Exzellenz in Deutschland neu bündeln

Max-Planck-Präsident plädiert für verstärkte Kooperation zwischen Spitzenwissenschaftlern an Universitäten und der MPG

19. Juni 2015

Bei der Festversammlung im Rahmen der 66. Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft hat Präsident Martin Stratmann am Donnerstag einen neuen Baustein für die deutsche Wissenschaftslandschaft vorgeschlagen. Ausgehend von einer international vergleichenden Analyse zur Exzellenz und ihrer räumlichen Verteilung in Deutschland plädiert er dafür, dass sich Max-Planck-Forscher mit Spitzenforschern deutscher Universitäten in überregionalen Bildungs- und Forschungsnetzwerken zusammenschließen. Diese themenzentrierten Schools sieht er als Schlüssel zur Stärkung der internationalen Sichtbarkeit und Attraktivität deutscher Spitzenforschung.

Max-Planck-Präsident Martin Stratmann während seiner Rede auf der 66. Jahresversammlung der Forschungsorganisation

Deutschland hat eine vollkommen andere strukturelle Verfasstheit, als andere wissenschaftlich hoch entwickelte Länder. „Wir müssen auf dieser Verfasstheit aufbauen, wenn wir Spitzenforschung effektiv stärken wollen“, betonte Martin Stratmann in seiner Rede vor etwa 700 Gästen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft in der Großen Orangerie von Schloss Charlottenburg, Berlin. Anders als beispielsweise in den USA sei „Exzellenz in Deutschland nicht an wenigen Orten konzentriert, sondern überregional verteilt“, so der Präsident.

Mit einer auf dem Publikationserfolg basierenden Systembetrachtung stellte er unter anderem heraus, dass in Deutschland 164 Wissenschaftler forschen, die weltweit zu den 1 Prozent der meistzierten innerhalb ihres Fachbereichs gehören. Damit ist Deutschland angesichts der Größe seines Wissenschaftssystems bei weitem nicht so erfolgreich wie die USA (1701), Großbritannien (303) oder auch die viel kleineren Niederlande (76). Während die Hälfte dieser „Exzellenzspitze“ an den Universitäten arbeitet, ist ein Drittel bei der Max-Planck-Gesellschaft beheimatet, die als Forschungsorganisation damit nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa auf dem ersten Platz steht. Die Analyse zeigt auch, dass die drei Großräume München, Berlin und Heidelberg die meisten Wissenschaftler dieser Kategorie auf sich vereinen.

Betrachtet man nun aber die räumliche Verteilung der Top-Forscher in einzelnen Wissenschaftsgebieten, wie beispielsweise der Chemie, erkennt man ein anderes Muster: Im Gegensatz zur regionalen Konzentration von Spitzenforschern über alle Fachgebiete zeigt sich eine überregionale Verteilung der Exzellenz. Im Vergleich zu den anglo-amerikanisch geprägten Ländern dominieren in Deutschland in vielen Fachgebieten keine einzelnen, räumlich zusammenhängenden Zentren. Stratmann zeigte sich deshalb überzeugt: „Mit überwiegend lokalen Netzwerken schöpfen wir das Potenzial an exzellenter deutscher Wissenschaft nicht aus. Wenn wir wirkliche Cluster der Besten haben wollen, die auch international Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dann müssen wir überregional denken.“

Überregionale Bildungs- und Forschungsnetzwerke als Schlüssel

Der Befund im Bereich der Chemie gilt zudem auch in anderen Fächern. Um die in Deutschland bereits vorhandene, räumlich verteilte Exzellenz produktiv zusammenzubringen und die individuelle Sichtbarkeit der besten deutschen Wissenschaftler auf kluge Weise zu bündeln, schlägt Stratmann den Aufbau von überregionalen, themenzentrierten Max-Planck-Schools vor. Diese könnten auf den bewährten, lokal organisierten International Max-Planck-Research Schools aufsetzen. „Wenn sich führende Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft mit führenden Kollegen der Universitäten auf zukunftsträchtigen Wissenschaftsgebieten zusammentun, dann entstehen Bildungs- und Forschungsnetzwerke, die mit den Top-Einrichtungen der Welt konkurrieren können“, unterstrich Stratmann: „Die besten Professorinnen und Professoren aus allen deutschen Universitäten könnten eingebunden werden und würden als Leistungsträger der universitären Spitzenforschung in diesen Schools international noch sichtbarer. Den Ballungszentren der Exzellenz würde naturgemäß eine besondere Rolle als Knoten in diesen Netzwerken zukommen.“

Indem gezielt „Exzellenz an der Spitze“ gefördert wird, so Stratmann, entstehe Mehrwert für das ganze deutsche Wissenschaftssystem: „Durch diese überregionalen Netzwerke schaffen wir ein tragfähiges Umfeld für erfolgreiche Neuberufungen aus dem Ausland, und dies nicht nur für die Max-Planck-Gesellschaft, sondern auch für die mit uns kooperierenden Universitäten.“  

Darüber hinaus sollen die Schools die „besten Nachwuchswissenschaftler aus Deutschland und vor allem aus dem Ausland anziehen und sie möglichst auch in unserem Land halten können“. Ein Weg dazu sei die Schaffung von Tenure Track-Pfaden innerhalb der Schools, um über die Doktorandenebene hinaus höchst attraktive Plätze für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland anbieten zu können. „Damit würden wir genau das Notwenige erreichen: neue Personalstellen im Nachwuchsbereich verbunden mit einem hohem Anspruch an Exzellenz“, unterstrich Stratmann.

Exzellenzinitiative nicht verwässern

Stratmann sprach sich zudem dafür aus, bei der Weiterführung der Exzellenzinitiative auch künftig konsequent die Spitzenforschung an den deutschen Universitäten zu fördern. „Das deutsche Wissenschaftssystem erlebt aktuell in der Tat gute Zeiten, nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, dass die Politik ihren Fokus auf die Stärkung der Wissenschaft gelegt hat. Im Bereich der Spitzenforschung ist Deutschland aber noch nicht am Ziel. Deshalb muss die Exzellenzinitiative das bleiben, was der Name verspricht: eine Initiative zur Verbesserung der Exzellenz der deutschen Wissenschaft. Alles andere sollte auch unter anderem Namen firmieren.“

JE

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