So viel Leben

Demografie muss biologisch sein und politisch, sagt James Vaupel. Damit  bricht er nicht nur in Deutschland die Regeln. Normverstöße sind für den Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock die Regel.

original

Die Forschungsansätze des Direktors am Rostocker Max-Planck-Institut für Demografie sind eher ungewöhnlich, in jedem Fall interdisziplinär. Im Kellerlabor etwa experimentiert er mit langlebigen Polypen.

James Vaupel hält es nicht mehr aus. Die Ideen wollen raus. Die Rote-Bete-Suppe und die Schokoeiscreme hat er noch geduldig ausgelöffelt, doch den Teller mit den knusprigen Steakmedaillons schiebt er zur Seite; die Hälfte der Medaillons bleibt ungegessen. Platz zum Schreiben muss her. Eilig kramt Vaupel, der lieber „einfach Jim“ genannt werden möchte, einen Kugelschreiber aus seinem Jackett. Einen Zettel kann er nicht finden. Macht nichts, die Serviette muss dafür herhalten. Und dann malt Jim. Überlebenslinien, Sterblichkeitskurven, ein Diagramm nach dem anderen entsteht auf dem weichen Papier.

Während er zeichnet, doziert er, spricht schnell, manchmal hastig – und immer: kämpferisch. Der Demograf hat sich daran gewöhnt, dass er auch heute noch Überzeugungsarbeit leisten muss, 20 Jahre nach seiner größten Entdeckung: Die Lebenserwartung steigt, und zwar ohne erkennbares Limit. „Die Leute wollen es einfach nicht glauben“, sagt Vaupel und zieht eine Linie so schwungvoll nach oben, dass er aus Versehen auf dem Tisch weitermalt. Die Serviette ist zu klein für das Leben.

Die Bedienungen im „Goodfellas“ – wegen seines Muts zu außergewöhnlichen Geschmackskreationen Jims Lieblingslokal in Rostock – haben sich schon gewöhnt an den lebhaften Amerikaner mit den weißen Haaren und dem runden Gesicht, der sein Essen immer in dieser lustigen Mischung aus Deutsch und Englisch bestellt. Einmal im Monat kommt er her, isst mit Forscherkollegen aus aller Welt, mit Mitarbeitern oder Nachwuchswissenschaftlern. Man kann sich kaum vorstellen, dass er sie nicht für sich einnimmt. Dass sie nicht ebenso schnell wie er ihr Essen stehen lassen, um lieber jetzt als gleich mit Jim ein neues Forschungsprojekt zu starten.

Die Alternsforschung entscheidend verändert

Es ist diese Mischung aus zielstrebiger Geselligkeit, scharfem Verstand und einem unfehlbaren Gespür für Forschungsthemen mit Potenzial zum Anecken, die James Vaupel schon zu Lebzeiten zu einem der großen Demografen unserer Zeit gemacht hat. Noch bevor er 1996 nach Rostock kam, um das Max-Planck-Institut für demografische Forschung, dessen Gründungsdirektor er ist, innerhalb von wenigen Jahren zu einer der weltweit wichtigsten Institutionen in der Bevölkerungswissenschaft zu machen, hatte Vaupel das Gesicht seines Faches entscheidend verändert. Und damit das des Alterns.

Heute ist seine Forschung hochaktuell, weil der demografische Wandel in aller Munde ist. Doch dessen treibende Kraft, zeigte James Vaupel, ist viel älter als die momentane Aufregung darum: Seit 200 Jahren steigt die Lebensspanne in den entwickelten Ländern deutlich an. Immer wieder haben Demografen obere Grenzen für die Lebenserwartung definiert. Doch sie hat jede davon durchbrochen – manche schon zu dem Zeitpunkt, an dem sie publiziert wurde. Durch akribische Datenanalyse wies Vaupel nach: Alle zehn Jahre steigt das Höchstalter um zweieinhalb Jahre. Deshalb hat er einmal gesagt: „Lebe neun Monate und du kriegst drei gratis dazu.“

Was das bedeutet, haben die Menschen noch nicht begriffen. Es scheint ja so logisch zu sein: Wer länger lebt, ist länger alt. Doch alt sein, das ist nichts Gutes. „Alter“ gilt immer noch als Lebensperiode in Krankheit und Siechtum. Zu Unrecht, wie Vaupel betont: Tatsächlich wächst mit der Lebenserwartung der Anteil gesunder Jahre. Unter dem Strich bleiben mehr Gesundheit, mehr Lebensfreude, mehr Zeit zum Arbeiten.

James Vaupel ist das beste Beispiel. Dass er bald 65 wird, sieht man ihm nicht an, wenn er mit einem bübischen Lächeln den Vorschlag vom Tisch wischt, in Pension zu gehen. „Ich war nie so produktiv wie jetzt“, sagt er. Und: „Die besten Ideen habe ich noch vor mir.“ 65 Jahre? Kein Alter. In Rente gehen? Bis 70 darf er – dank neuer Regelungen zur Dienstzeitverlängerung – als Direktor am Max-Planck-Institut für demografische Forschung weiterarbeiten. Danach ist ihm eine Professur in Dänemark sicher, wo seine Familie lebt. Er fühle sich topfit, vor allem geistig. Man glaubt es ihm. Der Mann ist das pure Leben.

Aus Zahlen und Daten wird eine mathematische Theorie

Dabei war es der Tod, der ihn zur Demografie brachte. Er war schon 30 Jahre alt und eigentlich auf dem Weg zu einer Professur in Public Policy an der Duke University in Durham, North Carolina, als plötzlich drei seiner Verwandten überraschend starben. Vaupel war schwer getroffen. „Ich beschloss, darüber nachzudenken, wie sich früher Tod verhindern lassen könnte.“ Er las alles, was er über den frühen Tod in die Finger bekommen konnte. Besonders Datenreihen waren aufschlussreich, denn danach schienen die Überlebenschancen seiner Landsleute miserabel zu sein. Viele starben jung, die meisten vor 65. Die, die älter wurden, lebten hingegen sehr lange. Warum? Vaupel entdeckte, wie sehr sich die Sterbewahrscheinlichkeit von Mensch zu Mensch unterschied. Begeistert schrieb er auf, was ihm die Zahlen sagten. Sein Text wurde als Artikel in der Fachzeitschrift Demography angenommen – und sofort ausgiebig zitiert. „I really hit something“, sagt Vaupel heute.

Er hatte die Heterogenität der Demografie entdeckt und begann, seine Ideen zu einer mathematischen Theorie auszubauen. Ein Werk, das ihm später den angesehenen Preis der Population Association of America für mathematische Demografie einbrachte. James Vaupel war 39, als er schließlich an der University of Minnesota Professor für Demografie wurde. Und darauf war er stolz. Denn in seiner Familie hatte es niemand je bis aufs College geschafft. Die Eltern hatten einen kleinen Laden für Brillengläser in Islip im amerikanischen Bundesstaat New York. Er warf wenig ab, Geld für Jims Ausbildung hatten sie nicht. Dafür hatte Jim jede Menge Neugier. In der Schule bekam er nur Bestnoten. Dass er immer schon ein heller Kopf, ja ein Vordenker war, würde Jim so nie sagen. Aber so war es, auch wenn er die Geschichte anders erzählt.

original

Rote Socken – keineswegs politisch gemeint. Bei James Vaupel hat die Abweichung von der Norm schlichtweg Methode.

Am kleinen Tisch im „Goodfellas“ lehnt er sich zufrieden zurück, nippt genüsslich an seinem trockenen Riesling und erzählt, wie er in die akademische Bildung mehr oder weniger hineingestolpert ist: Weil er Jahrgangsbester seiner Highschool war, bekam er ein Stipendium fürs College. Harvard, sein Ticket in den Tempel der Wissenschaft. Später folgten weitere Stipendien, er konnte sogar promovieren. Sein Weg zur Bevölkerungswissenschaft aber war alles andere als „straight“.

Eine Weile studierte Vaupel Wirtschaft an der Harvard Business School. Aber da gefiel es ihm nicht: „Meine Kommilitonen interessierten sich nur für Geld. Ich interessierte mich für Ideen.“ Er wechselte zur Kennedy School of Government, wollte jetzt Staatsangestellter werden. Die Beamten, dachte er damals, hätten die wahre Macht, die Welt zu verändern. Schon auf dem College war Vaupel dem Uni-Club der Republikaner beigetreten und beschäftigte sich intensiv mit Politik. Von seiner heutigen Leidenschaft, der Demografie, hatte er damals noch keine Ahnung.

Schon seit dem College belegte Jim Kurse in Statistik. Er schrieb sich ein, weil er den Professor aus dem Fernsehen kannte. Als Teenager hatte er dessen Sendung geliebt, in der dieser morgens um halb sieben über Mathematik dozierte. Seitdem hat ihn die Welt der Zahlen nicht mehr losgelassen. Auf welches Fachgebiet es Vaupel in seinen frühen Jahren an der Universität auch trieb, immer studierte er es auf mathematischer Grundlage. Wie nützlich das für seinen Erfolg einmal sein sollte, wurde ihm erst Jahre später klar.

Der Club der engagierten Demografen

Als er endlich in Minnesota und damit in der demografischen Forschung angekommen war, schlug Jim als Erstes das Telefonbuch auf. 180 wissenschaftliche Autoren aus Minnesota, die zum Thema Bevölkerung publiziert hatten, hatte er sich aus Zitationslisten zusammengesucht. Alle rief er an, mit hundert von ihnen verabredete er sich zum Mittagessen, mit 35 davon gründete er einen wissenschaftlichen Demografieclub: Mathematiker, Ärzte, Ökonomen, Psychologen. Bevölkerungsforschung war für Vaupel schon immer ein interdisziplinäres Fach.

Alle verband dasselbe Gefühl: Ein Paradigmenwechsel in der Alternsforschung war fällig. Vaupel wurde schnell klar, wer sein wissenschaftlicher Gegner war: der Mediziner James Fries. In einem viel beachteten Artikel hatte dieser wenige Jahre zuvor die gängige Vorstellung vom Ende des Lebens zusammengefasst: Jeder Mensch habe eine natürliche Lebensspanne, die in seinen Genen liege. Unveränderlich. Schon Aristoteles hatte etwas Ähnliches geglaubt, vor 2500 Jahren. James Vaupel glaubte es nicht. Er wollte Fries widerlegen – und damit die Unaufschiebbarkeit des Todes.

Sein Schlachtplan: Er musste überprüfen, ob Menschen, die es nah an das vermeintliche Höchstalter geschafft hatten, im Bevölkerungsmittel immer nach der gleichen Anzahl von Jahren starben. Oder ob sich die Wahrscheinlichkeit zu sterben im Lauf der Geschichte nicht doch veränderte. Aber so einfach war das nicht herauszubekommen. Über die Alten gab es keine Daten. Vaupel machte sich auf die Suche, befragte Statistiker und durchforstete Archive auf der ganzen Welt. In Schweden wurde er fündig. Schon seit 1860 hatte man dort verlässliche Angaben über Lebensalter und Todeszeitpunkte der Bürger gesammelt. Ein statistischer Reichtum, der dem schwedischen König stets genug Steuern und Soldaten bescheren sollte. Vaupel bescherte er den wissenschaftlichen Durchbruch.

Zur Redakteursansicht