Forschungsbericht 2016 - Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte

Hirse und Bohnen, Sprache und Gene: Die Herkunft und Verbreitung der transeurasischen Sprachen

Autoren
Robbeets, Martine
Abteilungen
Eurasia3angle-Forschungsgruppe
Zusammenfassung
Ein Projekt am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte erforscht Herkunft und Verbreitung der transeurasischen Sprachfamilie mit einer spezifischen Interpretation der „Ackerbau-Sprachverbreitungshypothese“. Gemäß dieser These korreliert das Ursprungsland des Transeurasischen mit der Xinglongwa-Kultur (vor 7.400 bis 8.200 Jahren) und koreanische und japonische Sprachen haben sich mit der östlichen Verbreitung des Hirse- und Reisanbaus entwickelt. Die Forschergruppe integriert linguistische, archäologische und genetische Belege und verwendet für diese Methode den Begriff Triangulation.

Die transeurasische Sprachfamilie

Der Begriff „transeurasisch“ bezeichnet eine große Gruppe geografisch benachbarter Sprachen. Ihr Verbreitungsraum reicht vom Pazifik im Osten bis zu Mittelmeer und Ostsee im Westen und umfasst fünf Sprachfamilien: Japonisch, Koreanisch, Tungusisch, Mongolisch sowie die Turksprachen (Abb. 1).

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Abb. 1: Die transeurasischen Sprachen (generiert mit WALS tools)
Abb. 1: Die transeurasischen Sprachen (generiert mit WALS tools)

Die Frage, ob die transeurasischen Sprachen eine eigenständige Sprachfamilie bilden und ob die japonischen Sprachen zu dieser Familie gehören, zählt zu den meistdiskutierten in der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft. Zwar stimmen die meisten Sprachforscherinnen und Sprachforscher darin überein, dass diese Sprachen zahlreiche Ähnlichkeiten aufweisen und historisch miteinander verwandt sind. Über die genaue Art der Beziehung besteht jedoch Uneinigkeit: Entstanden all diese Ähnlichkeiten durch Entlehnung, das heißt durch die Übernahme sprachlicher Bestandteile aus einer Sprache in eine andere? Oder beruht ein Teil von ihnen auf Vererbung, das heißt, wurden Worte und andere sprachliche Eigenheiten aus einer gemeinsamen Ur- oder Proto-Sprache, hier: Proto-Transeurasisch, auf die heutigen Sprachen vererbt?

Mit ihren bisherigen Arbeiten hat Robbeets [1, 2] gezeigt, dass tatsächlich die Mehrzahl der Etymologien, die zur Stützung der Vererbungstheorie herangezogen wurden, bei genauerer Betrachtung auch auf Entlehnung beruhen könnten. Während jedoch ähnliche Beobachtungen andere Linguisten veranlasst haben, das Bestehen einer eigenständigen transeurasischen Sprachfamilie gänzlich zu verneinen, hat Robbeets gezeigt, dass es dennoch einen verlässlichen Kernbestand an Wörtern gibt, der es rechtfertigt, die transeurasischen Sprachen als eigenständige genealogische Gruppe zu klassifizieren. Auf der Basis von Wort- und Morphemvergleichen schlägt sie den in Abbildung 2 dargestellten Stammbaum für die transeurasischen Sprachen vor.

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Abb. 2: Stammbaum der transeurasischen Sprachen
Abb. 2: Stammbaum der transeurasischen Sprachen

Aus dem vorgestellten Sprachbaum ergibt sich eine Vielzahl neuer Fragen: Wer hat dieses Proto-Transeurasisch gesprochen? Wo und wann haben diese Menschen ursprünglich gelebt? Was hat einen Teil dieser Menschen dazu bewogen, ihre Heimat zu verlassen und damit den Impuls für die Verbreitung und Aufspaltung des Proto-Transeurasischen in die heutige Sprachvielfalt zu geben? Wann fanden diese Migrationsbewegungen statt und in welche Richtung verliefen sie?

Die Methode der „Triangulation“

Die Besiedlung der amerikanischen Subkontinente durch Europäer oder die Migration der Türken von Zentralasien nach Anatolien sind schriftlich belegt. Um Ereignisse zu untersuchen, die vor der Erfindung der Schrift vor rund 5.000 Jahren stattfanden, ist die Forschung auf andere Quellen angewiesen. Hier können vergleichende Sprachwissenschaft, Archäologie und Genetik mit ihren jeweiligen Forschungsmethoden weiterhelfen:

  • Die historisch-vergleichende Linguistik kann vergangene Sprachen in Teilen rekonstruieren und hilft bei der Ableitung von Sprachstammbäumen, wie dem oben gezeigten. Sie kann jedoch keine absolute Datierung liefern.
  • Der archäologischen Forschung ist das Wissen über die vorhistorischen Kulturen und den Alltag der Menschen in diesen Kulturen zu verdanken. Und die Archäologie kann, zum Beispiel mit der Radiokarbonmethode, exakte Datierungen vornehmen.
  • Heutige und frühere menschliche Populationen weisen genetische Varianten auf, die Aussagen über ihre Herkunft und ihre Entwicklungsgeschichte erlauben. Dies ist das Forschungsgebiet der Genetik und hinsichtlich historischer Populationen der Archäogenetik, die sich der Gewinnung genetischen Materials, etwa aus menschlichen Überresten, widmet.

Ziel der von Robbeets geleiteten Eurasia3angle-Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena ist es, eine konsistente Methode zu erarbeiten, die Belege aus den drei Disziplinen zu einem gemeinsamen Ansatz integriert. Mit diesem Ansatz soll dann eine interdisziplinäre Arbeitshypothese zur Herkunft und Verbreitung der transeurasischen Sprachen getestet werden. Diese Methode nennt Robbeets Triangulation.

Die interdisziplinäre Arbeitshypothese der Eurasia3angel-Forschungsgruppe

Wandernde Bevölkerungsgruppen nehmen ihre Sprache mit sich. Aufgrund dieser Annahme haben Archäologen die „Farming/Language Dispersal Hypothesis“ („Ackerbau-Sprachverbreitungshypothese“) entwickelt [3, 4]. Sie besagt, dass viele der großen Sprachfamilien der Welt ihre Verbreitung der Einführung der Landwirtschaft verdanken. Indem Jäger und Sammler zu Bauern wurden, stieg die Bevölkerungszahl. Die Bauern besiedelten weitere Gebiete und verdrängten die zuvor hier lebenden Jäger und Sammler und ihre Sprachen.

Die Arbeitshypothese, die Robbeets mit ihrer Forschungsgruppe testen wird, ist eine spezifische Interpretation dieser Ackerbau-Sprachverbreitungshypothese und lautet: „Das Ursprungsland des Transeurasischen korreliert mit der Xinglongwa-Kultur der frühen Jungsteinzeit in der südlichen Mandschurei im sechsten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung und die koreanische und japonische Sprachfamilien haben sich zusammen mit der östlichen Verbreitung des Hirse- und Reisanbaus entwickelt.“

Belege aus Archäologie, Linguistik und Genetik

Archäologie und Sprache

Aufgrund archäologischer Forschungsergebnisse geht die Forschung heute [5] von drei aufeinanderfolgenden Phasen in der Verbreitung des Ackerbaus in der Südmandschurei aus:

  1. Die Einführung des Hirseanbaus durch die Xinglongwa-Kultur vor etwa 6.500 bis 8.200 Jahren;
  2. die Ausbreitung des Hirseanbaus in Richtung Osten vor etwa 5.500 bis 6.500 Jahren;
  3. die Integration von Reis- und Hirseanbau und ihre weitere gemeinsame Verbreitung ab etwa 5.500 vor unserer Zeit.

Folgt man der Ackerbau-Sprachverbreitungshypothese, ist es plausibel, die Hauptzweige der transeurasischen Sprachfamilie mit den großen Wanderungsbewegungen durch die Ausbreitung des Ackerbaus zu verknüpfen. Die erste Wanderungsbewegung führte zu einer ersten Aufspaltung in die Sprecher des Proto-Altaischen (das heißt Tungusisch-Mongolisch-Turkisch) und Proto-Japonisch-Koreanischen. Die zweite Wanderungsbewegung in Verbindung mit der Integration des Reisanbaus veranlasste die Japonisch sprechenden Bevölkerungsgruppen, über die koreanische Halbinsel nach Japan zu migrieren. Dort begannen sie, das Japonische zu verbreiten.

Die westliche Ausbreitung der transeurasischen Sprachen kann dagegen mit den nomadischen Viehhirten in Verbindung gebracht werden. Eine südliche Ausbreitung der transeurasischen Sprachen war wahrscheinlich durch die Existenz anderer Ackerbau treibender Populationen im Süden begrenzt. Man nimmt an, dass dort die Sprecher der sinitischen und austronesischen Sprachen lebten. Eine Migration in Richtung Norden wurde durch die klimatischen Bedingungen verhindert, da die dortigen Niederschlagsmengen die Region für den Hirseanbau ungeeignet machten.

Kulturelle Rekonstruktion

Rekonstruktion ist eine Methode der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft. Sie ermöglicht es, aus in Einzelsprachen attestierten Wörtern unbelegte ursprachliche Wortformen zu erschließen und damit Rückschlüsse auf eine gemeinsame Ursprache zu ziehen. Ist es gelungen, ein Ur-Wort zu rekonstruieren, kann man versuchen, es mithilfe archäologischer Erkenntnisse einer bestimmten Kultur zuzuordnen.

Zur Veranschaulichung dieses interdisziplinären Ansatzes dient das folgende Beispiel. Die transeurasischen Sprachen teilen sich ein Verb mit der Grundbedeutung „weben“: Alt-Turkisch ör- „weben, flechten (von Haaren oder anderen Fasern)“, Mittel-Mongolisch hura- „verflechten, wickeln, umbinden“, Olcha (Tungusisch) pori- „weben (von Netzen)“, Mittel-Koreanisch ¨wol „Seillitze, Webkette“ und Alt-Japanisch or- „weben“. Übereinstimmungen in Form und Bedeutung ermöglichen es, ein proto-transeurasisches Verb *pɔ:rɔ- „weben“ in der Ursprache zu rekonstruieren, obwohl dieses Wort nie niedergeschrieben wurde. Wenn die Sprecher der Ursprache ein Verb gekannt haben, das „weben“ bezeichnet, waren sie wahrscheinlich mit der Tätigkeit des Webens vertraut. Ein kurzer Blick auf das Vokabular, das für das Proto-Transeurasische rekonstruiert werden kann, zeigt, dass es gemeinsame Worte für Hirse und Weben gab, während maritimes Vokabular und gemeinsame Worte zum Reisanbau fehlten.

Diese Beobachtung stützt die Zuordnung der Sprecher des Proto-Transeurasischen zu der Xinglongwa-Kultur, denn diese neolithische Kultur kannte den Hirse-, nicht aber den Reisanbau, sie war eine flussnahe, aber keine maritime Kultur, und sie war mit einfachen Webtechniken vertraut.

Die Zweiteilung des japanischen Genoms

Untersuchungen der Erbsubstanz ermöglichen es, Rückschlüsse auf die Herkunft und Entwicklung heutiger Bevölkerungen zu ziehen. Für diese populationsgenetischen Studien nutzt man einerseits mitochondriale DNA (mtDNA), die nur durch die Mutter vererbt wird, und betrachtet das Vorhandensein und den Anteil bestimmter Genabschnitte, die typisch für bestimmte Gruppen sind. Aufgrund verbesserter Untersuchungstechniken konnten in den letzten Jahren vermehrt auch Studien der sehr viel komplexeren DNA des Zellkerns und speziell des männlichen Y-Chromosoms durchgeführt werden. Diese Erbsubstanz liefert eine ungleich höhere Auflösung und erlaubt genauere Rückschlüsse auf die genetische Abstammung.

Diese Arbeiten zeigen zusammenfassend, dass die Bevölkerung Japans grob in drei Gruppen gegliedert werden kann: die Ainu im Norden, die Honshu-Japaner auf der Hauptinsel und die Ryukyu-Bevölkerung im Süden auf den Ryukyu-Inseln. In der Altsteinzeit, etwa vor 10.000 bis 12.000 Jahren, wurde Japan von Jomon-Völkern bewohnt. Die Jomon waren Jäger und Sammler und trieben nur in geringem Umfang Ackerbau. In der japanischen Jungsteinzeit, etwa von 3.000 bis 2.300 Jahre vor heute, bewohnten Yayoi-Völker die japanischen Inseln. Sie waren Reis- und Hirsebauern. In der Genetik besteht weitgehend Übereinstimmung über die Zweiteilung des japanischen Genoms [6, 7]: Die Ainu- und Ryukyu-Bevölkerungen haben gemeinsame genetische Vorfahren, was sich aus dem Nachweis einheimischer Jomon-Gene ergibt, während die auf der Hauptinsel lebenden Japaner das Ergebnis einer Mischung zwischen einheimischen Jomon und einwandernden Yayoi sind. Die Vermischung von angestammten Jomon und einwandernden Yayoi auf den japanischen Inseln vor rund 3.000 Jahren illustriert Abbildung 3.

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Abb. 3: Vermischung von einheimischen Jomon und Yayoi-Migranten auf den japanischen Inseln etwa 1.000 v. Chr.
Abb. 3: Vermischung von einheimischen Jomon und Yayoi-Migranten auf den japanischen Inseln etwa 1.000 v. Chr.

Vergleicht man die genetische Verwandtschaft der Bevölkerung Japans mit anderen Bevölkerungsgruppen, wird einerseits deutlich, dass sowohl autosomale (das ist die DNA in Chromosomen, die nicht zu den Geschlechtschromosomen X und Y zählen) als auch mitochondriale DNA eine genetische Verbindung zwischen den transeurasischen Bevölkerungsgruppen aufweisen [7, 8, 9]. Diese Verbindung wird als Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Hirsekultivierung und Wanderungsbewegungen gesehen. Andererseits verbinden autosomale DNA und Y-chromosomale DNA die Bewohner der japanischen Hauptinsel mit der Bevölkerung Koreas und Süd-Chinas [10], was vermutlich in Zusammenhang mit der Ausbreitung der Reis-Kultivierung steht.

Ausblick

Die künftige Forschung wird unter anderem computerbasierte phylo-linguistische Analysen, die paläo-linguistische Rekonstruktion der Ursprache und archäologische Vergleiche von neolithischen und Bronzezeit-Kulturen in Ostasien sowie eine modellbasierte Analyse vollständiger Genomdatensätze einschließen.

Literaturhinweise

1.
Robbeets, M.
Is Japanese related to Korean, Tungusic, Mongolic and Turkic?
Turcologica 64. Harrassowitz, Wiesbaden (2005)
2.
Robbeets, M.
Diachrony of verb morphology. Japanese and the Transeurasian languages
Trends in Linguistics Studies and Monographs 291. Mouton-De Gruyter, Berlin (2015)
3.
Bellwood, P.; Renfrew, C. (Hrsg.)
Examining the farming/language dispersal hypothesis
McDonald Institute for Archaeological Research, Cambridge (2002)
4.
Diamond, J.; Bellwood, P.
Farmers and their languages: The first expansions
Science 300, 597–603 (2003)
DOI
5.
Fuller, D. Q.; Stevens, C. J.
The spread of agriculture in Eastern Asia: Archaeological bases for hypothetical farmer/language dispersals
Language Dynamics and Change (im Druck)
6.
Omoto, K.; Saitou, N.
Genetic origins of the Japanese: A partial support for the dual structure hypothesis
American Journal of Physical Anthropology 102, 437–446 (1997)
7.
Japanese Archipelago Human Population Genetics Consortium: Jinam, T.; Nishida, N.; Hirai, M.; Kawamura, S.; Oota, H.; Umetsu, K.; Kimura, R.; Ohashi, J.; Tajima, A.; Yamamoto, T.; Tanabe, H.; Mano, S.; Suto, Y.; Kaname, T.; Naritomi, K.; Yanagi, K.; Niikawa, N.; Omoto, K.; Tokunaga, K.; Saitou, N.
The history of human populations in the Japanese Archipelago inferred from genome-wide SNP data with a special reference to the Ainu and the Ryukyuan populations
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Tanaka, M.; Cabrera, V. M.; González, A. M.; Larruga. J. M.; Takeyasu, T.; Fuku, N.; Guo, L. J.; Hirose, R.; Fujita, Y.; Kurata, M.; Shinoda, K; Umetsu K.; Yamada, Y.; Oshida, Y.; Sato, Y.; Hattori, N.; Mizuno, Y.; Arai, Y.; Hirose, N.; Ohta, S.; Ogawa O.; Tanaka, Y.; Kawamori, R.; Shamoto-Nagai, M.; Maruyama, W.; Shimokata, H.; Suzuki, R.; Shimodaira, H.
Mitochondrial genome variation in eastern Asia and the peopling of Japan
Genome Research 14 (10A), 1832–1850 (2004)
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Genetic variation in the enigmatic Altaian Kazakhs of South-Central Russia: Insights into Turkic population history
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Hammer, M. F.; Karafet T. M.; Park, H.; Omoto, K.; Harihara, S.; Stoneking, M.; Horai, S.
Dual origins of the Japanese: Common ground for hunter-gather and farmer Y chromosomes
Journal of Human Genetics 51, 47–58 (2006)
DOI
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