Harmloser Terrorvogel

Der Urzeitvogel Gastornis war vermutlich kein Raubvogel, sondern ein Pflanzenfresser

30. August 2013

Der urzeitliche Vogel Gastornis stand offenbar zu Unrecht im Verdacht, ein Furcht einflößender Jäger zu sein. Jahrzehntelang wurde er mit dem Beinamen Terrorvogel verunglimpft, weil Paläontologen mutmaßten, er habe Beutetieren mit seinem gewaltigen Schnabel das Genick gebrochen. Stattdessen rupfte er damit wohl nur vegetarische Kost. Das schließt ein deutsches Forscherteam, an dem auch Stephen Galer vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz beteiligt war, aus einer Analyse des Verhältnisses von zwei Kalzium-Isotopen in den fossilen Knochen des Vogels. Bei Isotopen handelt es sich um unterschiedlich schwere Formen eines Elementes. Auf dem Weg durch die Nahrungskette verändert sich das Isotopenverhältnis, sodass sich daran Pflanzen- und Fleischfresser unterscheiden lassen. Und Gastornis gehörte offenbar zu ersteren.

Trotz seines furchteinflößenden Schnabels und seiner enormen Größe scheint Gastornis kein urzeitlicher Raubvogel, sondern ein Pflanzenfresser gewesen zu sein. Ein lebensgroßes Modell des Urzeitvogels aus dem Jura-Museum Eichstätt wurde hier mithilfe moderner Computertechnik in einer Umgebung ausgesetzt, die zu den Ernährungsgewohnheiten von Gastornis passen könnte.

Unter Paläontologen ist es ein heiß diskutiertes Thema: War der sogenannte Terrorvogel ein gefährlicher Fleischfresser? Geochemische Untersuchungen eines Teams deutscher Forscher an fossilen Knochenresten scheinen nun das Gegenteil zu beweisen.

Der Terrorvogel – auch als Gastornis bekannt – war ein flugunfähiger, an die zwei Meter großer Vogel mit einem enorm großen, furchterregenden Schnabel. Aufgrund seiner Größe und seiner bedrohlichen Erscheinung gingen die meisten Wissenschaftler bisher davon aus, dass er ein Fleischfresser war. Allerdings kamen daran in letzter Zeit vermehrt Zweifel auf.

Die Zusammensetzung der Kalzium-Isotope verrät die Stellung in der Nahrungskette

Hoffnung auf eine endgültige Klärung dieser Frage weckt nun ein deutsches Forscherteam. Thomas Tütken von der Universität Bonn, Meinolf Hellmund von der Martin-Luther Universität in Halle, Stephen Galer vom Max-Planck-Institut für Chemie und Petra Held von der Universität Mainz haben dazu mithilfe einer geochemischen Analysemethode vielversprechende neue Erkenntnisse gewonnen. „Durch die Untersuchung der Kalzium-Isotopenzusammensetzung in den versteinerten Knochen haben wir herausgefunden, zu welchen Anteilen sich die Nahrung des Terrorvogels aus pflanzlichen oder tierischen Gewebe zusammensetzte“, erklärt Stephen Galer, Gruppenleiter am Mainzer Max-Planck-Institut. Der auf Isotopenbiogeochemie spezialisierte Wissenschaftler entwickelte das analytische Protokoll für die Kalzium-Isotopenanalyse und wertete anschließend die gewonnen Daten aus.

Da die leichten Kalziumisotope entlang der Nahrungskette angereichert werden, findet sich in Zähnen und Knochen  von Fleischfressern ein höherer Anteil der leichteren Isotope als bei Pflanzenfressern. Daraus zogen die Forscher Rückschlüsse auf die Position des Terrorvogels im Nahrungsnetz vor 56  bis 40 Millionen Jahren. Sie testeten das Verfahren zunächst an pflanzen- und fleischfressenden Säugetieren, die heute noch leben sowie Dinosauriern – darunter T-Rex, einem Top-Räuber der Kreidezeit. Erst danach wendeten sie die Methode bei den fossilen Knochen eines Terrorvogels aus der Geiseltal-Sammlung der Martin-Luther-Universität in Halle an.

Die Isotopen-Analyse zeigt, Gastornis war ein Pflanzenfresser

Es zeigte sich: Die Knochen des Terrorvogels enthalten Kalzium in einem ähnlichen Isotopenverhältnis wie die von pflanzenfressenden Säugetieren. Der Gehalt an schweren Isotopen ist somit höher, als für fleischfressende Wirbeltiere zu erwarten wäre. Das  spricht dafür, dass Gastornis kein Fleisch- sondern ein Pflanzenfresser war.

„Der Zahnschmelz bewahrt seine geochemischen Eigenschaften viel besser als Knochen. Da Gastornis aber keine Zähne hatte, mussten wir in diesem Fall Knochenproben für unsere Isotopenanalysen nutzen“, erklärt Thomas Tütken von der Universität Bonn. „Da Kalzium ein wesentlicher Bestandteil von Knochen ist – es macht rund 40 Gewichtsprozent aus – ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Isotopenzusammensetzung durch die Prozesse bei der Fossilisation beeinträchtigt wurde.“ Um sicher zu gehen, wollen die Forscher ihre aktuellen Ergebnisse anhand weiterer Untersuchungen an fossilen Knochen bekannter Pflanzen- und Fleischfresser aus der gleichen Fundstelle überprüfen.

 

Details zu dieser Studie wurden auf der Goldschmidt-Konferenz in Florenz vorgestellt, die vom 25. Bis 30. August dauerte.

AR/PH

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