Forschungsbericht 2013 - Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften

Die Verbreitung des tibetischen Buddhismus in China: Charisma, Geld und Erleuchtung

Autoren
Smyer Yu, Dan
Abteilungen
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen
Zusammenfassung
Das Wiederaufleben des tibetischen Buddhismus im heutigen China ist eng mit oft gegenläufigen Auswirkungen von Globalisierung, Modernisierung und Religionspolitik, dem Einfordern indigener Identität und der Marktwirtschaft verbunden. Der tibetische Buddhismus ist mehrdimensional im Hinblick auf verschiedene religiöse, kulturelle und politische Adressatengruppen in China, und sein Wiederaufleben ist kein isoliertes Ereignis, das lediglich auf tibetische Regionen beschränkt bleibt, sondern es ist ein Ergebnis der Überschneidung von lokalen und globalen Veränderungen.

Das Wiederaufleben des tibetischen Buddhismus in China ist kein lokales Ereignis, sondern es ist in vielerlei Hinsicht mit der Globalisierung, dem weltweiten Marktsystem, globalen Diskursen über humanitäre Fragen und dem Aufkommen des modernen Buddhismus verbunden. In einem Szenario von lokalen Wiederbelebungen des tibetischen Buddhismus und globalen Imaginationen von Tibet durchdringen und verwandeln sich Politik, Wirtschaft, Religion und Spiritualität wechselseitig. Globale Medien sind das wichtigste Instrument für das beispiellose Aufleben des tibetischen Buddhismus in China und für die Vermittlung des weltweiten Interesses an der Tibet-Frage nach China. Medien produzieren und verbreiten Bilder von Tibet und dem tibetischen Buddhismus mittels Film, fotografischen Darstellungen, Diskussionen im Internet und letztlich populären Phantasien. Unmittelbare Impressionen aus tibetisch-buddhistischen Gemeinden werden elektronisch überallhin transportiert.

Im Gegenzug strömen die Bilder und Erzählungen über Tibet und den tibetischen Buddhismus zurück in tibetische wie nichttibetische Regionen Chinas. Während der tibetische Buddhismus wiederauflebt, ist er immer auch dem Einfluss verschiedener sozialer, wirtschaftlicher und politischer Kräfte unterworfen. Er ist gleichzeitig ein Vehikel der buddhistischen Erleuchtung, ein kommerzielles Werkzeug und ein politisches Instrument. In der Perspektive der modernen Buddhismusforschung ist der tibetische Buddhismus innerhalb und außerhalb Chinas eine Form von Ökospiritualität als Teil der weltweiten New-Age-Bewegungen. Ökospiritualität verbindet globale Diskurse über die Wiederbelebung und in einigen Fällen Wiedererschaffung von einst unterdrückten, nativen Überzeugungen und Praktiken mit den Konzepten einheimischer religiöser Systeme zum ökologischen Wohlergehen des Planeten.

Globalisierung und Religionen

Die Geschichte der Globalisierung der Weltreligionen umfasst eine längere Zeitspanne als die gegenwärtige wirtschaftliche Globalisierung. Weltreligionen meint jene religiösen Traditionen, deren Kanon universellen Anspruch besitzt und die seit ihrer Gründung mehrere ethnische und kulturelle Grenzen überschritten haben. Christentum, Islam, Buddhismus und das Judentum sind Beispiele für Weltreligionen. Die Geschichte der Globalisierung des Buddhismus begann vor mindestens zweitausend Jahren auf Routen aus dem alten Indien nach Nepal, Bhutan, China und in die zentralasiatischen Länder. Das Christentum expandierte ebenso rasch in Europa und Asien über die Handelswege des Römischen Reiches. Die heutige Globalisierung der Religionen ist ähnlich abhängig von transnationalen Routen regionaler Ökonomien. Inzwischen ist dieser Prozess nicht mehr nur auf Weltreligionen beschränkt, auch schamanische und stammesreligiöse Praktiken werden schnell globalisiert. Zweifellos hat die Globalisierung einen vereinheitlichenden Effekt auf wirtschaftliche und kulturelle Strukturen. Dieses Konzept des „Global Village“ ist konkret wie auch abstrakt: Es ist konkret im Hinblick auf den Austausch von Kapital, Technologie, Ressourcen, Produkten, menschlichen Ideen und spezialisierten Talenten. Es ist abstrakt in dem Sinne, dass Globalisierung auch eine suprakulturelle und supranationale Idee darstellt, die scheinbar alle Unterschiede überwindet, obwohl sie dies in Wirklichkeit nicht tut. Das Global Village hat keine einheitliche Identität, sondern ist ein Dorf mit Differenzen und Konflikten.

Aus theoretischer Perspektive kann die Globalisierung als ein „soziales Phänomen, das an sich weder heilig noch profan ist“ [1] gesehen werden, oder als ein „singulärer Ort“ [2] beschrieben werden. Allerdings steht nicht zur Debatte, ob das Dorf heilig oder profan im religiösen Sinne ist, oder ob es wertneutral im supranationalen Sinn ist. In ökonomischer Perspektive wird die Globalisierung von unternehmerischen und nationalen Interessen der großen Spieler dominiert, während es aus suprakultureller Perspektive ein „Ort“ ist, an dem alle Widersprüche existieren.

Aus postmoderner geografischer Sicht ist die Globalisierung kein physischer Ort, keine organische Gemeinschaft oder Nationalstaat. „Ort“ im Kontext der Globalisierung bedeutet eher ein „dynamisches Netz als eine bestimmte Region oder einen Standort“ [3]. Der Gebrauch des Wortes Globalisierung ist über die globale Zirkulation von materiellen Produktionen aller Art hinausgegangen, es ist nun ein abstraktes Konzept, das flexibel genug ist, um eine Vielzahl von menschlichen Ideen und Aktionen zu umfassen.

Die Globalisierung der Religionen, einschließlich des tibetischen Buddhismus, ist ein integraler Bestandteil der globalen Ökumene [2], in der es keine einzige dominierende Religion gibt und mehrere religiöse Traditionen gleichzeitig bestehen. Die Globalisierung der Religionen bedeutet somit die gleichzeitige globale Präsenz von Humanismen unterschiedlicher kultureller Herkunft. Im theologischen Sinn ist diese Gegenwart zu dem geworden, was der Theologe Hans Küng ein „globales ökumenisches Bewusstsein“ als Ergebnis unserer Überwindung von „Isolation und zu lernen, die Realität der anderen zu begreifen“ [4] nennt. In dieser Hinsicht ist die globale Ökumene das Gleiche wie das Global Village.

Praktiken des tibetischen Buddhismus

Im Zeitalter der Globalisierung kommt Religion in sozialen und politischen Praktiken auf lokaler und globaler Ebene zum Ausdruck. Globalisierung begünstigt strukturell die „Privatisierung der Religion“ und führt zu einem Phänomen, das als „Performance-Religion“ bezeichnet werden kann. Zusätzlich zu traditionellen Dogmen und Spiritualität wird Religion in der modernen Gesellschaft als „kulturelle Ressource“ oder symbolisches Kapital im Bourdieu'schen Sinne genutzt [5]. Allerdings variiert der Einsatz einer solchen Ressource von einer Gruppe oder einem Staat zum anderen. Religion stiftet Legitimität, um staatliche Interessen oder auch regierungsunabhängige humanitäre Anliegen zu unterstützen, die nationale Identität zu stärken und um die imaginäre Einheit der jeweiligen kulturellen und ethnischen Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.

Der tibetische Buddhismus innerhalb und außerhalb Chinas ist ein Prototyp der Performance-Religion. Die Vorstellungen über den tibetischen Buddhismus haben dabei wenig mit der buddhistischen Praxis selbst zu tun. Seit den tibetischen Unruhen im März 2008 hat die Konkurrenz zwischen den Darstellungen Tibets und des tibetischen Buddhismus in westlichen und chinesischen Medien dieses Muster noch verstärkt. Die Tibeter sind in der gleichzeitigen Vereinnahmung durch den Westen und den chinesischen Staat gefangen, wobei beide Seiten eine moralisch überlegene Position beanspruchen. Während der Westen auf die chinesische Besetzung Tibets verweist, stellt China sich als Befreier dar, der die Tibeter von ihrer „barbarischen“ traditionellen Gesellschaft emanzipiert hat. Die traditionelle tibetische Herrschaftsform wird von beiden Seiten verwendet, um gegensätzliche Bilder von Tibet zu konstruieren. Auf der einen Seite steht das Bild des Westens, demzufolge das alte Tibet ein buddhistisches Paradies auf Erden war, während es im neuen Tibet keine Religionsfreiheit gibt. Dagegen war das alte Tibet nach chinesischer Darstellung eine Sklavengesellschaft, während die Menschen im neuen Tibet Religionsfreiheit und materielle Unterstützung durch den Staat genießen. Es gibt kaum einen echten Dialog zwischen dem Westen und China, jede Seite beschuldigt die andere, Verleumdungskampagnen zur Förderung der eigenen nationalen und geopolitischen Interessen zu betreiben.

Neben diesen polarisierenden Bildern Tibets hat die globale Marktwirtschaft ein drittes Bild geschaffen, in der die nationale wie die internationale Tourismusbranche die großartige Landschaft und große, lebendige Klosterlandschaft sowie die Gesamtheit der tibetischen Kultur bewirbt. Dieses dritte Bild unterminiert sowohl das von China als auch das vom Westen politisch erzeugte Bild von Tibet, die offensichtlich negativ voneinander abhängig sind. Während der chinesische Staat weiterhin sein gespaltenes Bild vom alten und neuen Tibet durch Produktionen wie die Fernsehserie „The Past of Tibet“ [6] und die Dokumentation „Dalai Lama“ [7] zu verbreiten sucht, nutzt er auch moderne Markttechniken, um in einer globalen Kampagne die Religionsfreiheit in Tibet zu demonstrieren. In dieser Staats-Performance wird das Bild des tibetischen Buddhismus zum „touristischen Buddhismus“ und „sozialistischen Buddhismus“. Einmal wird der tibetische Buddhismus als wirtschaftliches Instrument des chinesischen Staates genutzt, um den Markt für tibetische Kultur, Religion und Landschaft zu pflegen und zu erweitern. Das zweite Bild bezieht sich auf die Bemühungen des chinesischen Staates, den tibetischen Buddhismus gemäß seiner eigenen Staatsideologie und nationalen Interessen zu kontrollieren und umzugestalten.

Literaturhinweise

1.
Alexander, J. C.
‘Globalization’ as collective representation: The new dream of a cosmopolitan civil sphere
International Journal of Politics, Culture and Society 19, 81–90 (2007)
2.
Featherstone, M.
Global Culture: An Introduction
In: Global Culture: Nationalism, globalization and modernity (Ed. Featherstone, M.). Sage Publications, London (1990)
3.
Oaks, T.
Place and the paradox of modernity
Annals of the Association of American Geographers 87, 509–531 (1997)
4.
Küng, H.
Toward Dialogue
In: Christianity and the World Religions: Paths of Dialogue with Islam, Hinduism, and Buddhism (Eds. Küng, H.; van Ess, J.; von Stietencron, H.; Bechert, H.). Doubleday & Company Inc., New York (1986)
5.
Geoffroy, M.
Theorizing religion in the global age: A typological analysis
International Journal of Politics, Culture and Society 18, 33–46 (2004)
6.
CCTV
“The Past of Tibet” (西藏往事)
CCTV-Fernsehserie
7.
CCTV
“The Dalai Lama”
CCTV-Serie mit Dokumentarfilmen

 

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