Forschungsbericht 2016 - Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik

Maßnahmen für eine integrative Politik älter werdender Gesellschaften

Autoren
Börsch-Supan, Axel; Kneip, Thorsten
Abteilungen
Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, München
Zusammenfassung
Die Alterung der Bevölkerung in Europa führt nicht zwangsläufig zu Spannungen zwischen den Generationen. Nach Ergebnissen des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) ist auch eine Stärkung des Zusammenhalts möglich. Eine soziale Vereinsamung pflegender Familienangehöriger kann etwa durch ein besseres Angebot an professioneller Pflege abgemildert werden. Durch frühe Interventionen kann der Teufelskreis, in dem gesundheitliche Beeinträchtigungen zu einer Verringerung sozialer Aktivitäten, kognitivem Verfall und Depression führen, durchbrochen werden.

Schaffung von integrativen älter werdenden Gesellschaften mit Hilfe von SHARE

Mit ihrem aktuellen Forschungsprogramm „Horizon 2020“ ruft die Europäische Kommission dazu auf, integrative, innovative und reflektierende Gesellschaften zu schaffen. Aber gerade in Zeiten eines demografischen Wandels, der das Gefüge der Gesellschaften in Europa zunehmend belastet, stellen derartige Konzepte eine besondere Herausforderung dar. Immer weniger jüngere Arbeitnehmer stehen zur Verfügung, um die Ruhegehälter von immer mehr Rentnern über ihre Steuern und Rentenbeiträge zu finanzieren. Wird diese Situation zu Spannungen zwischen den Generationen führen? Die Gesundheitssituation verbessert sich, allerdings bei hohen Kosten. Sind unsere Gesellschaften bereit, diese Ausgaben zu tragen? Ältere Arbeitnehmer haben viel Erfahrung. Kann diese aber die Innovationsenergie junger Erwerbstätiger ersetzen? Die ältesten Alten zählen zur am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe. Wird es genügend Pflegeangebote geben, wenn diese benötigt werden? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für pflegende Angehörige – üblicherweise Töchter? Wird die digitale Kluft die Spannungen zwischen älteren Arbeitnehmern mit guten Computerkenntnissen, die zufriedener sind und später in Rente gehen, und Geringqualifizierten, die auf der Strecke bleiben, vergrößern? Das sind einige der Fragen, mit denen sich Wissenschaftler aus verschiedenen europäischen Ländern und Israel beschäftigt haben und die in dem neuen Buch „Ageing in Europe – Supporting Policies for an Inclusive Society“ zusammengefasst sind. Die darin vorliegenden Ergebnisse, die auf einer Auswertung der Daten aus der fünften Welle des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) beruhen, zeigen den Grad der sozialen und wirtschaftlichen Integration in der alternden europäischen Bevölkerung auf. SHARE ist ein multidisziplinärer, länderübergreifender Mikrodatensatz, der Informationen zu Gesundheitszustand, sozioökonomischer Lage sowie den sozialen und familiären Netzwerken von über 110.000 Befragten der Altersgruppe 50 plus aus 20 europäischen Ländern und Israel enthält.

Soziale Inklusion – ein multidimensionales Phänomen

Die leichte Nachvollziehbarkeit der Idee der „sozialen Inklusion“ hat dieses Konzept in den gegenwärtigen politischen Debatten populär gemacht. Dies gilt umso mehr als das Gegenteil, nämlich die soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung, selbst in den reichen Ländern Europas nach wie vor Realität ist und viele Gesichter trägt. Eines davon ist die Armut, die sich nach der Wirtschaftskrise besonders in Süd- und Osteuropa verschärft hat (Abb. 1). Ein anderes ist Altersdiskriminierung, die – obwohl durch europäisches Recht verboten – noch immer in vielen nationalen Rechtsvorschriften sowie im Alltagsleben verankert ist. Aber auch die jüngsten Migrationsbewegungen hängen direkt mit der Debatte über soziale Inklusion zusammen.

Abb. 1: Verhältnis von Einkommen und Deprivation
Der Grad an materieller Deprivation unter den über 50-Jährigen fällt mit dem Pro-Kopf-Einkommen (linke Grafik). Länder mit größeren Unterschieden in der Einkommensverteilung weisen höhere Grade an materieller Deprivation, aber auch an sozialer Deprivation auf (rechte Grafik).

So eingängig das Konzept der Inklusion auch sein mag, seine konkrete Erfassung ist alles andere als leicht. Tatsächlich ist der Ansatz vage, schwer fassbar und kontrovers. Nach wie vor wird darüber diskutiert, welche Aspekte aus der Lebensrealität der Menschen das Konstrukt der „sozialen Inklusion“ erfassen sollte und wie sich Art und Auswirkungen dieses Phänomens analysieren und verstehen lassen. Die Literatur über soziale Inklusion scheint sich nur darin einig zu sein, dass es sich hierbei um ein multidimensionales Phänomen handelt. SHARE hat deshalb ein breites Spektrum an Instrumenten entwickelt, die individuelle Benachteiligung in wichtigen Lebensbereichen erfassen. Darüber hinaus wird das Problem aus der Perspektive vieler verschiedener Disziplinen beleuchtet: Demografie, Wirtschaft, Epidemiologie, Gerontologie, Biologie, Medizin, Psychologie, Gesundheitswesen, Gesundheitspolitik und Soziologie. Die folgende Zusammenfassung ausgewählter Ergebnisse zeigt Dimensionen der sozialen Inklusion im Alter sowie ihre Zusammenhänge mit anderen wichtigen Lebensweltaspekten auf.

Die Bedeutung nicht-materieller Aspekte

Abb. 2: Verhältnis von staatlichen Gesundheitsausgaben und Deprivation
Länder mit niedrigen öffentlichen Gesundheitsausgaben weisen ein höheres Maß an materieller und sozialer Deprivation auf. Demgegenüber können höhere staatliche Gesundheitsausgaben nicht nur zu Verbesserungen des Gesundheitszustandes führen, sondern darüber hinaus auch die materielle Situation und soziale Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger stärken.

Soziale Ausgrenzung ist weit mehr als ein finanzielles Problem. Während die materielle Deprivation auf Länderebene mit den amtlichen Armutsraten der über 65-Jährigen korreliert, ist eine solche Wechselbeziehung bei der sozialen Deprivation nicht festzustellen. Diese Ergebnisse erfordern eine stärkere Sensibilisierung für Aspekte der sozialen Ausgrenzung jenseits des Materiellen und sprechen für politische Maßnahmen, die über den engen Fokus auf Einkommen und finanziellen Wohlstand hinausweisen. Investitionen in die soziale Sicherheit und das Gesundheitswesen sind wichtige Ansätze dafür. Denn Länder mit höheren Ausgaben in diesen Bereichen weisen ein wesentlich geringeres Maß an materieller und sozialer Deprivation auf (Abb. 2). [1]

Die integrierende Kraft von Beschäftigung

Eine befriedigende Erwerbsarbeit und gute Arbeitsbedingungen sind entscheidende Merkmale für soziale Inklusion sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Wie die SHARE-Daten zeigen, zahlt sich die Weiterbildung älterer Arbeitnehmer sowohl für die Arbeitgeber als auch für die Mitarbeiter aus. Diejenigen, die Schulungen besuchen, behalten ihren Arbeitsplatz mit größerer Wahrscheinlichkeit als Arbeitnehmer, die nicht an solchen Maßnahmen teilnehmen (Abb. 3). Folglich bewahren derartige Weiterbildungsprogramme wertvolles Wissen für den Arbeitgeber, während sie für die Erwerbstätigen das Risiko der Arbeitslosigkeit verringern und damit zugleich die Rentenansprüche erhöhen. Weiterbildungsprogramme reduzieren somit die Risiken der Altersarmut und der sozialen Ausgrenzung. [2]

Abb. 3: Beschäftigung durch Weiterbildung
Weiterbildung lohnt sich. Ältere Arbeitnehmer, die an Schulungen teilnehmen, behalten ihren Arbeitsplatz mit höherer Wahrscheinlichkeit als jene, die derartige Programme nicht besuchen.

Viele ältere Menschen, die ihre Arbeit freiwillig aufgeben oder dazu gezwungen werden, kehren nur schwer in bezahlte Beschäftigungsverhältnisse zurück. In solchen Fällen ist Selbstständigkeit eine Option, um sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Interessant ist die Frage, ob ältere Menschen zum Weg in die Selbstständigkeit gezwungen werden, weil sie dadurch die soziale und wirtschaftliche Bedürftigkeit vermeiden wollen, die mit einer Arbeitslosigkeit verbunden wäre, oder ob ihre unternehmerische Initiativkraft sie dazu motiviert. Den SHARE-Ergebnissen ist zu entnehmen, dass Ältere, die den Weg in die Selbstständigkeit wählen, tatsächlich die motivierteren Menschen sind, denen es dann auch gelingt, ihre soziale Inklusion aufrechtzuerhalten. [3]

Drängende Themen: Gesundheit und Pflegebedürftigkeit

Die Nachfrage nach Gesundheitsdiensten sowie der Zugang zu solchen Leistungen sind für die Menschen im älter werdenden Europa von besonderer Bedeutung. Wer sich guter Gesundheit erfreut, kann eher einer Erwerbstätigkeit nachgehen, besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben und ist weniger stark von sozialer Ausgrenzung betroffen. Die soziale Inklusion federt wiederum die altersbedingte Verschlechterung der körperlichen und geistigen Gesundheit ab. Umgekehrt können die Auswirkungen gesundheitlicher Probleme, etwa Hörverlust, auf die sozialen Kontakte enorm sein. Das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, sowie eine tatsächliche soziale Isolation können dann Depressionen nach sich ziehen. Die Ergebnisse aus der SHARE-Untersuchung stützen die Annahme, dass Hörverlust zu sozialer Ausgrenzung und damit zu einer Beeinträchtigung der seelischen Gesundheit führen kann. [4]

Die Pflege älterer Menschen sollte nicht ausschließlich den Familienangehörigen überlassen bleiben, sondern als umfassende öffentliche Aufgabe begriffen werden. In Ländern, in denen sich der Staat auch um die Bereitstellung von Pflegeangeboten kümmert, wird der entsprechende Bedarf laut SHARE-Studie grundsätzlich besser erfüllt als in Ländern, in denen diese Aufgabe überwiegend den Familien obliegt. Ein ungenügendes Angebot an Pflegeeinrichtungen ist wiederum ein Indikator für materielle und soziale Benachteiligung. Je stärker Menschen benachteiligt sind, umso eher sind sie auf Langzeitpflege angewiesen und umso weniger wird dieser Bedarf erfüllt. Selbst in mittel- und nordeuropäischen Ländern, in denen der Staat sich an der pflegerischen Versorgung beteiligt, ergänzen Familienmitglieder die sozialstaatlichen Angebote nach wie vor entscheidend. [5]

Zu dem ungenügend gedeckten Pflegebedarf trägt auch die geringe Verbreitung von privaten Pflegeversicherungen in Europa bei. Sie spielen bislang bei der Absicherung der Langzeitpflege eine untergeordnete Rolle. Nur in wenigen Ländern, etwa in Frankreich und Israel, zählen die Versicherungsnehmer mit einer Absicherung in diesem Bereich nicht zu einer Minderheit. Mithilfe von Daten aus Ländern mit stärker entwickelten Märkten für Pflegeversicherungen konnten die Wissenschaftler die Nachfragedeterminanten ermitteln: Gehobene Bildung, besseres Einkommen, Witwenschaft, guter subjektiver Gesundheitszustand und chronische Krankheiten erhöhen die Nachfragebereitschaft. Allerdings lässt sich der geringe Versicherungsschutz weniger durch eine fehlende Nachfrage als durch angebotsrelevante Faktoren erklären. [6]

Identifizierung von Hochrisikogruppen

Die SHARE-Daten decken nicht nur die für soziale Inklusion und soziale Ausgrenzung verantwortlichen Faktoren auf. Sie ermöglichen auch die Identifizierung von Bevölkerungsgruppen, die besonders von Ausgrenzungsrisiken bedroht sind, darunter Menschen mit Migrationshintergrund und pflegende Angehörige, vor allem Frauen.

Abb. 4: Soziale und materielle Deprivation von Migranten und Einheimischen
Migrantinnen und Migranten sind im Alter vor allem materiell deutlich stärker benachteiligt als Einheimische. Kinder von Einwanderern unterscheiden sich im Hinblick auf grundlegende sozioökonomische Merkmale hingegen nicht wesentlich von der einheimischen Bevölkerung.

Trotz gewisser Länderunterschiede ist das vorherrschende Muster in Europa, dass Menschen mit Migrationshintergrund im späteren Lebensalter erheblich öfter als Einheimische materiell und – in einem geringeren Maße – sozial benachteiligt sind. Dieses Deprivationsrisiko tritt ausgeprägter bei den Menschen zutage, die selbst migriert sind, als bei denjenigen, deren Eltern eingewandert sind. Hinsichtlich sozialer Deprivation unterscheidet sich diese Gruppe der Nachkommen kaum von der Gruppe der einheimischen Älteren. Unterschiede im Ausmaß der materiellen Deprivation können weitgehend, aber nicht vollständig auf Differenzen in grundlegenden sozioökonomischen Merkmalen und staatsbürgerlichen Rechten zurückgeführt werden (Abb. 4). [7]

Besonders hoch ist das Risiko sozialer Ausgrenzung für pflegende Angehörige ab 50 Jahren. Sie fühlen sich im Schnitt einsamer als Menschen, die nicht für eine pflegebedürftige Person sorgen müssen, und empfinden die in der Familie übernommenen Pflegeaufgaben als Belastung. Hingegen verringert sich das Vereinsamungsgefühl bei Pflegenden, wenn der Staat Pflegeangebote vorhält. [8]

Die hier präsentierten Untersuchungsergebnisse liefern Wissenschaft und Politik wertvolle Hinweise darüber, wie die Herausforderungen älter werdender Bevölkerungen bewältigt werden können. SHARE wird auch in den kommenden Jahren zur Forschung über älter werdende Gesellschaften beitragen.

Literaturhinweise

1.
Najsztub, M.; Bonfatti, A.; Duda, D.
Material and social deprivation in the macroeconomic context
In: Ageing in Europe – Supporting Policies for an Inclusive Society, 79–90 (Hrsg. Börsch-Supan, A.; Kneip, T.; Litwin, H.; Myck, M.; Weber, G.). De Gruyter, Berlin (2015)
2.
Belloni, M.; Brugiavini, A.; Meschi, E.; Pasini, G.
Does training help retaining older workers into employment? Evidence from the SHARE survey
In: Ageing in Europe – Supporting Policies for an Inclusive Society, 257–266 (Hrsg. Börsch-Supan, A.; Kneip, T.; Litwin, H.; Myck, M.; Weber, G.). De Gruyter, Berlin (2015)
3.
Mastrogiacomo, M.; Belloni, M.
Becoming self-employed at ages 50+: true entrepreneurship or exclusion from (wage-)employment?
In: Ageing in Europe – Supporting Policies for an Inclusive Society, 245–256 (Hrsg. Börsch-Supan, A.; Kneip, T.; Litwin, H.; Myck, M.; Weber, G.). De Gruyter, Berlin (2015)
4.
Bertoni, M.; Celidoni, M.; Weber, G.
Does hearing impairment lead to social exclusion?
In: Ageing in Europe – Supporting Policies for an Inclusive Society, 93–102 (Hrsg. Börsch-Supan, A.; Kneip, T.; Litwin, H.; Myck, M.; Weber, G.). De Gruyter, Berlin (2015)
5.
Laferrère, A.; Van den Bosch, K.
Unmet need for long-term care and social exclusion
In: Ageing in Europe – Supporting Policies for an Inclusive Society, 331–342 (Hrsg. Börsch-Supan, A.; Kneip, T.; Litwin, H.; Myck, M.; Weber, G.). De Gruyter, Berlin (2015)
6.
Bucher-Koenen, T.; Schütz, J.; Spindler, M.
Long-term care insurance across Europe
In: Ageing in Europe – Supporting Policies for an Inclusive Society, 353–368 (Hrsg. Börsch-Supan, A.; Kneip, T.; Litwin, H.; Myck, M.; Weber, G.). De Gruyter, Berlin (2015)
7.
Hunkler, C.; Kneip, T.; Sand, G.; Schuth, M.
Growing old abroad: social and material deprivation among first- and second-generation migrants in Europe
In: Ageing in Europe – Supporting Policies for an Inclusive Society, 199–208 (Hrsg. Börsch-Supan, A.; Kneip, T.; Litwin, H.; Myck, M.; Weber, G.). De Gruyter, Berlin (2015)
8.
Wagner, M.; Brandt, M.
Loneliness among informal caregivers aged 50+ in Europe
In: Ageing in Europe – Supporting Policies for an Inclusive Society, 179–188 (Hrsg. Börsch-Supan, A.; Kneip, T.; Litwin, H.; Myck, M.; Weber, G.). De Gruyter, Berlin (2015)

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