Forschungsbericht 2015 - Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften

„Urbane Verheißungen“ in Seoul: Religion und Metropolen im Vergleich

Autoren
Jung, Jin-Heon
Abteilungen
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen
Zusammenfassung
Die erfolgreiche Modernisierung der Stadt Seoul wurde von religiösen Erweckungsbewegungen begleitet. Diese Entwicklung widerspricht der eurozentrischen Säkularisierungstheorie, macht die Metropolregion mit ihren 26 Millionen Einwohnern aber auch zu einem interessanten Ort für Vergleiche. Ein Projekt untersucht ausgehend vom Christentum verschiedene Formen religiöser und urbaner „Verheißungen“. Seoul ist aber auch für eine große Vielfalt an religiösen Ausdrucksformen und die schwierigen Beziehungen zwischen dem Christentum und Buddhismus, Schamanismus und Islam bekannt.

Die erfolgreiche Modernisierung der südkoreanischen Metropole Seoul wurde von religiösen Erweckungsbewegungen begleitet und steht damit in einem starken Gegensatz zur eurozentrischen Säkularisierungstheorie. Ein Projekt am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften befasst sich mit diesen religiösen Bewegungen in Seoul. Das Projekt, das von der Academy of Korean Studies finanziell gefördert wird, ist Teil einer größeren interdisziplinären und internationalen Untersuchung. Die Ergebnisse des „Seoul Lab“ werden mit den am Institut durchgeführten Studien zu Mumbai, Shanghai und Singapur verglichen. Die Projektziele sind breit angelegt. Zum einen soll fächerübergreifend die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern auf Seoul als produktiven und provokativen Ort für historische und zeitgenössische Vergleiche gerichtet werden; zum anderen sollen Religionswissenschaftler ermutigt werden, Stadträume stärker zu beachten, und im Gegenzug sollte die Stadtforschung Religion stärker berücksichtigen [1].

Städtische Geografie der Religion

Abb. 1: Rund zehn verschiedene Kirchen in Seoul (russisch-orthodox, anglikanisch, presbyterianisch etc.)

Der welthistorische Prozess der Urbanisierung hat dazu geführt, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung in Stadtregionen lebt. Korea bildet hier keine Ausnahme. In der Metropolregion Seoul, einer der größten der Welt, wohnen mehr als 26 Millionen Menschen. Nach dem Koreakrieg und durch die schnelle Industrialisierung strömten Millionen nordkoreanischer Kriegsflüchtlinge und Migranten aus ländlichen Gebieten nach Seoul. Im Raum zwischen Verheißung und Wirklichkeit haben religiöse Institutionen durch ihr Angebot an Trost und Zuspruch für die Armen eine historische Funktion für die Stadt gehabt. Um den Zusammenhang von Verheißungen und Religion in Seoul zu verstehen, wird untersucht, welche Rolle die Stadt – ihre Strukturierung von Landschaft, die Routen der Fortbewegung, die wahrnehmbare Gestalt usw. – für den spirituellen Blick auf das urbane Leben spielt.

Städtisches Leben, spirituelles Leben: Glaube, Ritual, Praxis

Aufbauend auf Arbeiten über die städtische Verortung von Religion in Seoul erforscht das Projekt die tief greifenden Auswirkungen der institutionalisierten Religion auf Seouls urbane Kultur. Eine der Forschungsfragen lautet, wie sich urbane religiöse Geselligkeit in zeitgenössischer und historischer Perspektive manifestiert. Der zweite Forschungsbereich untersucht die affektive und ästhetische Dimension des religiösen Lebens in Seoul mit besonderem Augenmerk auf die Bedeutung von religiösen Praktiken für das städtische Leben.

Viele Hoffnungen

Abb. 2: Der buddhistische Chogye-Tempel in Seoul

Der dritte Teil der Forschung konzentriert sich darauf, wie unterschiedliche Religionen Vorstellungen über den Fortschritt und die Ziele Koreas entwickeln. Hier steht die Vielfalt der religiösen Identitäten und Praktiken in Seoul im Mittelpunkt. Neben Beispielen für friedliche Koexistenz und interreligiöse Zusammenarbeit gibt es auch Spannungen und Konflikte, die sich aus widerstreitenden Zielen, konkurrierenden Glaubensrichtungen und gegensätzlichen Perspektiven auf die Stadtlandschaft ergeben. Die Rolle von Religion und religiöser Organisation, vor allem im Bereich der Zuwanderung, ist ein wesentlicher Anknüpfungspunkt für viele der Teilprojekte im Seoul-Projekt. Religiöse Organisationen fördern die Bestrebungen der Zuwanderer nach sozialer Zugehörigkeit, wirtschaftlicher Besserstellung, politischer Zuflucht und Bildungschancen. Solange diese Organisationen als ausländisch angesehen werden, bleiben sie in der koreanischen Gesellschaft jedoch marginalisiert.

Ideologisch-religiöser Wettbewerb und Entwicklung von Städten im Kalten Krieg: Seoul, Berlin und Pjöngjang

Seoul befindet sich als Hauptstadt einer geteilten Nation immer noch im Kriegszustand. Eine Fallstudie mit Lebenswegen nordkoreanischer Migranten auf dem Weg nach und in Seoul untersucht, in welchem Ausmaß christliche Moral und Spiritualität zur Entstehung einer politisch-ideologischen Landschaft in Seoul beitragen [2]. Die Erfahrungen nordkoreanischer Zuwanderer in Seoul werden mit jenen verglichen, die Migranten in Hauptstädten wie Berlin und Pjöngjang in ganz anderen religiösen und politischen Situationen gemacht haben. Welche Beziehung besteht zwischen der Geschichte des Kalten Krieges und religiös-weltanschaulichen Vorstellungen bei der Legitimierung und Neugestaltung nationaler Hauptstädte?

Abb. 3: Spanische Gruppe auf dem multikulturellen Fest der Yoido-Evangeliumskirche (2014)

Stätten des Islam - Neue Experimente im postkolonialen und globalisierten Seoul

Einer der wesentlichen Aspekte im religiösen Leben Seouls angesichts der rasanten Entwicklung von Migration und Globalisierung ist das Auftauchen von neuen Religionen. Die südkoreanische Gesellschaft wird vom Mythos ethnischer Homogenität bestimmt. Die wachsende Zahl muslimischer Migranten fügt darum ein unbekanntes Element in die Kultur Seouls ein. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie die muslimische Kultur räumlich und soziokulturell in das Leben der Stadt integriert wird.

Streben nach religiöser Perfektion: Frauen, Beziehungsarbeit und Geschlechtsspezifik

Aus vielen Ländern kommen Frauen nach Seoul, sei es als Fans der koreanischen Popkultur oder als Ehepartnerinnen für koreanische Männer, die von Religionsgemeinschaften wie etwa der Vereinigungskirche vermittelt werden. Ethnografische Studien mit Migrantinnen in der Vereinigungskirche und praktizierenden Buddhistinnen aus der Mittelklasse sollen klären, welche Bedeutung Migration und Geschlecht für religiöse Aktivitäten von Frauen bei der Suche nach Selbstverbesserung und therapeutischen Effekten in Seoul hat.

Die soziale Semiotik von „Verheißungen“ in Seoul

Abb. 4: Koreanische Studenten besichtigen eine Moschee in Itaewon, Seoul

Dieses Teilprojekt untersucht den Zusammenhang von städtischen Bewegungen und Religion innerhalb der kommunikativen Interaktion in Seoul. Der linguistisch-anthropologische Ansatz des Anthropologen Nicholas Harkness [3] befasst sich mit der menschlichen Stimme in der koreanischen christlichen Kultur, in der die klassische Stimme im europäischen Stil als Sinnbild der kulturellen Wandlung von Trauer und Leid zu Komfort und Gnade angesehen wird. Harkness analysiert die kulturell vorgegebene Beziehung zwischen Stimme, Persönlichkeit und Ort. Mit Blick auf Predigt- und Gebetspraktiken in Megakirchen erklärt er, wie sich in Kultstätten die Gemeindemitglieder durch Teilnahme und durch bestimmte Klänge rituell unter dem Dach des nationalen koreanischen Aufstiegs und der Urbanisierung verbinden.

Megakirchen und Mikrokirchen: Die Politik von Größe, Raum und Wachstum in Seoul

Koreanische Kirchen unterscheiden sich in ihrer Größe und Lage sehr. Einerseits verfügt Seoul über fünf der zehn größten Megakirchen in der Welt, andererseits sind die meisten Kirchen klein oder mittelgroß und finanziell ungesichert. Diese Unterschiede wirken sich auf die Arbeit der Gemeinden aus. Wie spiegelt das Gemeindewachstum die Ausrichtung der Arbeit? Wie beeinflusst das Wachstum der Kirchen konkurrierende und umstrittene Bestrebungen? Die Studie kombiniert eine räumliche Analyse von Erfolg und Misserfolg des Gemeindewachstums mit lokalen Ethnografien religiöser Ökologie.

Das Projekt basiert auf qualitativer ethnografischer Forschung und vergleichenden Untersuchungen zu anderen Megastädten wie Mumbai, Shanghai und Singapur. Darüber hinaus nutzt es statistische Datenerfassung und -analyse, Umfragen, Kartografie und die Interpretation geokultureller Prozesse sowie die Mapping-Methoden der Kulturgeografie.

Literaturhinweise

1.
van der Veer, P. (Ed.)
Handbook of Religion and the Asian City: Aspiration and Urbanization in the Twenty-First Century
University of California Press, Oakland  (2015)
2.
Jung, J.-H.
Migration and Religion in East Asia: North Korean Migrants’ Evangelical Encounters
Palgrave Macmillan, Basingstoke (2015; in print)
3.
Harkness, N.
Songs of Seoul: An Ethnography of Voice and Voicing in Christian South Korea
University of California Press, Berkeley (2014)
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