Die Anatomie des Amoklaufs

Amokläufe erschüttern und lösen Fassungslosigkeit und Angst aus. Am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin geht ein Minerva-Projekt der Verknüpfung von Waffenbesitz, Gewalt und Emotionen am Beispiel von Amokläufen nach. Die Historikerin Dagmar Ellerbrock hat sich dem konfliktbeladenen Thema „Jugendliche und Waffen“ schon zuvor in Studien gewidmet.

Text: Adelheid Müller-Lissner

Trauer nach dem Amoklauf in Winnenden 2009: ein Land auf der Suche nach dem Warum.

Ob in Erfurt, in Winnenden, im britischen Dunblane oder im amerikanischen Columbine: Amokläufe schockieren – und schreien nach Erklärungen. Regelmäßig werden Wissenschaftler verschiedener Disziplinen nach dem sorgsam vorbereiteten bewaffneten Überfall eines Einzeltäters auf eine größere Menschengruppe von den Medien mit dem Wunsch nach solchen Erklärungen für das Unfassbare konfrontiert.

Die Erwartung, sie werde bald eine umfassende Antwort auf solche Fragen liefern, dämpft Dagmar Ellerbrock lieber gleich am Anfang unseres Gesprächs. Zwar widmet sich die Historikerin in ihrem neuen Projekt „Gottverlassen, zornig oder gefühlskalt? Amokläufe in transnationaler Perspektive“ am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung dem Thema Amoklauf. Ellerbrock und ihre Arbeitsgruppe suchen jedoch ganz bewusst nicht nach der einen großen Erklärung, der endgültigen Antwort auf die Frage nach dem Warum.

Das Projekt stellt stattdessen die Frage nach einem ganz besonderen – und wahrscheinlich auch ganz besonders wichtigen – Wie: Wie sind Gewalt und Gefühle beim Amoklauf miteinander verknüpft? „Wir studieren das Thema mit der Emotionsbrille, die bisher noch niemand aufhatte“, sagt Ellerbrock.

Mit dem Revolver in die Vorlesung

Mit ihrer Forschung zu „Revolverknaben“ und deutscher Waffenkultur im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Historikerin vor einigen Jahren schon bewiesen, dass die Lektüre historischer Quellen mit dieser Spezialbrille ausgesprochen ergiebig ist. Ausgangspunkt war die erschreckende Nachricht, dass acht bis 25 Prozent der deutschen Schüler zumindest gelegentlich bewaffnet im Unterricht erscheinen. Meist ist es ein Messer, das sie in der Tasche tragen. Das jedenfalls zeigten Befragungen nach dem Amoklauf von Winnenden.

In den Medien häuften sich besorgte Kommentare, in denen vor dem Einzug „amerikanischer Verhältnisse“ in Deutschlands Klassenzimmern gewarnt wurde. „Don’t bring guns to school!“ Sollte eine Aufforderung, wie sie im Song der US-Band Little aus dem Jahr 1991 auftaucht, auch hierzulande nötig werden?

Doch war früher tatsächlich alles besser? Und kommen die schlimmen Trends in Sachen Bewaffnung wirklich von jenseits des Atlantiks zu uns herüber? Dagmar Ellerbrock bietet eine Fülle historischer Dokumente auf, die beides widerlegen. Da sind nicht allein die Studenten, die zur Goethezeit ganz selbstverständlich mit ihren Degen zur Vorlesung kamen, oder die jungen Handwerker, die sich von ihrem ersten selbst verdienten Geld verzierte Messer und Pistolen kauften.

Auch jüngere Jugendliche waren offensichtlich in Deutschland schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Schusswaffen unterwegs: Im Herzogtum Coburg musste 1810 jedenfalls eine Verordnung erlassen werden, die Schülern den Gebrauch von Schießgewehren untersagte.

Waffen zu besitzen war allerdings lange Zeit nicht verboten. Kritiker der geltenden liberalen Regelung beruhigte Mitte des 19. Jahrhunderts im Land Württemberg ein Referent des Innenministeriums: „Was die jungen Leute betrifft, so ist es Sache ihrer Eltern und Vormünder, über sie zu wachen, und nicht Sache des Staates.“ Ob bei den Primanern des 19. Jahrhunderts oder den Scholaren und Handwerksgesellen des Mittelalters, laut Ellerbrock galt stets: „Dass junge Männer Waffen trugen, war ein alltägliches Phänomen.“

Die Messer, Degen und Pistolen hatten hohe emotionale Bedeutung, als heiß begehrte persönliche Accessoires, Ausdruck reifender Männlichkeit und Stärke wurden sie von ihren Besitzern gehegt und gepflegt. Was sich um die Wende zum 20. Jahrhundert änderte, waren folglich nicht die Gefühle und die Gepflogenheiten der jungen Männer: Es war das Gefahrenpotenzial der neuen Waffen, die nun in ihre Hände gelangten.

Denn nun kamen Selbstladepistolen wie die Browning 1900 auf den Markt. Und wurden zum Ziel der begehrlichen Blicke auch Minderjähriger. „Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hat sich die Waffentechnologie rasant entwickelt“, sagt die Max-Planck-Forscherin. Dazu kamen die Möglichkeiten zur Massenproduktion, durch welche das einzelne Objekt der Begierde deutlich preisgünstiger wurde – und nicht zuletzt auch eine effektivere Vermarktung. Ein in Belgien produziertes Modell der Browning wurde, wie die Historikerin herausfand, seinerzeit sogar kistenweise als Werbegeschenk an Schulabgänger verteilt – bevor die Eltern einschreiten konnten.

Für Dagmar Ellerbrock war es eine beklemmende Erfahrung, selbst einmal ein Exemplar dieser weit verbreiteten Schusswaffe in der Hand zu halten. Allerdings ein längst nicht mehr funktionstüchtiges Modell vom Flohmarkt, ganz ohne Munition. Welche Gefühle haben die Waffen bei den Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenenleben geweckt? „Die Browning war für eine Gruppe von jungen Leuten damals ja ein modisches Muss, ähnlich wie heute das iPhone“, meint Ellerbrock.

Waffen in Kinderhänden – erst seit Kriegsende verboten

Spätestens als es so weit gekommen war, hatte es mit der gelassenen Haltung der Politiker ein Ende. Grund zu Beunruhigung gab es genug, denn immer wieder kam es zu Unbedachtsamkeiten und schlimmen Unfällen, weil unerfahrene Kinder mit den Pistolen hantierten oder alkoholisierte junge Männer sie im Affekt überall griffbereit hatten.

Wie sehr der Umgang mit Waffen als normal galt, zeigen auch private Fotografien: So inszenierte ein unbekanntes Atelier um 1900 diesen kleinen Jungen mit Spielzeuggewehr und orientalischem Beistelltisch; sein ernster Blick mag so gar nicht zum kindlichen Papierhut passen.

Auch in der Presse wurde nun kritisiert, dass jeder Schulbub sich gefährliche Waffen und Munition besorgen könne. Ellerbrock hat viele Zeitungsartikel aus den 1910er-Jahren ausgewertet. „Wozu braucht ein Schusterlehrling einen Revolver?“, fragte etwa die Pfälzische Rundschau im März 1911, über „Schusswaffen in Kinderhänden“ erregten sich die Münchner Neuesten Nachrichten.

„Der Erste Weltkrieg ist es, der dann das Verhältnis der Deutschen zu Schusswaffen umkodiert“, erklärt die Historikerin. Doch erst 1928 verabschiedet der deutsche Reichstag das Gesetz über Schusswaffen und Munition – das deren Besitz und Gebrauch erstmals reglementiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es dann für die Mehrheit der Deutschen überhaupt nicht mehr nachzuvollziehen, wie Waffen und positive Emotionen jemals zusammenkommen konnten: Die ehemals als trigger-happy (schießwütig) verschriene Nation hat sich gewandelt. Waffen stehen nicht mehr so selbstverständlich wie zuvor für Männlichkeit, Ehre und soziale Distinktion.

„Eine deutsche Hoffnungsgeschichte“, nennt es Dagmar Ellerbrock vorsichtig optimistisch. „Der Blick zurück in die deutsche Waffengeschichte kann die aktuellen Waffenprobleme an deutschen Schulen von unnötigem Kulturpessimismus entlasten“, schreibt sie in einem Beitrag zu dem von Stephan Rusch im Jahr 2011 herausgegebenen Band Waffen an Schulen. Ihr Fazit aus der Forschung zu den sogenannten Revolverknaben: „Wir Deutsche waren Ende des 19. Jahrhunderts mindestens so bewaffnet wie die USA heute. Und früher war weder alles anders noch alles besser.“

Betrachtet man das Problem des Amoklaufs, so fällt eine solche Einschätzung allerdings schwer. Aus dem Kaiserreich sind zumindest über katastrophale Großereignisse in Schulen, vergleichbar denen in Erfurt im Jahr 2002 oder in Winnenden im Jahr 2009, keine Berichte überliefert. Da sind allenfalls die grausamen Taten des schwäbischen Hilfslehrers Ernst August Wagner, der im Jahr 1913 zunächst seine Frau und die vier Kinder tötete, dann mehrere Häuser anzündete und die fliehenden Bewohner erschoss. Doch der damals in Zeitungen als „Massenmörder“ Bezeichnete war ein erwachsener Mann und Familienvater, heutige Täter sind typischerweise zwischen 16 und 25 Jahre alt. Und von „Amok“, dem malaiischen Begriff für „in blinder Wut angreifen und töten“, wurde damals noch nicht gesprochen.

Der Scham mit Gewalt entkommen

Versucht man Amokläufe mit der emotionalen Brille zu lesen, wie Dagmar Ellerbrock das in ihrem neuen Projekt tun will, dann könnte der unglückliche schwäbische Familienvater dennoch ein lohnendes Analyseobjekt darstellen. Von Wagner wird berichtet, er habe eine Neigung zur Sodomie gehabt und sich deshalb von den Menschen in seiner Umgebung verspottet gefühlt.

Dagmar Ellerbrock will sich in ihrem Projekt mit Beschämung als einer möglichen Wurzel von Amokläufen beschäftigen. Sie folgt damit dem Ansatz des Soziologen Thomas Scheff von der University of California, der Scham als wichtiges Regulativ von Gewalt betrachtet. Scham darüber, anders zu sein als die anderen, den sozialen Normen nicht zu entsprechen. Auch Scham, die mit Mobbing einhergeht. Vor allem verheimlichte Scham, mit welcher der Einzelne allein fertig werden muss, führt Scheff zufolge oft zu Wut und Zorn, die sich in Gewalt entladen.

Der Wissenschaftler plädiert dafür, Menschen in ihrer Abhängigkeit vom Urteil anderer zu sehen – auch in der Abhängigkeit von solchen Urteilen, die wir im eigenen Denken vorwegnehmen oder die lediglich in unseren Köpfen existieren. Nur so ließen sich die negativen Gefühle verstehen, die im Einzelfall bis zum Amoklauf führen können. „Gewalt wird häufig eingesetzt, um solchen negativen Emotionen zu entkommen“, sagt auch Ellerbrock. Da das gewalttätige Handeln eines Menschen wiederum das Urteil der anderen bestimmt, gerät der Täter in eine verhängnisvolle Spirale.

In Gang gesetzt wird sie durch Konflikte – mit sich selbst und mit anderen. „Konflikte sind für Historiker immer eine hochwillkommene Linse, sie beleuchten die Sollbruchstellen und das Entwicklungspotenzial einer Gesellschaft“, erklärt die Forscherin. Wichtig sei allerdings, den Konflikt nicht nur mit dem „Ex-post-Blick“ als unausweichlichen Auslöser von Gewalt zu sehen: „Wir sollten auch die möglichen Abzweigungen im Blick haben.“ Als die Wege, auf denen Konflikte ohne Anwendung von Gewalt beigelegt werden können. „Emotionen sind maßgebliche Modulatoren dafür, sie geben die Tonlage und die Richtung vor.“

Amokläufe haben schon immer zu großer Ratlosigkeit geführt. „Früher wurden sie als Folge von Gottlosigkeit gedeutet“, sagt Ellerbrock. Die religiösen Deutungsmuster wurden inzwischen durch psychologische und psychiatrische ersetzt. Damit ist jedoch häufig allein der Täter im Fokus. Im Minerva-Forschungsschwerpunkt „Gefühle, Gewalt und Frieden“ soll es jedoch auch um die Einbettung dieser schwer verständlichen und selbstzerstörerischen Gewalthandlungen in ein historisch gewachsenes gesellschaftliches Gefüge gehen. „Wir nehmen die Situation in den Blick, der Täter ist hier nur ein Akteur unter vielen“, so Ellerbrock.

Wer ist schuld: laxe Waffengesetze? Die Medien?

An diesem Punkt kann die Wissenschaftlerin an ihre frühere Forschung anknüpfen, geht es doch auch um die Bedeutung von Waffen in der Gesellschaft, in die Täter wie Opfer von Amokläufen hineingewachsen sind. Nicht umsonst werden nach jedem Amoklauf erneut Forderungen nach strengeren Waffengesetzen laut. Bei diesem Thema ist der Ländervergleich ausgesprochen interessant: Während in Deutschland zwar nach jedem Amoklauf über eine Verschärfung der Gesetze diskutiert wird, sich bisher aber nur Marginalien geändert haben, wurde in Großbritannien auf die Ereignisse in Dunblane mit drastischen Verschärfungen der Gesetze reagiert.

Doe Historikerin Dagmar Ellerbrock hat nicht nur Täter im Blick, sie untersucht auch das gesellschaftliche Gefüge.

Bei diesem Amoklauf in einer schottischen Grundschule im Jahr 1996 kamen 16 Kinder und ihre Lehrerin ums Leben. Bei den aktuellen Separationsbestrebungen in Schottland ist auch eine nochmalige Verschärfung der Bestimmungen Thema. In Deutschland erkennt die Forscherin dagegen einen dauerhaften Einfluss der Schützenvereine, die sich als starke Lobby derart rigorosen Bestimmungen widersetzen. Waffengesetze sind für Dagmar Ellerbrock allerdings nicht der einzige Schlüssel zum Verständnis nationaler Unterschiede. „In Skandinavien sind Waffen weit verbreitet, trotzdem gibt es kaum Amokläufe“, sagt sie. Umso mehr Aufsehen hat es erregt, als der Norweger Anders Breivik im Juli 2012 77 Menschen tötete, vor allem Jugendliche, die sich gerade in einem Zeltlager aufhielten.

Welche Rolle spielen in diesem Gefüge die Medien? Sind sie es, die den Amoklauf zu einer modernen Form der extremen Gewalt in einer globalisierten Welt machen? Auch negative Helden können schließlich eine Vorbildfunktion bekommen. „Columbine hatte einen gewissen Beispielcharakter, Details wie Kleidung des Täters und Uhrzeit des Überfalls wurden später von anderen Tätern kopiert.“ Bei dem Amoklauf an der örtlichen Highschool am 20. April 1999 hatten zwei Schüler 13 Menschen und sich selbst getötet. Spätestens hier kommt das heikle Thema positive Gefühle ins Spiel. „Gewalt hinterlässt auch im Körper des Täters Spuren“, sagt Ellerbrock.

Ein Grenzbereich zeige sich in „körperkontaktorientierten“ Sportarten, in denen die Grenze zwischen tolerierbaren und nicht mehr tolerierbaren Angriffen durch Regeln bestimmt, ihre Einhaltung durch Schiedsrichter sichergestellt wird. Die Überschreitung von Grenzen, zu der es dennoch immer wieder kommt, sei durch das Lustpotenzial der Gewalt wahrscheinlich gut zu erklären, man könne etwa Hooligans als „geil auf Gewalt“ charakterisieren.

Die Gefühlswelt als terra incognita

Das Lustpotenzial, das die „Selbstermächtigung in der Gewalt“ birgt, ist möglicherweise besonders in Deutschland aufgrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts ein Tabuthema. Das Minerva-Projekt hat sich auch dem Gewalthandeln bei den auf der Straße ausgetragenen politischen Konflikten zur Spätzeit der Weimarer Republik gewidmet, unmittelbar vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Ein Beispiel sind Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und motorisierter SS in der Karlsruher Innenstadt im Jahr 1933.

Bei der Auswertung von Polizei- und Augenzeugenberichten fiel den Max-Planck-Forschern auf, dass immer wieder von den hasserfüllten Gesichtern der Kontrahenten die Rede war. „Emotionen waren ein wichtiger Teil der Dynamik“, sagt Ellerbrock. Ohne Berücksichtigung der schwierigen Gemengelage von Aggression, Erregung, Spaß, Zugehörigkeitsgefühl und Solidarität könne man die Abläufe nicht wirklich verstehen. Vieles davon ist für den Betrachter von heute schwer nachzuvollziehen.

Haben Menschen verschiedener geschichtlicher Epochen angesichts von Gewalt überhaupt dieselben Gefühle, oder sind sie kulturell geformt? In seinem Standardwerk Geschichte und Gefühl hat sich der Historiker Jan Plamper mit dieser Thematik intensiv auseinandergesetzt, auch auf der Basis neurobiologischer Befunde. „Gefühle sind hybrid, sie sind biologisch-physiologisch, und sie sind zugleich zeitbedingt“, sagt Dagmar Ellerbrock.

Eine der Herausforderungen des neuen Projekts zum Amoklauf wird sein, geeignete Quellen zu finden, die über die Gefühlslage der Täter Auskunft geben können. Im Unterschied zum Revolverknaben-Thema gebe es nämlich sehr wenige historische Zeugnisse, bedauert Ellerbrock. „Amoklauf ist quellentechnisch ein ganz schwieriges Thema.“

Viele Täter haben noch nicht einmal Abschiedsbriefe hinterlassen. „Das Problem ist, dass es stattdessen sehr viele Zuschreibungen von außen gibt“, meint die Forscherin. Das wiederum kann zur Stilisierung des negativen „Helden“ beitragen, der aus soziologischer und historischer Perspektive aber nur einer unter mehreren Akteuren in einem komplexen Geschehen ist. Etwas Überlieferungsglück und genug Zeit für die Forschung – das sind die günstigen Umstände, die Dagmar Ellerbrock sich nun für das neue Teilprojekt wünscht.

Die Unbefangenheit im Umgang mit einem komplexen und über weite Strecken tabuisierten Thema hat sie schon. Was sie antreibt, ist auch die Gewissheit, dass Erkenntnisse zum Lustpotenzial von körperlicher Gewalt und zur Bewältigung negativer Emotionen mittels Waffentechnik letztlich einen Beitrag zu einer friedlicheren Gesellschaft leisten können: „Wir verfolgen mit unserer Forschung nicht allein ein akademisches, sondern auch ein originär gesellschaftliches Interesse“, sagt sie. Denn nur wenn man die gesamte Bandbreite der Gefühle in Betracht ziehe, die im Kontext gewalttätiger Handlungen entstehen können, vorher, währenddessen und danach, habe man eine Chance gegenzusteuern.

Auf den Punkt gebracht

  •  Biologische Aspekte von Emotionen sind seit einigen Jahren Gegenstand der Neurowissenschaften, Gefühle werden jedoch auch kulturell geformt und ausgeprägt. Der „Geschichte der Gefühle“ widmet sich ein Bereich am Max-Planck- Institut für Bildungsforschung in Berlin.
  •  Im Minerva-Projekt „Emotionen, Gewalt und Frieden“, das die Historikerin Dagmar Ellerbrock leitet, untersuchen die Wissenschaftler unter anderem die sich historisch verändernden Emotionen beim Umgang mit Waffen. l Der Besitz von Waffen galt etwa im 19. Jahrhundert als Ausdruck reifender Männlichkeit und Stärke. Um die Wende zum 20. Jahrhundert änderten sich jedoch nicht die Gefühle und die Gepflogenheiten der jungen Männer, sondern das Gefahrenpotenzial der neuen Waffen.
  •  Der Erste Weltkrieg beeinflusste die Einstellung der Deutschen zu Schusswaffen. l In dem Minerva-Projekt wollen die Forscher unter anderem das Zusammenspiel aller Akteure beim modernen, medial geprägten Phänomen des Amoklaufs Jugendlicher und junger Männer studieren.

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