Forschungsbericht 2004 - Max-Planck-Institut für Ökonomik (1993 bis 2014)

Ein Preisausschreiben in der "ZEIT" als wissenschaftliches Experiment zum Verhandlungsverhalten

Autoren
Güth, Werner; Schmidt, Carsten; Sutter, Matthias
Abteilungen

Strategische Interaktion (Prof. Dr. Werner Güth)
MPI für Ökonomik, Jena

Zusammenfassung
Eine Gruppe von Max-Planck-Forschern verlässt das Experimentallabor und führt ökonomische Experimente mit einer Zeitschrift als Kooperationspartner durch. Das Entscheidungsverhalten von Zeitungslesern in Verhandlungssituationen soll untersucht werden. Die Ergebnisse der Studie: Junge, männliche Teilnehmer mit einem akademischen Grad, die ihre Entscheidung per Internet einreichen, sind häufiger profitmaximierend, während ältere, weibliche Teilnehmerinnen, die ihre Entscheidung per Brief oder Fax einsenden, sich stärker an Kriterien wie Fairness oder Gerechtigkeit orientieren.

Regeln des Experiments

Am 31. Oktober 2001 haben Werner Güth, Carsten Schmidt und Matthias Sutter von der Abteilung Strategische Interaktion des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena mit der Zeitschrift "Die Zeit" in der Rubrik "Wissen" ein wissenschaftliches Experiment zur Untersuchung des Verhandlungsverhaltens der Zeit-Leser durchgeführt. Das Spiel hatte die folgenden simplen Regeln: Ein Betrag von 1.200 DM soll unter drei Brüdern (X, Y und Z) aufgeteilt werden. Diesen Betrag haben die drei von einer reichen Tante erhalten. Folgende Regel hat die Tante bestimmt: X soll einen Vorschlag zur Aufteilung des Geldes machen und Y muss entscheiden, ob er diesen Vorschlag akzeptiert. Ist er einverstanden, bekommen die drei jeweils ihren Anteil gemäß dem Vorschlag von X. Lehnt Y ab, dann behält die Tante ihr Geld. Der dritte Bruder Z darf bei der Verteilung nicht mitreden.

Die Teilnehmer sollten sich zunächst in Bruder X hineinversetzen und aus achtzehn möglichen Verteilungen eine auswählen. Dann sollten sie in der Rolle von Y für jede der achtzehn möglichen Verteilungen festlegen, ob sie diese akzeptieren oder ablehnen würden. Die Gewinner bei diesem Experiment wurden wie folgt ermittelt: Die Forschergruppe wählte aus allen eingereichten Antworten zufällig sechs Gruppen mit jeweils drei Teilnehmern aus. Diesen dreien wurden zufällig die Rollen X, Y und Z zugewiesen. Dann wurden die Formulare von X und Y verglichen: Hatte Y die von X vorgeschlagene Aufteilung akzeptiert, bekamen die drei die 1.200 DM entsprechend dieser Verteilung, ansonsten gingen alle leer aus. Auf einem zweiten Formular sollten die Zeit-Leser vorhersagen, wie sich die Mehrheit aller Teilnehmer entscheiden würden − sowohl in der Rolle von X, als auch in der Rolle von Y. Unter den 453 Teilnehmern, deren Prognosen richtig waren, wurden sieben Preise von je 400 DM verlost. Da sich alle sechs zufällig ausgewählten Teilnehmer in der Rolle des X für die Gleichverteilung 400-400-400 entschieden hatten und die jeweils zufällig zugewiesenen Y diese Verteilung angenommen hatten, wurde insgesamt die maximal mögliche Summe von 10.000 DM an die Gewinner ausgeschüttet.

Spieltheoretischer Hintergrund

Mit solchen Entscheidungssituationen beschäftigt sich die Spieltheorie, die im Grenzgebiet zwischen Mathematik und Wirtschaftswissenschaften angesiedelt ist. In der klassischen Spieltheorie geht es vor allem darum, Lösungen für Konflikte zu finden, in denen alle Teilnehmer versuchen, auf rationale und eigennützige Weise den höchsten Gewinn zu erzielen. In den vergangenen Jahren haben sich Wirtschaftsforscher zunehmend mit Aufgaben wie der im dargelegten Spiel befasst. Hier gibt es eine eindeutige Lösung unter der Annahme, dass alle Teilnehmer als "homo oeconomicus" handeln. Wenn man die Problemstellung völlig rational betrachtet, gibt es eigentlich kein großes Dilemma: Bruder Y hat immer nur die Wahl zwischen der von X angebotenen Verteilung, bei der er einen positiven Geldbetrag erhält, und der Alternative, bei der alle drei leer ausgehen. Vernünftigerweise muss er also den Vorschlag von X annehmen. Weil X das weiß, kann er die für ihn einträglichste Verteilung vorschlagen. Im vorliegenden Fall wäre das die, bei der er 1.000 DM erhält und die beiden anderen je 100 DM. Allerdings entscheiden reale Menschen aus Fleisch und Blut anders, weil außer dem persönlichen Profit auch noch Kriterien wie Fairness oder Gerechtigkeit ihr Handeln bestimmen.

Rationale oder faire Entscheidung: Ergebnisse

Die spieltheoretische Lösung 1.000-100-100 war unter den eingesandten Fragebögen mit 9,1 Prozent nur die dritthäufigste Entscheidung (Abb. 1). Und sie wäre auch in der Praxis kein lohnender Vorschlag, denn in der Rolle des Y lehnten ihn drei Viertel der Teilnehmer ab. Sie gingen also lieber leer aus, als sich von X mit 100 DM abspeisen zu lassen.

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Korrekte Lösung im Vorhersageformular.

Die zweithäufigste Aufteilung, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Experiments in der Rolle des X anboten, war die gewinnmaximierende Variante, bei der X mit 600 DM und Y mit 500 DM den größten Teil des Kuchens unter sich aufteilen und Z mit einem kleinen Pflichtanteil abspeisen: 16,8 Prozent der Einsender wählten diese Variante. Und in der Rolle des Y würden 64,9 Prozent dieses Spiel mitspielen. Man kann dieses Verhalten dadurch beschreiben, dass X den Y mittels einer Auszahlung über der Gleichverteilung besticht, die ungerechte Behandlung von Z zu akzeptieren.

Eindeutig häufigste Einsendung aber war die "gerechte" Verteilung, bei der jeder der drei Brüder 400 DM erhält. 54,9 Prozent der Teilnehmer schlugen diese Aufteilung vor, und fast alle (96,7 Prozent) akzeptierten sie natürlich auch als Y (Abb. 2).

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Häufigkeit der Entscheidungen unter insgesamt 5.212 Einsendungen.

Ein Motiv für die Durchführung des Experiments war die Frage, ob es Unterschiede im Verhalten bezüglich der Generationen gibt [1]. Um diese Frage zu bearbeiten, wurden die Teilnehmer in die Altersgruppen bis 25, 26-45, 46-65 und älter als 65 Jahre eingeteilt. Hier zeigt sich, dass die älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmer häufiger die faire Aufteilung (400-400-400) vorschlagen (älter als 65: 67 Prozent), die jüngeren Teilnehmerinnen und Teilnehmer seltener (bis 25: 42 Prozent). Dafür schlagen die Jüngeren häufiger die ungleichen Verteilungen (600-500-100, 1.000-100-100) vor. Bei den Entscheidungen in der Rolle von Y zeigt sich kein großer Unterschied zwischen den Altersgruppen bis 65 Jahre. Demgegenüber entscheiden die Teilnehmer über 65 Jahren häufiger anhand von Fairnesskriterien als die jüngeren Teilnehmer.

Kann man aus der Studie Rückschlüsse über die Zuverlässigkeit von Experimenten mit studentischen Teilnehmern, wie sie ja in der experimentellen Verhaltens- und Wirtschaftsforschung durchgeführt werden, gewinnen? Dafür wurden aus dem Datensatz studentische und nicht-studentische Teilnehmer in der Alterskohorte von 19 bis 30 Jahren herausgezogen. Es zeigt sich, dass die Gruppe der Studenten als repräsentativ für das Verhalten der Nicht-Studenten in der gleichen Altersgruppe angesehen werden kann. Eine detaillierte Darstellung des Experiments und der Ergebnisse wurde 2002 veröffentlicht [2].

Literatur

[1] W. Güth, C. Schmidt, M. Stutter: Fairness in the Mail and Opportunism in the Internet: A newspaper experiment on ultimatum bargaining. German Economic Review, 4, 2, 243-265 (2003).

[2] W. Güth, C. Schmidt and M. Sutter: Bargaining outside the Lab - A newspaper experiment of a three person-ultimatum game. Discussion Papers on Strategic Interaction 2002-11. Max Planck Institute for Research into Economic Systems, Jena (2002).

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