Forschungsbericht 2015 - Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung

Die normativ-technologische Konstruktion einer Wertschöpfungskette: Arganöl aus Marokko

Autoren
Turner, Bertram
Abteilungen
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle (Saale)
Zusammenfassung
Die weltweite Vermarktung von Arganöl zeigt beispielhaft, wie transnationale Netzwerke durch das Zusammenwirken von technologischer Innovation und transnationalen Rechtsfiguren ein lokales Grundnahrungsmittel als Nischenprodukt, gastronomische Spezialität und industriellen Rohstoff auf dem Weltmarkt platzieren. Dabei werden lokale Wissensbestände als Ressource durch Bioprospektion, Recht und Marktregulierung in kapitalisierbares intellektuelles Eigentum überführt. Dies hat Auswirkungen auf lokale Rechtsverhältnisse und die Lebensbedingungen der Bevölkerung.

Der neue Markt für Arganöl

Arganöl ist das derzeit teuerste Speiseöl auf dem Weltmarkt. Es wird wegen seiner mild-nussigen Geschmacksnoten gepriesen und wird selbst in der Spitzengastronomie verwendet. Die Pharmaindustrie schwärmt von den gesundheitsfördernden Eigenschaften des Öls, die auch das Interesse der Kosmetikindustrie geweckt haben. Das Öl wird aus den Früchten des Arganbaums gewonnen, der im Südwesten Marokkos endemisch ist und dort ein einzigartiges Ökosystem bildet. Noch vor etwa fünfzehn Jahren war dieses Öl außerhalb seines Erzeugungsgebiets nahezu unbekannt. Heute sind das Öl und darauf basierende Produkte praktisch in jeder Stadt der industrialisierten Welt und über Hunderte von Websites erhältlich. Wer Arganöl kauft, so wird vermittelt, handelt verantwortlich, kauft fair, solidarisch, ökologisch, biologisch und unterstützt Armutsbekämpfung, gender mainstreaming und Naturschutz.

Ein Projekt am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung hat herausgearbeitet, wie transnationale Interessengemeinschaften durch das gesteuerte Ineinandergreifen von lokalen Wissensbeständen, rechtlichen Repertoires und technologischen Innovationen die notwendigen Bedingungen für den Aufbau einer Wertschöpfungskette schaffen, die eine globale Vermarktung des Öls erlauben. Folgende Prozesse sind dabei bedeutsam [1]:

a) Die Nutzungsrechte der lokalen Bevölkerung werden durch internationale Umweltschutzstandards, Überwachungstechnologie und Wiederaufforstung mit „optimiertem Bestand“ eingeschränkt.

b) Um eine permanente Versorgung des Marktes mit dem Rohstoff sicherzustellen, hat sich ein normatives Modell von Kooperativen etabliert, das auf einer neuen, den industriellen Anforderungen genügenden Extraktionstechnologie basiert.

c) Eigentumsansprüche an den Ergebnissen der industriellen Forschung über die verwertbaren Eigenschaften von Argan werden durch Patentierung und Schutz intellektuellen Eigentums rechtlich abgesichert.

d) Das Öl wird zunehmend assoziiert mit Prinzipien einer solidarischen Ökonomie und als fair gehandeltes, zertifiziertes, ökologisches Nischen- und Gesundheitsprodukt wahrgenommen.

Der Arganwald – ein weltweit einzigartiges Ökosystem und seine Nutzung

Die heutige Verbreitungsregion des Arganbaums (lateinische Bezeichnung Argania sideroxylon Roem. & Schult, syn. Argania spinosa (L.) Skeels var. mutica Maire) ist der Südwesten Marokkos. Das gesamte Verbreitungsgebiet wird auf circa 820.000 ha geschätzt. Es ist der einzige Baum, der in diesem semiariden Gebiet [2] Wälder bildet, die der voranschreitenden Desertifikation Einhalt zu gebieten vermögen. Für die Dörfer im Einzugsbereich des Waldgebiets ist der Wald traditionell eine unverzichtbare Lebensgrundlage [3]. Die drei wichtigsten Waldnutzungsweisen waren Gerstenanbau im Regenfeldbau, Ziegen- und Schafzucht und eben traditionelle Arganölherstellung, die in der Hand der Frauen lag und auf dem großen Wissensbestand der Einheimischen beruht.

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Abb. 1: Verbreitungsgebiet des Arganbaums

Der Zugang zum Arganwald war traditionell im örtlichen Gewohnheitsrecht geregelt. Zur Zeit des französischen Protektorats wurden alle Waldgebiete Marokkos verstaatlicht, man schuf ein einheitliches Forstrecht. Dabei wurde für den Arganwald eine eigene Rechtsordnung mit erweiterten Ansprüchen als Nießbrauchsrechte definiert. Dieses Ineinandergreifen von traditionellem Recht, teils auch religiösem Recht und staatlicher Gesetzgebung wurde durch Integration der Ressource Arganwald in die neoliberale Marktordung gemäß einem transnationalen Rechtsverständnis juridisch überformt.

Recht, Naturschutz und transnationale Intervention

Zwei etwa zeitgleiche und aufeinander wirkende Trends haben dazu geführt, dass der Wald und sein Öl Eingang in die globale Ökonomie fanden. Seit Ende der Achtzigerjahre geriet Argan in den Blick der Bioprospektion. Diese erkundet das kommerzielle Potenzial biologischer Ressourcen und hält weltweit nach neuen Biorohstoffen beziehungsweise biologischen Substanzen Ausschau, deren Eigenschaften sich gewinnbringend in zum Teil neuen Produkten vermarkten lassen. Etwa zur gleichen Zeit, während der Aufbruchstimmung nach der UN-Umweltgipfelkonferenz in Rio de Janeiro 1992 und der Verabschiedung der UN-Konvention zum Schutz von Biodiversität (CBD), wurde der Arganwald als ein ideales Experimentierfeld identifiziert, um Naturschutz in Verbindung mit Nachhaltigkeit und Entwicklungszielen wie Armutsbekämpfung, Bildung, Frauenmenschenrechten zu verwirklichen. Das führte zu einer regelrechten Invasion von Institutionen der Entwicklungskooperation und der global governance in der Region. Typisch für die Herangehensweise zur Verwirklichung eines solchen radikalen Eingriffs in bestehende komplexe Nutzungszusammenhänge ist es, zunächst rechtliche Rahmenbedingungen unter Einsatz transnationaler Blaupausen zu schaffen.

Zunächst wurde das UNESCO-Biosphärenreservats Arganeraie (RBA) eingerichtet. Das Konzept des Biosphärenreservats sieht vor, die Idee des Naturschutzes mit nachhaltiger Ressourcennutzung unter Einbeziehung der lokalen Bevölkerung zu verbinden. Gleichzeitig hat das Projekt aber einen Prozess des fortschreitenden Entzugs von Handlungsmacht der lokalen Nutzer eingeleitet. Der Gedanke der Nachhaltigkeit, verbunden mit der Verwirklichung von Entwicklungszielen, rückte das Arganöl in den Blick der genannten Akteure. Man traute ihm zu, als weltweit einzigartiges lokales Erzeugnis auf dem umkämpften Markt der Nischenprodukte bestehen zu können. Es wurde das Modell der Kooperativen eingeführt, das Vertreter der global governance als ideales Instrument einer Produktion und Ressourcennutzung durch gleichberechtigte und eigenverantwortliche lokale Akteure – quasi als Modell für eine „Globalisierung von unten“ – propagieren. Marokkanische Aktivisten, deren bedeutsamsten Figuren gleichzeitig an der Biosprospektion beteiligt sind, richteten unter Mobilisierung von Fördermitteln an zentral gelegenen Orten Produktionsstätten ein.

Ein wesentliches Merkmal dieses Modells ist die Einführung neuer Technologien, deren Handhabung und Kontrolle eine korrespondierende normative Regelung erforderlich machten. Das Öl wird durch elektrische Ölpressen gewonnen und anschließend durch Filteranlagen gepumpt. Nur dieses reine und entsprechend länger lagerfähige Öl, so das Argument, könne auf dem Markt bestehen. Dies ist auch exakt jene Qualität, die Forschung und Industrie von der Bioprospektion fordern. Das Modell der Kooperative erlaubte zudem, die Fähigkeiten der Frauen zu nutzen, ohne sich dem Vorwurf der Ausbeutung auszusetzen [4]. Die Frauen allein wissen, wie die Nüsse geöffnet werden, und sie verfügen über viel Erfahrung darin. Diese Fertigkeiten lassen sich nicht technologisch abbilden und standardisieren [5, 6].

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Abb. 2: Arganwald im Februar

Die normativ-technologische Konstruktion einer Wertschöpfungskette

Wie gelang nun nach der Gründung von Produktionskooperativen der Einstieg in den Weltmarkt unter Berücksichtigung der genannten Entwicklungs- und Naturschutzziele? Verschiedene Förderer investierten in die strukturelle Marktintegration, so die EU allein 5 Millionen Euro mit ihrem Projet Arganier zwischen 2003 und 2010. Unter Anleitung vereinigten sich Kooperativen zu Vermarktungsgesellschaften und bemühten sich um Werbung und Abnahmeverträge mit Exporteuren.

Der Arganboom regte auch die lokale Kreativität an und ließ alle erdenklichen Produktionsformen entstehen: von komplett traditioneller Herstellung in Privatinitiative bis zu hoch technisierten kommerziellen Ölfabriken. Alle Hersteller machen aber gleichermaßen Werbung mit dem Image der „politisch korrekten“ Frauenkooperativen, mit Berberfrauen, die ein Naturprodukt bester Qualität anbieten, und dies selbstverständlich nachhaltig. Erst auf Druck staatlicher und internationaler Instanzen kam es zu einem organisatorischen Zusammenschluss der wichtigsten Konkurrenten, um die Entwicklung zu moderieren und den Erwartungen der transnationalen Kooperationspartner gerecht zu werden.

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Abb. 3: Arganprodukte auf einem lokalen Markt

Arganöl privater, kooperativer und professioneller Produzenten wird heute über höchst komplexe Vertriebsnetze weltweit vermarktet. Eine notwendige Voraussetzung der Produktplatzierung ist es, ein ganzes Repertoire von normativ verbindlichen Zuschreibungen nachweisen zu können. Es entstand ein regelrechter Wettbewerb um Label und Zertifikate. Zunächst ging es um den Nachweis der Bioqualität von Arganöl, bei dem anfangs die kommerziellen Anbieter vorn lagen. Die Kooperativen konnten es sich nicht leisten, in ein Bio- oder Ökolabel zu investieren, bis sie das über ihre Vermarktungsgesellschaften regelten. Auch die nächste Kennzeichnung, die Anerkennung der geografischen Herkunft, teilen die Kooperativen mit allen anderen Anbietern.

Einzig den Kooperativen gelingt es jedoch, ihr Arganöl als fair gehandeltes und sozialverträglich erzeugtes Produkt der solidarischen Ökonomie auszuweisen. In die Entwicklung und Vergabe dieser normativen Zuschreibungen sind sehr viele transnationale Organisationen, INGOs (International Nongovernmental Organizations), UN-Institutionen, staatliche Behörden und andere Akteure involviert. Interessant ist, dass insbesondere nicht profitorientierte Organisationen in die kostenintensive Zertifizierung investieren, während die dadurch erzielte Wertsteigerung andere abschöpfen. Gleichzeitig sind in den Preis, den der Verbraucher in den Importländern zahlt, auch anteilig Kosten für die Verbriefung bestimmter Eigenschaften, für die Einhaltung von Produktionsbedingungen und Ressourcenschutz sowie für die Transparenz der Warenkette eingerechnet. Es lässt sich hier ein interessantes Ineinandergreifen von sogenannten alternativen, nicht profitorientierten und neoliberalen Vermarktungsketten erkennen [7].

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Abb. 4: Zwischenprodukte der Arganölgewinnung

Mit der transnational induzierten Juridifizierung von Produkteigenschaften verbunden war der Aufbau einer nach globalen Vorbildern organisierten Infrastruktur für den gesamten Produktionssektor. Letztlich wurde in der Interaktion von großen Geberorganisationen, Institutionen der global governance, marokkanischen staatlichen Instanzen wie den Forstbehörden, NGOs (Nongovernmental Organizations) und den diversen kommerziellen Interessenvertretern eine Produktions-, Wertschöpfungs- und Vermarktungskette konstruiert, die vorgibt, lückenlos vom lokalen Inhaber von Nutzungsrechten über die Händler der Zwischenprodukte, die Ölproduzenten, die Exporteure bis zum internationalen Endverbraucher Transparenz zu garantieren. Das Arganprojekt hat eine Vorreiterrolle für ganz Afrika, da hier zum ersten Mal die konsequente Konstruktion des aufgezeigten normativ-technologischen Modells gelang.

Literaturhinweise

1.
Turner, B.
Der Wald im Dickicht der Gesetze: Transnationales Recht und lokale Rechtspraxis im Arganwald (Marokko)
Entwicklungsethnologie 14 (1+2), 97–117 (2005)
2.
Nouaim, R.
L’Arganier au Maroc: entre mythes et réalités
L’Harmattan, Paris (1995)
3.
El Aich, A.; Bourbouze, A.; Morand-Fehr, P.
La chèvre dans l’Arganeraie
Actes Éditions, Rabat (2005)
4.
Lybbert, T. J.; Aboudrare, A.; Chaloud, D.; Magnan, N.; Nash, M.
Booming markets for Moroccan argan oil appear to benefit some rural households while threatening the endemic argan forest
PNAS 108 (34), 13963–13968 (2012)
5.
Turner, B.
Arganöl – eine Weltkarriere. Teil I: Gastronomische Spezialität und industrieller Rohstoff
Journal Culinaire 16, 97–108 (2013)
6.
Turner, B.
Arganöl – eine Weltkarriere. Teil II: Wertschöpfungsketten und Ressourcenmanagement
Journal Culinaire 17, 103–118 (2013)
7.
Turner, B.
Neoliberal politics of resource extraction: Moroccan argan oil
Forum for Development Studies 41 (2), 207–232 (2014)
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