Zur aktuellen Berichterstattung in stern TV

18. September 2014

Vor dem Hintergrund der in der Sendung stern TV vom 10. September 2014 präsentierten illegal aufgenommenen Filmsequenzen aus der Tierhaltung des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik hat der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft den Leiter des Deutschen Primatenzentrums, Prof. Dr. Stefan Treue, gebeten, die Situation vor Ort zu prüfen.

Unsere Stellungnahme vom Montag, den 15. September 2014

Im Nachgang zu der Stellungnahme der Max-Planck-Gesellschaft vom 11. September 2014 zu der Berichterstattung in stern TV über Tierversuche am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen möchten wir Sie über das aktuell laufende Verfahren informieren.

Wir möchten noch einmal betonen, dass wir die Vorwürfe sehr ernst nehmen. Das Institut prüft alle Punkte und muss dazu umfänglich Protokolle und Dokumente sichten. Darüber hinaus hat die Max-Planck-Gesellschaft einen externen Experten mit einer Prüfung vor Ort beauftragt. Das Ergebnis dieser Untersuchung wird voraussichtlich am Donnerstag vorliegen. Erst dann kann sich die Max-Planck-Gesellschaft äußern und entscheiden, wie weiter verfahren werden soll. Es ist unser vordringliches Ziel, die erhobenen Vorwürfe restlos aufzuklären. Der hohe Wert und Nutzen der Primatenforschung für die Gesellschaft darf nicht gefährdet werden.

Unsere Stellungnahme vom Donnerstag, den 11. September 2014

In der Sendung stern TV vom 10. September 2014 wurden unter der Überschrift „Leiden für die Wissenschaft“ illegal aufgenommene Filmsequenzen aus der Tierhaltung des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik präsentiert. Die Auswahl des Bildmaterials erfolgte allein zu dem Zweck, Tierversuche zu diskreditieren. Praktisch keine der Aufnahmen zeigt den Normalzustand in der Tierhaltung am Institut. Darüber hinaus wurden die Bilder in einer Art und Weise aneinandergereiht, dass eine sinnvolle Einordnung in den eigentlichen Kontext, in dem sie entstanden sind, nicht mehr möglich war oder zum Teil sogar bewusst ein vollkommen anderer Kontext suggeriert werden sollte. Das Institut hatte dem Sender eigene Aufnahmen zur Verfügung gestellt, die in dem Beitrag leider so gut wie gar keine Berücksichtigung fanden. Vor diesem Hintergrund können wir nicht von einer ausgewogenen Berichterstattung sprechen.

Das Emotionalisieren mit Bildern von leidenden oder auch nur vermeintlich leidenden Tieren ist eine von Tierschützern immer wieder angewandte Methode. Einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema dient sie leider nicht. Im Nachgang zur Sendung von Stern TV sehen sich die Mitarbeiter des Instituts, aber auch anderer Institute der Max-Planck-Gesellschaft derzeit bösartigen Beschimpfungen, Schmähungen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt. Die Allianz der Forschungsorganisationen hat erst vor wenigen Monaten angesichts einer diffamierenden Anzeigenkampagne gegen einen Hirnforscher der Universität Bremen explizit alle Beteiligten dazu aufgefordert, die wichtige gesellschaftliche Diskussion zu den Rahmenbedingungen und der Bedeutung von Tierversuchen in der Forschung sachlich, offen und ohne persönliche Verunglimpfungen zu führen! Diese Bitte möchten wir im Namen unserer Mitarbeiter hier noch einmal wiederholen.

Darüber hinaus möchten wir an dieser Stelle Folgendes noch einmal grundsätzlich festhalten:

  • Deutschland hat im internationalen Vergleich eines der strengsten Tierschutzgesetze. Für Versuche an Wirbeltieren benötigen Wissenschaftler für jedes einzelne Versuchsvorhaben die Genehmigung durch die zuständige Behörde. In dem Antrag ist wissenschaftlich genau zu begründen, warum das Forschungsziel ohne den Einsatz von Labortieren nicht erreicht werden kann. Bei der Entscheidung über die Genehmigung oder Ablehnung eines solchen Tierversuchsantrages wird die Behörde durch eine Kommission beratend unterstützt, in der sich neben Experten aus der Tiermedizin, der Medizin oder einer naturwissenschaftlichen Fachrichtung auch Vertreter von Tierschutzorganisationen befinden.

  • Das Wohl der Versuchstiere ist allen mit Tierversuchen befassten Mitarbeitern in der Max-Planck-Gesellschaft ein wichtiges Anliegen: Tierschutz, bestmögliche Haltungsbedingungen und ein verantwortungsvoller Umgang mit den Tieren sind eine ethische Verpflichtung. Die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik arbeiten deshalb beispielsweise auch an einer ständigen Verbesserung der Implantate wie auch der Operationstechniken. Alle Operationen finden unter Vollnarkose und nach humanmedizinischen Standards statt. Darüber hinaus erfolgt die Durchführung eines Tierversuchs immer unter tiermedizinischer Aufsicht, der Aufsicht der Tierschutzbeauftragten sowie unter regelmäßiger behördlicher Kontrolle.

  • Ein wesentliches Ziel biologischer und medizinischer Grundlagenforschung ist es, ein möglichst vollständiges Bild über das komplexe Zusammenwirken im Körper zu bekommen. Dies ist die Voraussetzung, um Krankheiten zu verstehen und entsprechende Medikamente oder Behandlungsmethoden entwickeln zu können. Bei allen Bemühungen um tierversuchsfreie Methoden wie Zellkultur-Studien, Computer-Modellen etc. sind wir bei dem Studium so komplexer Organe wie dem Gehirn noch weit davon entfernt, die physiologischen Zusammenhänge auf diese Weise analysieren zu können.

    Die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik forschen im Bereich der Neurokognition. Ihre Erkenntnisse haben u.a. einen wesentlichen Beitrag zum besseren Verständnis von Magnetresonanz-Untersuchungen geleistet – genau jene non-invasive Methode, die in der Live-Diskussion bei Stern TV als Tierversuchs-Ersatz benannt wurde. Tatsächlich sind die Bilder aus dem Magnetresonanztomografen erst durch die Arbeiten der Max-Planck-Forscher für die Ärzte auf der Ebene von Nervenzellen interpretierbar geworden. Die Magnetresonanztomografie (MRT) ist heute ein zentrales Diagnose-Instrument in der Medizin. Sie erlaubt eine schnelle und non-invasive Einschätzung und Beobachtung des Zustands beispielsweise von Schlaganfallpatienten, Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma oder auch von Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen.

    Nichtsdestotrotz bildet die Magnetresonanztomografie lediglich Hirnareale ab und nicht das Geschehen auf der Ebene Nervenzellen. Für die Weiterentwicklung und Optimierung beispielsweise von Hirnschrittmachern, wie sie bei Parkinson-Patienten eingesetzt werden, sind daher elektrophysiologische Ableitungen am Versuchstier nach wie vor unverzichtbar.

Zum jetzigen Zeitpunkt wird die gestrige Sendung von Stern TV noch ausgewertet, da uns nicht alle Filmsequenzen vorlagen. Wir können jedoch jetzt schon festhalten: Die in dem Filmbeitrag gezeigten Aufnahmen eines Tieres mit einem schweren Schlaganfall stellen eine absolute Ausnahme dar. Wir haben wenig Verständnis dafür, wenn der eingeschleuste Tierpfleger dieses schwer kranke Tier filmt anstatt unmittelbar den Tierarzt zu verständigen, was seine Pflicht gewesen wäre.

Wir treten auch dem im Film vermittelten Eindruck entgegen, tote Tiere würden wie „Müll“ entsorgt. Tatsache ist, dass alle toten Tierkörper zur pathologischen Untersuchung durch eine kompetente staatliche Veterinäruntersuchungsstelle geschickt werden, die sie auf den Gesundheitszustand vor der Tötung untersuchen und so stets überprüfen, ob ein tiermedizinisch verantwortungsbewusster Umgang mit den Tieren stattgefunden hat.

Ebenfalls vom Kontext losgelöst ist die Darstellung des Einstiegs in den Primatenstuhl. Trainierte Tiere steigen unmittelbar in den Stuhl ein. Dieses Training dauert zwischen zwei und drei Tagen. Der Filmbeitrag zeigt u.a. ein noch vollkommen untrainiertes Tier. Die Wissenschaftler am Institut haben einen neuen Primatenstuhl entwickelt, der den Tieren den freiwilligen Einstieg in den Stuhl ermöglicht. Sie dafür zu trainieren ist etwas aufwändiger, das Vorhaben wird aber insbesondere von den Behörden sehr unterstützt.

Die Max-Planck-Gesellschaft prüft den aktuellen Vorgang. Sie befindet sich dabei im engen Austausch mit den Behörden.

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