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Dossier: Galileo Galilei

Wie aus dem Mathematikprofessor Galilei ein passionierter Fernrohrbauer und Himmelsbeobachter wird

Fernrohr: Eine Orgelpfeife als Teleskop

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Das kopernikanische Weltbild hat sich durchgesetzt, nicht aber Galileis Theorie von Ebbe und Flut

Weltbild: An den Gezeiten gescheitert

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Interview mit Max-Planck-Direktor Jürgen Renn zur Bedeutung des italienischen Gelehrten, der vor 450 Jahren geboren wurde

„Galilei steht für einen historischen Umbruch“

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"Galilei auf dem Weg zum Ruhm"

Matteo Valleriani im Gespräch mit Thomas de Padova. Interview vom 23. Januar 2014. Matteo Valleriani ist seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung "Strukturwandel von Wissenssystemen", Thomas de Padova Journalist in Residence am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

Galileo Galilei

Das Multitalent aus Pisa

Er hat die Astronomie revolutioniert und gilt als Wegbereiter der modernen Naturwissenschaften: Galileo Galilei. Der italienische Universalgelehrte – Philosoph, Astronom, Mathematiker, Physiker, Ingenieur und begabter Schriftsteller – wurde vor mehr als 450 Jahren geboren und nach seiner Verurteilung durch die römische Inquisition noch zu Lebenszeit zum Mythos.
Ein großer Reformator: Galileo Galilei (1564 bis 1642) hier auf einem Porträt von Justus Sustermans aus dem Jahr 1636. Bild vergrößern
Ein großer Reformator: Galileo Galilei (1564 bis 1642) hier auf einem Porträt von Justus Sustermans aus dem Jahr 1636.

Text: Helmut Hornung

„Denn die Milchstraße ist nichts als eine Ansammlung von unzähligen, in Haufen gruppierten Sternen. Auf welche ihrer Abschnitte man nämlich das Fernrohr auch richten mag, sogleich zeigt sich dem Blick eine ungeheure Menge von Sternen, von denen mehrere ziemlich groß und sehr auffallend sind; die Zahl der kleinen jedoch ist schlechthin unerforschlich“.

Diese Sätze haben Wissenschaftsgeschichte geschrieben – wie viele andere in dem Büchlein Sidereus Nuncius („Sternenbote“), das 1610 mit 550 Exemplaren in Druck geht. Galileo Galilei schildert darin neben der Natur der Milchstraße die Oberfläche des Mondes und die vier Jupitermonde. Und er nutzt das Teleskop, um die Astronomie zu revolutionieren, die sich jahrtausendelang auf Beobachtungen und Messungen mit bloßem Auge gestützt hatte.

Wer aber war dieser Galileo Galilei? Geboren wurde er am 15. Februar 1564 in Pisa – drei Tage vor dem Tod Michelangelos und im selben Jahr, in dem William Shakespeare auf die Welt kam. Sein Vater Vincenzo war Tuchhändler, doch seine Leidenschaft gehörte der Musik. Im Jahr 1562 hatte er Giulia Ammannati aus Pescia geheiratet. Als Galileo zwölf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Florenz. Doch der Junge bleibt dort nicht lang, er wird in das Kloster Santa Maria di Vallombrosa geschickt. Als 17-Jähriger schreibt er sich zum Medizinstudium an der Universität Pisa ein. So will es der Vater, Galileo selbst ist wenig begeistert.

Den Erdtrabant im Visier: In seinem Werk <em>Sidereus Nuncius</em> (1610) finden sich auch viele Zeichnungen des Mondes in unterschiedlichen Phasen. Bild vergrößern
Den Erdtrabant im Visier: In seinem Werk Sidereus Nuncius (1610) finden sich auch viele Zeichnungen des Mondes in unterschiedlichen Phasen. [weniger]

Bald schon hat es ihm die Mathematik angetan, er befasst sich mit Geometrie und stellt erste Beobachtungen zur Pendelbewegung an, veröffentlicht Studien zu Problemen der Mechanik. 1589 wird Galilei auf den Lehrstuhl für Mathematik an der Universität Pisa berufen, drei Jahre später geht er an die Universität Padua. Dort richtet er sich eine Werkstatt ein und beschäftigt sich mit Ballistik und Festungsbau. Er beginnt eine Beziehung mit Marina Gamba, der drei uneheliche Kinder entspringen: die Töchter Virginia und Livia sowie der Sohn Vincenzo.

Im Dezember 1604 beobachtet Galilei einen „neuen Stern“, eine Supernova, die in der Konstellation Schlangenträger aufflammt. Im Jahr 1609 hört er von einem Instrument, das vergrößert und das angeblich holländische Brillenmacher konstruiert haben. Sogleich baut er es nach und eröffnet damit ein neues Fenster zum All. Galilei publiziert den Sidereus Nuncius. Er wird als „Kolumbus des Himmels“ gefeiert und zum Hofphilosophen der Medici in Florenz ernannt.

Die den Jupiter umkreisenden Monde bestärken ihn in der Annahme des kopernikanischen Weltbilds, wonach nicht die Erde im Mittelpunkt des Universums steht, sondern die Sonne. Und auf dieser beobachtet er auch noch Flecken – was dem Dogma der sol immaculata widerspricht und im Gegensatz zur theologischen Lehrmeinung steht.

Noch aber ist Galileis Verhältnis zur Kirche entspannt. Er hat persönlichen Kontakt mit Kardinal Maffeo Barberini, dem späteren Papst Urban VIII. und wird auf dessen Veranlassung hin in die Gelehrtenvereinigung Accademia dei Lincei aufgenommen. Im Jahr 1616 arbeitet Galilei erstmals seine Theorie über die Gezeiten aus, worin er von der (falschen) Annahme ausgeht, Ebbe und Flut entstünden durch die Bewegung der Erde um die Sonne und ihre Rotation um die eigene Achse. Galilei sieht sein Gedankengebäude als Beweis für die Richtigkeit des heliozentrischen Systems.

Jetzt tritt die Inquisition auf den Plan. Der Kardinal-Inquisitor in Rom, Roberto Bellarmino, „ermahnt“ Galilei, die kopernikanische Theorie in Zukunft nicht mehr als Tatsache zu vertreten. Noch aber bleibt Galilei von der Kirche ungeschoren. Im Jahr 1621 wird er zum Konsul der Florentiner Akademie gewählt.

Letzter Aufenthalt: Von Herbst 1631 bis zu seinem Tod am 8. Januar 1642 wohnte Galilei in der Villa Il Gioiello in Arcetri nahe Florenz. Seit Dezember 1633 stand er dort unter Hausarrest. Bild vergrößern
Letzter Aufenthalt: Von Herbst 1631 bis zu seinem Tod am 8. Januar 1642 wohnte Galilei in der Villa Il Gioiello in Arcetri nahe Florenz. Seit Dezember 1633 stand er dort unter Hausarrest. [weniger]

Seine zwei Jahre später erschienene Schrift Saggiatore widmet er Papst Urban VIII. Darin äußerst er die Überzeugung, das Buch der Natur sei in mathematischer Sprache geschrieben, „und die Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, auch nur ein Wort zu verstehen; ohne sie ist es ein vergebliches Herumirren in einem dunklen Labyrinth“.

Galilei begibt sich im Mai 1630 nach Rom, um die Druckgenehmigung für den Dialog über die zwei Weltsysteme einzuholen. Die „volle Zufriedenheit“, mit der er kurz darauf zurückkehrt, soll nicht lange anhalten: Der Inquisitor von Florenz fordert Galilei auf, spätestens im Oktober 1632 vor dem Generalkommissar der Inquisition in Rom zu erscheinen. Galilei, bereits an einem Augenleiden erkrankt, erreicht Aufschub, reist aber im Januar 1633 in die italienische Hauptstadt.

Papst Urban VIII. lässt seinen Günstling und andere Vertraute fallen. Nach mehreren Verhören und unter Androhung von Folter muss Galilei am 22. Juni 1633 der kopernikanischen Lehre abschwören. Man verurteilt ihn zu lebenslangem Hausarrest, zunächst in Siena, dann in seiner Villa in Arcetri nahe Florenz. In dieser Zeit beginnt er mit der Arbeit an den Discorsi, worin ihm eine wegweisende Demonstration der mathematischen Beschreibbarkeit der Natur gelingt.

Einige Jahre später, 1638, erblindet der mittlerweile 75-Jährige völlig. Er bekommt die Erlaubnis, sich gelegentlich nach Florenz zu begeben und an Festtagen die nächstgelegene Kirche zu besuchen. Doch sein Gesundheitszustand verschlechtert sich zunehmend. Am 8. Januar 1642 stirbt Galileo Galilei, sein Leichnam wird in der Turmkapelle von Santa Croce beigesetzt. Im Jahr 1835 verschwindet der Dialog vom Index,  am 2. November 1992 wird der große Wissenschaftler von der katholischen Kirche formal rehabilitiert.

 
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