Unternehmertum Afghanistan

Max-Planck-Forscher untersuchen, warum so wenig Afghanen unternehmerisch tätig werden und wie die Bedingungen für kleine Betriebe verbessert werden können.

25. März 2010

Wie beeinflussen die konfliktreichen Bedingungen Afghanistans die Wahrscheinlichkeit, ein kleines Unternehmen zu besitzen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine Forschergruppe um den Wirtschaftswissenschaftler Tommaso Ciarli vom Jenaer Max-Planck-Institut für Ökonomik.

Bearbeitung von Marmor in Afghanistan.

Ciarli untersucht mit seinen Kollegen Saeed Parto (Afghanistan Public Policy Research Organization, APPRO) und Maria Savona (University of Sussex, UK) die unternehmerische Aktivität in Afghanistan anhand von Umfragedaten aus dem Jahr 2005. Im Fokus steht dabei die Frage, inwieweit die Konfliktintensität im krisengeschüttelten Land Einfluss auf die Verbreitung von Unternehmertum hat, und ob dieser Zusammenhang beeinflusst wird von Faktoren wie der Verfügbarkeit finanzieller Ressourcen, dem Zustand der Infrastruktur oder dem Funktionieren öffentlicher Institutionen. Produktives Unternehmertum gilt als eine Antriebskraft für wirtschaftliche Entwicklung.

"Der Fragebogen hat Haushaltsvorstände nach der Zusammensetzung ihres Einkommens gefragt," erläutert Ciarli: "Etwa neun Prozent der Haushalte sind teilweise oder ganz abhängig vom Einkommen eines kleinen Unternehmens." Zwar schwankt der Anteil der Unternehmer landesweit deutlich, er hängt aber nach der Untersuchung des Forscherteams kaum von der konkreten Konfliktsituation in einzelnen Provinzen oder Distrikten ab. Der Anteil der Entrepreneure ist in Afghanistan vergleichsweise gering. Studien zeigen: In Entwicklungsländern, wo Menschen von weniger als zwei Dollar täglich leben, sind im Schnitt etwa 27 Prozent der Haushalte von selbständiger Arbeit abhängig.

Wieso sind nun - im Vergleich mit anderen Entwicklungsländern - weniger Menschen in Afghanistan Entrepreneure? "Wir vermuten, dass die lange Konflikt-Historie in Afghanistan zum weitgehenden Verschwinden von sogenanntem 'opportunity entrepreneurship' geführt hat. Dass also kaum mehr Menschen aus Unternehmergeist aktiv werden, einfach weil sie eine Geschäftsidee haben." Stattdessen werden die Menschen vor allem aus purer Not zu Unternehmern ("survival entrepreneurship"). Unternehmerische Aktivität als Mittel im (auch wirtschaftlichen) Überlebenskampf: "Die jahrzehntelangen Konflikte haben womöglich dazu geführt, dass es kaum noch konkreten Einfluss der Konfliktintensität gibt," interpretiert Tommaso Ciarli diese Ergebnisse. "Wenn Menschen aus Not Unternehmer werden, bleibt ihnen keine Wahl, sie müssen dies auch in schweren Konflikten bleiben."

Warum aber gibt es so wenig Entrepreneure, die wirtschaftliche Möglichkeiten finden und nutzen? "Es fehlt auch an Gelegenheiten. Afghanistan ist ein sehr armes Land mit schwacher Binnennachfrage und wenig Exporten, dafür aber schlechter Infrastruktur und oft schwachen Institutionen." Hier sieht Ökonom Ciarli auch die Notwendigkeit zum Handeln: "Jetzt ist es Aufgabe der beteiligten afghanischen und internationalen Akteure, neben dem Unternehmertum aus purer Not mehr Chancen für Unternehmer aufzubauen - also Bedingungen zu schaffen, die produktive Wertschöpfung ermöglichen und anregen."

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