Forschungsbericht 2016 - Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen

Misserfolg motiviert unter gewissen Umständen

Autoren
Tan, Fangfang
Abteilungen
Abteilung für Finanzwissenschaft
Zusammenfassung
Motivieren ist eine Kunst und Informationen sind der Schlüssel dazu. Die richtige, an die Situation angepasste Motivationsstrategie zu finden, ist für die Politiker, Chefs, Eltern, Trainer und sonstigen Anführer dieser Welt entscheidend. In einem aktuellen Forschungspapier aus dem Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen zeigen Qiang Fu, Changxia Ke und Fangfang Tan: Im Wettbewerb profitiert der Nachzügler, wenn er um seinen Rückstand weiß. Der Favorit hingegen wird sich verschlechtern. Das gilt für den Einzelkämpfer, nicht aber für denjenigen, der für sein Team antritt.

In einer Reihe von Laborexperimenten führten Qiang Fu, Changxia Ke und Fangfang Tan [1] einen mehrstufigen Wettbewerb durch. Sie wollten herausfinden, ob das Wissen um die eigene Position im Wettbewerb einen Einfluss auf die Leistung hat und ob es ins Gewicht fällt, ob man allein oder in einem Team antritt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ließen die Experimentteilnehmer in drei Runden gegeneinander antreten. Wer zwei Runden für sich entscheiden konnte, gewann und wurde mit einem Preis belohnt. Die Aufgabe, die die Kontrahenten zu bewältigen hatten, wählten die Forscherinnen und Forscher so einfach, dass alle Spieler ihr mit ähnlichen Fähigkeiten begegnen konnten: In einer 10-stelligen Zahlenreihe musste die Anzahl der Nullen bestimmt werden. 

Teamkämpfer zeigen sich von Fortschritts-Feedback unbeeinflusst

In einem ersten Experiment wurden Teams aus jeweils drei Spielern gebildet. Jedes Teammitglied trat in einer Runde gegen ein Mitglied des anderen Teams an. Das Team, das mit zwei Runden in Führung lag, gewann und erhielt einen Preis. Zu Beginn des Wettbewerbs wurde kein Feedback zum Wettbewerbsstand gegeben. Später erhielten die Spieler nach jeder Wettbewerbsrunde die Information, wie viele Runden sie in Führung oder im Rückstand lagen. Fu, Ke und Tan stellten fest, dass das Feedback keinerlei Einfluss auf die Leistung der Spieler im Wettbewerb hatte. Sie blieb gleich, ungeachtet dessen, ob die Spieler von dem Rückstand oder von der Favoritenrolle ihres Teams wussten oder nicht. Dieses Ergebnis deckt sich mit spieltheoretischen Erkenntnissen.

Einzelkämpfer lassen sich von Fortschritts-Feedback (de)motivieren

In einem weiteren Experiment fand der Wettbewerb zwischen Einzelkämpfern statt, die paarweise gegeneinander spielten. Auch hier wurde zunächst kein Feedback über den Wettbewerbsstand gegeben. Später jedoch erfuhren die Spieler, ob sie vorn oder hinten lagen. Entgegen spieltheoretischen Vorhersagen ließen sich die Nachzügler im Wettbewerb von dem Wissen um ihren Rückstand motivieren. Sie erzielten in der zweiten Runde des Wettbewerbs bessere Ergebnisse, wenn sie vorher erfahren hatten, dass sie zurücklagen. Vorn liegende Spieler ließen hingegen in ihrer Leistung nach, wenn sie um ihre Führungsposition wussten.

Teamplayer fühlen sich sowohl von einem Vorsprung als auch von einem Rückstand motiviert, Einzelspieler lehnen sich zurück, wenn sie wissen, dass sie vorn liegen

Um besser zu verstehen, wie das Feedback, also die Rückmeldung zum Spielstand, sich auf die Motivation der Spieler auswirkt, befragten die Wissenschaftler die Experimentteilnehmer hinterher nach ihrer Strategie beziehungsweise nach der Motivation für ihr Verhalten; außerdem wurden im Experiment vor jeder Runde die erwarteten Gewinnwahrscheinlichkeiten abgefragt. Die Befragungsergebnisse stützen die Ergebnisse aus den Experimenten.

Die Antworten der Teammitglieder zeigten, dass ihre Motivation gleich blieb, unabhängig davon, wie der Teamkollege in der Vorrunde gehandelt hatte. Die Spieler, die nach einem Rückstand in der ersten Runde antraten, gaben entweder an, sie hätten sich mehr angestrengt, um aufzuholen, oder dass das Ergebnis des vorhergehenden Spiels sie nicht beeinflusst habe. Diejenigen Spieler, deren Teamkollege die Vorrunde gewonnen hatte, sagten, sie hätten sich motiviert gefühlt, ihr Team so früh wie möglich zum Sieg zu führen, beziehungsweise der Gewinn der ersten Runde habe ihr Selbstbewusstsein gesteigert. 

Ein anderes Muster entdeckten die Ökonomen bei der Befragung der Einzelspieler. Die Mehrzahl der Einzelspieler, die sich im Rückstand befanden, gaben an, sich nach der ersten Runde mehr bemüht zu haben, um die Niederlage aus Runde eins wieder wettzumachen. Fast die Hälfte derjenigen Spieler, die in Führung lagen, gab – im Unterschied zu den Spielern, die als Team im Rückstand lagen – hingegen an, sie hätten sich in der zweiten Runde weniger angestrengt, da sie ohnehin in Führung lagen.

Freude über Gewinn als Erklärung für das unterschiedliche Verhalten

Warum aber verhalten sich Spieler unterschiedlich, je nachdem, ob sie allein oder im Team spielen? Warum sind Einzelspieler bei einem Rückstand motivierter aufzuholen als Spieler in einem Team und weniger motiviert, wenn sie vorn liegen? Einen möglichen Erklärungsansatz liefert nach Angaben der Ökonomen die sogenannte „Utility of Winning“, der zufolge Spieler aus der Tatsache zu gewinnen einen psychologischen Nutzen ziehen, unabhängig von der materiellen Entlohnung am Ende des Wettbewerbs.

Einzelspieler, die nach der ersten Runde im Rückstand liegen, haben in den kommenden beiden Runden noch zweimal die Möglichkeit zu gewinnen. Ihre Motivation aus der Freude am Sieg wird doppelt so groß sein wie die von Einzelspielern, die nach einer Runde vorn liegen und folglich nur noch einmal gewinnen können, da das Spiel nach zwei gewonnenen Runden endet.

Spieler im Team hingegen spielen jeweils nur eine Runde und können demzufolge auch nur einmal den psychologischen Nutzen aus dem Sieg ziehen, unabhängig davon, ob ihr Team in Führung liegt oder im Rückstand. Der potenzielle „Utilty-of-Winning“-Effekt ist unabhängig vom Spielstand für alle gleich groß. Demzufolge, so die Erklärung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sind Teamplayer auch weniger empfänglich für die Effekte von Feedback, sei dieses nun positiv oder negativ.

Erkenntnisse für die Unternehmenskultur: Anreize mit dem situativ richtigen Feedback setzen

Aus den Experimenten von Fu, Ke und Tan ergeben sich auch neue Erkenntnisse für die Mitarbeitermotivation und die Feedback-Kultur in Unternehmen: Das gleiche Feedback kann unterschiedliche Effekte haben, je nachdem, ob der Mitarbeiter allein oder im Team arbeitet. Einzelkämpfer, die zurückliegen, werden durch einen Fortschrittsbericht motiviert sein, mehr zu leisten. Eine Rückmeldung an diejenigen, die vorn liegen, wird diese hingegen in ihrer weiteren Leistung eher bremsen. Ist eine Aufgabe im Team zu erledigen, reagieren die Mitarbeiter weniger stark auf einen Fortschrittsbericht. Will ein Unternehmen durch Feedback Anreize setzen, muss es folglich zunächst eine individuelle Wettbewerbsstruktur zwischen den Mitarbeitern schaffen.

Literaturhinweise

1.
Fu, Q.; Ke, C.; Tan, F.
“Success breeds success” or “Pride goes before a fall”?: Teams and individuals in multi-contest tournaments
Games and Economic Behavior 94, 57–79 (2015)
DOI
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