Klima-Messturm in Brasiliens Urwald eingeweiht

Max-Planck-Gesellschaft, das brasilianische Amazonasforschungsinstitut und die Universität des Staates Amazonas feiern Fertigstellung der 325 Meter hohen Forschungseinrichtung ATTO

19. August 2015

150 Kilometer nordöstlich von Manaus, mitten im dichtesten brasilianischen Regenwald, steht das Amazonian Tall Tower Observatory – kurz ATTO. Nach einem Jahr Bauzeit wurde ATTO am Samstag, den 22. August 2015 eröffnet. Der 325 Meter hohe Klimamessturm ist ein deutsch-brasilianisches Gemeinschaftsprojekt, an dem das Max-Planck-Institut für Chemie, das Max-Planck-Institut für Biogeochemie, das brasilianische Bundesinstitut für Amazonasforschung INPA (Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia) und die Universität des Staates Amazonas UEA (Universidade do Estado do Amazonas) beteiligt sind. Zur Einweihung reisten neben Vertretern der Wissenschaftsorganisationen auch der brasilianische Wissenschaftsminister Aldo Rebelo, der Gouverneur des Bundesstaates Amazonas, José Melo, sowie Vertreter der deutschen Botschaft in Brasilien an.

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Während der Einweihung: Luiz R. França, der Direktor von INPA (l.), Max-Planck-Vizepräsident Ferdi Schüth (2.v.r.) und Brasiliens Wissenschaftsminister Aldo Rebelo (r.)

Hoch über den Wipfeln der Urwaldbäume werden moderne Messgeräte täglich Daten über Treibhausgase, Aerosolpartikel, Wolkeneigenschaften, Grenzschichtprozesse und den Transport von Luftmassen sammeln. „Mit ATTO erreichen wir einen Meilenstein in der Erforschung des Erdsystems. Alle Daten, die wir an diesem neuen Messturm generieren, fließen in Modelle zur Vorhersage der Klimaentwicklung ein“, machte Ferdi Schüth, Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft, mit Blick auf die Einweihung deutlich. Damit, so betont Schüth, werden die ATTO-Messergebnisse künftig auch der Politik helfen, um umweltpolitische Regelungen und globale Klimaziele weiterzuentwickeln.

„Mit ATTO haben wir ein weltweit einzigartiges Referenzlabor für die Erforschung der Wechselwirkungen zwischen tropischen Regenwäldern und der Atmosphäre geschaffen. Mithilfe der Daten werden wir einen großen Fortschritt bei der Darstellung der tropischen Regenwälder in meteorologischen sowie Erdsystemmodellen erreichen. Es wird zukünftig möglich sein, viel detailliertere Wettervorhersagen und Klimaprognosen zu erstellen“, erklärt INPA-Wissenschaftler Antonio Manzi, der brasilianische Projektkoordinator.

Rodrigo Souza, Professor an der UEA, betont: „Über das ATTO-Projekt kommen brasilianische und internationale Wissenschaftler zusammen und tauschen ihr Fachwissen aus. Weil davon auch Studenten profitieren, ist dies ein großer Gewinn für die brasilianische Fachcommunity, insbesondere für die Partner in Amazonien."

Die Vorzüge des Regenwald-Standortes

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Stahlkoloss im Regenwald: Der Atto-Turm wird wichtige Klimadaten liefern.

„Wir haben uns für den Standort im brasilianischen Regenwald entschieden, da er weitestgehend abseits menschlicher Einflüsse gelegen ist und uns somit relativ unverfälschte Daten gewährleistet“, erklärt Meinrat O. Andreae, Direktor der Abteilung Biogeochemie am Max-Planck-Institut für Chemie, der Institution, die den deutschen Anteil des gemeinsamen Projekts koordiniert.

Des Weiteren ermögliche es ATTO den Wissenschaftlern ab sofort, ihre Messungen in höheren Luftschichten und kontinuierlicher als bisher durchzuführen, so dass verlässlichere Aussagen über die Entwicklung unserer Atmosphäre zu erwarten sind, so Andreae weiter. Von der Spitze des Messturms aus können die Forscher zudem nachvollziehen, welche Veränderungen große Waldgebiete in Luftmassen auslösen, die den Regenwald überqueren. Aus der Analyse dieser Wechselwirkungen wollen sie wichtige Rückschlüsse über die Bedeutung des Regenwaldes auf die Chemie und Physik der Atmosphäre gewinnen.

Noch sind die Wissenschaftler vor Ort damit beschäftigt, Messgeräte auf dem Turm zu installieren. Doch bald werden die ersten Daten gesammelt und ausgewertet. Konkretes Ziel der Wissenschaftler ist es zunächst, die Quellen und Senken von Treibhausgasen wie Kohlendioxid, Methan und Distickstoffoxid besser zu verstehen. „Bisher wissen wir nur unzureichend, welche Rolle der Urwald bei der Bildung von Aerosolpartikeln und somit der Wolkenbildung spielt. Es wartet somit eine ganze Palette von Geheimnissen darauf, mithilfe unseres neuen Messturms aufgedeckt zu werden“, fasst Jürgen Kesselmeier, Projektkoordinator der Max-Planck-Gesellschaft, die zahlreichen Hoffnungen, die auf ATTO liegen, zusammen.

BMBF finanziert deutschen Anteil

Luiz R. França, der Direktor des brasilianischen Nationalen Institut für Amazonasforschung (INPA), ergänzt: „Dieses faszinierende Joint Venture ist ein klares Beispiel dafür, wie zwei Staaten, die auf verschiedenen Kontinenten liegen, für eine große Aufgabe erfolgreich zusammenarbeiten. Definitiv wird unser Wissen über die Amazonas-Region und die Erde nicht die gleiche sein, nachdem dieses herrliche und imposante Unternehmen vollständig in Betrieb ist."

Die Kosten von rund 8,4 Millionen Euro für den ATTO-Bau und die ersten fünf Betriebsjahre teilen sich Deutschland und Brasilien. Gefördert wird das Projekt auf deutscher Seite durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie von brasilianischer Seite durch das Bundesministerium für Wissenschaft, Technologie und Innovation und der Regierung des Bundesstaates Amazonas.

Erdsystemforschung bei der MAX-Planck-Gesellschaft

In der Max-Planck-Gesellschaft ist die Erdsystemforschung ein Schwerpunktthema, bei dem die Max-Planck-Institute für Chemie, Meteorologie und Biogeochemie zusammenarbeiten. Letzteres betreibt neben anderen Messeinrichtungen weltweit seit 2006 den Messturm ZOTTO in der sibirischen Taiga.

SB/JE

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