Forschungsbericht 2013 - Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Gefühlsbildungen des Musik-Erlebens

Autoren
Zalfen, Sarah
Abteilungen
Max-Planck-Forschungsgruppe "Gefühlte Gemeinschaften? Emotionen im Musikleben Europas"
Zusammenfassung
Forscherinnen und Forscher am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untersuchen kulturell, politisch und sozial bedingte Gefühlsbildungen des Musik-Erlebens in unterschiedlichen historischen Kontexten. Die kulturwissenschaftliche Emotionsforschung betrachtet Musik als ein komplexes Phänomen: Nicht nur Mensch und Klang, sondern auch Räume und Artefakte, Körper und Wissen, Geschmack und Gemeinschaften konstituieren das Verhältnis von Musik und Gefühlen.

Musik ist die Sprache der Gefühle – so zumindest lautet ein jahrhundertealter Gemeinplatz. Die Frage, welche Emotionen das Produzieren und Hören von Musik unmittelbar auslöst, wird durch den aktuellen Trend der Neurowissenschaften und ihre verheißungsvollen bildgebenden Verfahren beflügelt. Zwischen traditionellem Topos und Magnetresonanztomografie spannt sich ein weites Feld von Phänomenen: Praktiken des Musik-Spielens und -Hörens, Körpererfahrungen, Gruppendynamiken, Geschmacksdiskurse und Gefühle der Erhabenheit, des Glücks, der Aggressivität oder der Langeweile. Die Max-Planck-Forschungsgruppe „Gefühlte Gemeinschaften – Emotionen im Musikleben Europas“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untersucht seit zwei Jahren, wie sich Musikerfahrungen und Gefühlserlebnisse im Zuge der sozialen und stilistischen Wandlungen der Musikgeschichte herausbildeten, zu welchen Verhaltensformen und Handlungen sie führten und wie sie sich immer wieder veränderten.

Was Musik ausmacht, lässt sich nicht ausschließlich im Labor nachweisen

Erste Forschungsergebnisse widersprechen nicht den Befunden psychologischer oder neurobiologischer Untersuchungen, denen zufolge auch einzelne Klänge, Akkorde und Melodien nachweisbare vegetative, kognitive und emotionale Reaktionen hervorrufen können [1, 2]. Doch sie verdeutlichen, dass es notwendig ist, von einem komplexeren Musikverständnis auszugehen. Zur Musik und insbesondere zu ihrer emotionalen Wirkung gehört ihr Kontext. Der besteht aus Aufführungsräumen und Artefakten vom Konzertsaal bis zum MP3-Player, aus Körperlichkeit, Bewegungen und Performance vom virtuosen Musiker bis zur abtanzenden Konzertbesucherin, aus erlernten musikalischen und außermusikalischen Erfahrungen und Geschmacksmustern und vor allem aus dem gemeinsamen Hören. Unter „Laborbedingungen“ sind diese komplexen Texturen, aus denen Musik eben auch besteht, nicht herzustellen, sie müssen aus vielfältigen Quellen – darunter Ton- und Bilddokumente, Musikkritiken und Fanzeitungen, Tagebücher und Briefe, Devotionalien und Merchandising-Produkte – rekonstruiert und interpretiert werden.

Die historische Emotionsforschung hat in den vergangenen Jahren vielfach dokumentiert, dass nicht nur die Ausdrucksformen bestimmter Empfindungen wie Freude oder Trauer historischem Wandel unterliegen, sondern auch die Empfindungen selbst [3, 4]. Aus dieser Perspektive ist das Verhältnis von Musik und Gefühl keine Universalie, sondern von historischen und soziokulturellen Faktoren abhängig. Die Untersuchungen zeigen, dass sich die emotionale Prägung von Musikproduktion und -rezeption im Laufe der Geschichte ebenso sehr verändert hat wie die Musik selbst und die Art und Weise, sie aufzuführen. Im Zuge dieser Entwicklung sind spezifische Gefühlsordnungen musikalischen Ausdrucks und Erlebens entstanden, die Künstlerinnen und Publikum ermöglichten, vielfältige Emotionen in Musik zu legen und ihr gegenüber zu empfinden.

Die Musikgeschichte vom 19. bis zum 20. Jahrhundert, der sich die Studien der Forschungsgruppe widmen, bietet eindrucksvolle Beispiele dafür, dass eben kein kausaler Nexus zwischen einem bestimmten Musikstück und einer spezifischen emotionalen Wirkung besteht. Die Untersuchung verschiedener Musikrichtungen und des unterschiedlichen „Gebrauchs“ von Musik veranschaulicht, dass sie weder a priori bestimmbare Gefühle erzeugt noch eine spezifische Bedeutung hat. Beides entsteht erst in der Interaktion von Musik und Interpretation, von Text und Kontext. Verändert sich letzterer entsprechend der sozialen Prägung und historischen Situiertheit der empfindenden Subjekte und ihrer Körper, so verändern sich auch die Interaktionsformen und somit die Gefühlserlebnisse. Für die Einzelstudien der Forschungsgruppe ist es daher entscheidend, Musik als ein historisch bedingtes soziales und kulturelles Feld zu betrachten, in dem die vielfältigen Einflüsse, aus denen „musikalische Empfindungen“ entstehen, ineinandergreifen.

Von ekstatischer Verzückung bis zum Erlebnis tiefer Innerlichkeit: Gefühlskonzepte der Musikrezeption

Die Musikgeschichte ist voll von Verweisen auf Gefühle, die nicht zuletzt aufgrund ihrer Diversität die Frage nach den Ursachen ihres Wandels aufwerfen: In den 1840er-Jahren riss sich das begeisterte Publikum des als Klavierwunder gefeierten Franz Liszt wortwörtlich um Taschentücher, mit denen sich der Pianist die Stirn trocken tupfte, und die Damen fielen angesichts seiner Musik vor Verzückung in Ohnmacht. Nur eine Musikergeneration später saß ein sozial ganz ähnlich zusammengesetztes Publikum still und schweigend im Konzertsaal und empfand Musik als ein Erlebnis tiefer Innerlichkeit. Anhand von Virtuosenkonzerten aus dem 19. Jahrhundert und der Rezeptionspraxis, die Richard Wagner seinem Publikum abforderte, lässt sich zeigen, wie das konzentrierte (Zu-)Hören als emotionale Körpertechnik entwickelt wurde, durch die bestimmte Gefühle wie Ekstase, Hingabe oder Erhabenheit überhaupt erst aktiv entstehen. Gerade bei Franz Liszt, der die Frauen mit seinem Klavierspiel regelrecht um den Verstand brachte, oder im Fall des „nationalen Aufstiegs“ Wagners wird aber auch deutlich, wie Gefühlskonzepte der Musikrezeption von anderen Ordnungsvorstellungen wie Körper, Geschlecht und Nation abhängen.

Die Veränderungen der Gefühle für bestimmte Musik können radikal sein. Was in der romantischen Gefühlsästhetik als vermeintlich „echter“ Ausdruck der Seele des Komponisten das Publikum bewegte, mochte einem nicht minder emotionalen Publikum hundert Jahre später im Vergleich zum rauen Ton des „echten Rock“ nur noch als konventionelles „Geklimper und Gefiedel“ erscheinen. Was als authentischer Ausdruck des Gefühls einer ganzen Generation oder Bewegung galt, diskreditierten die Anhänger der darauffolgenden Musikmode als „pseudo“ oder „kommerziell“ und negierten so jede legitime emotionale Bedeutung. Dieser musikalische Gefühlswandel verläuft dabei keinesfalls historisch linear. Manche verzaubert und bewegt die Romantik auch im Zeitalter von Rock und Pop, andere begleitet der King of Rock ’n’ Roll von der Wiege bis zur Bahre. Empfindungen gegenüber Musik oszillieren zwischen nur zum Teil deckungsgleichen sozialen und emotionalen Zugehörigkeitsgefühlen. Beide bedienen sich aus einem reichen historisch formierten Fundus.

Die Bildungsfunktion von Musik gibt vermeintlich „richtiges“ emotionales Erleben vor

Der Zusammenhang zwischen vermeintlich inneren, individuellen Gefühlen und sozialen Zugehörigkeiten bedingt auch die Bildungsfunktion, die Musik seit jeher eingenommen hat. Dass die „richtigen“ musikalischen Empfindungen etwas waren, das es sich anzueignen galt, um auch am sozialen und politischen Leben zu partizipieren, gilt bereits im Zeitalter der Bürgerlichkeit des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Massenpolitisierung im 19. Jahrhundert war vielfach eine Bildungspolitik, die versuchte, durch gemeinsames Singen die Körper und „Herzen“ der Menschen zu formen. Ihr musikalischer Kanon ist bis in die Gegenwart mit emotionalen Bezügen aufgeladen. Solche musikgebundenen Emotionen sind nicht nur affirmativ, sondern können auch Differenz und Abweichung zum Ausdruck bringen. Doch auch diese sind an den jeweiligen Kontext gebunden. Eine Jugend, die sich von den Ordnungsvorgaben der Gesellschaft emanzipiert, konnte ihre Protestgefühle in einem bestimmten Kontext durch das Singen von Wanderliedern formen, in einem anderen durch den rauschhaften Genuss von lauter, aggressiver Punkmusik und Alkohol.

Spezifische Bedingungen des Musik-Erlebens prägten stets auch das Musikempfinden. Umgekehrt bestimmten geltende Annahmen über die Rolle der Musik für individuelle und intersubjektive Empfindungen auch die Rahmenbedingungen für deren Erleben. Stillsitzen und andächtiges Zuhören formte das emotionale Erleben von Musik anders als rhythmisches oder aggressives Tanzen oder marschierendes Singen. Musik bedingte die Herausbildung emotionaler Praktiken und war in ihrem stilistischen Wandel zugleich abhängig von ihnen [5]. Unterschiedliche Praktiken des Musik-Erlebens erschaffen mithin auch andere Emotionen. Der Kontext verändert die Bedeutung von Musik und mit ihr die Gefühle der Identifikation oder Ablehnung, welche die Musik vermeintlich selbst hervorbringt oder auslöst.

Literaturhinweise

1.
Koelsch, S.
Toward a neural basis of music perception - a review and updated model
Frontiers in Psychology 2, 110 (2011)
2.
Juslin, P. N.; Sloboda, J. A. (Eds.)
Music and emotion: theory and research
Oxford University Press, Oxford UK (2001)
3.
Frevert, U.
Was haben Gefühle in der Geschichte zu suchen? [What has history got to do with emotions?]
Geschichte und Gesellschaft 35, 183-208 (2009)
4.
Frevert, U.; Scheer, M.; Schmidt, A.; Eitler, P.; Hitzer, B.; Verheyen, N.; Gammerl, B.; Bailey, C.; Pernau, M.
Gefühlswissen: Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne
Campus, Frankfurt a. M. (2011)
5.
Scheer, M.
Are emotions a kind of practice (and is that what makes them have a history)? A bourdieuan approach to understanding emotion
History and Theory 51, 193-220 (2012)
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