Mehr Leben erleben

Mit Staunen beobachten Demografen, wie das menschliche Sterberisiko sinkt und sinkt. Weit über 100 Jahre dauert der Trend nun schon an. Was früher die statistische Erforschung des Sterbens war, ist längst zur Wissenschaft des langen Lebens geworden. Damit beschäftigt sich Jutta Gampe am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock.

Mit der Lebenserwartung ist das so eine Sache. Deren Formel ist zwar wissenschaftlich korrekt definiert. Trotzdem sollte man das Ergebnis nicht unbedingt für bare Münze nehmen. Zumindest wenn man wissen will, wie viel Leben wir tatsächlich zu erwarten haben.

Das Potenzial an Verwirrung ist groß. Kleine Kostprobe: Glaubt man dem Statistischen Bundesamt, so liegt die Lebenserwartung eines 2009 geborenen Mädchens bei 82 Jahren und sieben Monaten (Jungen: 77 Jahre und sechs Monate). Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock haben dagegen ausgerechnet, dass jedes Baby, das 2009 in der Bundesrepublik zur Welt kam, mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Leben von mindestens 100 Jahren vor sich hat. Wie kann das sein?

„Die Wiesbadener Statistiker haben nicht falsch gerechnet“, sagt Max-Planck-Wissenschaftlerin Jutta Gampe, „genauso wenig wie fast alle anderen statistischen Ämter auf der Welt oder die Vereinten Nationen, die alle dieselbe Formel für die Lebenserwartung benutzen.“ Dennoch: Wenn die Lebensspanne so massiv und andauernd steigt, wie es seit Jahrzehnten der Fall ist, gibt die Lebenserwartung im Geburtsjahr ein wesentlich niedrigeres Alter an, als es dieser Geburtsjahrgang tatsächlich im Durchschnitt erreichen wird.

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Revolution der Sterblichkeit: Heute sinkt in fast allen Ländern das Sterberisiko rasant, ein Prozess, der in den entwickelten Nationen Europas  vor mehr als 150 Jahren seinen Anfang nahm und weiter andauert.
Revolution der Sterblichkeit: Heute sinkt in fast allen Ländern das Sterberisiko rasant, ein Prozess, der in den entwickelten Nationen Europas  vor mehr als 150 Jahren seinen Anfang nahm und weiter andauert.

Eine Formel – zwei Ergebnisse

Das Problem dabei ist nicht die Rechenvorschrift, sondern ihre Interpretation. Denn in dem Kalkül steckt eine Annahme, die in der öffentlichen Diskussion übersehen wird: Der berechnete Wert trifft nur dann zu, wenn die Lebensbedingungen auf dem Niveau verharren, das sie zum Zeitpunkt der Berechnung hatten. Bliebe es also bei den Zuständen von 2009, hätte der 2009er-Jahrgang wirklich eine Lebenserwartung von etwa 80 Jahren.

Berücksichtigt man aber, dass die Bedingungen sich vermutlich auch in Zukunft so schnell verbessern werden, wie Demografen es nun schon für die vergangenen 150 Jahre beobachten, kommt man zum Resultat der Rostocker: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent beträgt die Lebensdauer mindestens 100 Jahre. Leider lässt sich die tatsächlich erreichte Lebenserwartung des heutigen Geburtsjahrgangs erst in etwa 120 Jahren messen. Rückwirkend, wenn man von allen heute Geborenen den Todeszeitpunkt kennt. So lange wollen und können Politik und Öffentlichkeit aber nicht warten, bevor sie über die Lebenszeit der jetzigen Generationen reden.

Statistikerin Jutta Gampe, die am Rostocker Max-Planck-Institut fast jeden erdenklichen demografischen Datensatz schon einmal statistisch durchleuchtet hat, fragt sich von Berufs wegen, wie man Bevölkerungsdynamik, die momentan so gern als „demografischer Wandel“ bezeichnet wird, am besten beschreiben kann. Für die Alterung hat sie eine klare Antwort: Eine wesentlich bessere Messlatte als die gängige Lebenserwartung ist die Sterblichkeit (auch „Mortalität“ genannt). Genauer: Die Sterberate, also das Risiko, in einem bestimmten Alter zu sterben.

Die Lebenserwartung steigt, weil das Sterberisiko sinkt

Weil diese Raten für jedes Jahr, ob 1850 oder 2012, unmissverständlich sind, sehe man an ihnen eindeutig, was die oft so negativ dargestellte Alterung tatsächlich bedeute: eine universelle Zurückdrängung des Todes. „Fast weltweit sinkt die Sterblichkeit für fast jedes Alter“, sagt Gampe, „in vielen Ländern seit Jahrzehnten, in den entwickelten wie Deutschland sogar seit über einem Jahrhundert.“ In nicht wenigen Staaten purzeln die Werte so schnell und nachhaltig, dass eine Rentnerin mit 65 inzwischen ein Sterberisiko hat wie noch vor 50 Jahren eine 55-Jährige. Gleichzeitig bleiben die Menschen immer länger gesund.

„Aus Perspektive der Sterblichkeit ist 65 das neue 55“, sagt die Statistikerin. Der Sinkflug der Mortalität ist für sie eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften der jüngeren Menschheitsgeschichte. Und nicht etwa ein „Überalterungs“-Problem – wie so oft geschlussfolgert angesichts immer häufiger erreichter Lebensspannen von 80, 90 oder 100 Jahren. „Wenn die Sterblichkeit immer weiter fällt, steigt die Lebenserwartung automatisch“, erklärt Jutta Gampe.

Denn ein geringeres Sterberisiko bedeutet immer mehr Überlebende. Die durchschnittliche Lebensspanne schnellt dadurch ebenso beeindruckend in die Höhe, wie die Mortalität sinkt. „Jeder Zuwachs an Lebenserwartung ist also die Folge eines sehr begrüßenswerten Prozesses: einer immer geringeren Wahrscheinlichkeit für einen frühen Tod“, sagt die Forscherin. Das übliche Bild einer vergreisenden, weil alternden Gesellschaft lehnt die Statistikerin darum ab. Es ist schlichtweg falsch.

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"Vereinfacht ausgedrückt, altert der Mensch also ab 40 und von Altersjahr  zu Altersjahr gleich schnell."

"Vereinfacht ausgedrückt, altert der Mensch also ab 40 und von Altersjahr  zu Altersjahr gleich schnell."

Bevölkerungswissenschaftler berechnen Sterberaten schon seit vielen Forschergenerationen. Damit diese kalkuliert werden können, müssen nur einfache Populationsdaten gesammelt werden: die Anzahl der Menschen, die ein bestimmtes Alter haben, und wie viele davon in diesem Altersjahr sterben. Das Rostocker Max-Planck-Institut pflegt heute gemeinsam mit Demografen der Universität in Berkeley die weltweit größte Datenbank solcher Zahlen, inklusive der Sterberaten selbst. In der Human Mortality Database sind die Angaben aller Länder zusammengetragen, für die sich belastbare Daten finden lassen. Oft rückblickend bis ins 19. Jahrhundert und für Forscher wie Öffentlichkeit im Internet frei abrufbar.

Für Demografen ist die Sterberate mehr als eine Zahl. In ihrem englischen Namen force of mortality schwingt eine tiefere Bedeutung mit: Sterblichkeit ist die Kraft, die uns dem Tod in die Arme treibt. Inzwischen hat die Geschichte von der Statistik des Sterbens aber vor allem eins gezeigt: wie stark die Kraft des Lebens ist, die der Sterblichkeit immer mehr entgegenzusetzen hat – bessere Lebensbedingungen, mehr und nahrhafteres Essen, kontinuierlichen medizinischen Fortschritt und generell eine gesündere Lebensweise.

„Wer mit Sterberaten rechnet, ist klar im Vorteil, wenn es darum geht, sich den eigenen Gewinn an Lebenszeit vor Augen zu führen“, sagt Jutta Gampe. Die Sterberate gibt die Zahl der Verstorbenen unter Gleichaltrigen an, also etwa zwei Todesfälle unter 100 Frauen im Alter von 75. Das Sterberisiko entspricht der Wahrscheinlichkeit, in einem Lebensjahr zu sterben. Vereinfacht betrachtet, stimmen Sterberate und Sterberisiko überein. Letzteres bezieht sich allerdings auf ein ganzes Lebensjahr, während die Sterberate nur die tatsächlich erlebte Zeit in einem Lebensjahr berücksichtigt. Wenn eine der beiden 75-Jährigen also schon nach einem Vierteljahr und die andere nach einem halben Jahr stirbt, berechnet sich die Sterberate aus 2:98,75, das Sterberisiko dagegen aus 2:100. Der Unterschied wird vor allem im hohen Alter deutlich, wenn mehr Menschen eines Jahrgangs sterben.

Am eigenen Beispiel rechnet Jutta Gampe vor, was die Verbesserung der Sterblichkeit für die Lebensdauer bedeutet, auf die sie sich einstellen darf: Ihr Risiko, im jetzigen Alter von 51 zu sterben, hat sich einmal halbiert, seit sie zur Welt kam: von 0,005 im Jahr 1961 in Österreich auf weniger als 0,0024 heute.

Bei ihrer Geburt 1961 hätte ein österreichischer Landesstatistiker den stolzen Eltern der kleinen Jutta erzählt, dass das Mädchen ein Leben von knapp 73 Jahren erwarte. Nun ist sie aber 51, hat ein halbes Jahrhundert über- und eine rasante Weiterentwicklung der Welt um sie herum miterlebt.

Mann und Frau sind verschieden – bis in den Tod

Ein Experte des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden würde ihr darum heute eine restliche Lebenserwartung von knapp 33 Jahren bescheinigen. Mit den schon erreichten 51 käme Gampe damit auf insgesamt fast 84 Jahre – elf mehr als zu ihrer Geburt prognostiziert. Der Interpretationsfehler der gängigen Lebenserwartung ist dabei allerdings noch inklusive: Bei den 84 Jahren bleibt es nur, wenn die Welt heute aufhört, sich weiterzuentwickeln. Das aber ist wenig wahrscheinlich. Glaubwürdiger ist, dass die Statistikerin 90 Jahre oder älter wird.

Löst man sich von dem groben Maß der Lebenserwartung und gönnt sich fünf Minuten, um sich an die Bedeutung und die Alterskurven des Sterberisikos zu gewöhnen, ist der Erkenntnisgewinn enorm: Man erfährt nicht nur, ab welchem Jahr unseres Lebens wir altern, wie schnell das Altern dann voranschreitet und um wie viel der generelle Level der Sterblichkeit gleichzeitig noch im Laufe unseres Lebens sinkt. An den Kurven der Mortalität lässt sich auch die Sterbens- und Überlebensgeschichte ganzer Nationen ablesen. Und nebenbei der Beweis dafür, dass Mann und Frau verschieden sind – bis in den Tod.

Wer einen Blick darauf riskiert, wie das Sterberisiko im Lauf des Lebens steigt, sollte jedoch nicht zart besaitet sein. Denn ab einem bestimmten Alter schießt die Sterbekurve förmlich durch die Decke. Tröstlich allerdings: Rapide bergauf geht es mit dem Todesrisiko heutzutage erst ab einem Alter von ungefähr 80 Jahren. Bis dahin dümpelt es eher vor sich hin. Für eine 20-jährige westdeutsche Frau im Jahr 2009 ist es mit 0,0002 quasi verschwindend gering.

Bis zu ihrem 40. Geburtstag hat sich die Sterberate zwar auf 0,0007 mehr als verdreifacht. Aber zumindest statistisch gesehen ist es immer noch wesentlich sinnvoller, sich mit der weiteren Lebensplanung zu beschäftigen als mit einem baldigen Ableben. Selbst mit 60 ist die Todesgefahr noch nicht nennenswert: Das Risiko liegt dann bei knapp 0,006; dem entspricht eine Sterbewahrscheinlichkeit von gut einem halben Prozent. Dann allerdings steigt die Rate rasant: Mit 80 liegt die Wahrscheinlichkeit, in Laufe desselben Lebensjahres vom Tod ereilt zu werden, schon bei etwa 4 Prozent, mit 90 bei rund 15 und mit 95 schon bei fast 27 Prozent.

Gibt es hinter diesem blitzartigen Anstieg eine Regel? Ein mathematisches Naturgesetz der Alterung? Das fragte sich bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert der junge Londoner Benjamin Gompertz. Er war zwar kein studierter Mathematiker, denn ihm als Juden war der Zugang zur Universität verwehrt. Aber er arbeitete in einer Branche, die bis heute mit das größte Interesse an einer korrekten Berechnung der Sterblichkeit hat: die Versicherungswirtschaft.

Gompertz brachte sich die nötigen Rechenkünste selbst bei, durchforstete jede Menge Populationsdaten von Menschen und Tieren und entdeckte plötzlich: Auch wenn die Sterberaten erst sehr niedrig sind, um dann plötzlich extrem hoch zu werden, steigen sie ab einem bestimmten Alter doch von Lebensjahr zu Lebensjahr um denselben Prozentsatz. Beim erwachsenen Menschen sind es jedes Jahr etwa 10 Prozent, um die sich die Rate pro Lebensjahr erhöht. Nur fällt das in jungen Jahren kaum ins Gewicht: Ein winziges Risiko, das um ein Zehntel steigt, ist immer noch winzig.

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