Forschungsbericht 2014 - Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Ein längeres Leben durch gesellschaftlichen Wandel – die deutsche Wiedervereinigung als natürliches Experiment

Autoren
Vogt, Tobias
Abteilungen
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Zusammenfassung
Seit über 150 Jahren steigt die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerungen in den westlichen Ländern kontinuierlich an. Umstritten ist, warum immer mehr Menschen ein immer höheres Alter erreichen. Die deutsche Trennung und die Wiedervereinigung bieten eine einzigartige Gelegenheit, die Wirkung sich ändernder Lebensbedingungen auf die Sterblichkeitsentwicklung zu untersuchen. Nach vierzig Jahren unterschiedlicher Rahmenbedingungen und divergierender Lebenserwartung führte der Fall der Berliner Mauer zu einer Angleichung der Lebensbedingungen und des Sterblichkeitsniveaus.

Alterung und Sterblichkeit

Die Frage, welche Faktoren es uns ermöglichen, ein hohes Alter zu erreichen, beschäftigt nicht nur Wissenschaftler seit langer Zeit. Schon antike Denker wie Aristoteles oder Galenos von Pergamon setzten sich mit menschlicher Seneszenz auseinander. Während Aristoteles die Analogie eines kontinuierlich herunterbrennenden Feuers wählte, verglich Galen die altersbezogene Zunahme der Sterblichkeit mit einem undichten Gefäß, aus dem unaufhörlich Wasser entweicht. Beide hielten den Prozess für unvermeidbar, aber sie suchten nach Mitteln, ihn zu verlangsamen.

In den letzten einhundertfünfzig Jahren haben westliche Gesellschaften enorme Fortschritte in der Vermeidung frühzeitiger Sterblichkeit erzielt; die durchschnittliche Lebenserwartung steigt kontinuierlich an und damit für die meisten Menschen die Wahrscheinlichkeit, ein hohes Alter zu erreichen [1]. Solange Wissenschaftler diese Entwicklung verfolgen, suchen sie nach den Gründen für die stetige Verschiebung des Todes in ein immer höheres Alter. Grundsätzlich wird bei der Diskussion der Ursachen zwischen intrinsischen und extrinsischen Faktoren unterschieden. Obwohl der menschliche Sterblichkeitsverlauf durch genetische Ursachen bestimmt wird, scheint die zunehmende Überlebenswahrscheinlichkeit des letzten Jahrhunderts hauptsächlich durch verbesserte Lebensbedingungen beeinflusst zu sein [2].

Die deutsche Wiedervereinigung als natürliches Experiment

Die Frage, inwiefern äußere Rahmenbedingungen tatsächlich zur Verbesserung der Lebenserwartung beigetragen haben und welche Faktoren dabei eine zentrale Rolle spielen, ließe sich am wirkungsvollsten mithilfe eines natürlichen Experiments beantworten. Die deutsche Teilung und Wiedervereinigung kann als ein solches seltenes „Experiment“ verstanden werden, mit dem sich die Wirkung externer Einflüsse auf die Sterblichkeit untersuchen lässt. Wir haben eine Bevölkerung mit gemeinsamer Geschichte und Kultur, die für vierzig Jahre geteilt und unterschiedlichen ökonomischen, sozialen und politischen Systemen ausgesetzt war. Das führte dazu, dass die Sterblichkeit in beiden Teilen Deutschlands einen sehr anschaulichen Verlauf nahm (Abb. 1).

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Abb. 1: Tatsächliche und vorhergesagte Lebenserwartung bei Geburt in Ost- und Westdeutschland 1956–2008 [3]


Abb. 1: Tatsächliche und vorhergesagte Lebenserwartung bei Geburt in Ost- und Westdeutschland 1956–2008 [3]

Die Abbildung verdeutlicht, dass die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer und Frauen im Osten gegenüber dem Westen Deutschlands seit Mitte der 1970er-Jahre zurückfiel. Bis zur Wiedervereinigung ist die Lücke auf 2,7 Jahre für Frauen und 3,4 für Männer angewachsen. Laut Vorausberechnung hätte sich der Abstand zwischen beiden deutschen Staaten bis zum Jahr 2008 noch vergrößert, wenn sich die Lebensbedingungen in Ostdeutschland wie in den 1970er- und 1980er-Jahren weiterentwickelt hätten. Ohne Mauerfall und unter gleichbleibenden Umständen hätten neugeborene Mädchen und Jungen im Jahr 2008 eine durchschnittlich 4 beziehungsweise 5,7 Jahre geringere Lebenserwartung im Osten als im Westen Deutschlands. Stattdessen führte die mit der Wiedervereinigung einsetzende Transformation der ostdeutschen Rahmenbedingungen zu einem rapiden Anstieg der Lebenserwartung für Frauen und Männer. Zwischen 1990 und 2008 gewannen ostdeutsche Frauen mehr Lebensjahre als Frauen in Japan, die seit den 1980er-Jahren den Weltrekord in der durchschnittlichen Lebenserwartung halten.

Die rapide Angleichung der Lebenserwartung zeigt, wie nachhaltig und unmittelbar Veränderungen von äußeren Bedingungen auf die Überlebenschancen wirken. Es stellt sich die Frage, welche Bevölkerungsgruppen besonders von der Wiedervereinigung profitierten und welche Faktoren zu der enormen Senkung der Sterblichkeit beigetragen haben. Geht man von der Vorausberechnung der Lebenserwartung für Ostdeutschland ohne den Fall der Berliner Mauer aus, so wird deutlich, dass vor allem Ältere die Gewinner der Wiedervereinigung sind (Abb. 2). Frauen in den Altersgruppen über 60 tragen bis zu 80 Prozent zum Aufholen der ostdeutschen Lebenserwartung bei. Es wird ebenso deutlich, dass jüngere Männer kaum von der gesellschaftlichen Transformation profitierten und die Angleichung an die durchschnittliche westdeutsche Lebenserwartung auch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall nicht erreichen konnten.

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Abb. 2: Beitrag einzelner Altersgruppen zur Konvergenz der Lebenserwartung [3]

Abb. 2: Beitrag einzelner Altersgruppen zur Konvergenz der Lebenserwartung [3]

Ursachen der Angleichung

Der deutliche Zugewinn an Lebensjahren besonders in höherem Alter lässt die auf eine unterschiedliche (früh-)kindliche Entwicklung abzielenden Erklärungsansätze, sogenannte Kohorteneffekte, in den Hintergrund treten. Frauen und Männer über 60 wurden bereits vor der deutschen Teilung geboren und waren Einflüssen wie der Spanischen Grippe, den beiden Weltkriegen, der großen Depression oder der Hyperinflation in den 1920er-Jahren ausgesetzt. Des Weiteren befinden sich Menschen über 60 zumeist im Ruhestand, was zusätzliche Bildung oder gestiegenen beruflichen Status als Erklärung für den Gewinn an Lebenserwartung ausschließt. Trotz dieser Einschränkungen bietet die gesellschaftliche Transformation, im Gegensatz zu einem kontrollierten Experiment, mehrere Interventionen, die zur Angleichung des Sterblichkeitsniveaus Älterer beigetragen haben. Zentral sind hierbei die Gesetzesänderungen im Zuge der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion vom 1. Juli 1990. Bereits vier Monate vor der politischen Einheit legte die Sozialunion den Grundstein für die Angleichung der Renten und sicherte den Zugang zum westdeutschen Gesundheitssystem. Gleichzeitig bedeutete der 1:1-Umtauschkurs von DDR-Mark in D-Mark über Nacht eine Vervielfachung von Kaufkraft. Während diese Überbewertung zum Zusammenbruch großer Teile der ostdeutschen Industrie und damit zu Massenarbeitslosigkeit führte, ließen die neuen gesetzlichen Bestimmungen sowohl das nominale als auch das relative Einkommen der Rentner um ein Vielfaches ansteigen.

Gemessen an den Pro-Kopf-Ausgaben für Rente und Gesundheit hat die DDR-Regierung, selbst unter Annahme der Gleichwertigkeit der Währungen, deutlich weniger in die Überlebenschancen investiert als Westdeutschland (Abb. 3). So fielen die ostdeutschen Gesundheitsausgaben während der 1970er- und 1980er-Jahre auf unter 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, während sie in Westdeutschland auf über 9 Prozent anstiegen [4]. Diese finanzielle Lage des Gesundheits- und Rentensystems änderte sich rapide mit der Wiedervereinigung. Bis Mitte der 1990er-Jahre hatten sich die durchschnittliche Rentenhöhe und die Gesundheitsausgaben dem westdeutschen Niveau angepasst.

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Abb. 3: Ost-West-Vergleich der Entwicklung der Rentenhöhe und Gesundheitsausgaben seit 1980 (Darstellung mit Währungsumtausch 1:1 und 1:5) [5]

Abb. 3: Ost-West-Vergleich der Entwicklung der Rentenhöhe und Gesundheitsausgaben seit 1980 (Darstellung mit Währungsumtausch 1:1 und 1:5) [5]

Die Verbesserung der finanziellen Lage älterer Ostdeutscher und ihr Zugang zu moderner medizinischer Versorgung sorgten innerhalb weniger Jahre für eine Angleichung des Sterblichkeitsniveaus. Rentner, deren monatliches Einkommen zum westdeutschen Durchschnitt aufschloss oder diesen übertraf, konnten ihre Überlebenschancen am schnellsten verbessern. Ihre verbleibende Lebenserwartung im Alter über 65 übertrifft sogar den westdeutschen Durchschnitt. Gleichermaßen haben Frauen und Männer in Ostdeutschland im Alter über 60 Jahre, die eher Zugang zu medizinischer Versorgung erhielten, früher zur durchschnittlichen westdeutschen Lebenserwartung aufgeschlossen. Hierbei kamen ihnen vor allem verbesserte Behandlungsmöglichkeiten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zugute, die den Löwenanteil an den Sterblichkeitsdifferenzen vor der Wiedervereinigung ausmachte.

Fazit

In den fünfundzwanzig Jahren seit dem Fall der Berliner Mauer haben Ostdeutsche deutliche Zuwächse in ihrer Lebenserwartung erfahren. Dieser oft unerwähnte Erfolg der Wiedervereinigung zeigt, wie schnell sich eine Veränderung in den Lebensbedingungen auf unser Überleben auswirken kann. Es ist also nie zu spät, unsere Chancen auf ein längeres Leben zu verbessern [6].

Literaturhinweise

1.
Oeppen, J.; Vaupel, J. W.
Broken limits to life expectancy
Science 296(5570), 1029–1031 (2002)
2.
Burger, O.; Baudisch, A.; Vaupel, J.
Human mortality improvement in evolutionary context
Proceedings of the National Academy of Sciences 109(44), 18210–18214 (2012)
3.
Vogt, T. C.
How many years of life did the fall of the Berlin Wall add? A projection of East German life expectancy
Gerontology 59(3), 276–282 (2013)
4.
OECD
OECD Health Data: Health expenditure and financing
OECD Health Statistics (database). Last access November 29, 2013
5.
Statistisches Amt der DDR (Hg.)
Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1990
Haufe, Berlin (1990)
6.
Vaupel, J. W.; Carey, J. R.; Christensen, K.
It’s never too late
Science 301, 1679–1681 (2003)
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