Die Vernetzung der Kulturen

Grundlagenforschung findet für Steven Vertovec, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen, nicht unbedingt nur im Elfenbeinturm statt. Mit Fakten und Vorschlägen beteiligte sich seine Abteilung für gesellschaftliche Vielfalt am neuen Entwurf für ein Integrations- und Diversitätskonzept der Stadt Frankfurt am Main.

„Friede, Freude, Falafel“ – das fiel vor einiger Zeit dem Journalisten einer kleinen Berliner Tageszeitung in einer Glosse zum Thema Integration ein. Wenn Liebe tatsächlich durch den Magen gehen würde, sollte angesichts der in den Innenstädten allgegenwärtigen Dönerbuden, Pizzaschnellimbisse und Running-Sushi-Lokale das Thema längst vom Tisch sein. Dass offenbar nach wie vor Handlungsbedarf besteht, zeigt sich jedoch darin, dass selbst ausgewiesene Experten kommunaler Integrationspolitik wie die Stadt Frankfurt nach neuen Wegen für ein konstruktives Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen suchen.

Die Mainmetropole hat darin einige Erfahrung. Schließlich war der Magistrat der Stadt Ende der 1980er-Jahre auf die Idee gekommen, ein Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA) einzurichten. Dessen Aufgabe war und ist es, die Gestaltung des friedlichen Zusammenlebens von Menschen deutscher und ausländischer Nationalität, unterschiedlicher Herkunft und Religionszugehörigkeit intensiver zu fördern. Die Aktion entsprach so gar nicht dem damals herrschenden Zeitgeist, der Einwanderung als gesellschaftliche Realität allgemein lieber ignorierte oder unter Integration schlicht verstand, dass die Minderheit der neuen Mitbürger sich der Mehrheit – also der deutschen Leitkultur – anzupassen hätte.

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Bunt gemischt sind die Nationen in Global Cities. Folkloristische Umzüge durch die Straßen gehören in solchen Städten mit ihrer „Supervielfalt“ zum üblichen Erscheinungsbild.

Bunt gemischt sind die Nationen in Global Cities. Folkloristische Umzüge durch die Straßen gehören in solchen Städten mit ihrer „Supervielfalt“ zum üblichen Erscheinungsbild.

Neues Konzept verlangt einen radikalen Kurswechsel

Zum 20. Geburtstag machten sich die Frankfurter „Multikulti“-Pioniere von Amts wegen ein besonderes Geschenk: einen Entwurf für ein Integrations- und Diversitätskonzept, in dem auf 236 Seiten Gastautorinnen und -autoren ihre Sicht auf die gesellschaftlichen Realitäten in der Stadt darlegen. Für den wissenschaftlichen Teil waren die Kulturanthropologin Regina Römhild, inzwischen Professorin an der Berliner Humboldt-Universität, und Max-Planck-Direktor Steven Vertovec zuständig. Gedacht als Gesprächsleitfaden für eine offene Diskussion mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt, birgt das Werk einige Überraschungen. Denn abgesehen davon, dass es das AmkA zumindest nominell obsolet erscheinen lässt, legt es einen radikalen Kurswechsel nahe.

„Es ist ein Abschied vom Multi-kulti“, sagt Steven Vertovec. Denn die gängigen Vorstellungen vom Multikulturalismus als Nebeneinander von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen passen nach seinen Beobachtungen so gar nicht mehr zu den gesellschaftlichen Bedingungen, wie er sie nicht nur in Frankfurt vorfand. Schon seit mehr als zwei Jahrzehnten erforscht der Sozialanthropologe die Phänomene der internationalen Migration, des Kosmopolitismus und Multikulturalismus in den Metropolen der Welt.

Im Jahr 2007 war Vertovec Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften und baute dort die Abteilung für gesellschaftliche Vielfalt auf. Heute arbeiten in dem schlichten Neubau am Rande der Göttinger Innenstadt junge Wissenschaftler verschiedener Fachrichtung daran, nach neuesten Ansätzen und Methoden der Soziologie, Sozialpsychologie oder Anthropologie Daten und Fakten über die urbane Bevölkerung zusammenzutragen; das Material soll ihnen Aufschluss über die wechselnden Formen, Dynamiken und Folgen gesellschaftlichen Miteinanders geben.

So gesehen passte die Anfrage aus dem Frankfurter AmkA, ob er nicht gemeinsam mit der Kulturanthropologin Römhild wissenschaftliche Grundlagen in den Entwurf einbringen könnte, dem 52-Jährigen sehr gut ins Konzept. „Frankfurt interessiert mich auch, weil es eine Global City ist“, nennt er einen weiteren Grund für sein Interesse, eine Generalinventur der Frankfurter Einwanderungsgesellschaft vorzunehmen. Aufgrund ihrer Tradition als Handelsstadt und ihrer miteinander verwobenen Infrastrukturen im Transport-, Finanz- und Geschäftswesen könne man die Mainmetropole als Europas wichtigsten urbanen Kreuzungspunkt bezeichnen. Trotz ihrer mit 670000 Menschen vergleichsweise geringen Einwohnerzahl sei Frankfurt eine „Stadt der Superlative“, die als einzige deutsche Stadt neben Weltstädten wie New York, Tokio und London stehe.

Diese Global Cities verbindet aus Sicht des Sozialanthropologen nicht nur ihre Rolle als Synapsen der globalen Wirtschaft, die sie als Sitz von Zentralen transnationaler Unternehmen und Institutionen, Finanzzentren und Drehscheiben internationalen Verkehrs innehaben. Auch in ihrer gesellschaftlichen Struktur entdeckte der Forscher mit dem Faible für Vielfalt spannende Parallelen.

Frankfurt ist Deutschlands internationalste Stadt

Wie alle Weltstädte weist auch die Mainmetropole eine stark international geprägte Bevölkerung auf: 40 Prozent der Frankfurter Bürgerinnen und Bürger haben entweder eigene Migrationserfahrung oder familiären Einwanderungshintergrund. Damit sei Frankfurt die internationalste Stadt in Deutschland, sagt der Max-Planck-Forscher. Dabei ist sie hinsichtlich der Herkunftsländer ihrer Zuwanderer genauso bunt gemischt, wie er es von anderen Global Cities aus früheren Forschungsarbeiten kennt.

Steven Vertovec zieht aus einem Stapel auf seinem Schreibtisch eine Grafik, die auf der Basis von Daten aus der Einwohnerstatistik von Frankfurt erstellt wurde: ein Kreis mit vielen farbigen Segmenten, die die prozentuale Verteilung der Frankfurter nach ihrer Herkunft in Tortenstücke aufteilen. Ein ähnliches Bild hat Vertovec bereits aus seiner Londoner Studie in der Schublade – ein sehr ähnliches, denn in beiden Städten leben fast gleich viele verschiedene Nationen zusammen: 179 in London, 176 in Frankfurt.

„Was wir hier herausgefunden haben, widerspricht der gängigen Wahrnehmung, nach der die größeren Gruppen immer noch aus der Türkei und aus dem Süden oder Osten Europas kommen“, erklärt der Wissenschaftler. So zeigt seine Grafik zwar einerseits, dass die klassischen Herkunftsländer der Gastarbeiter der ersten Generation – insbesondere Türkei und Italien – immer noch die größten Abschnitte in der Grafik bilden. „Doch andererseits nehmen ihre Anteile gegenüber einer hohen Zahl neuer Einwanderer von kleinen bis kleinsten Gruppen aus aller Welt ab“, beschreibt er den Trend in der Statistik, der so gar nicht dem Bild entspricht, dass frühere Untersuchungen entworfen haben, etwa die Frankfurter Integrationsstudie aus dem Jahr 2008.

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Sprachliche Vielfalt: Hier in Frankfurt leben eine große Zahl ausländischer Bürgerinnen und Bürger.

Sprachliche Vielfalt: Hier in Frankfurt leben eine große Zahl ausländischer Bürgerinnen und Bürger.

Diese noch gar nicht so alte Arbeit habe lediglich zwischen „Ausländern“ verschiedener Nationalität und „Deutschen“ unterschieden, wobei immerhin schon eine weitere Differenzierung zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund vorgenommen werde. Doch wie Vertovec und Römhild herausgefunden haben, treffen solche statistischen Scherenschnitte nicht die Realität.

Vielmehr fanden sie in Frankfurt eine dynamische Vielfalt gesellschaftlicher Realitäten vor, die Steven Vertovec schon in London als Grundzug „einer neuen Migration“ identifiziert hatte. Wie in Frankfurt bilden auch dort die Einwanderer aus den traditionellen Ursprungsländern – in diesem Fall aus den ehemaligen Kolonien oder den Ländern des Commonwealth – längst nicht mehr die größte Gruppe der Zuwanderer. Vielmehr werde der Anteil von Neubürgern aus dem Mittleren Osten oder aus der Europäischen Union immer größer.

Als er 2007 seine London-Studie veröffentlichte, hatte Vertovec für diesen neuen Pluralismus in der Einwanderungsgesellschaft den Begriff der „Supervielfalt“ eingeführt, den es bis dato noch nicht im Soziologielexikon gab. Wobei sich seine Vorstellung vom Sinn dieser Wortschöpfung nicht allein auf die Beobachtung beschränkt, dass ein großer Teil der Gesellschaft über Migrationserfahrungen aus erster oder zweiter Hand verfügt. Supervielfalt sei Diversität auf allen sozialen Ebenen – vor allem aber auch innerhalb der einzelnen Gruppen, erläutert er die weitgefasste Bedeutung seiner Worterfindung.

Als Beispiele für diese umfassende Heterogenität nennt er unterschiedliche ethnische Zugehörigkeiten, Sprachen, religiöse Traditionen, regionale und lokale Identitäten, kulturelle Werte und Praktiken. Hinzu kämen in jeder dieser Einwanderergruppen eine Vielzahl unterschiedlicher sozialer Lagen und Aufenthaltstitel, die mit den Gründen zusammenhingen, aus denen die Menschen in die Stadt gekommen seien. Als europäisches Finanz- und Dienstleistungszentrum sei der ökonomische Erfolg der Metropole eng mit Mobilität und Einwanderung verknüpft, wobei die Stadt nicht nur Arbeitsplätze für hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten in ausländischen und multinationalen Unternehmen biete, sondern auch in damit verknüpften Branchen und Dienstleistungen.

Fokus auf die Herkunft verdeckt soziale Unterschiede

Dadurch finde man eine Vielfalt von Migrationspfaden, die auch Menschen gleichen geografischen Ursprungs unterscheide. Es sei schließlich etwas anderes, ob jemand Asyl beantrage oder zum Studium nach Frankfurt komme, gibt der Forscher zu bedenken. So konnte er in der Mainmetropole alle möglichen Migrationspfade feststellen: angefangen bei einer steigenden Anzahl von Saison- und Pflegekräften, über ausländische Fach- und Führungskräfte, Bildungsmigranten mit Stipendien und Studentenvisa, bis hin zu Flüchtlingen und Asylbewerbern oder Menschen, die aus Gründen der Familienzusammenführung hierher gekommen sind.

So verschieden wie die Motive fallen auch die  Bedürfnisse der Zuwanderer aus. „Das gilt auch für die Art des Kontakts mit anderen und mit öffentlichen Einrichtungen“, sagt Vertovec. Daher finde man manchmal bei Menschen verschiedener Herkunft, aber mit gleichem Migrationskanal, mehr Gemeinsamkeiten als zwischen Menschen gleicher Nationalität, die jedoch ganz andere Absichten an die Stadt am Main führten. Der alleinige Fokus auf nationale Herkunftsgruppen verdeckt jedoch diese sozialen Unterschiede innerhalb der Gruppen, so der Forscher. „Daraus abgeleitete Aussagen etwa über ‚die Türken‘ sagen genauso wenig über die sich dahinter verbergenden sozialen Schichten, Lebensstile oder religiösen Haltungen aus wie vergleichbare Aussagen über ‚die Deutschen‘.“

Als ein weiteres Schlüsselmerkmal der Frankfurter Supervielfalt identifizierten Vertovec und seine Kollegin Römhild extreme Unterschiede im Rechtsstatus der Zuwanderer und teilweise sehr große Gegensätze der sozialen Lagen. Eine wesentliche Ursache dafür seien die Neuerungen im nationalen Zuwanderungsgesetz. Doch auch die restriktivere Ausrichtung der europäischen Außengrenzen und Zuwanderungsbestimmungen gegenüber Drittstaatsangehörigen und Flüchtlingen hätten „ein immenses Spektrum“ an höchst unterschiedlichen Rechtslagen hervorgebracht, das sich zwischen einer legalen, langfristig gesicherten Aufenthalts-berechtigung und einem rechtlich völlig ungesicherten, illegalen Aufenthalt bewege.

Selbst Experten verlieren angesichts dieser Vielzahl von Kriterien zur Bestimmung der Aufenthaltsdauer und der Hierarchie von Berechtigungen und Einschränkungen leicht den Durchblick. Vertovec weiß das aus Gesprächen mit einem auf diese Fragen spezialisierten Frankfurter Rechtsanwalt, der die Rechtslage als  „höchst unübersichtlich“ bezeichnet habe. Als weitere Faktoren mit Einfluss auf die soziale Lage vieler Migrantinnen und Migranten nennt er deren jeweiligen Bildungshintergrund, ihre berufliche Qualifikation sowie die damit verbundenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

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