Forschungsbericht 2005 - Max-Planck-Institut für Ökonomik (1993 bis 2014)

Universitäten und regionales Wirtschaftswachstum

Autoren
Audretsch, David B.; Lehmann, Erik E.
Abteilungen

Entrepreneurship, Growth and Public Policy (Prof. David Audretsch)
MPI für Ökonomik, Jena

Zusammenfassung
In der Debatte um die wirtschaftliche Zukunft einer Region oder eines Landes wird immer wieder auf die Bedeutung von Universitäten als Quelle von Wissen und Know-how für Unternehmen verwiesen. Anhand einer empirischen Untersuchung von 285 börsennotierten Unternehmen aus dem Hochtechnologiesektor und anderen wissensbasierten Industrien zeigt sich, dass vor allem forschungsintensive Universitäten durch ihre Ausbildungsfunktion unternehmerisches Wachstum fördern.

Universitäten als Motor und Impulsgeber für die regionale Wirtschaft

Universitäten bieten zwei Arten von Ressourcen: Grundlagenforschung und ausgebildete Fachkräfte. Eine regionale Förderung ist gegeben, wenn Unternehmen durch diese Ressourcen veranlasst werden, sich entweder in räumlicher Nähe zu Universitäten niederzulassen, oder wenn bereits bestehende Unternehmen ein höheres Wachstum durch den Zugang zu diesen Ressourcen verzeichnen.

Die Attraktivität von Universitäten liegt aus unternehmerischer Sicht darin, dass notwendige Ressourcen zu einem Preis angeboten werden, der unterhalb des Marktpreises liegt. Eine kurze Distanz senkt nicht nur die Suchkosten für potenzielle Arbeitskräfte, sondern ermöglicht auch eine frühzeitige Beschäftigung während der Studienzeit. Dadurch werden Informationsasymmetrien abgebaut, früh in firmenspezifisches Humankapital investiert und Erkenntnisse der Forschung direkt übertragen. Ebenso bietet eine kurze Distanz erst die Möglichkeit an Tacit-knowledge-Gewinnen zu partizipieren, also an Wissen, das nur durch die personelle Kommunikation übertragen werden kann [1].

Datengrundlage

Am Beispiel der Unternehmen, die von 1997 bis 2003 am Neuen Markt notierten, wurde überprüft, welche Leistungen von Universitäten die räumliche Nähe dieser Unternehmen zur nächsten Universität erklären können. Dabei zeigte sich, dass die Attraktivität von Universitäten tatsächlich von den Disziplinen und der Art ihrer Leistungen bestimmt wird. Um zwischen den Disziplinen unterscheiden zu können, wurden die Publikationen der Universitäten getrennt nach Naturwissenschaften und Geistes- und Sozialwissenschaften erfasst. Das in den USA ansässige Unternehmen ISI wertet für die jeweiligen Disziplinen die relevanten Fachzeitschriften, gewichtet nach der Anzahl der Zitationen aus und erfasst diese in zwei Datenbanken. Die naturwissenschaftlichen Publikationen werden im Science Citation Index (SCI) und die sozialwissenschaftlichen Publikationen im Social Science Citation Index (SSCI) erfasst. Anhand dieser Einträge wird in den USA – und zunehmend auch in Europa – die wissenschaftliche Qualität und Quantität der Forschungsleistung von Universitäten gemessen. Für alle Universitäten in Deutschland werden diese Einträge im Folgenden, getrennt nach den beiden Wissenschaftsdisziplinen, als Indikator für die Forschungsleistung berücksichtigt. Ebenfalls wird die Anzahl der Studenten einer Universität den beiden Gebieten zugeordnet.

Von den 281 deutschen Unternehmen, die seit 1997 am Neuen Markt gelistet sind, wurde die Entfernung zur nächsten Universität erhoben. Von besonderem Interesse war die Ansiedlungsentscheidung dieser Firmen. Zu klären war auch, von welchen Faktoren die Anzahl der Firmen in der Nähe einer Universität bestimmt wird und welche Faktoren die räumliche Nähe zur nächsten Universität erklären können.

Ergebnisse der Untersuchung

Während die durchschnittliche Entfernung bei etwas weniger als siebzehn Kilometern liegt, siedeln sich Unternehmen im Mittel innerhalb eines Radius von sieben Kilometern um die nächste Universität an. Unterstellt man ferner, dass die Kosten der Ansiedlung an Universitätsstandorten höher sind als „auf der grünen Wiese“ in einer weiter entfernten Region, so müssen diese höheren Kosten der räumlichen Nähe durch einen Nutzen der räumlichen Nähe kompensiert werden.

original
Der Einfluss universitärer und örtlicher Faktoren auf die Unternehmensentwicklung.

Universitäten mit einem hohen Output an Publikationen in den Naturwissenschaften sind deutlich attraktiver für Unternehmen als Universitäten mit geringerer Publikationsleistung. Die Attraktivität forschungsintensiver Universitäten zeigt sich besonders auch in der Höhe der eingeworbenen Drittmittel.

Betrachtet man die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen vereinfacht als stellvertretend für die gesamte Forschungstätigkeit in den Naturwissenschaften, so siedeln sich Firmen der so genannten New Economy verstärkt in der Nähe forschungsintensiver Universitäten an. Hingegen scheint die Forschungsleistung in den Geistes- und Sozialwissenschaften keinen nennenswerten Einfluss auf die räumliche Distanz auszuüben.

Teilt man den Datensatz in junge und ältere Unternehmen auf, so zeigt sich, dass sich Unternehmen, deren Gründung vor der so genannten New-Economy-Welle zu Beginn der 1990er-Jahre lag, bevorzugt in räumlicher Nähe zu Technischen Universitäten niederließen oder aus diesen gegründet wurden. Für jüngere Firmen hingegen scheinen diese Universitäten weniger attraktiv zu sein.

Einen wesentlichen Einfluss auf die räumliche Ansiedlung übt auch die Zahl der Absolventen aus – unabhängig von ihrer fachlichen Ausrichtung. Eine große Anzahl von Studenten vergrößert für Unternehmen die Auswahl geeigneter Arbeitskräfte. Ein Kennzeichen der meisten Unternehmen in der New Economy war die hohe Wachstumsrate bei Mitarbeitern. Allein im ersten Jahr nach dem Börsengang erhöhte sich der Personalbedarf um durchschnittlich fünfzig Prozent. Dieser Bedarf lässt sich am günstigsten in der räumlichen Nähe zu Universitäten decken. Je größer die Anzahl der Studenten ist, umso geringer sind die Kosten der Personalrekrutierung und die Löhne.

Dass sich die universitätsnahe Ansiedlung für die untersuchten Unternehmen lohnt, zeigt sich an der Entwicklung der Börsenkurse. Die Rendite wird signifikant von der räumlichen Nähe der Universität bestimmt – allerdings nur in Kombination mit einem hohen Forschungsoutput der Universität. Je forschungsintensiver eine Universität gemessen an der Anzahl der Publikationen ist, und je näher das Unternehmen sich an der Universität niedergelassen hat, desto höher ist die relative Entwicklung am Aktienmarkt gemessen am vergleichbaren Aktienindex. Dieses Ergebnis zeigt sich sowohl für die Forschungsleistung in den Naturwissenschaften als auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Originalveröffentlichungen

1.
D. B. Audretsch, M. Keilbach, E. E. Lehmann:
Entrepreneurship and Growth.
Oxford University Press 2005.
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