Wie der Lotus in China eine eigene Verwaltung bekam

17. Oktober 2014

Eigentlich ist Lotus in China eine recht gewöhnliche Pflanze. Und doch entstand um diese Pflanze herum in der Qing-Zeit (1644-1911) eine komplexe Verwaltungsstruktur. Sie war Teil des Kaiserlichen Haushalts, der als eine Art „Palast-Maschine“, Geld, Dinge und Identität für den mandschurischen Kaiserhof produzierte.

Blick Richtung Norden über den „Mittleren See“ des Westparks auf die „Regenbogenbrücke“ und die „Weiße Stupa“. Im Vordergrund der komplett mit Lotus bepflanzte See.

Text: Martina Siebert

Auf der 47 Hektar großen Wasserfläche des Westparks, direkt neben der Verbotenen Stadt in Peking, wurde Lotus im großen Stil angebaut. Die Wurzeln wurden geerntet und in der kaiserlichen Küche verwertet, verdienstvollen Beamten geschenkt und der Überschuss gegen Silber verkauft. Diese Aufgaben unterstanden dem Gartenamt des Kaiserlichen Haushalts und wurden ebenso genau geplant wie die repräsentativen Funktionen, die der Westpark zu erfüllen hatte. Was aber bedeutete es, Lotus zu „planen“? Was war wichtig, was wurde stillschweigend vorausgesetzt und kommt so in den „Planungsgeschichten“ um Lotus nicht vor?

Die mandschurischen Qing erstellten nach ihrer Machtübernahme in China ein detailliert ausformuliertes Verwaltungssystem - auf nationaler Ebene und besonders akribisch für den Bereich des Kaiserlichen Haushalts, der mit seinen Seiden- und Porzellanmanufakturen und seinen Monopolen auf Fellen, Jade und Ginseng über lange Zeit ein prosperierendes, schwarze Zahlen schreibendes Wirtschaftsunternehmen war. Mit einem zunehmend komplexen Geflecht aus „Regularien und Modellen“ reagierten die Qing auch auf die Fehler der Vorgängerdynastie der Ming. Dort hatten mächtige Eunuchen selbstherrlich über diese lukrativen Bereiche geherrscht. Doch auch unter den Qing kam es zu einigen spektakulären Fällen von Amtsmissbrauch.


In den Regularien wurden zum Teil kleinste Schritte festgelegt. Für Lotus wurde die gelbe Farbe und die Stoffqualität der Tücher bestimmt, in welche die Wurzeln einzuschlagen und an die Palastküche zu übergeben waren. Man regulierte, wie die ausgedienten Bootsstaken des Westparks zu Griffen für jene Sicheln umzuarbeiten waren, mit denen die verwitterten Lotusblätter und der Bewuchs auf den Gebäudedächern abgeschnitten wurden. Die Klingen der Sicheln wiederum sollten nicht von der Gartenabteilung selbst geschärft werden, sondern diese Aufgabe wurde der Expertise der Kaiserlichen Waffenkammer überantwortet.


Andere Aufgaben und deren Organisation wurden der Gartenabteilung selbstverantwortlich überlassen, und dem Zentralbüro des Kaiserlichen Haushalts waren nur die finanziellen Aufwendungen dafür in Monats- oder Jahresberichten offenzulegen. Ein Teil dieser Selbstständigkeit des Gartenamts basierte auf den Einnahmen aus der Verpachtung von insgesamt 212 Hektar Wasserfläche für den Anbau von Lotus in der „Inneren Stadt“ und nordwestlich und südlich von Peking sowie vom Verkauf des Lotus-Überschusses aus dem Westpark.

Karte der Tartarenstadt mit eingebetteter Kaiserstadt nebst Westpark und der mit einem Wassergraben eingefassten Verbotenen Stadt. Die in diesem Gebiet mit Lotus bepflanzten Gewässer sind blau hervorgehoben, die Mauern der Kaiser- und Verbotenen Stadt rot.


1814 erwirtschaftete das Gartenamt auf diesem Wege rund 57 Kilogramm Silber, das als „Lotus-Geld“ in den Verwaltungsakten und den Regularien erscheint und fast wie eine Art eigenständige Währung behandelt wurde. Dieses Geld wurde beispielsweise für die Reparatur der Schleusen genutzt, mit denen der Wasserstand in den Seen des Westparks reguliert wurde. Priorität hatte nach den Regularien, dass alte Bauteile möglichst aufgearbeitet und wiederverwendet wurden. Was fehlte, sollte das Gartenamt mit „Lotus-Geld“ von außerhalb des Palasts hinzukaufen. Wenn das „Lotus-Geld“ nicht reichte, musste dieses angespart und über Zinsen aus Geldverleih aufgestockt werden.


Lotus hatte jedoch nicht nur Geldwert. Die Pflanze war Koch- und Medizinzutat, dekorative Gartenblume und Agrarprodukt. Trug er in Blüte zur Inszenierung der Landschaft des Westparks bei und hat das eine oder andere Gedicht inspiriert, so mussten im Herbst, wenn seine Blätter verwittert waren und abgeschnitten wurden, Unmengen an Biomasse abtransportiert werden. Zur Ernte der Lotuswurzeln, die in langen Ketten horizontal im schlammigen Boden der Seen gewachsen waren, wurde der Boden von Erntehelfern durch Treten gelockert und die Wurzel-Ketten herausgezogen. All das musste mit Empfängen ausländischer Delegationen, rituellen Zeremonien und kaiserlichen Festen koordiniert werden. 


An diesem Beispiel lassen sich verschiedene „Planungsgeschichten“ nachzeichnen. Der Fokus der Forschung liegt dabei nicht so sehr auf ökonomischen Erfolgen oder Misserfolgen, sondern darauf, in welche verschiedene Systeme und Prozesse war der Anbau von Lotus eingebettet, welche hat er ausgelöst und aufgebaut. Wo schien es besser Prozesse im Großen und Groben zu planen; wo hielt man es für notwendig Zuständigkeiten auszugliedern und im Kleinen akribisch zu definieren.


Ein Blick auf die Planungsprozesse zeigt Historikern, wo und wann Wissen systematisiert wurde, was niedergeschrieben wurde, was als Expertise galt und welche Bereiche und Prozesse als selbstverständlich hingenommen oder auch bewusst ignoriert wurden.

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