Forschungsbericht 2013 - Max-Planck-Institut für Ökonomik (1993 bis 2014)

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Die intergenerationale Weitergabe von Präferenzstrukturen

Autoren
Volland, Benjamin
Abteilungen
Evolutionsökonomik (Witt)
Zusammenfassung
Die empirische Forschung in den Sozialwissenschaften hat über Jahrzehnte gezeigt, dass der wirtschaftliche Erfolg eines Menschen in erheblichem Maße vom wirtschaftlichen Erfolg seiner Eltern bestimmt wird. Ein Phänomen, das sich durch direkten Transfer (Schenkung und Erbe) allein nicht erklären lässt. Forscher am Max-Planck-Institut für Ökonomik untersuchen die intergenerationale Weitergabe von Präferenzstrukturen als eine weitere Erklärung für die Weitergabe von wirtschaftlichem Erfolg.

Die empirische Forschung in den Sozialwissenschaften hat über Jahrzehnte gezeigt, dass die soziale Durchlässigkeit der meisten (westlichen) Gesellschaften begrenzt ist. Der wirtschaftliche Erfolg eines Menschen, – sein Einkommen und Wohlstand, aber auch sein Bildungsgrad und sein Beschäftigungsstatus – wird in erheblichem Maße vom wirtschaftlichen Erfolg seiner Eltern (etwa deren Einkommen, Wohlstand und Bildungsgrad) bestimmt. Nicht jedes Kind hat daher die gleichen Chancen auf wirtschaftlichen Erfolg. Diese ungleiche Verteilung von Entwicklungs- und Erfolgschancen ist nicht nur mit erheblichen Nachteilen für Menschen aus ärmeren familiären Verhältnissen verbunden, sondern verursacht auch gravierende gesellschaftliche Kosten, beispielsweise durch entgangene Steuern oder zusätzliche Wohlfahrtsaufwendungen.

Mechanismen der Weitergabe: Werte und Präferenzen

Neben der Beschreibung der sozialen Durchlässigkeit und ihrer langfristigen Entwicklung interessieren sich Ökonomen vor allem für die Mechanismen und Ursachen der innerfamilären Weitergabe von Wohlstand und wirtschaftlichem Erfolg. Für die Praxis ist die Erforschung solcher Übertragungsmechanismen von erheblicher Bedeutung, da man hiermit ein Politikinstrumentarium zur Verbesserung der sozialen Durchlässigkeit der Gesellschaft entwicklen kann. So zeigt die empirische Forschung, dass neben direkten Transfermechanismen wie Schenkungen und Erbe vor allem die innerfamiliären Ähnlichkeiten bei Intelligenz und Bildung eine wichtige Rolle für die intergenerationale Stabilität von Wohlstandsindikatoren spielen [1]. Zudem wird seit Kurzem die zentrale Bedeutung der Übertragung von Werten und Präferenzen für die Erklärung dieser innerfamiliären Stabilität untersucht [1, 2]. Beispielsweise wird die Förderung von Fleiß und Arbeitsmoral durch die Eltern als zentraler Grund für den wirtschaftlichen Aufstieg der britischen Mittelklasse während der industriellen Revolution betrachtet [3].

Ein anderer Grund, warum Ökonomen sich für Präferenzähnlichkeiten zwischen Eltern und ihren Kindern interessieren, berührt eine fundamentale Frage der ökonomischen Forschung, nämlich die nach Ursprung, Inhalt und Wandel menschlicher Präferenzen. Menschen haben sehr unterschiedliche, subjektive Präferenzen. Diese Tatsache schließt jedoch nicht aus, dass Präferenzen mittels wissenschaftlicher Methoden analysiert werden können. Dies ist vielmehr notwendig, wenn man individuelle Unterschiede im Verhalten nicht allein äußeren Zwängen wie etwa Einkommensunterschieden oder anderen individuellen Beschränkungen zuschreiben, sondern auch dem Einfluss unterschiedlicher Bedürfnisstrukturen, Neigungen und Vorlieben Rechnung tragen möchte. Empirische Untersuchungen zur Weitergabe von Präferenzstrukturen innerhalb der Familie liefern daher auch erste Anhaltspunkte zum Verständnis bislang nicht erklärbarer Heterogenität im Konsumverhalten.

Den Eltern wie aus dem Gesicht geschnitten: Generationenübergreifende Ähnlichkeit von Präferenzstrukturen

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ökonomik gingen der Frage nach, inwieweit sich familiäre Gemeinsamkeiten bereits in den Bedürfnisstrukturen von Individuen widerspiegeln [4]. Anhand eines umfangreichen britischen Panel-Datensatzes, des British Household Panel Survey (BHPS), wurde untersucht, inwiefern sich die Zeitverwendungspräferenzen von Individuen durch elterliche Prägung erklären lassen. Dabei wurde die Längsschnittstruktur des Datensatzes genutzt, um eine Substichprobe von Eltern und ihren erwachsenen, nicht mehr im selben Haushalt lebenden Kindern zu erzeugen.  Untersucht wurde, wie viel Zeit die Eltern und ihre Kinder jeweils für einzelne Freizeitbeschäftigungen aufwendeten.

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Original 1508156617

Abb. 1: Präferenzen von Eltern und ihren Kindern für Konzert- und Theaterbesuche und sonstige Aufführungen. Dargestellt ist die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Kind ein bestimmtes Präferenzdezil erreicht, in Abhängigkeit des Präferenzdezils der Eltern. Das Diagramm zeigt die bedingte, relative Häufigkeit der Präferenzen einer Person in Abhängigkeit der Präferenzen ihrer Eltern. Die Präferenzstärke beider Generationen ist dabei in aufsteigende Dezile eingeteilt. Der Wert 1 bedeutet, dass eine Person zu den 10 Prozent der Bevölkerung in ihrer Generation (Eltern oder Kinder) mit der geringsten Präferenz für eine bestimmte Tätigkeit gehört. Der Wert 10 bedeutet entsprechend, dass diese Person zu den 10 Prozent der Bevölkerung mit der stärksten Präferenz für diese Tätigkeit gehört. Datenbasis ist das British Household Panel Survey (BHPS). Die Präferenzberechnungen basieren auf der Angabe der Häufigkeit der angegebenen Tätigkeit im vergangenen Jahr.

Abb. 1: Präferenzen von Eltern und ihren Kindern für Konzert- und Theaterbesuche und sonstige Aufführungen. Dargestellt ist die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Kind ein bestimmtes Präferenzdezil erreicht, in Abhängigkeit des Präferenzdezils der Eltern. Das Diagramm zeigt die bedingte, relative Häufigkeit der Präferenzen einer Person in Abhängigkeit der Präferenzen ihrer Eltern. Die Präferenzstärke beider Generationen ist dabei in aufsteigende Dezile eingeteilt. Der Wert 1 bedeutet, dass eine Person zu den 10 Prozent der Bevölkerung in ihrer Generation (Eltern oder Kinder) mit der geringsten Präferenz für eine bestimmte Tätigkeit gehört. Der Wert 10 bedeutet entsprechend, dass diese Person zu den 10 Prozent der Bevölkerung mit der stärksten Präferenz für diese Tätigkeit gehört. Datenbasis ist das British Household Panel Survey (BHPS). Die Präferenzberechnungen basieren auf der Angabe der Häufigkeit der angegebenen Tätigkeit im vergangenen Jahr.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind eindeutig. Mit dem Wissen um die Präferenzstrukturen der Eltern lassen sich zwischen 20 und 40 Prozent der Präferenzstrukturen ihrer Kinder vorhersagen. Präferenzstrukturen innerhalb von Familien sind sich damit erheblich ähnlicher als Präferenzstrukturen zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Familien. Diese Ergebnisse lassen sich gut anhand eines sogenannten bivariaten Dichtediagramms veranschaulichen: In Abbildung 1 ist deutlich eine sattelförmige Erhebung zu sehen, die sich diagonal von vorne links (Punkt A) nach hinten rechts (Punkt B) durch das Diagramm zieht. Sie zeigt, dass die Präferenzen von Kindern diejenigen ihrer Eltern widerspiegeln. Die Stärke elterlicher Präferenzen erlaubt daher eine gute Vorhersage der Präferenzstärke ihrer Kinder für dieselbe Tätigkeit. Auffällig in der Abbildung  sind zudem die beiden starken Ausschläge in den Randbereichen der Präferenzverteilung. Sie deuten an, dass Kinder, deren Eltern sehr geringe oder sehr starke Präferenzen für eine bestimmte Freizeitgestaltung aufweisen, in besonderem Maße zu einer Übernahme dieser Präferenzstruktur neigen. Beispielsweise haben Kinder, deren Eltern zu den 20 Prozent der Bevölkerung mit den stärksten Präferenzen für Konzert- und Theaterbesuche zählen, eine neunfach höhere Chance, ebenfalls eine sehr starke Präferenz für diese Form der Freizeitgestaltung aufzuweisen, als Kinder, deren Eltern eine sehr geringe Präferenz für diese Aktivität zeigen (in Abb. 1 dargestellt durch den Höhenunterschied zwischen Punkt A und Punkt C entlang der vorderen Kante). Ähnliche Phänomene sind auch aus Untersuchungen zur intergenerationalen Weitergabe von Einkommen bekannt [1].

Wie der Vater, so der Sohn? Spezifität und Stabilität von Transmissionsmechanismen

Weitere Untersuchungen zeigen, dass diese Weitergabe von Präferenzen eine erstaunliche Spezifität aufweist: Das Wissen über elterliche Vorlieben für bestimmte Aktivitäten erlaubt in der Regel keine Vorhersage der Präferenz erwachsener Kinder für eine andere Aktivität, selbst wenn diese Aktivitäten eng miteinander verknüpft sind. Beispielsweise lassen sich aus der Präferenzstärke von Eltern für Restaurantbesuche keine Vorhersagen über die Präferenzstärke ihrer Kinder für den Besuch von Konzert- und Theaterveranstaltungen ableiten, obwohl beide Präferenzmaße innerhalb der Kindergeneration hoch korreliert sind, das heißt: Menschen, die gerne ins Theater gehen, gehen auch gerne ins Restaurant. Allerdings gab es kaum Hinweise auf geschlechtsspezifische Übertragungsmuster von Freizeitverhalten. Neben dem Sprichwort: „Wie der Vater, so der Sohn!“, gelten also auch: „Wie der Vater, so die Tochter!“, „Wie die Mutter, so der Sohn!“ und „Wie die Mutter, so die Tochter!“.

Die Forscher des Max-Planck-Instituts für Ökonomik untersuchten auch, welche weiteren sozialen oder kulturellen Faktoren die Übertragung von Präferenzstrukturen von Eltern auf ihre Kinder beeinflussen. So ist es theoretisch denkbar, dass Kinder die elterlichen Vorlieben übernehmen, weil sie durch deren sozioökonomischen Erfolg, Prestige oder wahrgenommene „Normalität“ (die Abweichung vom gesellschaftlichen Mittel) beeinflusst werden. Interessanterweise bestätigte sich dies für keinen der untersuchten Faktoren. Es ist demnach davon auszugehen, dass elterliche Präferenzen einen stabilen, langfristigen und wahrscheinlich unumkehrbaren Abdruck in der Präferenzstruktur ihrer Kinder hinterlassen.

Literaturhinweise

1.
Bowles, S.; Gintis, H.; Osborne Groves, M.
Unequal chances. Family background and economic success
Princeton University Press, Princeton (2005)
2.
Dohmen, T.; Falk, A.; Huffman, D.; Sunde, U.
The intergenerational transmission of risk and trust attitudes
Review of Economic Studies 79, 645–677 (2012)
3.
Doepke, M.; Zilibotti, F.
Occupational choice and the spirit of capitalism
Quarterly Journal of Economics 123, 747–793 (2008)
4.
Volland, B.
On the intergenerational transmission of preferences
Journal of Bioeconomics (ePub ahead of print, DOI 10.1007/s10818-012-9149-x)
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