Forschungsbericht 2016 - Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern

Finanzstabilität und Staatsanleihen

Autoren
Luck, Stephan; Schempp, Paul
Abteilungen
Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Bonn
Zusammenfassung
Banken vergeben langfristige Kredite, refinanzieren sich jedoch sehr kurzfristig. Diese Fristentransformation ist nicht nur eine wesentliche Funktion von Banken, sie ist auch einer ihrer größten Risikofaktoren. Ein Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern zeigt, dass ein starker Staat das Refinanzierungsrisiko seiner Banken reduzieren kann, indem er ihnen Staatsanleihen zur Verfügung stellt. Bei international verflochtenen Finanzsystemen kann es im Interesse aller Teilnehmer sein, dass ein starker Staat schwächere Staaten durch eine Bankenunion schützt.

Banken sind Finanzinstitutionen, die eine Vielzahl ökonomischer Funktionen erfüllen, wie etwa die Abwicklung von Zahlungsverkehr. Eine ihrer wichtigsten Funktionen, die gleichzeitig ein hohes Risiko birgt, ist dabei die eines Vermittlers zwischen Anlegern und Kreditnehmern, der unter anderem Fristentransformation durchführt. Auf der einen Seite gibt es eine Nachfrage nach liquiden Anlagemöglichkeiten: Viele Privatpersonen und Unternehmen möchten einen Teil ihrer Ressourcen kurzfristig verfügbar anlegen, da sie nicht genau wissen, wann sie diese Mittel für Konsum oder Investitionen brauchen werden. Auf der anderen Seite benötigen viele Kreditnehmer eine langfristige Finanzierung. Dies sind sowohl Unternehmen mit langfristigen Investitionsprojekten als auch Privatpersonen, die eine Immobilie erwerben möchten.

Was genau ist diese Fristentransformation? Eine Bank kann Mittel von Anlegern in Form von Sichteinlagen einwerben und diese in Form langfristiger Kredite weiterverleihen. Während die Bank somit langfristige Investitionsprojekte auf der Aktivseite ihrer Bilanz stehen hat, befinden sich auf der Passivseite kurzfristige Verbindlichkeiten, denn Sichteinlagen können von den Anlegern jederzeit abgezogen werden, sie sind mithin praktisch jederzeit fällig. Damit die Bank frühzeitig abziehende Anleger bedienen kann, braucht sie Liquidität. Zu diesem Zweck kann sie entweder einen Teil der Mittel in liquider Form vorhalten, also quasi speichern, oder sie kann sich durch Kapitalgeber am Geldmarkt kurzfristig refinanzieren. Letzteres ist attraktiver als das physische Speichern liquider Mittel.

Fragile Banken

Es gibt zwei Mechanismen, die die beschriebene Fristentransformation instabil machen. Der erste ist ein klassischer bank run, bei dem alle Anleger gleichzeitig ihre Sichteinlagen bei der Bank einlösen wollen [1]. Da die Bank nicht über genügend liquide Mittel verfügt und sich auch auf dem Geldmarkt nicht ausreichend liquide Mittel beschaffen kann, um alle Anleger sofort zu bedienen, wird eine Bank durch einen bank run insolvent. Es handelt sich hierbei um eine Bankenkrise, die auf selbsterfüllenden Prophezeiungen basiert, da – in Erwartung dieses Ereignisses – es für jeden Anleger individuell optimal ist, zu den Ersten am Bankschalter zu gehören, damit er noch ausbezahlt wird, bevor die Bank illiquide wird. Es besteht also eine strategische Komplementarität zwischen den verschiedenen Anlegern: Wenn alle Anleger ihre Mittel abzuziehen drohen, dann ist es individuell rational, das gleiche zu tun. Eine glaubwürdige Einlagensicherung kann diese strategische Komplementarität durchbrechen und bank runs somit verhindern. Während bank runs bis zur Weltwirtschaftskrise in den 1920er und 1930er Jahren immer wieder auftraten, haben die danach eingerichteten Einlagensicherungssysteme bank runs sehr wirksam unterbunden.

Ein bank run ist jedoch nicht das einzige Risiko für Banken, wie schon die zahlreichen Bankenkrisen zeigen, die auch in den letzten 60 Jahren noch aufgetreten sind. Bei der zuvor beschriebenen Fristentransformation resultiert der zweite Mechanismus aus dem Refinanzierungsrisiko der Bank: Eine ähnlich strategische Komplementarität wie die zwischen den Anlegern besteht nämlich auch zwischen den potenziellen Kapitalgebern der Bank auf dem Geldmarkt. Wenn diese glauben, dass die Insolvenz einer Bank droht, dann steigen die Zinsen, die diese Bank zahlen muss. Das kann die Befürchtung der Insolvenz selbsterfüllend werden lassen. Eine Einlagensicherung kann dies nicht abwenden, da sie nur die bisherigen, nicht aber potenzielle zukünftige Kapitalgeber schützt. Das zentrale Problem besteht darin, dass die potenziellen Kapitalgeber sich nicht vorab verbindlich dazu verpflichten können, zukünftig liquide Mittel bereitzustellen. Solch eine kollektive Selbstverpflichtung würde die strategische Komplementarität aufheben.

Starker Staat: Finanzstabilität durch Staatsanleihen

Es gibt verschiedene Ansätze, um dieses Refinanzierungsrisiko zu begrenzen. Die neuere Bankenregulierung (Basel III) enthält neben der Eigenkapitalregulierung auch eine Liquiditätsregulierung: Sie besagt, dass eine Bank umso mehr liquide Vermögenspositionen halten muss, je mehr kurzfristige Verbindlichkeiten sie hat. Eine solche Regulierung limitiert jedoch die zuvor beschriebene Fristentransformation und senkt deren Effizienz.

Es gibt allerdings auch einen Mechanismus, der die Fristentransformation stabilisiert, ohne sie zu beeinträchtigen [2]. Hier kommt der Staat ins Spiel, der als einziger Agent einer Volkswirtschaft glaubwürdig zukünftige Liquidität garantieren kann [3]. Der vorgeschlagene Mechanismus beruht darauf, dass die zuvor beschriebene optimale Fristentransformation aufrechterhalten wird. Die Passivseite der Bankbilanz, die kurzfristige Verbindlichkeiten (Sichteinlagen) enthält, wird dabei um langfristige Verbindlichkeiten der Bank gegenüber dem Staat verlängert. Analog wird die Aktivseite der Bankbilanz mit den langfristigen Krediten um Staatsanleihen mit derselben Laufzeit verlängert. Diese Staatsanleihen sind handelbar; und statt sich auf dem Geldmarkt zu refinanzieren, kann eine Bank nun ihre Staatsanleihen verkaufen. Dadurch wird die zuvor beschriebene strategische Komplementarität durchbrochen: Die Käufer der Staatsanleihen erwerben eine Forderung gegenüber dem Staat, und dieser kann seine Verpflichtungen gegenüber dem Inhaber der Staatsanleihen stets bedienen – unabhängig davon, ob andere Akteure ebenfalls bereit sind, der Bank die Staatsanleihen abzukaufen. Diese Bilanzverlängerung verändert übrigens weder die Nettoverschuldung des Staates noch die der Banken.

Schwacher Staat: Finanzstabilität durch Bankenunion

Dieser Mechanismus funktioniert jedoch nur, wenn der Staat tatsächlich fiskalisch stark ist. Die strategische Komplementarität kommt wieder zur Geltung, wenn die Solvenz eines Staates davon abhängt, ob es eine Bankenkrise gibt – beispielsweise, weil diese eine Rezession der Realwirtschaft auslöst und so die Besteuerungsgrundlage des Staates senkt. Zum einen kann ein schwacher Staat keine glaubwürdige Einlagensicherung versprechen, wodurch er einen klassischen bank run nicht mehr verhindern kann. Zum anderen können Banken ihre Staatsanleihen nicht verkaufen, wenn potenzielle Käufer eine Staatsschuldenkrise befürchten. Dies kann zu einer Bankenkrise führen und die Befürchtung der Staatsschuldenkrise zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung machen.

Bankenkrisen und Staatsschuldenkrisen sind historisch oft zeitgleich als „Zwillingskrisen“ aufgetreten [4]. Eines der jüngsten Beispiele für drohende selbsterfüllende Zwillingskrisen waren die südeuropäischen Staaten in der Eurokrise ab dem Jahr 2010. Viele dieser Staaten und deren Banken (mit Ausnahme Griechenlands) hatten keine fundamentalen Solvenzprobleme, jedoch wurde befürchtet, sie könnten selbsterfüllende Krisen erleiden. Diese potenziellen Krisen hätten auch negative Auswirkungen auf die stärkeren Eurostaaten gehabt.

Allgemein kann ein hinreichend starker Staat durch geeignete Garantien auch schwächere Länder vor Krisen bewahren. Doch hat er auch einen Anreiz dazu? Gerade bei international eng miteinander verwobenen Finanzsystemen, wie dies in der Eurozone der Fall ist, können solche Garantien tatsächlich im Interesse aller Teilnehmer sein. Das soll exemplarisch anhand einer Situation mit zwei Ländern verdeutlicht werden [5]. Angenommen, zwei Länder unterscheiden sich nur in ihrer fiskalischen Stärke: Ein Land hat einen fiskalisch sehr starken Staat, das andere einen schwachen. Beide Länder haben Banken, die Staatsanleihen beider Länder halten. Während der starke Staat seine Banken durch eine Einlagensicherung glaubwürdig schützen kann, kann es im Land des schwachen Staats zu einer simultanen Staatsschulden- und Bankenkrise kommen. Das hat auch negative Auswirkungen auf die Banken des stärkeren Landes, da diese Staatsanleihen beider Länder halten. Die sich selbst hervorbringende Krise im schwächeren Land, und damit auch die Ansteckung des stärkeren Landes, ließe sich jedoch verhindern durch fiskalische Garantien und insbesondere durch eine Bankenunion, die eine gemeinsame Einlagensicherung einschließt. Dies bleibt für das fiskalisch starke Land ohne Kosten, da eine glaubwürdige Garantie bewirkt, dass der Garantiefall nie eintritt.

Die Europäische Bankenunion umfasst derzeit den Einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus und den Einheitlichen Bankenabwicklungsmechanismus. Die ursprünglich angedachte supranationale Einlagensicherung wurde jedoch bislang nicht implementiert. Der Grund hierfür liegt wesentlich in der Furcht der stärkeren Eurostaaten, dass sie dadurch auch für fundamentale Probleme in anderen Staaten haftbar werden. Es sollte jedoch bedacht werden, dass dieser dritte Baustein der Bankenunion helfen kann, sich selbst erfüllende Krisenerwartungen in den schwächeren Ländern und damit verbundene Problemausweitungen zu verhindern.

Literaturhinweise

1.
Diamond, D. W.; Dybvig, P. H.
Bank Runs, Deposit Insurance, and Liquidity
Journal of Political Economy 91 (3), 401–419 (1983)
DOI
2.
Luck, S.; Schempp, P.
Outside Liquidity, Rollover Risk, and Government Bonds
Preprint of the Max Planck Institute for Research on Collective Goods Bonn No. 2014/14
3.
Holmström, B.; Tirole, J.
Private and Public Supply of Liquidity
Journal of Political Economy 106 (1), 1–40 (1998)
DOI
4.
Reinhart, C. M.; Rogoff, K. S.
From Financial Crash to Debt Crisis
American Economic Review 101 (5), 1676–1706 (2011)
DOI
5.
Luck, S.; Schempp, P.
Sovereign Default, Bank Runs, and Contagion
Preprint of the Max Planck Institute for Research on Collective Goods Bonn No. 2014/15
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