkeley (1909)
9
Smith, T.
Review: The development of the senses in the first three years of childhood by Milicent Washburn Shinn
The American Journal of Psychology, 20 (1909)
 
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