Forschungsbericht 2015 - Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Drastischer Wandel der regionalen Unterschiede in der Lebenserwartung in Deutschland: Den Ursachen auf der Spur

Autoren
Klüsener, Sebastian; Scholz, Rembrandt; Kibele, Eva
Abteilungen

Sebastian Klüsener, Rembrandt Scholz: Arbeitsbereich Demografische Daten, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

Eva Kibele: Population Research Centre / Healthy Ageing, Population and Society (HAPS), University of Groningen

Zusammenfassung
In Deutschland ist es über die letzten einhundert Jahre zu erheblichen Verschiebungen bei regionalen Mustern in der Lebenserwartung gekommen. Dies gilt nicht nur für Differenzen zwischen dem Ost- und Westteil des Landes, sondern vor allem auch für Nord-Süd-Unterschiede. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die nördlichen Regionen die höchste Lebenserwartung, während die südlichen Regionen die niedrigste verzeichneten. Heute sind die Verhältnisse weitgehend umgekehrt. Forschungsprojekte am Max-Planck-Institut für demografische Forschung untersuchen die Ursachen für diese Sterblichkeitstrends.

Die durchschnittliche Lebenserwartung ist eine wichtige Kennziffer für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und den Gesundheitszustand einer Bevölkerung. Sie wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Hierzu zählt unter anderem die Zusammensetzung der Bevölkerung hinsichtlich sozioökonomischer Merkmale wie Bildungsgrad und Teilhabe am Arbeits- und Sozialleben. Bevölkerungen unterscheiden sich aber auch in der Verbreitung von Verhaltensweisen, die Einfluss auf den Gesundheitszustand haben. Dies umfasst etwa Rauch-, Ess- und Trinkgewohnheiten. Außerdem spielen sogenannte Umgebungsfaktoren eine Rolle, wie etwa der Zugang zur Gesundheitsversorgung oder der Grad der Umweltverschmutzung. Forschungsprojekte am Max-Planck-Institut für demografische Forschung zeigen auf, dass es in Deutschland im Verlauf der letzten einhundert Jahre zu erheblichen Verschiebungen bei den regionalen Unterschieden in der Lebenserwartung gekommen ist [1]. Diese hängen unter anderem damit zusammen, dass der Einfluss, den spezifische Faktoren auf regionale Unterschiede in der Lebenserwartung hatten oder weiterhin haben, über die Zeit starken Veränderungen unterworfen war.

Um die durchschnittliche Lebenserwartung einer Bevölkerung zu ermitteln, werden Sterbetafeln berechnet, die Daten zur Altersstruktur der Bevölkerung und den verzeichneten Sterbefällen nach Alter berücksichtigen. Die Lebenserwartung gibt die durchschnittliche Zahl an Lebensjahren an, die Neugeborene oder Personen eines bestimmten Alters (noch) leben würden, wenn die in dem betrachteten Zeitraum ermittelten Sterblichkeitsverhältnisse bis zu ihrem Lebensende fortbestünden.

Forschung zu langfristigen regionalen Entwicklungen sozialer und wirtschaftlicher Prozesse in Deutschland ist mit der Herausforderung konfrontiert, dass sich sowohl die Staatsgrenzen als auch die internen Verwaltungsgrenzen in den letzten einhundert Jahren erheblich verändert haben. Um diese Grenzänderungen berücksichtigen zu können, hat das Max-Planck-Institut für demografische Forschung die MPIDR Population History GIS Collection entwickelt [2]. Diese bietet für Europa, Deutschland und einige andere Länder Geodaten zur Entwicklung der administrativen Grenzen im Verlauf der letzten einhundert bis zweihundert Jahre an.

Kontinuitäten und Diskontinuitäten in regionalen Lebenserwartungsmustern

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Regionale Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland 1910

Berechnet auf Basis von gemittelten Mortalitätsdaten für den Zeitraum 1908–1913.

Quelle: Statistisches Reichsamt 1918; eigene Berechnungen. Basiskarte: MPIDR Population History GIS Collection (basierend auf der VG2500 des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie).

Flächendeckende Daten zur Lebenserwartung in einzelnen deutschen Regionen sind ab Anfang des 20. Jahrhunderts in geografisch detaillierter Form vorhanden. In einem Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut für demografische Forschung wurden regionale Differenzen in der Lebenserwartung bei Geburt um 1910 mit Zahlen zu den aktuellen Verhältnissen verglichen. Dies erlaubt es, Kontinuitäten und Brüche in den regionalen Mustern aufzuzeigen. Abbildung 1 gibt die Situation um 1910 wieder. Damals betrug die Lebenserwartung von Männern im Deutschen Reich 47,4 Jahre, die regionalen Werte lagen zwischen 42,8 und 53,8 Jahren. Frauen hatten eine Lebenserwartung von 50,7 Jahren und bei den regionalen Daten eine etwas geringere Schwankungsbreite von 48,1 bis 55,5 Jahren. Die regionalen Muster von Männern und Frauen ähnelten sich sehr. Regionen mit hohen Werten konzentrierten sich vor allem im Nordwesten des Landes und in hessischen Gebieten. Die geringste Lebenserwartung wurde dagegen in Bayern und Schlesien verzeichnet.

Abbildung 2 stellt auf der Grundlage geografisch differenzierterer Daten die Werte zu den aktuellen regionalen Mustern der Lebenserwartung dar. Eine langfristige Kontinuität ist darin zu erkennen, dass bei Männern weiterhin deutlich höhere regionale Unterschiede in der Lebenserwartung auftreten als bei Frauen. Bei Geburt haben Männer heute eine Lebenserwartung von 77,7 Jahren, wobei regional Werte zwischen 74,6 und 81,3 Jahren verzeichnet werden. Frauen haben eine Lebenserwartung von 82,7 Jahren; die regionalen Daten schwanken zwischen 79,8 und 84,5 Jahren. Im Vergleich zu 1910 konzentrieren sich die Gebiete mit der höchsten Lebenserwartung 2010 nicht mehr im Norden, sondern im Süden des Landes. Diese Umkehr in der Entwicklung der Nord-Süd-Unterschiede setzte etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein. Zunächst beschränkte sich der Wandel auf die Lebenserwartung bei Geburt und in jüngeren Altersstufen. Eine ähnliche Entwicklung bei der Lebenserwartung mit 60 beziehungsweise 80 Jahren wurde dagegen erst später registriert. Noch Anfang des 21. Jahrhunderts entsprachen die regionalen Muster in der Wahrscheinlichkeit, ein sehr hohes Alter von über 105 Jahren zu erreichen, eher den regionalen Lebenserwartungsmustern im Jahr 1910 [3].

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Abb. 2: Regionale Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland 2010

Berechnet auf Basis von gemittelten Mortalitätsdaten für den Zeitraum 2009–2011; Kreise, die seit 1995 Gebietsaustausche erfahren haben, sind zusammengefasst worden.

Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2014; eigene Berechnungen. Basiskarte: MPIDR Population History GIS Collection (basierend auf der VG2500 des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie).

Hinsichtlich von Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland ist festzustellen, dass der heutige Osten Deutschlands bei den Männern sowohl 1910 als auch 2010 zumindest im Vergleich zu den direkt angrenzenden westlichen Gebieten tendenziell zurücklag. Bei den Ost-West-Differenzen gab es aber im Verlauf der letzten einhundert Jahre Perioden mit unterschiedlichen Trends: In der Zeit zwischen 1920 und 1970 etwa waren eher Angleichungstendenzen zu beobachten [1]. Ab Anfang der Siebzigerjahre verstärkten sich die Unterschiede dagegen wieder drastisch, da die Lebenserwartung im Westen deutlich stärker anstieg als im Osten. Seit Beginn der Neunzigerjahre haben sich aber die Werte im Osten zumindest bei den Frauen wieder fast an die Werte im Westen angeglichen. Die ostdeutschen Männer haben ebenfalls stark aufholen können, liegen jedoch noch hinter den westdeutschen Männern zurück [4; 5].

Erklärungsansätze für die beobachteten Entwicklungen

Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Umkehr von einem Nord-Süd- in ein Süd-Nord-Gefälle parallel zu ähnlichen Tendenzen in der ökonomischen Entwicklung verlief [1]. Anfang des 20. Jahrhunderts lag der Süden wirtschaftlich noch zurück. Ein Grund dafür war, dass der Norden wegen der Nähe zu Überseehäfen früher von der Globalisierung der Märkte profitieren konnte. Außerdem lagen die meisten Industriegebiete eher im Norden des Landes. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat der Süden Deutschlands den Norden überholen können, wozu eine Vielzahl von Faktoren beitrug. So konnte der Süden unter anderem beim Übergang vom Industrie- in das Wissenszeitalter von seiner traditionell hohen Dichte an Hochschuleinrichtungen profitieren.

Insgesamt hat sich die Beziehung zwischen der ökonomischen Entwicklung einer Region und verzeichneten Trends in der Lebenserwartung über die letzten einhundert Jahre verstärkt. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass in der Vergangenheit ökonomisch hoch entwickelte Gebiete wie Großstädte oder Industrieregionen durch hohe Umweltbelastungen und ungünstige hygienische Bedingungen geprägt waren. Durch den technischen Fortschritt konnten diese Probleme größtenteils überwunden werden. Daneben trägt zu der engeren Beziehung zwischen ökonomischer Entwicklung und der Lebenserwartung bei, dass kulturelle Traditionen heute weniger prägend sind. Die niedrige Lebenserwartung in Bayern um 1910 war etwa eng mit dem kulturellen Muster verbunden, dass dort viele Mütter ihre Kinder nicht stillten, sondern mit Mehlbrei fütterten. Da das Wasser häufig mit Keimen kontaminiert war, starben viele Säuglinge an Durchfallerkrankungen. So erlebte in Teilen Bayerns eines von vier geborenen Kindern den ersten Geburtstag nicht, während es in Norddeutschland nur eines von zehn Neugeborenen war [6]. Regionale kulturelle Unterschiede etwa bei Ess- und Trinkgewohnheiten können aber auch heute noch zumindest zu einem gewissen Grad zur Erklärung regionaler Differenzen in der Lebenserwartung beitragen.

Die Entwicklung der starken Ost-West-Unterschiede nach 1970 hängt eng mit erheblichen Verbesserungen in der Gesundheitsversorgung in Westdeutschland zusammen [7]. Dadurch konnte unter anderem die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten deutlich gesenkt werden. Ostdeutschland lag in diesem Prozess zunächst zurück, weil die DDR nicht im gleichen Maße in der Lage war, die Gesundheitsversorgung weiter auszubauen. Ab 1990 wurde die Gesundheitsversorgung im Osten aber an das Niveau im Westen angepasst, wodurch sich auch die Ost-West-Differenzen in der Lebenserwartung angeglichen haben [8].

Die zukünftige Entwicklung der regionalen Unterschiede in der Lebenserwartung in Deutschland wird eine Einschätzung erlauben, ob der drastische Wandel im 20. Jahrhundert ein ungewöhnlicher Vorgang war. Um regionale Trends detailliert untersuchen zu können, arbeitet das Max-Planck-Institut für demografische Forschung zurzeit an einer regionalen Version der Human Mortality Database für Deutschland [9]. Diese regionale Datenbank wird es auch ermöglichen, Trends in einzelnen Bundesländern mit Entwicklungen in angrenzenden Nachbarstaaten zu vergleichen.

1.
Kibele, E. U. B.; Klüsener, S; Scholz, R. D.
Regional mortality disparities in Germany. Long-term dynamics and possible determinants
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 67 (2015, in print)
2.
Max Planck Institute for Demographic Research
MPIDR Population History GIS Collection
Max Planck Institute for Demographic Research, Rostock (2015)
3.
Klüsener, S.; Scholz, R. D.
Regional hot spots of exceptional longevity in Germany
Vienna Yearbook of Population Research 11, 137–163 (2013)
DOI
4.
Kibele, E. U. B.
Regional mortality differences in Germany
Springer, Heidelberg (2012)
DOI
5.
Vogt, T. C.
How many years of life did the fall of the Berlin Wall add? A projection of East German life expectancy
Gerontology 59 (3), 276–282 (2013)
DOI
6.
Klüsener, S.; Devos, I.; Ekamper, P.; Gregory, I. N.; Gruber, S.; Martí-Henneberg, J.; van Poppel, F.; da Silveira, L. E.; Solli, A.
Spatial inequalities in infant survival at an early stage of the longevity revolution. A pan-European view across 5000+ regions and localities in 1910
Demographic Research 30 (68), 1849–1864 (2014)
DOI
7.
Meslé, F.; Vallin, J.
Mortality in Europe: The Divergence between East and West
Population (English Edition) 57 (1), 157­–197 (2002)
DOI
8.
Nolte, E.; Scholz, R. D.; Shkolnikov, V.; McKee, M.
The contribution of medical care to changing life expectancy in Germany and Poland
Social Science & Medicine 55 (11), 1905–1921 (2002)
DOI
9.
University of California (Berkeley); Max Planck Institute for Demographic Research
Human Mortality Database (HMD)
University of California (Berkeley)/Max Planck Institute for Demographic Research, Berkeley/Rostock (2015)
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