Genialer Wissenschaftler und tüchtiger Geschäftsmann

In Karl Ziegler vereinigten sich diese zwei Gaben, die nicht oft im Einklang stehen. Er verzichtet auf die Millionenerträge aus seinen Patenten und stellte sie der Wissenschaft zur Verfügung.

Karl Ziegler leitete von 1943 bis 1969 als Direktor das Kaiser-Wilhelm-Institut (später: Max-Planck-Institut) für Kohlenforschung. Das Institut steht für zahlreiche wichtige Erfindungen der Neuzeit, von der berühmten Fischer-Tropsch-Synthese bis zum Basisverfahren zur Herstellung biologisch abbaubarer Waschmittel. Über Jahrzehnte profitierte dieses Max-Planck-Institut vom millionenschweren Ziegler-Fonds, in den Karl Ziegler den Geldsegen aus seinen Patenten eingebracht hatte. Dieses Geschenk machte das Institut über Jahre hinweg finanziell unabhängig. Ihm verdanken das Max-Planck-Institut und die Stadt Mülheim die Institutsbebauung auf dem Kahlenberg mit Bibliothek, Laborhochhaus, Pilotanlagen und Hochdruck-Werkstätten.

Karl Ziegler war ein unermüdlicher Forscher und Erfinder. Weltberühmt wurde er mit der Entdeckung des Niederdruck-Polyethylens, für die er 1963 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde. Diese Erfindung führte zu einer dramatischen Entwicklung in der industriellen Produktion von Polyethylen und Polypropylen als preiswerte und vielseitige Polymere. Sie finden als ökonomisch attraktive und umweltfreundliche Kunststoffe vielfältige Anwendungen und stellen heute über die Hälfte aller organischen Plastikmaterialien, die weltweit in etwa 200 Millionen Tonnen pro Jahr produziert werden.

Wie eine Initialzündung wirkte die Entdeckung von 1953 auch auf die Entwicklung der metallorganischen Komplexkatalyse, der sogenannten homogenen Katalyse mit löslichen Metallverbindungen. Sie gehört heute zu den bedeutendsten und innovativsten Gebieten der Chemie und besitzt für die Synthese organischer Chemikalien in der chemischen und pharmazeutischen Industrie größte wirtschaftliche und technische Bedeutung.

Welche Bedeutung Zieglers Entdeckungen beizumessen ist, beweist allein schon der materielle Wert der Patente, der sich auf rund 40 Millionen DM belief. Bevor aber Karl Ziegler die finanziellen Früchte ernten konnte, musste er seine Patentanmeldung in einem jahrzehntelangen Rechtsstreit mit dem italienischen Konzern Montecatini verteidigen. Das US-amerikanische Patentamt erkannte schließlich Ziegler die Priorität zu.

An seinem 70. Geburtstag gründete Karl Ziegler den sogenannten Ziegler-Fonds. Damit verzichtete er zugunsten des Instituts auf die Erlöse aus seinen Patenten und Lizenzen, die innerhalb von 16 Jahren auf eine ansehnliche Summe angewachsen waren. Zwei Jahre später gründete er zusätzlich die Ziegler-Stiftung mit einem Grundstock von 4 Millionen DM.

Darüber hinaus vermachten Karl Ziegler und seine Frau Maria der Stadt Mühlheim eine bedeutende Gemäldesammlung der Kunst des 20. Jahrhunderts. Natürlich war Karl Ziegler Ehrenbürger der Stadt – eine von vielen Ehrungen, die von Ehrendoktoraten über das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland und Mitgliedschaft im Orden „Pour le Mérite“ für Wissenschaften und Künste bis hin zum Ehrenhäuptling der Ponca-Indianer, eines Stammes der Sioux, reichten! Auf seinen vielen Reisen um die Welt wurde er von vielen gekrönten Häuptern empfangen, so auch vom japanischen Tenno.

Der Name Karl Zieglers und sein Ruf sind auch heute noch lebendig. Das Mühlheimer naturwissenschaftliche Gymnasium trägt seinen Namen, bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker ist die nach ihm benannte Karl-Ziegler-Stiftung angesiedelt, die den mit 50.000 Euro dotierten Karl-Ziegler-Preis sowie den Karl-Ziegler-Förderpreis verleiht. Seine Büste steht - inmitten anderer Nobelpreisträger der MPG – in der Eingangshalle des Max-Planck-Hauses in München.

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