Forschungsbericht 2014 - Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Post-its: Geschichten und Instrumente der Planung im Qing-zeitlichen China (1645–1912)

Autoren
Schäfer, Dagmar
Abteilungen
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
Zusammenfassung
Gelbe Notizzettel auf Skizzen, Artefakten und Memoranden bezeugen ein ausgeklügeltes System der Datenorganisation am Kaiserhof der Qing (1645–1912). Auf den Vorläufern moderner Post-it-Zettel übermittelten Beamte Regeln für die Gestaltung von Gegenständen aller Art. Diese technischen und ästhetischen Dokumentationen wurden zur empirischen Basis für die Entwicklung allgemeiner Methoden und Vorgehensweisen. Im Spannungsfeld zwischen Idealen und Realitäten der politischen, gesellschaftlichen und materiellen Ordnung sind sie Ausdruck eines lebhaften Diskurses zum Verhältnis von Wissen und Handeln.

Gelbe Notizzettel an Skizzen, Artefakten und Memoranden des Palastmuseums in Beijing zeugen von einem ausgeklügelten System der Datenorganisation für technische und ästhetische Informationen am Kaiserhof der Qing (1645–1912) (Abb. 1). Auf diesen historischen Vorläufern der modernen Post-it-Zettel notierten Beamte die sich ändernden Anforderungen oder Spezifikationen für Staatsroben und Nachtkleider, Tributporzellane und Ritualgefäße, die Architektur von Palästen und Gartenpavillons, Astrolabien oder auch Rezepturen für die Metalllegierungen von Bronzeskulpturen. In dem Versuch, der materiellen Kultur ihrer Zeit ihren Stempel aufzudrücken, legten Beamte Archive zu technischen Vorgängen und ästhetischen Vorstellungen ihrer Zeit an. Diese minutiöse Dokumentation bildete die empirische Basis für die Entwicklung allgemeiner Methoden und Vorgehensweisen für Produktionsprozesse und für die Ausbildung von höfischen Handwerkern an. Verwaltungsakten und Artefakte zeugen damit von der bedeutenden Rolle, die historische Aushandlungsprozesse von Idealen und Realitäten politischer, gesellschaftlicher und materieller Ordnungen in der Entwicklung von Wissenskulturen spielen.

Jenseits einer ökonomischen Weltsicht definiert die chinesische Sicht „Planung“ (ce, hua) als einen kontinuierlichen Verhandlungsprozess zwischen Wissen und Handeln. Als Maßstab galt, was „funktionierte“. In dieser Definition ist Planung historisch wie kontemporär, in China wie anderswo, Bestandteil fast jeder Aktivität, vom Kuchenbacken und der Beobachtung der Sterne bis hin zur experimentellen Laborarbeit. Aus der wissenschaftshistorischen Perspektive rückt der Blick auf Planung die organisatorische Verknüpfung von Wissen und Handeln in den Vordergrund und zeigt den dynamischen Wandel von Wissensbereichen und -formen, deren Bewertung und Identifikation.

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Abb. 1: Design eines Seidenüberwurfs 1:1, Guangxu 30 (1904), gelbes Post-it (rechts) mit Anweisungen für die Produktion
Abb. 1: Design eines Seidenüberwurfs 1:1, Guangxu 30 (1904), gelbes Post-it (rechts) mit Anweisungen für die Produktion

Skizzen, Artefakte und Berichte, von den Hofarchivaren mit gelben Zetteln annotiert, wurden zur Grundlage für ein synkretistisches Regelwerk für die Produktion von Seide, Emaille und Tempelbauten im Reich der Qing. Welche Handlungsmuster bildeten sich heraus und welche Methoden entwickelten sich? Was galt als funktionstüchtig und wann galt ein Ziel als nicht erreicht? Welche Rolle spielte die erfolgreiche Umsetzung – oder was als eine solche wahrgenommen wurde – für zukünftige Vorhaben?

Verwaltung und Produktion

Die Qing-Kaiser konnten bei ihrem Vorgehen auf eine reiche und lange Geschichte der strategischen staatspolitischen Planung und Konventionen für die Produktion und Verwendung von Artefakten zurückgreifen. Seit der Periode des später idealisierten Staates der Zhou (etwa 5. Jahrhundert) griffen dynastische Herrscher in China auf ein wachsendes Regelwerk an Spezifikationen für rituelle Kleidung und Utensilien, strategische Richtlinien für den Bau von Wagen, Schiffen oder Palästen, Pläne, Parameter, Kosten und Aktionspläne für den Landschaftsbau, Städte oder Bewässerungsanlagen zurück. Auf der Basis der langen historiografischen Tradition Chinas wurden Großvorhaben und Projekte der Vergangenheit zu positiven und negativen Vorlagen für neue Entschlüsse und Pläne. Die Dynastie der mandschurischen Qing sticht vor allem durch die Institutionalisierung eines höfischen Expertenkreises hervor. Die Aufgabe dieser Technokraten, die oft keine oder nur eine rudimentäre klassische Ausbildung genossen hatten, bestand darin, die technischen, materiellen und organisatorischen Schritte von der Idee zur Produktion und Verwendung zu leiten und zu begleiten. Protagonisten dieser Entwicklung waren Hofbeamte wie die Verwalter der kaiserlichen Porzellanmanufakturei Nian Xiyao (1671–1738) und Tang Ying, der Clan der Hofarchitekten Lei oder auch die unbekannten Künstler der Ruiyi Halle für Hofmalerei [1]. Ihre Arbeits- und Vorgehensweise spiegelt sich für uns heute in den (systematischen) Illustrationen technischer und ästhetischer Informationen wider, die sich abseits des gelehrten chinesischen Verständnisses zu Illustrationen oder Malereien bewegten [2].

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Abb. 2: Vase im horizontalen Profil
Abb. 2: Vase im horizontalen Profil

Im viel beschriebenen Bürokratismus der kaiserlichen Qing begegneten sich verschiedenste Kulturen des Wissens und Handelns auf Augenhöhe. Haupttriebfeder war die Notwendigkeit, das vom Kaiser Gewollte umzusetzen, und dafür kooperierten jesuitische Missionare mit buddhistischen Mönchen aus Tibet und hohe chinesische Minister mit den Soldaten der verschiedenen Bannergruppierungen. Fernab der Idealwelten der offiziellen Geschichtsschreibung durch Gelehrte zeugen unzählige Eingaben der Beamten von den Schwierigkeiten des Staates, die besten Handwerker dazu zu bewegen, aus den Städten des reichen Südens wie Hangzhou, Nanjing und Suzhou in die nördliche Hauptstadt Beijing zu ziehen. Versuche, Jadeschnitzer an den Hof zu locken, scheiterten regelmäßig, und auch Seidenspinner und Weber, die angesichts der trockenen klimatischen Verhältnisse und der Ferne zu den traditionellen Märkten und Produktionsgebieten in Beijing nur Hofroben und Tributseiden von unzureichender Qualität produzieren konnten, waren nicht an den Hof zu holen. Zwangsumgesiedelte Experten flohen oder setzten alle Hebel in Bewegung, um vorzeitig aus dem Dienst entlassen zu werden. Ein Vergleich zwischen Auftragsspezifikationen und noch erhaltenen Artefakten zeigt, dass elementare Abweichungen hingenommen werden mussten. Die Ohnmacht der Hofbeamten ist ein Grund für die zunehmende Kodifizierung praktischen Wissens und die Entstehung komplexer Institutionen für die Kommunikation technischer und ästhetischer Anforderungen zwischen dem Hof, den kaiserlichen Werkstätten und privaten Handwerkern im fernen Süden. Die kaiserlichen Werkstätten am Hof wurden zu Designbüros, während die eigentliche Produktion in Jiangnan verblieb [3].

Bürokratie und Wissensvermittlung

Das Interesse der Kaiser hatte auch Auswirkungen auf die Methoden der Wissensvermittlung und die Bewertung von Arbeit, Kunstfertigkeit und Talent. Hofbeamte wie Nian Xiyao zeigten sich hoch beeindruckt von der europäischen Zeichentechnik. In seiner „Studie zur Perspektive“ (Shixue jingyun, 1729, Abb. 3) und insbesondere in seiner „Abhandlung zu den Polyhedronen Proportionen“ (Mianti bili bianlan, 1735) schlägt er in deren Anwendung auf Porzellanformen und die Organisation der höfischen Keramikproduktion eine Brücke zu den europäisch-mathematischen Methoden und Diskursen [4]. Bekannt als Mathematiker und Kenner „westlicher Lehren“ (xixue), hatten Nian Xiyaos hochkomplexe Erläuterungen jedoch, obwohl er als Leiter der kaiserlichen Porzellanmanufakturen am Hof und in Jingdezhen einen detaillierten Einblick in die technischen Prozesse der Keramikherstellung hatte und auch politisch einflussreich war, keinen nachhaltigen Einfluss auf die tägliche Arbeits- oder Verwaltungspraxis. Die „Illustrierte Beschreibung der Porzellanmanufaktur“ Taoya tushuo (1743) seines Nachfolgers im Amt, Tang Ying (1682–1756), hingegen wurde als illustrierter Katalog klassischer Malereipraktiken bald über den Bereich der Porzellanherstellung hinaus zur Norm [5].

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Abb. 3: Studie zur Perspektive 1735
Abb. 3: Studie zur Perspektive 1735

Archive von Verwaltungsakten und buchhalterischen Notizen bieten wichtige Einblicke auch in die zeitgenössischen Ideale handwerklicher Fähigkeiten und wie Wissen über Materialien, wie Qualifikationen und Kompetenzen bewertet wurden. In der chinesischen Wahrnehmung waren die Ordnung der Gesellschaft und der Natur und die Materialität ihrer Umgebung in enger Verbindung zu sehen. Die chinesische Geschichte zeugt von einer Kultur, die dem dynamischen Charakter und der Kontextualität von Wissen und Handeln in besonderer Weise Rechenschaft trug. Im dynastischen China, wo Schriftkundigkeit und die Ausbildung in illustrativen Techniken Voraussetzung für sozialen und politischen Status war und ein literarischer Kanon an Werken als die Basis moralischer Entscheidungsfindung diskutiert wurde, war jede gelehrte Aussage, implizit oder explizit, auch Ausdruck einer politischen Haltung gegenüber dem Staat. Vor diesem Hintergrund diskutierten chinesische Gelehrte daher in allen Perioden vor allem die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wissen und Handeln und interessierten sich weniger für die im vormodernen Europa so zentrale Frage nach dem Verhältnis zwischen praktischem und theoretischem Wissen. In der Verwaltungspraxis spiegeln sich Idealvorstellungen von universaler Ordnung und Methodik einer Gelehrtenschicht, die es als ihre Verpflichtung sah, Staat und Gesellschaft zu organisieren und anzuleiten. Im Zusammenprall mit der Wirklichkeit stand die Frage nach der Generalisierbarkeit von Wissen und Methoden über Fachbereiche hinaus auf dem Prüfstand.

Literaturhinweise

1.
Chen, K.
A Technocrat’s self-cultivation: The cultural creations and acquisition of skills by porcelain supervising official Tang Ying
Gugong wenwu: The National Palace Museum Monthly of Chinese Art 364, Special Issue (in Chinese; Ed. Ho Chuan-hsing) (2013)
2.
Bray, F.; Dorofeeva-Lichtmann, V.; Métailié, G. (Eds.)
Graphics and text in the production of technical knowledge in China: The warp and the weft
Brill, Leiden (2007)
3.
Schaefer, D. 薛鳳 (Ed.)
Gong ting yu di fang: shi qi zhi shi ba shi ji de ji shu jiao liu 宮廷与地方 : 十七至十八世纪的技术交流 (The Court and the locality: 17th to 18th century technical knowledge circulation in China)
北京: Zi jin cheng chu ban she 紫禁城出版社, Beijing (2010)
4.
Kleutghen, K.
One and many points of view: Linear perspective in eighteenth-century Chinese art
forthcoming in: Qing Encounters: Artistic Exchanges between China and the West (Eds. ten-Doesschate Chu, P; Ding Ning). Getty Research Institute, Los Angeles [...]
5.
Bushell, S. W.
Description of Chinese Pottery and Porcelain. Being a translation of the T’ao shuo
Clarendon Press, Oxford (1910)
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