Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft

Im April 1945 hatte KWG-Präsident Albert Vögler angesichts des nahenden Zusammenbruchs des „Dritten Reichs“ Selbstmord begangen. Die Siegermächte entwickelten um diese Zeit bereits erste Pläne für die Umgestaltung Deutschlands, die auch die Wissenschaft und die KWG als führende deutsche Forschungseinrichtung betrafen. Über die Zukunft der KWG gab es jedoch bei den Alliierten unterschiedliche Vorstellungen. Eine Schlüsselfigur, die den Übergang in neue Verhältnisse möglich machte, war Max Planck. Planck hatte das Ende des Krieges in der Kleinstadt Rogätz an der Elbe erlebt. Es zeichnete sich ab, dass die Amerikaner dieses Gebiet den sowjetischen Streitkräften überlassen würden. In dieser Situation beschloss der britische Chemiker Berty Blount, der als Offizier bei den Besatzungsbehörden für die KWG zuständig war, den berühmten Nobelpreisträger in die Westzonen zu holen. In einer zweistündigen aufreibenden Autofahrt brachte der belgische Astronom Kuiper den 87-jährigen Planck am 16. Mai in einem amerikanischen Militärjeep nach Göttingen. Zwei Monate später erklärte sich Max Planck bereit, das Amt des Übergangspräsidenten der KWG zu übernehmen, damit diese neu geordnet werden könnte. mehr
Im September 1946 wurde auf Initiative der britischen Alliierten eine neue Forschungsgesellschaft in Bad Driburg in der britischen Zone gegründet, die Liegenschaften und Mitarbeiter der KWG aufnehmen sollte. Max Planck sandte der Gründungsversammlung telegrafisch gute Wünsche und das Einverständnis, die neue Gesellschaft nach ihm zu benennen. Die Neugründung unter dem Namen des international geachteten und politisch unbescholtenen Nobelpreisträgers wies den Ausweg aus einer Kontroverse. Die USA vertraten die Meinung, dass die KWG als NS-nahe Organisation den künftigen Frieden gefährde und aufgelöst werden müsse. Der Kontrollrat schloss sich an und bereitete ein entsprechendes Gesetz vor. Doch die Briten waren anderer Meinung, und auch namhafte, politisch unbelastete Wissenschaftler forderten mit Blick auf die großen Erfolge der KWG und deren glanzvolle Rolle im internationalen Wissenschaftsbetrieb deren Erhalt. In Deutschland fürchtete man überdies weiteren Brain Drain, nachdem klar war, dass viele vertriebene Forscher nicht aus der Emigration zurückkehren würden. Die britische Erfindung ‚Max-Planck-Gesellschaft‘ erwies sich als zukunftsfähiges Modell, das schließlich von allen westlichen Alliierten akzeptiert wurde. mehr
Das „Kameradschaftshaus“ der Aerodynamischen Versuchsanstalt der KWG (AVA) in Göttingen wurde am 26. Februar 1948 zur Wiege der modernen MPG. Zwei Tage vorher war die erste, nur in der britischen Zone gültige Max-Planck-Gesellschaft aufgelöst worden, um der Neugründung Platz zu machen. Das Amt des Präsidenten übernahm der Chemiker und Nobelpreisträger Otto Hahn. Göttingen bildete in dieser Zeit ein Zentrum von Forschung und Verwaltung der KWG: Schon in den letzten Kriegsjahren waren vier Institute und die Generalverwaltung in ehemalige Räume der AVA nach Göttingen ausgelagert worden. Die AVA hatte sich, massiv finanziell gefördert durch den NS-Staat, seit 1933 zu einer militärisch bedeutenden Großforschungseinrichtung entwickelt. Sie wurden deshalb nach 1945 in großen Teilen demontiert, so dass Räume frei wurden. Die MPG wurde wegen des Besatzungszustands jedoch zunächst nur für die britische und amerikanische Zone gegründet. In ihnen befanden sich 29 Institute der KWG, die nun in die neue Gesellschaft eingingen. Erst nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 traten auch die fünf Institute der französischen Zone bei. Das alte Kameradschaftshaus dient heute den Mitarbeitern des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation als Kantine. mehr
Bei Kriegsende waren in Berlin nur noch zwei Institute ansässig. Der Sonderstatus der in Besatzungszonen geteilten Stadt führte dazu, dass diese Institute sich stark verspätet der MPG anschlossen. Damit war die Zusammenführung der Reste der KWG in die MPG weitgehend abgeschlossen. Auch die Rückkehr von Mitarbeitern aus der Kriegsgefangenschaft und das beginnende Wirtschaftswunder beflügelten den Wiederaufbau der Wissenschaft in der MPG, deren Institute langsam wieder arbeitsfähig wurden. Doch die Rolle Berlins war nicht mehr vergleichbar mit jener, die die Stadt für die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gespielt hatte. mehr
Der Physiker Walther Bothe erhielt 1954 den Nobelpreis für Physik. Es war der erste Nobelpreis für die junge MPG. Bothe war 1934 ans Kaiser-Wilhelm-Institut für medizinische Forschung nach Heidelberg gekommen und hatte dort wichtige Arbeiten zur Kernphysik und zur Radioaktivität geleistet. Der neue Forschungsbereich entwickelte sich so rasant, dass aus Bothes Abteilung 1958 ein eigenes Max-Planck-Institut für Kernphysik wurde. Bothe erhielt den Nobelpreis zusammen mit Max Born für die Entwicklung der Koinzidenzmethode, die die Messung und damit Erforschung von Strahlungsphänomenen grundlegend verbesserte. mehr
Der Neubau für das biochemische Institut von 1956 war zusammen mit dem für das MPI für Physik (München, 1958) und dem MPI für Biologie (Tübingen, 1951) eines der ersten großen Neubauprojekte der jungen MPG. Das ehemalige Kaiser-Wilhelm-Institut war 1943 aus Berlin nach Tübingen verlagert worden, wo es in den Räumen der Universität eine provisorische Bleibe gefunden hatte. Auf Betreiben seines Direktors Adolf Butenandt siedelte das Institut nach München um und erhielt dort einen eigenen Neubau. Er steht exemplarisch für die erste Expansionsphase der Gesellschaft in der Nachkriegszeit im Zeichen des sachlichen Pragmatismus der 50er-Jahre. mehr
18 bedeutende deutsche Atomphysiker unterzeichneten 1957 ein gemeinsames Manifest, das sie an die Bundesregierung richteten. Angesichts der Pläne zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr warnten sie vor der Gefährlichkeit von Atomwaffen und mahnten den freiwilligen Verzicht Deutschlands an. Unter den Unterzeichnern waren von Seiten der Max-Planck-Gesellschaft Otto Hahn, Werner Heisenberg, Max von Laue, Josef Mattauch und Carl Friedrich von Weizsäcker. mehr
Mit der Israel-Reise des damaligen MPG-Präsident Otto Hahn begann 1959 ein neues Kapitel politischer und wissenschaftlicher Kooperation beider Staaten. Das Ziel war nicht nur die Vernetzung der Forschung, sondern auch die Normalisierung der deutsch-israelischen Beziehungen. Angestoßen durch den israelischen Premierminister David Ben Gurion und Bundeskanzler Konrad Adenauer sollte die Forschung dazu beitragen, die Wunden der Shoah zu heilen. Josef Cohn, der 1933 aus Deutschland emigriert war und eine wichtige Rolle als Vermittler und Wissenschaftsorganisator Israels spielte, setzte sich für die Kooperation ein. Auf Einladung des Weizmann-Instituts, wie die MPG eine staatlich geförderte Einrichtung für Grundlagenforschung, trat Hahn die Reise in Begleitung herausragender Wissenschaftler an: Hahns Sohn Harro vertrat als Kunsthistoriker der Bibliotheca Hertziana die Geisteswissenschaften der Max-Planck-Gesellschaft, Wolfgang Gentner, Direktor am MPI für Kernphysik, und der Biochemiker Feodor Lynen vom MPI für Zellchemie die beiden naturwissenschaftlichen Sektionen. Auf der zehntägigen Reise besuchte die Delegation neben dem Weizmann-Institut auch andere Wissenschaftseinrichtungen, um das Terrain für eine Zusammenarbeit zu sondieren. Hahn selbst hielt später fest, dass die erste Befangenheit der deutschen Gäste von einer „herzlichen und freundschaftlichen Atmosphäre“ aufgefangen wurde. Als Erfolg der Reise folgte ein reger Austausch von Wissenschaftlern beider Staaten: Bereits 1961 konnte der erste deutsche Wissenschaftler, Lorenz Krüger, für einen längeren Zeitraum am Weizmann-Institut forschen. mehr
Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft existierte zwölf Jahre parallel zur Max-Planck-Gesellschaft. Erst am 21. Juni 1960 wurde sie im Rahmen einer Außerordentlichen Hauptversammlung aufgelöst. Auf ihr verkündete Adolf Butenandt, dass die 1951 beschlossene Liquidation der Gesellschaft nun abgeschlossen sei und betonte dabei, wie schmerzlich die endgültige Auflösung für die alten Mitglieder sei. Das restliche Vermögen ging auf die Max-Planck-Gesellschaft über. Zur selben Zeit begann eine Kommission, die Satzung der MPG grundlegend zu überarbeiten. Der geänderte Text beinhaltet seit 1964 den Passus: „Die Max-Planck-Gesellschaft setzt die Tradition der früheren Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft fort.“ Gleichzeitig begann die MPG unter Butenandt, der im selben Jahr Präsident wurde, großflächig zu wachsen. Viele neue Institute wurden gegründet. Mit dem Umzug der Generalverwaltung nach München brachen 1960 auch für die Mitarbeiter der Verwaltung neue Zeiten an. mehr
Das Max-Planck-Institut für Hirnforschung bezog 1961 ein neues Gebäude in Frankfurt/Main. Der Einzug beendete die provisorische Unterbringung der Nachkriegsjahre. Das Institut war als KWI für Hirnforschung in Berlin-Buch gegründet und in den letzten Kriegsjahren verlagert worden. Seine fünf Abteilungen hatten in fünf verschiedenen westdeutschen Städten Notunterkünfte gefunden. Diese wurden nun zusammengeführt. In den modernen Bau zogen jedoch auch die ehemaligen Abteilungsleiter Julius Hallervorden und Hugo Spatz ein, die während des „Dritten Reichs“ am Institut Karriere gemacht und vom menschenverachtenden System profitiert hatten. Sie brachten eine große Sammlung von Hirnschnitten in das neue Gebäude, von denen sich später herausstellte, dass sie von Opfern der NS-„Euthanasie“ stammten, in die Spatz und Hallervorden selbst involviert gewesen waren. mehr
Auf dem jungen Max-Planck-Campus in Tübingen wurde 1969 ein neues Laboratorium gebaut, das nicht nur Arbeitsräume bot, sondern auch ein neues Prinzip der Forschungsförderung einführte, das jungen Wissenschaftlern mehr Verantwortung übertrug: In den Laborräumen fanden die ersten selbstständigen Nachwuchsgruppen der MPG ihren Platz. Nachwuchsgruppen sind eigenständige und eigenverantwortlich arbeitende Forscherteams, die von Postdoc-Wissenschaftlern geleitet werden, die hier erste Erfahrungen in der Leitung größerer wissenschaftlicher Projekte mit mehreren Mitarbeitern sammeln können. mehr
Am 1. Januar 1970 wurde das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt gegründet. Die Leitung übernahm der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, zweiter Direktor war seit 1971 Jürgen Habermas. Mit diesem Institut betrat die MPG Neuland. Den Anstoß gab die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaft. Mit seinem gesellschaftskritischen Ansatz, der kompatibel war mit vielen Ideen der 68-Bewegung, wurde das Institut bald zur Legende. Weizsäcker selbst hatte als junger Physiker die Entdeckung der Kernspaltung 1938 aus nächster Nähe erlebt und sofort deren gefährliches militärisches Potential gesehen. Er kam zu der Überzeugung, dass Forscher für die Folgen ihrer Entdeckung verantwortlich seien und engagierte sich in den 1950er Jahren politisch für die friedliche Nutzung der Kernkraft. Im geistigen Klima der 60er-Jahre entstand die Idee für ein Institut, das sich der Friedens- und Zukunftsforschung mit dem Hintergrund der Politikberatung widmen sollte. Mit Weizsäckers Emeritierung 1980 wurde das Institut zu einem Institut für Sozialforschung umgewandelt und wenig später geschlossen. mehr
Das Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn weihte 1971 ein neues Großgerät auf dem Effelsberg in der Eifel ein. Das Radioteleskop mit einem Durchmesser von 100 Metern gehört auch heute noch zu den größten vollbeweglichen Radioteleskopen der Erde. Deutschland wurde mit damit zu einer wichtigen Station im internationalen Netz für die Beobachtung des Kosmos. mehr
Die Strukturreform von 1973 brachte ein größeres Mitbestimmungsrecht der Mitarbeiter und setzte die Änderungen der Satzung, die schon 1964 stattgefunden hatte, durch. Sukzessive wurde die neue Klausel nun auch in den Satzungen der Institute verankert. Sie erhob die Abteilungsleiter zu Direktoren, was ihrer wissenschaftlichen Leistung entspricht. Strukturell fand die MPG damit zu einer mehr demokratisch ausgerichteten Form, denn die Abteilungsdirektoren eines Instituts sind seitdem gleichgestellt und wechseln sich in der Geschäftsführung des Instituts in regelmäßigem Turnus ab. Die Änderung brachte damit eine administrative Korrektur des Harnack-Prinzips, das als wichtigster Grundsatz der Gesellschaft gelten darf und noch aus der Gründungszeit der KWG stammt: Es bestimmt die Förderung besonders kreativer und innovativer Forscher und ihrer auch quer zum etablierten Forschungskanon liegenden Ideen. mehr
Als das MPI für Bildungsforschung in Berlin 1974 sein neues Gebäude bezog, zeigte auch die Architektur des Architektenteams Fehling und Gogel, dass in der Wissenschaft infolge der 68er Bewegung neue Zeiten angebrochen waren. Der sternförmig angelegte Bau, der auf repräsentativen Pomp ebenso verzichtet wie auf anonyme Strukturen im Inneren, stellt in seiner Art etwas völlig Neues dar. Er setzt ganz auf Kommunikation und entwickelt die äußere Form aus den inneren Bedürfnissen der Forschung. „Allein denken und lesen“, und „mit anderen kommunizieren“ – für diese grundlegenden Bedürfnisses geisteswissenschaftlichen Arbeitens entwarfen Fehling und Gogel einen Rahmen. Es ist aber auch Ausdruck der neuen Tendenzen im Wissenschaftsbetrieb zu mehr Mitbestimmung der Mitarbeiter unterhalb der direktorialen Ebene. Das Institut war schon 1962 gegründet worden und vertrat mit seinem Forschungsthema von Anfang an auch ein gesellschaftliches Anliegen: Es untersucht die Bedingungen von Bildungserwerb. Die ungewohnte Architektur sollte diese Arbeit unterstützen und beschritt damit in jeder Hinsicht neue Wege. mehr
Der Verwaltungsrat der Max-Planck-Gesellschaft stiftete erstmals die Otto-Hahn-Medaille. Die neue Auszeichnung ehrt Nachwuchswissenschaftler für ihre herausragenden Leistungen und wird im Jahr an maximal 30 Forscher verliehen. mehr
Das Max-Planck-Institut für Quantenoptik war 1981 gegründet worden, um die Wechselwirkung von Licht und Materie zu untersuchen, vor allem mit dem Fokus auf Laserchemie, Laserphysik und Laserplasmen. Es ging aus einer Projektgruppe für Laserforschung hervor, die schon seit 1976 am MPI für Plasmaphysik in München-Garching angesiedelt worden war. Mit dem Neubau etablierte sich die MPG weiter am Technologiestandort Garching im Norden Münchens. Begonnen hatte dieser Prozess bereits 1963 als die MPG das Teil-Institut für extraterrestrische Physik des MPI für Physik und Astrophysik dort angesiedelt hatte. Die Bedeutung Garchings ist seitdem stetig gewachsen, denn neben der MPG sind zahlreiche andere renommierte Forschungseinrichtungen dort vertreten, darunter die Technische Universität, die Ludwig-Maximilians-Universität und die Fraunhofer-Gesellschaft. mehr
Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, hatte das auch Folgen für das deutsche Wissenschaftssystem. Die MPG startete ein Sofortprogramm, um zeitlich befristete Forschungsstellen einzurichten und den Austausch von Wissenschaftlern anzuregen. Ein halbes Jahr nach dem Mauerfall traf sich der „Wissenschaftsgipfel“ der beiden deutschen Staaten in Bonn. Gekommen waren der Forschungsminister der BRD Heinz Riesenhuber und sein Amtskollege aus der DDR Frank Terpe. Sie berieten über die Zukunft des Wissenschaftsbetriebs in einem gesamtdeutschen Staat mit dem Ergebnis in Zukunft eine „einheitlich Forschungslandschaft“ aufzubauen „mit den Elementen, die die Bundesrepublik Deutschland heute kennzeichnen“. Die MPG begann daraufhin mit der Gründung neuer Institute im Ostteil Deutschlands. Der Großteil der Forschungseinrichtungen der DDR wurde in der Folge des Einigungsprozesses Teil der Leibniz-Gemeinschaft. Die Grundsätze des Wissenschaftsgipfels wurden auch im deutschen Einigungsvertrag festgeschrieben, der am 3.10.1990 in Kraft trat. mehr
Auf dem Münchner Waldfriedhof erinnert seit 1990 ein Gedenkstein an die Opfer des Nationalsozialismus und ihren Missbrauch durch die medizinische Forschung. Hier wurden Präparate aus den wissenschaftlichen Sammlungen der Max-Planck-Institute für Hirnforschung und für Psychiatrie beigesetzt. Denn man musste annehmen, dass die für wissenschaftliche Zwecke angefertigten Schnitte von Opfern der NS-„Euthanasie“-Morde stammten. Ab 1940 waren in der sogenannten Aktion T4 geistig Behinderte aus mehreren deutschen Heil- und Pflegeanstalten gezielt getötet worden. Im KWI für Hirnforschung bestand durch den Leiter der Neuropathologischen Abteilung Julius Hallervorden ein direkter Kontakt zu den Tötungskliniken, da er zugleich Prosektor der Brandenburgischen Psychiatrischen Landesanstalten in Görden/Brandenburg war und in dieser Funktion an der Entscheidung über die Ermordung mitwirkte. Die Sammlung von Hirnschnitten, die als Erbe des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung ins Max-Planck-Institut nach Frankfurt kam, wurde auf Betreiben der Direktoren Wolf Singer und Heinz Wässle 1990 nach damaligem Kenntnisstand komplett beigesetzt. Im MPI für Psychiatrie wurden die aus der Zeit des „Dritten Reichs“ stammenden Präparate ausgesondert und beigesetzt. Heinz Staab mahnte als Präsident der MPG anlässlich der Beisetzung eine „verantwortliche Selbstbegrenzung bei der Forschung“ an. mehr
Seit 1992 entwickelte sich der Großraum Berlin zu einem neuen Schwerpunkt der Max-Planck-Gesellschaft. Als Folge der Wiedervereinigung verlegte die Max-Planck-Gesellschaft 1992 ihren juristischen Sitz von Göttingen nach Berlin. Die Generalverwaltung blieb in München. 1992 nahm die „Förderungsgesellschaft Wissenschaftlicher Neuvorhaben mbH“ ihre Arbeit auf und errichtete sieben geisteswissenschaftliche Zentren, in denen Wissenschaftler aus den Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR einen Arbeitsplatz finden sollen. Themen waren „Europäische Aufklärung", „Literaturforschung“, „Moderner Orient“, „Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas“, „Allgemeine Sprachwissenschaften“, „Wissenschaftsgeschichte und -theorie“ sowie „Zeithistorische Studien“. Auch die neuen Max-Planck-Institute für Kolloid- und Grenzflächenforschung und für Mikrostrukturphysik in Teltow bzw. Halle begannen am 1.1.1992 zu arbeiten. mehr
1997 setzte der damalige Präsident der MPG Hubert Markl eine unabhängige Historikerkommission ein, die die Geschichte der KWG im Nationalsozialismus aufarbeiten sollte. Vorsitzende waren Wolfgang Schieder und Reinhard Rürup, die sich als Experten für Antisemitismusforschung und NS-Geschichte einen Namen gemacht hatten. Die Max-Planck-Gesellschaft übernahm die Finanzierung des unabhängigen Forschungsprojekts, dem sämtliche Akten und Archivbestände zugänglich gemacht wurden. Die ersten Ideen die Vergangenheit aufzuarbeiten entstanden bereits in den 1980er Jahren. Im Zentrum des Forschungsprojekts standen die Politik der Generalverwaltung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die Rassen- und Vererbungsforschung in Kaiser-Wilhelm-Instituten, die Rüstungsforschung, die agrarwissenschaftliche Forschung im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Expansionspolitik, aber auch die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie die Rolle einzelner Persönlichkeiten, darunter der Nobelpreisträger und langjährige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Adolf Butenandt. Als Ergebnis ihrer Arbeit präsentierte die Kommission insgesamt 19 Monographien und 28 Vorabdrucke. mehr
Drei neu gegründete Institute bezogen 1999 ihre Neubauten in Potsdam-Golm am Rande der alten preußischen Militärstadt: Die MPI für Gravitationsphysik, für Kolloid- und Grenzflächenforschung sowie für molekulare Pflanzenphysiologie. Golm wurde damit zu einem neuen Wissenschaftsstandort im Großraum Berlin, denn auch die Fraunhofer-Gesellschaft und die Universität errichten hier neue Forschungsbauten auf der grünen Wiese in der strukturell wenig erschlossenen Mark Brandenburg. Auch in Rostock, Dresden, Leipzig, Halle, Greifswald, Jena und Magdeburg wurden neue Max-Planck-Institute gegründet. Parallel zum Aufbau in Ostdeutschland wurden Standorte im Westen geschlossen, darunter die MPI für Biologie, für Verhaltensphysiologie und das Gmelin-Institut für Anorganische Chemie und Grenzgebiete. mehr
Mit dem Berliner Symposium zum Thema biowissenschaftliche Forschung und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten beschritt die Max-Planck-Gesellschaft 2001 spät aber entschieden neue Wege der Vergangenheitsbewältigung. Bei dieser Tagung kamen überlebende Opfer der NS-Zeit und Historiker mit Vertretern der MPG zusammen. Stellvertretend für die MPG eröffnete Präsident Hubert Markl den Dialog mit den Gästen, die die menschenverachtenden biowissenschaftlichen Versuche während des Nationalsozialismus überlebt hatten. Die 1997 eingesetzte Historikerkommission hatte zuvor klar belegt, dass auch Wissenschaftler der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft die Verbrechen des „Dritten Reichs“ aktiv oder indem sie dessen Ideologie wissenschaftlich legitimierten, mitverantwortet hatten. In seiner Rede betonte Markl, dass „die ehrlichste Art der Entschuldigung die Offenlegung der Schuld,“ sei. Er wies damit der MPG den Weg, Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen. Markl beließ es aber nicht bei dieser wissenschaftlichen Sichtweise, sondern fand bewegende Worte, sich auch persönlich bei den Überlebenden der Zwillingsforschung zu entschuldigen: „Um Verzeihung bitten kann eigentlich nur ein Täter. Dennoch bitte ich Sie, die überlebenden Opfern, von Herzen um Verzeihung für die, die dies, gleich aus welchen Gründen, selbst auszusprechen, versäumt haben“. mehr
Im Rahmen einer Festveranstaltung im Indian Institute of Technology in Dehli wurden 2004 die ersten vier indischen Max-Planck-Partnergruppen eröffnet. Dadurch sollten die Beziehungen zwischen ehemaligen indischen Gastwissenschaftlern und Max-Planck-Instituten gestärkt werden. Ein Jahr später intensiverte die MPG auch ihre Zusammenarbeit mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und gründeten 2005 ein Partnerinstitut for Biological Sciences in Shanghai. Das Institut arbeitet an der Erforschung biologischer Netzwerke und kooperiert eng mit experimentellen und biomathematischen Forschungsinstituten. mehr
Das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte bezog 2006 sein neues Gebäude in Berlin-Dahlem. Damit war der von der MPG unterstützte Aufbau der Wissenschaftslandschaft in den neuen Bundesländern abgeschlossen. Insgesamt 18 Institute waren dort aufgebaut worden. Das Institut war 1994 im Zug des Aufbaus der gesamtdeutschen Forschungslandschaft in Berlin-Mitte gegründet worden und hatte sich in kurzer Zeit zu einem wissenschaftshistorischen Forschungszentrum entwickelt, das zeitlich und kulturell übergreifend die Herausbildung neuer Kategorien des Denkens und des Erkenntnisgewinns untersucht. Das Institut hatte zunächst Räume in der Tschechischen Botschaft im ehemaligen Ostteil der Stadt in Berlin-Mitte bezogen. mehr
2007 beschloss der Senat die Gründung des ersten Auslandsinstituts der MPG außerhalb Europas. Es wurde 2012 auf dem Jupiter Campus der Florida Atlantic University eröffnet. Finanziert aus US-Geldern folgt das Institut in seinen Grundsätzen den Leitlinien und den Regeln der Qualitätssicherung der MPG und widmet sich der biowissenschaftlichen Forschung. Die Gründung ist der Schritt der MPG auf dem Weg zu einer noch stärkeren Internationalisierung, die in den bestehenden Instituten durch die hohe Zahl ausländischer Wissenschaftler und die globale Vernetzung der Forschungsarbeit bereits vollzogen ist. mehr
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