Ein Unternehmer auf Draht

"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" – selten trifft dieses Zitat so zu wie auf den Unternehmer Rudolf Wanzl (1924–2011). Fleißig, beharrlich, neugierig, den Kopf voller Ideen, gleichzeitig bodenständig, bescheiden und immer ansprechbar für "seine Leute" – eine herausragende Persönlichkeit, die aus dem Nichts ein weltweit agierendes Unternehmen mit 3.500 Mitarbeitern aufbaute. Mit großer Selbstverständlichkeit gehörte seit jeher auch ein vorbildliches soziales, kulturelles und gesellschaftspolitisches Engagement dazu.

Was für eine Zeit… Die Eltern als Flüchtlinge im Auffanglager, der 23-jährige Sohn ohne höheren Schulabschluss, Heimkehrer aus Krieg und Gefangenschaft. Die Schwester näht aus Fallschirmseide Kleider für die Frauen der US-Besatzer. Die Mutter backt Schaumrollen für den Verkauf in der Autobahnraststätte. Vater und Sohn bauen im schwäbischen Leipheim eine „Werkstatt für Waagenbau und Reparaturdienste“ auf. Die Ziegelsteine aus abgebrochenen Kasernen wurden aufgesammelt, sauber geklopft und mit dem Handkarren abtransportiert, die Werkzeuge mit einfachen Hilfsmitteln selbst gebaut.

Doch es blieb nicht beim Eichen und Reparieren der Waagen in Lebensmittelgeschäften und Metzgereien. Die Aufmerksamkeit von Rudolf Wanzl richtete sich auf die ersten Selbstbedienungsläden, und sein Ideenreichtum brachte das erste Patent: Ein stapelbarer Einkaufskorb mit klappbarem Bügel, in seiner Form bis heute kaum verändert. Das Konzept der Selbstbedienung breitete sich mit dem eintretenden Wirtschaftswunder rasant aus. Ein Besuch in den USA führte zur Konstruktion eines Einkaufswagens, den Wanzl mit seinem Geschick und dem richtigen Gespür für die Wünsche der Kunden zu einem unentbehrlichen Requisit im Lebensmittelhandel machte. Mit unermüdlichem Fleiß verbesserte er das Design, arbeitete an der Qualität und war in der Werkstatt und beim Kunden gleichzeitig präsent. „Er kroch unter die Wagen, achtete auf jedes Detail, jede Verstrebung, jeden Schweißpunkt“, erinnert sich seine Tochter, die ihn manchmal auf Reisen begleitete. Rudolf Wanzl wusste, dass er in seiner Frau Katharina eine unschätzbare Unterstützung hatte: "Ohne sie hätte ich das nie geschafft." Als junge Mutter holte sie nicht nur ein Studium an der Handelsakademie in Ulm nach, um das Büro organisieren zu können, sondern besaß auch einen wertvollen siebten Sinn dafür, welchem Geschäftspartner zu trauen war.

Rudolf Wanzl nutzte jede Chance zur Expansion. Er war überaus kreativ, hatte Erfahrung und unternehmerischen Willen. So entstanden neue Produkte, weitere Arbeitsplätze und schließlich zusätzliche Produktionsstätten. Heute fertigen vier Werke in Deutschland und weitere in Frankreich, Tschechien und China längst nicht mehr nur Einkaufswagen, sondern alles, was Räder hat und Transport und Lagerung dient: Entsorgungswagen, Rollcontainer, Regalsysteme, Schränke, Parkboxen, Pfandsysteme und -automaten, Leit- und Sicherheitssysteme – eine eindrucksvolle Produktpalette, die die Zukunft des Unternehmens sichern hilft. Im Leitspruch wird es deutlich: "Wanzl steht für Dynamik, Verlässlichkeit und Fortschritt."

Rudolf Wanzl war sein Leben lang begeisterungsfähig, wissbegierig, offen für alles Neue. Als Junge war er ständig in der Natur unterwegs, fing Schmetterlinge, beobachtete Raupen bei deren Verpuppung, stellte unter Anleitung des Vaters eine eigene Sammlung zusammen. Gern hätte er Biologie studiert, doch der Krieg – er wurde mit 18 Jahren eingezogen – verwehrte ihm schon das Abitur. Die Neugier und das Fragen blieb. Die Wissenschaft faszinierte Rudolf Wanzl mit all dem Neuen, das sie in die Welt bringt.

Die schwere Erkrankung seiner Frau schließlich war der Auslöser für die erste finanzielle Förderung der Grundlagenforschung am Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Das Forscherteam wollte beweisen, dass eine auf den Patienten zugeschnittene Therapie möglich und sinnvoll ist. Durch eine systematische Analyse des gesamten Genoms von kranken und gesunden Kontrollpersonen gelang der Nachweis, dass der Transport verschiedener Antidepressiva in das Gehirn genetisch programmiert ist. Das Profil des ABCB-1 Gens eines Patienten gestattet die Vorhersage, ob er auf ein bestimmtes Medikament ansprechen wird. In der Begegnung mit Max-Planck-Wissenschaftlern erschloss sich Rudolf Wanzl eine Welt, die seinem Ideal von Schöpfergeist, Zielstrebigkeit und Genialität entsprach. Deshalb entschied er, dass seine privaten Mittel hier sinnvoll eingesetzt sind.

Rudolf Wanzl starb 2011 im Alter von 86 Jahren. Seine drei Kinder übernahmen mit dem großen Erbe auch die Verantwortung. Sie halten das unternehmerische Lebenswerk ihres Vaters in Ehren und engagieren sich im Aufsichtsrat und als Gesellschafter der Firma.

hy/tk

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