Forschungsbericht 2013 - Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Singen als Sprachtherapie? Rhythmus und Liedtext geben den Ton an

Autoren
Stahl, Benjamin
Abteilungen
Abteilung Neurophysik
Zusammenfassung
Ein Schlaganfall in der linken Hirnhälfte führt häufig zu einem tief greifenden Verlust der Spontansprache – einer sogenannten Aphasie. Doch oft können Betroffene noch ganze Texte fehlerfrei singen. Lange Zeit wurde daher angenommen, Singen erleichtere die Sprachproduktion und eigne sich womöglich auch zur Sprachtherapie. Neuere Forschung weist allerdings in eine andere Richtung: Nicht das Singen selbst war für die Sprachproduktion und die Therapie der untersuchten Patienten entscheidend, sondern Rhythmus und Liedtextart. Die Ergebnisse stellen bisherige Annahmen auf den Kopf.

In Deutschland erleiden jedes Jahr rund 360.000 Menschen einen Schlaganfall. Ein Infarkt in der linken Hirnhälfte führt dabei häufig zu einem schwerwiegenden, in manchen Fällen chronischen Verlust der Spontansprache – einer sogenannten Aphasie. Umso nachvollziehbarer ist die Verwunderung vieler Fachleute über Patienten mit Aphasie, die dennoch ganze Texte vergleichsweise flüssig singen können. Eine verbreitete Annahme ist daher, Singen erleichtere die Sprachproduktion und eigne sich womöglich auch zur Sprachtherapie. Die Melodische Intonationstherapie etwa versucht, mit Gesang die rechte Hirnrinde zu stimulieren, bis diese schließlich Sprachfunktionen der zerstörten linken Hirnrinde übernimmt [1]. Doch es mehren sich Anzeichen, die in eine völlig andere Richtung deuten.

Erleichtert Singen die Sprachproduktion?

Erleichtert Singen das Sprechen bei Patienten mit Aphasie? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben Forscher am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften ein Experiment durchgeführt. Siebzehn Schlaganfall-Patienten erklärten sich dazu bereit, einige Tausend Textsilben mit rhythmischer und unrhythmischer Begleitung zu singen und zu sprechen. Die Forscher verwendeten dafür mehrere Texte mit ähnlichen sprachlichen Eigenschaften, die sich jedoch in ihrer Vertrautheit und Floskelhaftigkeit stark unterschieden.

original
Original 1508156486
Abb. 1: Ausschnitte aus den verwendeten Texten. Die Patienten sangen und sprachen vertraute Liedtexte („Hänschen klein …“), floskelhafte Ausdrücke („Guten Tag …“) und eigens für die Studie entwickelte Gedichte, die weder vertraut noch floskelhaft waren („Heller Wald …“). Währenddessen erklang eine schlagzeugartige Begleitung, die entweder rhythmisch oder unrhythmisch war.
Abb. 1: Ausschnitte aus den verwendeten Texten. Die Patienten sangen und sprachen vertraute Liedtexte („Hänschen klein …“), floskelhafte Ausdrücke („Guten Tag …“) und eigens für die Studie entwickelte Gedichte, die weder vertraut noch floskelhaft waren („Heller Wald …“). Währenddessen erklang eine schlagzeugartige Begleitung, die entweder rhythmisch oder unrhythmisch war.

Entgegen früheren Annahmen war das Singen nicht über den Rhythmus hinaus entscheidend für die Sprachproduktion der untersuchten Patienten. Im Vergleich zum rhythmischen Sprechen zeigte es keine zusätzliche Wirkung. Zudem zeichnete sich ein überraschendes Ergebnis ab: Hilfreich beim Sprechen war insbesondere der Einfluss rhythmischer, schlagzeugartiger Taktgeber. Ein solcher Einfluss ließ sich vor allem bei Patienten beobachten, deren Infarkt sich über eine tiefer liegende Hirnregion erstreckte: die sogenannten Basalganglien. Diese sind unter anderem an der Rhythmusverarbeitung beteiligt und bilden eine Art inneren Schrittmacher bei der Sprachproduktion [3]. Fällt dieser Schrittmacher infarktbedingt aus, sind die Patienten womöglich abhängiger von äußeren Taktgebern, um sich so bei der Produktion einzelner Silben einzutakten.

original
Original 1508156486
Abb. 2: Mithilfe der Magnetresonanztomografie wurde für jeden Patienten der genaue Ort der Schädigung bestimmt. Deutlich zu sehen ist auf beiden Aufnahmen ein Infarkt in der linken Hirnhälfte (hier in der radiologischen Ansicht seitenverkehrt). Nur bei dem Patienten auf der linken Seite sind zusätzlich die tiefer liegenden Basalganglien betroffen.
Abb. 2: Mithilfe der Magnetresonanztomografie wurde für jeden Patienten der genaue Ort der Schädigung bestimmt. Deutlich zu sehen ist auf beiden Aufnahmen ein Infarkt in der linken Hirnhälfte (hier in der radiologischen Ansicht seitenverkehrt). Nur bei dem Patienten auf der linken Seite sind zusätzlich die tiefer liegenden Basalganglien betroffen.

Von noch größerer Bedeutung als der Rhythmus war für die Patienten jedoch offenbar die Floskelhaftigkeit und Vertrautheit der Liedtexte. So liegen der Artikulation von Sprachfloskeln und Liedtexten womöglich andere Abläufe im Gehirn zugrunde als der Spontansprache. Alltagsfloskeln wie „Alles klar?“ sind motorisch automatisiert, und geläufige Liedtexte wie „Hänschen klein“ könnten durchaus aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen werden. Vielleicht deshalb haben Patienten mit Aphasie häufig wenig Schwierigkeiten mit Floskeln oder bekannten Liedtexten – unabhängig davon, ob diese gesungen oder im Rhythmus gesprochen werden.

Eignet sich Singen als Sprachtherapie?

So vielversprechend die bisherigen Ergebnisse sind – sie erlauben noch keine direkten Schlüsse auf die Therapie. Daher führten die Forscher am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften ein zweites Experiment durch [4, 5]. Fünfzehn Patienten mit chronischer, nicht-flüssiger Aphasie erhielten entweder Singtherapie, Rhythmustherapie oder herkömmliche Sprachtherapie. In der Singtherapie sangen die Patienten alltägliche Floskeln. In der Rhythmustherapie lernten die Patienten genau dieselben Floskeln, allerdings rhythmisch gesprochen. Die Sprachtherapie hingegen umfasste weder Gesang noch rhythmisches Sprechen oder gezieltes Arbeiten mit Floskeln, sondern eine Reihe von Sprachübungen, wie sie typischerweise in Kliniken zum Einsatz kommen. Jede der drei Therapien dauerte sechs Wochen.

Das zweite Experiment zeigte: Singen und rhythmisches Sprechen sind ähnlich wirksam – auch bei der Behandlung von Aphasie. Sowohl mit Sing- als auch mit Rhythmustherapie erzielten die Patienten beachtliche Fortschritte in der Produktion sprachlicher Floskeln. Nach Berichten von Angehörigen waren die Patienten außerdem imstande, eine begrenzte Zahl floskelhafter Ausdrücke erfolgreich im Alltag einzubringen. Patienten mit Sprachtherapie zeigten insgesamt weniger Fortschritte beim Sprechen von Floskeln. Sie allein verbesserten sich jedoch bei ungeübten, nicht-floskelhaften Ausdrücken.

original
Original 1508156487
Abb. 3: Übersicht über die verschiedenen Therapieformen. Patienten mit Sing- und Rhythmustherapie übten intensiv floskelhafte Ausdrücke („Guten Tag …“) – entweder gesungen oder rhythmisch gesprochen. Herkömmliche Sprachtherapie umfasste hingegen weder Gesang noch rhythmisches Sprechen oder gezieltes Üben mit Floskeln. Für alle Patienten wurde ermittelt, ob sich ihre Sprachproduktion bei floskelhaften Ausdrücken und bei ungeübten, nicht-floskelhaften Ausdrücken („Heller Wald …“) im Laufe der Therapie verbesserte.
Abb. 3: Übersicht über die verschiedenen Therapieformen. Patienten mit Sing- und Rhythmustherapie übten intensiv floskelhafte Ausdrücke („Guten Tag …“) – entweder gesungen oder rhythmisch gesprochen. Herkömmliche Sprachtherapie umfasste hingegen weder Gesang noch rhythmisches Sprechen oder gezieltes Üben mit Floskeln. Für alle Patienten wurde ermittelt, ob sich ihre Sprachproduktion bei floskelhaften Ausdrücken und bei ungeübten, nicht-floskelhaften Ausdrücken („Heller Wald …“) im Laufe der Therapie verbesserte.

Die neuen Erkenntnisse liefern ein überraschend vielfältiges Bild: Je nach Art der Sprache sind die untersuchten Therapieformen möglicherweise unterschiedlich wirksam. Die herkömmliche Sprachtherapie scheint die bessere Wahl zu sein, wenn Fortschritte bei ungeübten, nicht-floskelhaften Ausdrücken das Behandlungsziel sind. Liegt das Augenmerk hingegen auf alltäglichen, floskelhaften Ausdrücken, dann kann eine Sing- oder Rhythmustherapie durchaus empfehlenswert sein. Nachrangig ist dabei, ob die Floskeln gesungen oder im Rhythmus gesprochen werden.

Die Rolle der rechten Hirnhälfte

Worauf beruhen nun die Fortschritte in der Produktion alltäglicher Floskeln? Tatsächlich deutet sich bereits eine Antwort auf diese Frage an. Anders als sich zunächst vermuten lässt, werden formelhafte Floskeln nicht von der linken, sondern maßgeblich von Teilen der rechten Hirnhälfte unterstützt [6, 7, 8]. Diese ist bei Patienten mit Aphasie meist intakt. So erklärt sich, warum die betroffenen Patienten Sprachfloskeln oftmals erstaunlich gut artikulieren können – sei es gesungen oder gesprochen. Möglicherweise aktivieren die Patienten dabei sprachliche Ressourcen ihrer unversehrten rechten Hirnhälfte.

Die neuen Erkenntnisse könnten Befunde aus der Vergangenheit in ein neues Licht rücken. Einige Fallstudien fanden beispielsweise Veränderungen in der rechten Hirnhälfte, nachdem die Patienten mehrere Wochen lang floskelhafte Ausdrücke gesungen hatten [9, 10]. Die entscheidende Frage ist: Wodurch kamen diese Veränderungen im Gehirn wirklich zustande? Denn sie lassen sich nicht nur durch Gesang, sondern ebenso durch die verwendeten floskelhaften Ausdrücke erklären. Mit anderen Worten: Je besser sich die neuronalen Grundlagen von Gesang und formelhaftem Sprechen in Zukunft unterscheiden lassen, desto eindeutiger können therapiebedingte Veränderungen im Gehirn ihrer eigentlichen Ursache zugeschrieben werden. Diese Ursachenzuschreibung wiederum ist der Schlüssel, um Gesang und formelhaftes Sprechen künftig klar voneinander zu trennen und je nach Wirkungsweise sinnvoll in der Therapie einzusetzen.

Literaturhinweise

1.
Albert, M. L.; Sparks, R. W.; Helm, N.
Melodic intonation therapy for aphasia
Archives of Neurology 29, 130–131 (1973)
2.
Stahl, B.; Kotz, S. A.; Henseler, I.; Turner, R.; Geyer, S.
Rhythm in disguise: Why singing may not hold the key to recovery from aphasia
Brain 134, 3083–3093 (2011)
3.
Kotz, S. A.; Schwartze, M.; Schmidt-Kassow, M.
Non-motor basal ganglia functions: A review and proposal for a model of sensory predictability in auditory language perception
Cortex 45, 982–990 (2009)
4.
Stahl, B.; Henseler, I.; Turner, R.; Geyer, S.; Kotz, S. A.
How to engage the right brain hemisphere in aphasics without even singing: Evidence for two paths of speech recovery
Frontiers in Human Neuroscience 7, 1–12 (2013)
5.
Stahl, B.
Treatment of non-fluent aphasia through melody, rhythm and formulaic language
Max Planck Institute for Human Cognitive and Brain Sciences, Leipzig (2013)
6.
Sidtis, D.; Canterucci, G.; Katsnelson, D.
Effects of neurological damage on production of formulaic language
Clinical linguistics & phonetics 23, 270–284 (2009)
7.
Speedie, L. J.; Wertman, E.; Ta’ir, J.; Heilman, K. M.
Disruption of automatic speech following a right basal ganglia lesion
Neurology 43, 1768–1774 (1993)
8.
Van Lancker Sidtis, D.; Postman, W. A.
Formulaic expressions in spontaneous speech of left- and right-hemisphere-damaged subjects
Aphasiology 20, 411–426 (2006)
9.
Schlaug, G.; Marchina, S.; Norton, A.
From singing to speaking: Why singing may lead to recovery of expressive language function in patients with Broca’s aphasia
Music Perception 25, 315–323 (2008)
10.
Schlaug, G.; Marchina, S.; Norton, A.
Evidence for plasticity in white-matter tracts of patients with chronic Broca’s aphasia undergoing intense intonation-based speech therapy
Annals of New York Academy of Sciences 1169, 385–394 (2009)
Zur Redakteursansicht